Home > Archiv

Artikel, die mit ‘Kriminalität’ beschlagwortet sind.
30. Apr 2010

Fall Kadyrow: „Den Tötungsauftrag erteilt“

2009 wurde Umar Israilov in Wien ermordet. Nun geht der Verfassungsschutz davon aus, dass Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrov der Auftraggeber des Verbrechens war (für Falter)
Umar Israilov, 27, hatte die Mörder mit den Tarnjacken gewittert. „Bitte helfen Sie mir!“, bat er das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung: „Zwei Killer sind ganz hungrig, mich zu töten!“. Ein Handlanger des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrov habe prophezeit, dass ein Mord bevorstehe. Das war im Sommer 2008.
Die Verfassungsschützer protokollierten den Hilferuf. Personenschutz bewilligten sie für Israilov jedoch nicht. Es gebe „keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung“, hieß es. Herr Israilov möge doch im Ernstfall „den Notruf wählen“. Doch da lagen bereits dicke Dossiers von US-Menschenrechtsorganisationen betreffend Israilovs „hochsensiblen Fall“ im Innenministerium auf. Und da lauerten Mordgesellen bereits vor Israilovs Wohnung in Floridsdorf, um seine Lebensgewohnheiten auszukundschaften.
Am 13. Januar 2009 verließ Umar Israilov seine Wohnung zum letzten Mal. Er kaufte Eier und Joghurt. Vor dem Supermarkt warteten die „hungrigen Killer“. Sie streckten Israilov mit zwei Schüssen nieder und flüchteten mit der Straßenbahnlinie 26. Sie wähnten sich in Sicherheit, doch hinterließen sie mit ihren Handys Datenspuren.
Ein Politmord in Wien, angeordnet von Ramsan Kadyrov, Wladimir Putins Statthalter in Tschetschenien? Das behaupteten damals Israilovs Anwältin Nadja Lorenz und der deutsche Menschenrechtler Wolfgang Kaleck vom European Center for Constitutional and Human Rights. Beide wiesen darauf hin, dass Israilov nicht irgendein Flüchtling gewesen sei. Der frühere tschetschenische Rebell sei nach Wien geflohen und hier offiziell als Flüchtling anerkannt worden, weil er von Präsident Kadyrov gefoltert und anschließend zu brutalen Söldnerdiensten in seiner Leibgarde gezwungen worden war. Israilov und seine Familie konnten bezeugen, dass Ramsan Kadyrov persönlich folterte. Vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg führten sie Klage, aber auch in Wien regten sie ein Verfahren an.
Der Skandal war perfekt. Ein angekündigter Politmord, so enthüllte der Falter, wurde vom Verfassungsschutz nicht verhindert. ÖVP-Innenministerin Maria Fekter spielte den Fall herunter und sprach von einer möglichen „Mafiafehde“. Es gebe „derzeit keine Hinweise auf eine politische Tat“, beruhigte damals auch ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. In einigen Zeitungsmeldungen war später zu lesen, dass der tschetschenische Familienvater wegen Geldstreitereien sterben musste.
Nun scheint der Fall für den Wiener Verfassungsschutz gelöst. Nach monatelangen Ermittlungen legten die Polizisten der Staatsanwaltschaft ihren 214 Seiten starken Abschlussbericht vor. Das Dokument wird die österreichisch-russischen Beziehungen massiv belasten und für internationale Schlagzeilen sorgen. Niemand Geringerer als Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrov wird in der Anzeige des Mordes beschuldigt und nun „zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben“. Es sei davon auszugehen, so der Verfassungsschutz, dass die Ermordung Israilovs „tatsächlich von oberster Stelle (Kadyrov) angeordnet worden war“. Präsident Kadyrov habe im Juni 2008 einem Agenten einen „definitiven Tötungsauftrag“ erteilt. Der Kronzeuge Israilov sollte zum Schweigen gebracht werden, so wie viele andere Kadyrov-Kritiker zuvor, etwa die Journalistin Anna Politowskaja, eine ihrer Kolleginnen bei der Nowaja Gazeta oder ein bekannter Moskauer Menschenrechtsanwalt. Auch in Dubai wurde ein Kadyrov-Kritiker zu jener Zeit ermordet.
Der Fall hat Signalwirkung. Vergangene Woche wurden auch in Moskau, in einem anderen Mordfall, Ermittlungen gegen Kadyrov eingeleitet. Zum ersten Mal bezichtigt nun eine westeuropäische Antiterrorbehörde den berüchtigten Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien in einer Anzeige unverblümt des Mordes. Ein internationaler Haftbefehl sollte nun die Folge sein. Immunität genießt er als Präsident einer Teilrepublik jedenfalls nicht.
Nicht nur Tötungen von Kritikern werden Präsident Kadyrov angelastet. Der tschetschenische Präsident habe in Europa auch einen „militärischen Nachrichtendienst“ errichtet, der „direkt der Regierung der russischen Teilrepublik Tschetschenien untergeordnet ist“. Ziel der „Kommandotruppe Österreich“ sei es gewesen, „Informationen über in Österreich ansässige Asylwerber zu erlangen“, um diese notfalls „zu liquidieren“ oder in ihre kriegsgeschüttelte Heimat zu entführen. Aufgabe dieses Geheimdienstes sei es auch gewesen, „den Aufenthaltsort des Umar Israilov ausfindig zu machen und diesen an ihn (Kadyrov, Anm.) auszuliefern, wobei ihm bewusst gewesen ist, dass dieses Ansinnen auch den Tod des Israilov herbeiführen könne“. Dadurch, so der Verfassungsschutz, habe Kadyrov „den Tatbestand des Mordes (…) verwirklicht“.
Ein mordender Präsident von Putins Gnaden. Verschleppungen durch geheime Nachrichtendienste, die in Österreich ihr Unwesen treiben. Schutzlose Flüchtlinge, die ihre Ermordung monatelang vergeblich ankündigen: Es ist ein abenteuerliches Sittenbild, das die Fahnder des Verfassungsschutzes mittels Telefonüberwachungen, Observationen und der Einvernahme von tschetschenischen V-Leuten rekonstruierten.
Eine zentrale Rolle soll in dem Fall ein gewisser „Otto Kaltenbrunner“, ein Tschetschene aus St. Pölten, gespielt haben. Der hagere Mann mit dem eingedeutschten Namen sitzt seit über einem Jahr in U-Haft und schweigt. Er sei der Kontaktmann von Präsident Kadyrov und habe die „logistische Organisation“ der Tat vorgenommen, so der Vorwurf der Polizei. In St. Pöltner Sport- und Kulturvereinen habe er sich konspirativ mit anderen Tätern verabredet. Auf Kaltenbrunners Handy fanden sich übrigens Fotos, auf denen er Präsident Kadyrov umarmt.
Den Mord unmittelbar ausgeführt hätten zwei Tschetschenen namens Letscha B. und Turpal Y. Der eine wird durch Schmauchspuren an seiner Jacke belastet, das Handy des anderen konnte genau zum Tatzeitpunkt am Tatort geortet werden, außerdem wurde er von Zeugen identifiziert. Auch die Videokamera in einer Trafik in der Nähe der Wohnung Israilovs hat den Verdächtigen aufgenommen.
Die Spuren der elf mutmaßlichen Täter (darunter auch Kadyrov) führen von Grosny über Weißrussland, Polen, Deutschland, Frankreich, Belgien und Tschechien nach Floridsdorf. Die Ermittler behaupten nun, dass Kadyrovs Verschleppungskommandos in Flüchtlingspensionen und Moscheen nach Abtrünnigen suchen, um diese zu entführen oder zu liquidieren.
Israilov, so zeigen die Ermittlungsakten, war nicht der einzige mit dem Tod bedrohte Tschetschene. Die Fahnder stießen auch auf andere Fälle, in denen Flüchtlinge in Österreich mit Ermordung gedroht worden war – etwa in der Steiermark.
Besonders tragisch und aufklärungswürdig sind die Fälle zweier tschetschenischer Informanten, die der Wiener Polizei wertvolle Hinweise bei der Aufklärung des Politmordes geliefert haben sollen. Kadyrovs Getreue, so hat es den Anschein, haben diese Belastungszeugen brutal aus dem Weg geräumt. Es stellt sich somit die Frage, ob Zeugenschutzprogramme in diesem sensiblen Kriminalfall überhaupt funktionieren.
Der Zeuge Salman M. zum Beispiel gab den Fahndern den Hinweis auf den unmittelbaren Todesschützen Letscha B. Er wurde im Herbst 2009 in Aserbaidschan erschossen aufgefunden, wie der Verfassungsschutz vermerkt.
Auch das Schicksal eines mysteriösen Agenten namens Artur K., Spitzname „Arbi“, ist ungeklärt. Bereits im Sommer 2008 hatte sich Arbi verzweifelt an die Wiener Polizei gewandt und um Hilfe ersucht: Er sei ein Agent Kadyrovs, Mitglied einer seiner Sondereinheiten und solle Israilov töten. Im Übrigen gebe es Todeslisten, auf denen auch 50 Tschetschenen aus Österreich stünden. Ein eigens gegründeter Geheimdienst sei in ganz Europa hinter tausenden Asylwerbern her.
Arbi aber bekam Skrupel. Er bringe keinen Mord übers Herz, versicherte er. Die Polizei möge ihm helfen, ansonsten seien er und seine Familie in Gefahr. Er wolle in Österreich unter neuer Identität leben. Die Fahnder in Wien hielten den Mann, der Israilovs Mord prophezeit hatte, für einen Spinner. Das Innenministerium lehnte Arbis Asylantrag ab. Die Fremdenbehörde setzte den Mann gleichzeitig in den nächsten Air-Berlin-Flieger nach Moskau. Die Republik zahlte ihm sogar das Ticket für die „freiwillige Heimreise“.
War Arbi aber wirklich nur ein Spinner? In einem Interview mit der Presse bestätigte Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrov, „Arbi“ nach Wien zu Israilov geschickt zu haben, um diesen nach Tschetschenien zurückzuholen, weil er „Blödsinn rede“. Von einem Mord, so Kadyrov, sei natürlich nie die Rede gewesen.
Arbi jedenfalls wirkte nach dem von ihm prophezeiten Mord an Israilov höchst nervös. In einem Interview mit dem Falter beschimpfte er die unprofessionelle Wiener Polizei, die ihn und seine Familie durch Indiskretionen in eine lebensgefährliche Lage gebracht hätte. Nun hält das Landesamt für Verfassungsschutz in seinem Abschlussbericht fest, dass Agent Arbi „vermutlich nicht mehr am Leben ist“.
Wenn das alles stimmt, hätte der österreichische Verfassungsschutz die zweite tödliche Fehleinschätzung in diesem Fall zu verantworten.
(siehe dazu auch die ausführlichen Berichte der New York Times)

08. Dez 2009

Der vertuschte Brandanschlag

Wie die Kärntner Polizei während der EM ein tödliches Attentat auf ein Asylheim als Unfall kleinredete (für Falter, Mitarbeit: Marion Bacher)
Am Morgen des 12. Juni 2008 führte der Klagenfurter Unternehmer und Asylheimbetreiber Dieter Rapatz wie immer seinen Hund spazieren. Plötzlich läutete sein Telefon, es war Rapatz’ Mitarbeiter Gabriel F.
In Rapatz’ Flüchtlingsheim in der Flatschacherstraße, so schrie F., der Verantwortliche des Hauses, in den Hörer, sei Feuer ausgebrochen. Die „Asylanten“ stünden am Fensterbrett und seien dabei, in die Tiefe zu springen.
Baumeister Rapatz blieb bei seinem Hund, wie er später bei einem Verhör erzählte. „Ich selbst habe keine unmittelbare Veranlassung gesehen, mich sofort an den Brandort zu begeben, da die Einsatzkräfte verständigt waren.“ Er, der vom Land Kärnten mit der Betreuung von Flüchtlingen beauftragt wurde, sei ja schuldlos an diesem Drama. Nur eines habe er sich vielleicht vorzuwerfen. Er hätte auch die Fenster in den oberen Stockwerken vergittern sollen, „sodass niemand hätte springen können“. Rapatz’ Anwalt behauptete später gegenüber einem ORF- „Thema“-Reporter: „Das Fluchtverhalten der Afrikaner ist nicht mit jenem von zivilisierten Westeuropäern zu vergleichen“, denn die Asylwerber kennen keine Feuerwehr.
An diesem Morgen standen viele Flüchtlinge an den Fenstern, während beißender Rauch in ihre Zimmer kroch. Die Eingeschlossenen rüttelten an Fenstergittern im Erdgeschoß, die eine Passantin von außen vergeblich abzumontieren versuchte. Einige sprangen vom zweiten Stock in die Tiefe. Alex Oppong etwa, Vater von vier Kindern. Er starb. 19 weitere Flüchtlinge wurden verletzt (der Falter berichtete).
Klagenfurt stand an jenem Tag im Rampenlicht Europas – nicht wegen des Brandes, sondern wegen der EM. Am Tag des Dramas sollte Kroatien die deutsche Elf im Wörtherseestadion 2:1 besiegen. Auch Hooligans streiften an diesem Tag übrigens durch die Stadt.
Die Kärntner Polizei beruhigte sofort die Öffentlichkeit. Es gebe „keine Hinweise“ auf einen Anschlag, versicherte der Kärntner Kripo-Oberst Hermann Klammer am Tag der Tat. Und Jörg Haider erklärte die Opfer zu Tätern. Eine Fehde von Drogendealern habe wohl zu dem Feuer geführt, behauptete er. Beweise dafür gibt es nicht
Dem Falter liegen vertrauliche Ermittlungsakten und Gutachten in dem Fall vor. Sie zeichnen ein hässliches Bild von der Arbeit der Kärntner Polizei. Die Dokumente legen den Verdacht nahe, dass nicht nur Haider, sondern auch die örtliche Exekutive von Anfang an versuchte, den „Asylanten“, wie die Opfer in dem Akt ständig genannt werden, die Schuld an dem Drama in die Schuhe zu schieben.
Monatelang wurde nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Justiz desinformiert. Brandgutachten, die erste Hinweise auf ein Attentat enthalten, wurden in Aktenvermerken an die Justiz an entscheidenden Stellen falsch zusammengefasst. Selbst als ein Gutachter eindeutig von „mutwilliger Inbrandsetzung“ sprach, schwächte die Polizei ab. Der Verfassungsschutz, jene Einheit, die bei Verdacht auf politisch motivierte Verbrechen ermitteln muss, wurde desinformiert.
Dem Klagenfurter Staatsanwalt, Christof Pollak, und dem Anwalt der Opfer, Farhad Paya, ist es zu verdanken, dass der Fall vielleicht doch noch vor dem Strafgericht landetDer vertuschte Brandanschlag
Wie die Kärntner Polizei während der EM ein tödliches Attentat auf ein Asylheim als Unfall kleinredete (für Falter, Mitarbeit: Marion Bacher)
Am Morgen des 12. Juni 2008 führte der Klagenfurter Unternehmer und Asylheimbetreiber Dieter Rapatz wie immer seinen Hund spazieren. Plötzlich läutete sein Telefon, es war Rapatz’ Mitarbeiter Gabriel F.
In Rapatz’ Flüchtlingsheim in der Flatschacherstraße, so schrie F., der Verantwortliche des Hauses, in den Hörer, sei Feuer ausgebrochen. Die „Asylanten“ stünden am Fensterbrett und seien dabei, in die Tiefe zu springen.
Baumeister Rapatz blieb bei seinem Hund, wie er später bei einem Verhör erzählte. „Ich selbst habe keine unmittelbare Veranlassung gesehen, mich sofort an den Brandort zu begeben, da die Einsatzkräfte verständigt waren.“ Er, der vom Land Kärnten mit der Betreuung von Flüchtlingen beauftragt wurde, sei ja schuldlos an diesem Drama. Nur eines habe er sich vielleicht vorzuwerfen. Er hätte auch die Fenster in den oberen Stockwerken vergittern sollen, „sodass niemand hätte springen können“. Rapatz’ Anwalt behauptete später gegenüber einem ORF- „Thema“-Reporter: „Das Fluchtverhalten der Afrikaner ist nicht mit jenem von zivilisierten Westeuropäern zu vergleichen“, denn die Asylwerber kennen keine Feuerwehr.
An diesem Morgen standen viele Flüchtlinge an den Fenstern, während beißender Rauch in ihre Zimmer kroch. Die Eingeschlossenen rüttelten an Fenstergittern im Erdgeschoß, die eine Passantin von außen vergeblich abzumontieren versuchte. Einige sprangen vom zweiten Stock in die Tiefe. Alex Oppong etwa, Vater von vier Kindern. Er starb. 19 weitere Flüchtlinge wurden verletzt (der Falter berichtete).
Klagenfurt stand an jenem Tag im Rampenlicht Europas – nicht wegen des Brandes, sondern wegen der EM. Am Tag des Dramas sollte Kroatien die deutsche Elf im Wörtherseestadion 2:1 besiegen. Auch Hooligans streiften an diesem Tag übrigens durch die Stadt.
Die Kärntner Polizei beruhigte sofort die Öffentlichkeit. Es gebe „keine Hinweise“ auf einen Anschlag, versicherte der Kärntner Kripo-Oberst Hermann Klammer am Tag der Tat. Und Jörg Haider erklärte die Opfer zu Tätern. Eine Fehde von Drogendealern habe wohl zu dem Feuer geführt, behauptete er. Beweise dafür gibt es nicht
Dem Falter liegen vertrauliche Ermittlungsakten und Gutachten in dem Fall vor. Sie zeichnen ein hässliches Bild von der Arbeit der Kärntner Polizei. Die Dokumente legen den Verdacht nahe, dass nicht nur Haider, sondern auch die örtliche Exekutive von Anfang an versuchte, den „Asylanten“, wie die Opfer in dem Akt ständig genannt werden, die Schuld an dem Drama in die Schuhe zu schieben.
Monatelang wurde nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Justiz desinformiert. Brandgutachten, die erste Hinweise auf ein Attentat enthalten, wurden in Aktenvermerken an die Justiz an entscheidenden Stellen falsch zusammengefasst. Selbst als ein Gutachter eindeutig von „mutwilliger Inbrandsetzung“ sprach, schwächte die Polizei ab. Der Verfassungsschutz, jene Einheit, die bei Verdacht auf politisch motivierte Verbrechen ermitteln muss, wurde desinformiert.
Dem Klagenfurter Staatsanwalt, Christof Pollak, und dem Anwalt der Opfer, Farhad Paya, ist es zu verdanken, dass der Fall vielleicht doch noch vor dem Strafgericht landet – allerdings geht es nur um eine Nebenfront. Rapatz und sein Mitarbeiter Gabriel F. hätten die feuerpolizeilichen Vorschriften nicht eingehalten, so der Verdacht. Vor einigen Wochen fertigte Pollak einen entsprechenden Vorhabensbericht an das Justizministerium ab. Es gilt die Unschuldsvermutung. Paul Hefelle, Sprecher von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, will all dies nicht bestätigen. Der Fall, so sagt er, „sei noch nicht entschieden“. Auch im Innenministerium gibt es keinen Kommentar. Sprecher Rudolf Gollia sagt: „Für die Pressearbeit ist die Justiz zuständig.“
Das Schweigen verwundert. Denn am Tag, an dem das Heim in Flammen aufging, waren die Behörden noch äußerst redselig. „Die kriminalpolizeiliche Untersuchung ergab, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Fremdverschulden vorliegt“, erklärte Kripo-Oberst Klammer bereits am Tag des Brandes. Auch der für den Fall zuständige Abteilungsinspektor Wolfgang L. hatte binnen 24 Stunden den Fall gelöst und in der Krone seine Sicht geschildert. Der Brand sei „durch nachglimmende Zigarettenreste“ verursacht worden, schrieb er in einem „Anlassbericht“ an die Staatsanwaltschaft: „Die Asylanten nahmen es zur Gewohnheit, dass sie vom Personal unbemerkt ihren Zimmermüll im Bereiche der Brandausbruchsstelle ablagerten, (…) um die vorgeschriebene Mülltrennung zu umgehen.“
Als Abteilungsinspektor L. solcherart Entwarnung gab, analysierten die Experten aus dem Bundeskriminalamt in Wien noch den „Brandschutt“. Sie entdeckten in verrußten Holz- und Papierresten Spuren von „3-Methylhexan, Methylcylohexan und Toluol“. Diese chemischen Verbindungen, so das Gutachten, kommen in „zahlreichen brennbaren Flüssigkeiten wie etwa Kfz-Benzin vor“. Toluol sei „eine der Hauptkomponenten von Kfz-Benzin“.
Die Brandexperten in Wien formulierten vorsichtig, sie behaupteten nicht, dass das Heim mit Benzin abgefackelt wurde, doch ausschließen wollten sie es „nach derzeitigem Stand“ nicht. In einem Abschlussbericht des BKA heißt es: „Der Brand wurde entweder durch eine heiße, nachglühende Zigarette oder beabsichtigt durch eine offene Flamme hervorgerufen.“
Zigarette oder Attentat. Das passte nicht ganz zur Version der Kärntner.
Der zuständige Kärntner Abteilungsinspektor lässt sich von der differenzierten Expertise der Kollegen in Wien aber nicht beirren. Am 4. August 2008 schreibt er seinen nächsten „Anlassbericht“ an den Staatsanwalt. Darin heißt es: „Es konnten keine brandunterstützenden Flüssigkeiten festgestellt werden“. Vom Kfz-Benzin ist keine Rede mehr.
Die Kripo hätte nun Zeugen ausforschen und intensiv befragen können. Etwa nach der Farbe des Rauchs. War er schwarz? Oder färbig? Das wäre ein Hinweis auf Brandbeschleuniger gewesen. Doch nichts dergleichen geschieht. Die Polizei kommt auch nicht auf die Idee, den Betreuer des Hauses, Gabriel F., härter anzufassen.
F., im Nebenberuf Feuerwehrmann und BZÖ-Politiker, hatte in einer ersten oberflächlichen Einvernahme angegeben, dass er sich zur Tatzeit in einem Nebengebäude des Asylheims aufgehalten habe. Das war kurz vor sieben Uhr morgens, wenige Minuten bevor das Feuer ausbrach. F. sagte, er hätte zu diesem Zeitpunkt nichts von einem Brand bemerkt. Ein paar Minuten später stand das Heim in Flammen.
Ist das glaubwürdig? F. will keine Stellungnahme abgeben. Doch ein durch eine Zigarette ausgelöster „Glimmbrand“, so wird ein Gerichtsgutachter später feststellen, hätte sich zunächst durch starke Rauchentwicklung bemerkbar gemacht. Das Feuer im Heim breitete sich allerdings in kürzester Zeit enorm aus. Es war so heiß, dass die Betondecke absplitterte, wie Heimbetreiber Rapatz zu Protokoll gab. Ein Glimmbrand, so sind sich Sachverständige später sicher, hätte andere Spuren hinterlassen.
Fast scheint es, als würde der Fall zu den Akten gelegt. Da schaltet sich Farhad Paya ein. Der Klagenfurter Anwalt vertritt die Hinterbliebenen von Alex Oppong, dem Mann, der in den Tod springen musste. Paya macht Druck bei der Staatsanwaltschaft. Die Polizeiermittlungen, so sein Verdacht, seien voreingenommen, vielleicht sogar politisch motiviert. Er trifft auf Staatsanwalt Christof Pollak, einen Ankläger, so Paya, „der endlich die richtigen Fragen stellt“.
Ankläger Pollak bestellt einen von der Polizei unabhängigen Brandgutachter. Keinen Kärntner, sondern den Grazer Experten Thomas Schuster-Szentmiklósi. Ende Oktober 2008 inspiziert der Sachverständige das abgebrannte Heim und sieht, was noch kein Kärntner Polizist entdeckt haben will: „Schüttspuren“ von Brandbeschleunigern im Stiegenhaus.
Dies deute darauf hin, so Schuster-Szentmiklósi, „dass Brandbeschleuniger aufgebracht wurde und in weiterer Folge zu der raschen Ausbreitung mit der starken Rauchentwicklung geführt hat“. Das Feuer sei „mit größter Wahrscheinlichkeit auf eine subjektive Brandursache in Folge einer mutwilligen Inbrandsetzung von flüssigen Brandbeschleunigern im Bereich der Garderobennische und des Stiegenhausfußbodens im Erdgeschoß“ zurückzuführen.
Ein Attentat also, ein besonders perfides noch dazu. Denn die brennbare Flüssigkeit wurde offenbar so verschüttet, dass die Bewohner nicht flüchten konnten. Klagenfurt, so der Verdacht, wurde Schauplatz eines mörderischen Verbrechens gegen Asylwerber.
Von einem „Feuerteufel“ ist in der Krone in einer Randnotiz die Rede. Kein Politiker meldet sich zu Wort, um Aufklärung zu fordern. Die Polizei hält es, anders als bei vielen anderen kleineren Verbrechen, nicht für notwendig, die Bevölkerung um zweckdienliche Hinweise in diesem Fall zu bitten. Der Verfassungsschutz wird noch immer nicht informiert. Die Begründung: Es gebe „keine Hinweise“ auf eine politisch motivierte Tat.
Wieder verstreichen Monate. Baumeister Rapatz und sein Mitarbeiter F., die beiden Heimbetreiber werden im Jänner 2009 von der Justiz vernommen – als Beschuldigte. Es gibt Anschuldigungen in Richtung Versicherungsbetrug, der Gutachter rügt, dass die Feuerschutzbestimmungen massiv verletzt worden seien.
Rapatz und F. weisen alle Vorwürfe zurück. F. beschuldigt nun „Asylanten“, den Brand gelegt zu haben. Sie haben Alibis.
Auch Beamte des Landes Kärnten werden verhört. Gernot Steiner etwa, der „Flüchtlingsbeauftragte“. Auf seinem Besprechungstisch steht ein Foto von Haider. In dessen Auftrag hatte er einst unschuldige Tschetschenen aus Kärnten deportiert. Steiner wehrt ab. Kärnten habe die Flüchtlingsbetreuung doch „outgesourct“ – an Baumeister Rapatz, dessen Gehilfen jedoch von feuerpolizeilichen Auflagen nichts wissen.
Steiner sprang den Verdächtigen öffentlich zur Seite: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es feuerpolizeiliche Mängel gab“, sagt er der Kleinen Zeitung.
Später meldet sich wieder die Polizei zu Wort: „Es war kein Brandanschlag“, zitiert der Kurier Kärntens Kripo-Oberst Hermann Klammer. „Zahlreiche Zeugen“, seien einvernommen, die Untersuchungen „akribisch“ geführt worden. Es gebe keine Hinweise auf Brandstiftung. Eine ähnliche Mitteilung erhält auch der Bundesverfassungsschutz. Das Brandgutachten, so die Information an die Wiener sei doch nur ein längst widerlegtes „Privatgutachten“ des Opferanwalts.
Das Gegenteil ist wahr. Der Brandsachverständige ist vom Gericht bestellt und bleibt in seinem zweiten Gutachten im März 2009 bei seiner Einschätzung: „mutwillige Inbrandsetzung“.
Was ist von der Arbeit der Kärntner Exekutive zu halten? Der Falter bat einen Verfassungsschützer, Teile des Aktes zu analysieren. Der Beamte tat es unter Zusicherung von Anonymität. Die ersten Niederschriften unmittelbar nach der Tat seien „zum Vergessen“, so sein Eindruck. Kritische Fragen seien nicht gestellt worden. „Diese Polizei“, vermutet der Verfassungsschützer, „ist politikverseucht“.
„Ich habe den Eindruck, die Polizei hat dieser Fall nicht interessiert“, sagt Opferanwalt Farhad Paya. Dafür gebe es zwei Erklärungen: Entweder ist die Kärntner Exekutive unprofessionell. Oder sie wird vom regierenden BZÖ unterwandert.

01. Mai 2007

Über Tiere

Kommenden Freitag hat Elfriede Jelineks Stück “Über Tiere” (hier auf ihrer Webpage nachzulesen) im Kasino des Burgtheaters Premiere. Ruedi Häusermann führt die Regie. Das Stück der Literaturnobelpreisträgerin wurde durch eine Reportage inspiriert, die ich für den Falter über den Wiener Frauenhandel schrieb. Grundlage des Textes waren polizeiliche Überwachungsprotokolle einer noblen Wiener Escort-Agentur, die ich Elfriede Jelinek anonymisiert zur Verfügung gestellt hatte. Aus gegebenem Anlass, hier noch einmal die Reportage. Besagter Frauenhändler Franz H. wurde mittlerweile zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Freier wurden nicht belangt.
„Einfach hinklatschen“

Erst drohen sie, ihnen die Beine zu brechen, dann vermitteln sie minderjährige Mädchen als „Penthouse Pets“ an Staranwälte, Manager und Diplomaten. Ein Lauschangriff auf eine noble Wiener Begleitagentur zeigt, wie osteuropäische Mädchen in die Betten betuchter Herren geliefert werden.

Falter 34/2005 vom 24.8.2005
Der prominente US-Anwalt zum Beispiel. Beklagte tagsüber vor Journalisten und Politikern das Unrecht dieser Welt. Abends ließ er sich und seinem prominenten Mandanten ein paar Mädchen ins Intercontinental liefern. An die Zimmertür klopft Inga. Schülerin aus Litauen, 17 Jahre alt.
Oder der Mann von McKinsey. Er rief an, weil er eine „süße, kleine Stute“ suchte. Um „einfach Spaß zu haben und einfach mal hinzuklatschen“, wie er es nennt.
Ein Uniprofessor aus den USA meldete sich, weil er eine „Jungfrau“ in Anwesenheit ihrer Schwester „richtig durchficken“ wollte. 15 Jahre sollte sie alt sein. 4000 Euro würde er dafür bezahlen.
Ein Mitarbeiter der saudiarabischen Botschaft in Wien begehrte eine 19-jährige Jungfrau zu „buchen“. „Die hab ich zum Versteigern unten“, bedauerte der Mann am anderen Ende der Leitung. Unten, in den Emiraten.
Ein Geschäftsmann aus Paris

Mehr…