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Artikel, die mit ‘Nationalsozialismus’ beschlagwortet sind.
03. Jun 2009

Wie Martin Graf Politik mit Strafrecht verwechselt

Zu Martin Graf scheint alles gesagt. Und doch muss man sich mit einem Argument auseinandersetzen, das er in den vergangenen Tagen immer wieder vorgetragen hat. Der Präsident der Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, so Graf, habe sich in die politische Arena gestellt und dort ausgeteilt. Nun dürfe er nicht zimperlich sein, wenn er als “Ziehvater des linksextremen Terrors” bezeichnet wird.
Juristisch ist Grafs Einlassung nicht uninteressant. Denn der Dritte Nationalratspräsident thematisiert die “Grobe-Klotz-Theorie” des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Sie wurde im sogenannten “Trottel-Urteil” entwickelt – und zwar, als es darum ging, die Meinungsfreiheit der Linken gegenüber der FPÖ zu stärken.
Als Jörg Haider einst Waffen-SS-Männer als wahre Kämpfer für die Demokratie lobte, entgegnete der Journalist Gerhard Oberschlick, Haider sei “entweder ein Nazi oder ein Trottel”. Haider klagte in Österreich – mit Erfolg. Straßburg aber sah es anders: Ein grober Klotz (Haider) müsse den groben Keil (Oberschlicks Worte) ertragen.
Ist der Fall juristisch auf Muzicant übertragbar? Vermutlich ja: Muzicant teilt heftig aus. Einmal verglich er den damaligen Innenminister Günter Platter indirekt mit dem NS-Massenmörder Adolf Eichmann. Auch der habe nur die Gesetze eingehalten, als er Juden deportieren ließ, so Muzicant. Dann erinnerte ihn die Wortwahl des FPÖ-Generalsekretärs an NS-Propagandaminister Goebbels, FPÖler bezeichnete er als Kellernazis.
Graf antwortet bewusst so, wie es der EGMR erlaubt. Er wandelt einen Spruch des Grünen Peter Pilz ab, der Haider einmal den “Ziehvater des rechtsextremen Terrors” nannte. Damals wurden Roma ermordet. Allerdings nicht von der FPÖ. Die Gerichte haben auch Pilz’ Meinungsäußerung geduldet. Politiker dürfen nicht zimperlich sein, so die Justiz.
Was Graf heute nicht kapieren will: Die Welt der Juristen und ihr liberales Konzept von Meinungsfreiheit ist in der Politik nicht der einzig gültige Maßstab. Nicht alles, was strafrechtlich gesagt werden darf, darf auch politisch ausgesprochen werden. Einen jüdischen Repräsentanten derart zu verunglimpfen, steht einem Staatsorgan der Zweiten Republik nicht zu. Schon gar nicht einem, dessen Mitarbeiter T-Shirts mit Hakenkreuzen bestellen und der sich auf Burschenschafterbuden herumtreibt.
Und noch etwas sollte hier festgehalten werden. In Österreich gibt es keinen “linksextremen Terrorismus”. Es gibt gar keinen Terror hier. Fast hätte man es vergessen.

22. Okt 2008

Suntinger trauert

Wie der Bürgermeister der Haider-Hochburg Großkirchheim vom Landesvater Jörg Haider Abschied nahm (für den Falter)
suntinger.pngkerzen%20haider.pngEs sind noch zwei Stunden, ehe der von roten Rosen überzogene Sarg hier beim Lindwurm aufgebahrt werden wird. Der Bergbauer Peter Suntinger ist schon hier. Als er in aller Früh aus dem Mölltal aufbrach, lag noch kalter Nebel über der Stadt. Suntinger kam so zeitig, weil ihm an diesem grauen Morgen ein Privileg zuteil wurde. Er durfte im Wappensaal des Landhauses ein paar Minuten ganz alleine vor dem Toten innehalten.
Suntinger wird beim Staatsbegräbnis auch nicht hinter Absperrungen stehen müssen wie die 25.000 Menschen, die in den nächsten Stunden hier eintreffen werden. Er wird im “Block der Bürgermeister” stehen, ganz vorne bei der Regierung. Haiders Witwe hat ihn auch zur Feier in den Klagenfurter Dom geladen, als Ehrengast, wie Suntinger erzählt. “Der Landeshauptmann war für mich wie ein gütiger Vater.”
Suntinger war einer seiner fleißigsten Söhne. Er ist der Bürgermeister von Großkirchheim, der stärksten BZÖ-Gemeinde Österreichs. 52 Prozent erreichte das BZÖ am Fuße des Glockners bei den Nationalratswahlen. Bei der Bürgermeisterwahl stimmten 80 Prozent für Suntinger. Der aus armen Verhältnissen stammende Holzschnitzer wurde hier porträtiert. Sein umtriebiger nationaler Bauernsozialismus mit autoritärem Antlitz ist nämlich exemplarisch für die Politik der Haiderpartei. Suntinger selbst hoffte vor zwei Wochen noch, dass sein großes Vorbild ab März in Kärnten absolut regieren würde.
Jetzt ist der Jörg tot, der Bergkamerad, dem er – Suntinger kennt das Datum genau – am 15. Februar 1992 seine gewalkten Wollfäustlinge borgte, damit sie gemeinsam den Glockner bezwingen. “Er hatte Handschuhe aus der Stadt, die bei der Kälte nichts taugen. Er konnte meine Hilfe annehmen, und so bezwangen wir den Gipfel.”
Suntinger, der von den Schwarzen verstoßene rebellische Bergbauernbub, und der in aller Welt bekannte Doktor Haider saßen oben auf dem Gipfel, “und wir haben miteinander ganz alleine geredet”.
Während Suntinger so erzählt, füllen sich Klagenfurts Straßen. Gleich hinter den Staatsgästen nimmt ein militärisch organisiertes ländliches Österreich Aufstellung. Bergknappen in schwarzen Uniformen, Frauen mit Goldhauben, Burschenschafter, Kameradschaftsvereine, Abwehrkämpfer, Gendarmen, Feuerwehrleute, Sanitäter und Rauchfangkehrer.

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12. Okt 2008

Haiders Erben

Der Rechtspopulist ist tot, das Land findet die falschen Worte. Schon steht ein Ziehsohn als Erbe des nationalen Lagers bereit (für die ZEIT)
Haider ist tot und Österreich trauert nicht nur, es erstarrt und findet nicht mehr die richtigen Worte. Mit Lady Diana und mit James Dean wird der Rechtspopulist in den Wiener Sonntagszeitungen verglichen. Das Staatsfernsehen bringt stündlich Sondersendungen, als ob einer der größten Staatsmänner Europas verstorben wäre. In Klagenfurt flackern Lichtermeere, die Kärntner Politiker gedenken wörtlich „dem größten Kärntner alle Zeiten“ im Fußballstadion und sie stehen Schlange vor dem Kondolenzbuch ihres geliebten „Jörgi“, den seine Leute bereits mit der Sonne vergleichen, „die nun vom Kärntner Himmel fiel“.
Der Kärntner Landeshauptmann war beliebt beim Kärntner Volk. Bei den kommenden Landtagswahlen rechnete er zu Recht mit der absoluten Mehrheit. Auch bundesweit verdreifachte er seinen Stimmenanteil auf zehn Prozent und besiegte die Grünen.
Das hat nicht nur mit Rechtextremismus und Haiders ungeklärtem Verhältnis zum Nationalsozialismus zu tun. In den Kärntner Dörfern predigten seine Leute einen Bauernsozialismus mit nationalem Antlitz. Haiders Bürgermeister errangen bis zu 80 Prozent, weil sie jeden Güterweg zum letzten Bergbauern asphaltieren ließen.
Haiders Landesräte rasten in „rollenden Regierungsbüros“ durch die Gegend, schüttelten Hände, verteilten allerlei Schecks für Mütter, Schüler, Rentner oder Autofahrer. Haider war allgegenwärtig, als Gönner, Freund und Landesvater. Er war die fütternde Hand, die niemand biss – auch weil sie unerwartet zuschlagen konnte. Denn Haider war autoritär.
Zu seinem Sozialismus gesellte sich ein hässlicher Nationalismus. Kurz vor seinem Tod eröffnete Haider auf der Saualpe zum Beispiel ein „Sonderlager“ für kranke, alte und verdächtige Asylwerber um sie dem „Endziel“ der Abschiebung näher zu führen, wie Haider das nannte. Seine Leute sprachen sogar davon, die Ausländer dort zu „konzentrieren“.
Schon scheint das Land wieder zu verdrängen, dass Haider nicht nur ein beliebter Landesvater und Jet-Set-Politiker war, sondern einer, der den Nationalsozialismus verharmloste, gegen die slowenischen Minderheiten hetzte und SS-Veteranen auf die Schulter klopfte – zumindest solange es ihm nützte.
Wer wird nun sein Erbe antreten? Sein Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) wird ohne den Übervater Haider nicht lange überleben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sein Ziehsohn, der Wiener Heinz-Christian Strache in den kommenden Monaten das gespaltene rechte Lager wieder einen wird. Der gelernte Zahntechniker ist Chef der Freiheitlichen Partei (FPÖ), von der sich Haider im Streit losgesagt hatte.
Strache hatte sich zwar im Wahlkampf als erbitterter Gegner Haiders präsentiert und 17 Prozent der Stimmen bekommen (in manchen Wiener Arbeiterbezirken sogar jeden dritten Wähler). In Wahrheit kopierte er Haider aber, wo es nur ging. Er klaute dessen Wahlslogans, er kleidete sich wie Haider und er imitierte sogar dessen seltsamen Dialekt.
Im Wahlkampf forderte Strache nicht nur strengere Asylgesetze sondern auch gleich getrennte Krankenversicherungen für In- und Ausländer. Türken, so seine Arpartheidsphantasien, sollten nicht mehr so leicht an künstliche Hüftprothesen oder Zahnersatz kommen wie richtige Wiener. Dazu passten jene Jugendfotos von Strache, die ihn mit Neonazis in Kampfmontur und mit Waffen im Unterholz zeigten. Die Österreicher, so zeigten Wahlanalysen, erhofften sich durch diesen Strache vor allem „frischen Wind“ in der von zerstrittenen Großparteien regierten Alpenrepublik.
SPÖ und ÖVP schmieden nun wieder an einer großen Koalition – ungeachtet ihrer historischen Verluste bei den Wahlen vor zwei Wochen. Die ÖVP liebäugelt zwar unter ihrem neuen Obmann Josef Pröll, 40, noch ein wenig mit den Rechten, doch vermutlich sind das nur taktische Spielchen. Alles deutet darauf hin, dass es in wenigen Wochen erneut eine Allianz zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen regieren wird – mit neuen Gesichtern.
SPÖ-Chef Werner Faymann wird Kanzler werden, Josef Pröll, der ehemalige Umweltminister, sein Vize. Die beiden verstehen einander gut und werden das Land mit dem Wohlwollen der mächtigen Boulevardpresse regieren. Von mutigen Ansagen, wie sie das Land durch die drohende Wirtschaftskrise führen wollen, ist indes wenig zu hören. Auch die Parteien reformieren sich nicht.
So ist zu befürchten, dass sich das Szenario der Neunzigerjahre wiederholt. Zwei Großparteien stehen einem jungen und schamlosen Herausforderer der FPÖ gegenüber, der gegen Minderheiten und die erstarrten „Systemparteien“ agitiert. Heute wie einst fehlt eine schlagkräftige linke Opposition, die für die große Masse der Protestwähler attraktiv ist.
Scheitert Rotschwarz wieder, dann hat Haiders Erbe Strache alle Chancen, das nächste Mal als Wahlsieger zu jubeln. Dann wäre Haiders größter Wunsch posthum erfüllt: der Sturz der Großparteien und die Ära der von ihm so sehr herbeigesehnten „Dritten Republik“.

08. Okt 2008

Der kleine Sterzgraf

Großkirchheim ist die Haider-Hochburg Österreichs. Bürgermeister Peter Suntinger predigt hier einen Bauernsozialismus mit nationalem Antlitz
Suntinger.pngEs ist bitter kalt am Gemeindeamt von Großkirchheim. Draußen schüttet es, der Wind treibt Schneewolken über den Glockner, und niemand hat die Heizung angestellt. Der Bergbauer Peter Suntinger sagt: “Mich friert nicht.”
Suntinger, 43, sitzt auf einer Eckbank, über ihm hängt der Herrgott, vor ihm liegen die Akten. Er wirkt entschlossen, aber misstrauisch. Er sagt, dass man den Artikel über ihn vorher “zur Freigabe” vorlegen soll: “Nicht dass Sie schreiben, dass wir ein Nazidorf sind.”
Großkirchheim ist die Haider-Hochburg Österreichs. Bei der Nationalratswahl vor zwei Wochen erreichte hier sein BZÖ 51,9 Prozent, so viel wie nirgendwo sonst. Das ist noch gar nichts gegen Suntingers Sieg bei der Bürgermeisterwahl. 80 Prozent der rund 1200 Großkirchheimer machten ihr Kreuz bei ihm.
Was Suntinger hier für das BZÖ erreicht hat, das will auch Haider bei der Landtagswahl 2009 schaffen – die absolute Mehrheit. Sie ist zum Greifen nahe und das liegt auch an Ortsfunktionären wie Suntinger und ihren Vorstellungen von Politik. Die spielt sich hier vor der Haustür der Leute ab. Dort jagen Leute wie Suntinger den Roten und Schwarzen die Wähler ab. Suntinger sagt im eiskalten Besprechungszimmer zum Beispiel: “Muslime können hier keine Wohnung kriegen. Ihre Kinder dürfen hier nicht in die Schule, selbst wenn sie Staatsbürger sind. Und wenn sie einen Grund kaufen wollen, kaufen wir den vorher auf. Das ist unsere Bodenpolitik.”
Solche Sprüche sind ein wichtiger Grund für die BZÖ-Erfolge, und sie zeigen die Unterschiede zur Politik anderer absolut regierender Landeskaiser, etwa in Niederösterreich und Wien. Aber die Xenophobie ist nicht der einzige Grund. Fragt man Peter Suntinger, warum er hier gewinnt, dann zückt er seinen Autoschlüssel und sagt: “Fahren wir eine Runde.”

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30. Jun 2008

Der Fall Ashner: wir blind ist die Justiz?

Ist unsere Justiz auf dem rechten Auge blind? Drei Fälle in der jüngeren Vergangenheit erwecken diesen Eindruck – doch die Lage ist komplizierter. Da ist etwa zunächst Fall des Milivoj Asner. Der 95jährige mutmassliche Judenmörder aus Kroatien wurde kürzlich von einem Reporter der Sun in der EM-Fanzone ertappt – angeblich putzmunter. Wie ist das möglich, wo der Gutachter Reinhard Haller doch Demenz und somit Verhandlungsunfähigkeit attestierte? Ist die Justiz zu nachlässig, wie Ephraim Zuroff vom Wiesenthal Institut behauptet? Nein, nicht mehr. Die von der SPÖ kontrollierte Staatsanwaltschaft unterstützt Zuroff. Aber sie kann Gutachter und ihre Expertisen nicht ignorieren – so will es der Rechtsstaat. Auch in anderen Fällen steckte die Justiz aus rechtsstaatlichen Gründen fest. Im Fall des verstorbenen NS-Arztes Heinrich Gross (seine Taten wurden lange von der SPÖ und der Justiz vertuscht) gab es rechtsstaatliche Probleme. Viele grausame Taten waren verjährt, andere lange Zeit nicht beweisbar. Erst durch die Ostöffnung bekam auch die Justiz wichtige Akten, die in den Archiven der Kommunisten lagerten. Im Fall der KZ-Wärterin Erna Wallisch ein ähnliches Bild. In den Siebzigern Verständnis für ihre Taten, dann keine neuen Beweise – und die alten Vorwürfe verjährt. Erst kürzlich meldeten sich neue Zeugen, die Wallisch schwer belasteten. Ist Österreichs Justiz also blind? Ja, lange Zeit war das so. Der Zeitgeist, ehemalige Nazis zu “resozialisieren” hatte eben auch die Richter (und vor allem Laienrichter) erfasst. Eine Schande. Doch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gab es Bemühungen, das rechte Auge sehend zu machen. Spät, gewiss, aber immerhin.

22. Dez 2006

Milder Richter, linke Ideen

Der unverbesserliche britische Holocaust-Leugner David Irving ist also frei. Seine Strafe wurde um ein Drittel reduziert. Dann durfte er – obwohl er auch in Haft stur an seinen Thesen festhielt – nach Hause: wegen guter Führung sozusagen.
Das politische Urteil eines rechten Richters? Nicht ganz. Der Berufungssenat unter Vorsitz des berüchtigten Hofrat Ernest Maurer folgt endlich den Forderungen, die fortschrittliche Strafrechtler seit Jahren stellen. Um das zunehmende Gedränge in Österreichs Gefängnissen zu reduzieren, appellieren Experten, ausländische Strolche nach der Hälfte der Strafe bedingt zu entlassen – und in ihre Heimatländer abzuschieben. Das spare Kosten und Leid. Doch ihr Appell wurde nie erhöht. Im Gegenteil. Das strenge Oberlandesgericht hielt von solch gutmenschlicher Milde bisher wenig. Wer vor dieses Berufungsgericht im Justizpalast zog, riskierte nur, noch länger eingesperrt zu werden.
Nun also die Trendwende ausgerechnet im Fall Irving. Es darf wohl angenommen werden, dass den georgischen Dieben und nigerianischen Dealern demnächst von Richter Maurer ähnlich aufgeklärte Milde entgegenschlägt. Sonst könnte noch einer behaupten, dieser Hofrat sei ein politischer Richter, der nur rechten Narren Freiheit geben will. (für DIE ZEIT)

20. Dez 2006

Fall Irving: Verurteilt & Begnadigt

Wie Nazis von Österreichs Justiz behandelt werden? Kurz nach dem Krieg wurden sie von Volksgerichten überaus hart bestraft – und kurz darauf wieder begnadigt. (siehe dazu vor allem das großartige Buch von Hellmut Butterweck “Verurteilt & Begnadigt”, erschienen im Czernin Verlag) .
Und heute? Die internationale Öffentlichkeit staunte, als der Holocaust Leugner David Irving (Eva Menasse hat über seinen Kampf einst ein beeindruckendes Buch geschrieben) vergangenes Jahr zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Irving selbst gab sich “shocked”. Er ist einer jener Unverbesserlichen, die die rechtsextreme Szene mit pseudowissenschaftlichen Schriften aufmunitioniert. In Österreich wurde er von der Burschenschaft Olympia, der mehrere FPÖ-Angehörige angehören vergangenes Jahr zu einem Vortrag geladen.
Doch nun geschah Seltsames. Das Wiener Oberlandesgericht (ein Berufungsgericht, das normalerweise dafür gefürchtet ist, auch die Berufungen von Hühnerdieben mit härteren Strafen zu ahnden) setzte in Gestalt des sonst so gefürchteten Richters Ernest Maurer Irvings Strafe auf zwei Jahre herab – und die Richter lassen Irving überraschenderweise auch gleich laufen. Die Hälfte seiner Strafe wird ihm bedingt nachgesehen. (Siehe dazu etwa den Bericht in der Kleinen Zeitung).Angeblich gehe von ihm keine Gefahr mehr aus.
13 Monate saß der 68jährige nun im Knast – und wahrscheinlich ist das ja lang genug. Das Gefängnis bessert die Menschen ja nicht. Doch die richterliche Milde, die Irving nun spürt, und die abenteuerliche Begründung, mit dem ihm Harmlosigkeit attestiert wird, die würde man bei den kleinen, alltäglichen Verfahren gegen Strolche auch gerne sehen. Nur ein Fünftel der österreichischen Gefangenen kann mit vorzeitiger Entlassung rechnen.
Ernest Maurer wurde übrigens von der Regierung auf Wunsch der FPÖ einst in ein ORF-Gremium entsandt. Immer wieder werden seine Urteile gegenüber Journalisten als menschenrechtswidrig kritisiert. Auch über ihn gibt es ein Buch im Czernin-Verlag. Politologen analysieren ein Urteil Maurers, in dem er einen Nazikritiker verurteilte. Das Buch heisst: “Der ausgebliebene Skandal“.

20. Sep 2006

“Da haben wir uns eingekauft”


Staatssekretär Eduard Mainoni enthüllt das Kalkül der NS-Restitution und andere delikate Details

Die Entschädigung von Zwangsarbeitern? »Da haben wir uns eingekauft«, um »bei den jüdischen Organisationen den Rücken frei zu haben«. BZÖ-Spitzenkandidat Peter Westenthaler? Der ist einer, »der die Proleten abdeckt«.Wolfgang Schüssel? »Der war damals ein politischer Underdog, der mit dem Mascherl herumgerannt ist und mit der dicken Brille.« Die steigende Kriminalitätsrate in Österreich? »Ich wünschte mir, ich wäre in der Opposition. Ich würde den Minister durch Sonne und Mond jagen.«
Es spricht ein Vertreter der Bundesregierung, der in seiner Amtszeit nicht viel zu sagen hatte: Eduard Mainoni, BZÖ. Der deutsche Sozialforscher Oliver Geden (Humboldt Universität) hat soeben eine Studie über “Diskursstrategien im Rechtspopulismus” vorgelegt. Er führte dafür im Jahr 2004 ein autorisiertes Interview mit dem heutigen BZÖ Staatssekretär Mainoni, damals FPÖ-Abgeordneter. Mainoni sprach erstaunlich offen über die Strategien seiner Partei, das “Geschäft mit der Angst” und das wahre Kalkül der “NS-Resititution”. Oral Historie aus den Eingeweiden der FPÖ, wenn man so will. Hier mein Artikel in der ZEIT und hier geht’s zur Studie von Geden.

28. Jun 2006

Ein Glück, kein Verdienst

Friedrich Zawrel wurde von Heinrich Gross gequält – und will dafür nicht geehrt werden.
(für DIE ZEIT)
Kürzlich war Friedrich Zawrel zu Besuch in der Justizanstalt Stein. Ein ergrauter Wärter erschrak, als er den ehemaligen Häftling wieder erkannte: „Jessas, des is jo dem Gross sei Bua!“. Hier in Stein, wurde Friedrich Zawrel vor über dreißig Jahren einem berüchtigten Arzt vorgeführt. Der Arzt fragte Zawrel, ob er denn schon einmal bei einem Psychiater war. Zawrel antwortete: „Für einen Akademiker haben sie aber schlechtes Gedächtnis, Herr Doktor Gross. Sie werden doch den Spiegelgrund nicht vergessen haben?“ Gross sagte: „Reden wir nicht mehr darüber“.

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01. Jun 2006

Wo die Angst regiert – eine Reise in Deutschlands No Go Area

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Deutschland diskutiert über No-Go-Areas, Orte, an denen Ausländer nicht sicher sind. Mit Fotografin Veronika Hofinger habe ich diese Gegenden aufgesucht. Hier meine Reportage, die ich für die ZEIT schrieb. Mit noch mehr schönen Fotos und in ganzer Länge gibt es das Stück auch auf hier zu lesen

Wo die Angst regiert

Ein Chinese traut sich nicht mehr aus dem Haus. Ein Spanier zeigt seine Narben.
Eine Politikerin warnt Ausländer vor Fahrten mit der Straßenbahn.
Ist Cottbus eine No-go-Area?

Von Florian Klenk
Die Fahrt mit der Straßenbahn Nummer 4 dauert dreißig Minuten. Sie führt durch eine Stadt, in der einst die Ingenieure der DDR-Kombinate für Wohnungen Schlange standen. Heute ruckelt die Tram vorbei an mit Holzplatten zugenagelten Gründerzeitpalais, an leeren Plattenbauten und an nackten Litfaßsäulen. Der einzige Farbklecks hier rührt von einem kürzlich zertrümmerten alternativen Jugendklub und einem Kinderkarussell her, das sich auch feiertags nicht dreht. Die Linie 4 verbindet das Hochhausviertel Sachsendorf mit der Cottbuser Altstadt und der verlassenen Trabantensiedlung von Neu Schmellwitz. Das Plattenbauviertel Cottubs-SchmellwitzFoto: Veronika Hofinger, www.architekturfotografin.at BILD
Ein Halbwüchsiger steigt zu und wirft an den Haltestellen Böller aus dem Waggon. Jedes Mal zucken die Fahrgäste zusammen. Die Fahrt geht vorbei an einem Plattenbau, auf dessen Feuermauer in Riesenlettern die eilig übermalte Naziparole »Mord an Hess« immer noch zu erkennen ist. Die Rechten müssen sich für ihr Werk vom Dach abgeseilt haben. Vor einer Tankstelle lehnen Jugendliche an ihren tiefer gelegten Autos. Aus den Boxen wummert Musik der Naziband Frontalkraft. Ein Skinhead mit seiner Freundin steigt in die Bahn. Er stellt sich ganz vorn auf, sodass alle sein T-Shirt mit der »schwarzen Sonne«, dem Szene-Symbol für die SS, sehen können. Er erzählt seiner Freundin, wie er kürzlich ein »Lokal mit langhaarigen Schwulen durchgeklatscht« habe. Gleich neben dem Straßenbahnfahrer sitzt ein Junge mit Rasta-Locken. Der Skin nimmt ihn ins Visier, zieht seinen Rotz hoch und fragt die Freundin: »Darf ich ihn anspucken, Schatz, bitte?« Sie hält ihn gerade noch davon ab.
An der Stadthalle steigt der kahl rasierte junge Mann aus und trifft dort ein paar Dutzend andere Glatzen. Glasscherben knirschen am Boden. Schon am Vormittag wurde hier reichlich Alkohol getrunken. Viele tragen T-Shirts von Thor Steinar, einer braunen Edelmarke, die im benachbarten Ort Königs Wusterhausen vertrieben wird. Fast jedes Gespräch dreht sich ums »Aufklatschen« oder »In-die-Fresse-Hauen«. Wer etwas anders aussieht als diese Jungs, wechselt die Straßenseite.
»Wir hatten einfach Bock, zwei Chinesen wegzuklatschen«
Cottbus Zentrum. Ob das hier eine No-go-Area ist, einer jener Orte in Brandenburg, vor deren Betreten der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye neulich warnte?

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