23. Apr 2007
Er fährt mit dem Sportwagen durch Bremen, und die Leute zeigen auf ihn: Murat Kurnaz ist eine öffentliche Person geworden. Wie hat er die Folter bewältigt? Wie lebt er jetzt? Ein Besuch beim ehemaligen Guantánamo-Häftling in seiner Heimatstadt.
(für DIE ZEIT/ Foto: Michael Jungbluth)
(hier auch als Audio-File zum anhören)
Ein tiefergelegter Sportwagen rollt um die Ecke des Bremer Bahnhofs, darin sitzt Murat Kurnaz. Er hat das Fenster heruntergekurbelt. Er steigt nicht aus. »Keine Fotos vom Wagen. Schreiben Sie auch nicht, wie er aussieht. Ich wohne neben einer Disco. Die Betrunkenen machen mir sonst das Auto kaputt.«
Es ist Frühling in Bremen. Kurnaz’ erster Frühling nach fünf Jahren Guantánamo. Die Mädchen tragen kurze Röcke, die Kirschen blühen, in den Straßencafés schlürfen schicke Leute Macchiatos. Murat Kurnaz hätte früher wohl auch hier gesessen. Da trug er noch Hugo Boss und Dreitagebart. Heute sagt er: »Wenn ich hier draußen sitze, ist das Stress.« Dann würden sie mit dem Finger auf ihn zeigen, ihn um ein Autogramm bitten. Selbst in die Moschee geht er nicht mehr: »Die Leute wollen doch in Frieden beten.«
Murat Kurnaz trägt heute eine mausgraue Hose, türkischer Schnitt. Das weiße Hemd spannt über seinen Muskeln. Seine Haare sind so lang, dass er sie verknoten kann. Seine trainierten Unterarme passen nicht zu seinen feinen Fingern, an denen er dicke Ringe trägt. Er ist Boxer, Schwergewicht, er stemmt Gewichte. Als er 15 war, schaffte er 150 Kilo. Er hat auch in Guantánamo trainiert, obwohl die Kalorien dafür nicht reichten und es streng verboten war. »Haben Sie den Kampf gestern gesehen? Der kleine Chagaev hat den Riesen Nikolai Valuev besiegt! Boxen ist ein schöner Sport. Es geht nicht um Brutalität. Es geht um Regeln, um Körperbeherrschung. Du musst konzentriert sein.« Er knackt mit den Fingern.
Sein Sportwagen beschleunigt, dass es einen in den Sitz drückt. »Ein Wankelmotor, Hinterradantrieb«, sagt Kurnaz, »ich habe Spaß damit.«
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18. Apr 2007
In einem Militärkrankenhaus in der Pfalz versammelt die US-Armee ihre schwer verletzten Soldaten. Die Devise: positiv denken! (für DIE ZEIT)
In seinem Land zählte er zur Unterschicht – und so war Arthur Watson wohl empfänglich für die Versprechen der Rekrutierungsoffiziere, die in schneidigen Uniformen vor seiner Highschool standen. »Wir können dir das Leben in der Gosse ersparen«, versprachen sie. »Ich danke diesen Jungs noch heute dafür«, sagt Watson. Dann kippt seine Stimme weg, die Schmerzmittel machen müde.
Arthur Watson, Afroamerikaner aus dem Bundesstaat Georgia, ging mit der Armee einen Handel ein: Er riskiert sein Leben, sie bietet ihm eine Ausbildung. Das Heer schickte ihn als Lastwagenfahrer in den Irak. Die Truppen dort sollte er mit Lebensmitteln versorgen. Bei den ersten zwei Angriffen Aufständischer hatte Watson Glück. Die dritte Granate zerfetzte sein rechtes Bein. Nur an Hautfetzen hing es noch an seinem Körper – Watson sah, wie die Knochen aus dem Fleisch ragten. Er spürte Granatsplitter im Rücken und Granatsplitter im Gesäß, und er glaubte zu sterben. Dann verlor er das Bewusstsein.
24 Stunden später erwachte Arthur Watson in Landstuhl, Deutschland. Mit einem Frachtflugzeug der Armee hatte man ihn aus dem Irak in das U. S. Medical Center, das größte Militärkrankenhaus außerhalb der USA ausgeflogen. Als er auf einer Trage ausgeladen wurde, beugte sich ein Seelsorger mit violetten Gummihandschuhen über ihn und sagte: »God bless you.« Andere Betreuer hielten Tüten mit Gummibärchen bereit – eine Spende der amerikanischen Bevölkerung für die Heimkehrer.
Eine moderne, aber auch surreale Rettungslogistik ist im US-Militärhospital in Landstuhl zu besichtigen.Sie arbeitet mit Hightech, und sie bietet den Verwundeten, die aus der Hölle kommen, die Idylle eines Kinderzimmers. Via E-Mail werden dem Krankenhaus von der Front schon die Kranken-be-richte geschickt, per Videoschaltung konferieren die Ärzte mit ihren Kollegen im Gefechtsfeld. Währenddessen laufen Betreuer mit Hunden herum. Das ist Teil des PVT – des Pet Visitation Program, um den traumatisierten Patienten zu signalisieren, dass sie nicht mehr an der Front sind.
Watson ist erst 21 Jahre alt, und er wirkt jetzt stolz wie ein Kind,
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05. Apr 2007
Die Einvernahme von Frank-Walter Steinmeier zeigt:
Der BND-Untersuchungsausschuss ist besser als sein Ruf
(für DIE ZEIT)
Sechs Stunden dauerte die Anhörung. Doch schon nach der Hälfte der Befragung hatte Frank-Walter Steinmeier lässig sein Sakko ausgezogen, für einen Augenblick die Hände hinter dem Nacken verschränkt und in die untergehende Frühlingssonne geblickt, die durch die Scheiben in den Anhörungssaal 3.101 des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses in Berlin schien. Draußen auf der Spreebiege schipperten die Schubleichter vorbei, als der Außenminister zu Wolfgang Neskovic, dem Richter und Abgeordneten der Linkspartei, blickte. Kram nur in den Akten!, mag Steinmeier sich da gedacht haben. Vergeblich buddelte Neskovic in einem Berg von Dokumenten, um sie Steinmeier vorzuhalten. Aber da fiepte schon die Eieruhr des Vorsitzenden. Und wieder war die kurze Redezeit der Opposition um.
Frank-Walter Steinmeier verließ vergangene Woche den BND-Untersuchungsausschuss als Sieger. Wie das gelang?
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19. Feb 2007

Immer wieder aufregend, die Guantánamo-Pressemitteilungen auf der GTMO-Homepage und vor allem die Hauszeitung “Gazette”. Da muss man sich einmal so richtig durchklicken. Eines Tages werden sich die Jura-Studenten der USA fragen, wie all das möglich war. Diesmal in der “Guantánamo-Gazette”: So gut ist das Essen im Lager!
15. Feb 2007
In Ägypten wurde am Montag der Islamist Abu Omar freigelassen – und womöglich sind seit Bekanntwerden dieser Nachricht einige deutsche Geheimdienstler unruhig. Omar wurde vor vier Jahren in Mailand von Greiftrupps der CIA in einen Bus gezerrt und über die US-Basis im deutschen Ramstein in einen ägyptischen Folterkeller ausgeflogen. An dieser Aktion waren auch jene CIA-Agenten beteiligt, die später den Deutschen Khaled El-Masri nach Afghanistan verschleppten. Gegen diese Entführer, die mit ihren Handys und Kreditkarten in Europa umfangreiche Datenspuren hinterlassen hatten, ermitteln nun die italienische und die deutsche Justiz. Die Ankläger haben sogar Haftbefehle erlassen gegen diese CIA-Agenten, die jedoch nur mit Tarnnamen bekannt sind.
Nun stellt sich die politisch relevante Frage: Konnte die CIA wirklich ohne Wissen nationaler Geheimdienste solche Entführungen organisieren? Nein, glaubt Italiens Justiz und ermittelt gegen den Chef des italienischen Geheimdienstes Nicolò Pollari. Abu Omar will nun weitere Details offenlegen.
Deutschland streitet bis heute Verwicklungen im Fall Omar und im Fall Masri ab. Laut Masri verfügten seine Peiniger aber über polizeiliche Insiderinformationen aus Deutschland. Wie weit ging die US-Deutsche Kooperation im Kampf gegen den Terror? Auch die italienische Akte von Omar könnte darüber Aufschluss geben. Doch ein wichtiger Teil wurde in Italien prompt zum Staatsgeheimnis erklärt.
31. Jan 2007
Die frühere deutsche Regierung ließ Murat Kurnaz im Stich. Andere Regierungen agierten mutiger (für DIE ZEIT)
Es war im Herbst 2002 und Murat Kurnaz saß schon neun Monate in seinem Käfig auf Kuba, da zitierte die Spitze des Außenministeriums den US-Botschafter in Sachen Guantánamo zu sich: »Wir stehen hinter dem Krieg gegen den Terrorismus«, beteuerten die Diplomaten, »aber wir meinen, dass der Krieg in Respekt vor den völkerrechtlichen Prinzipien geführt werden muss.« Es war eine schroffe Schelte, die der US-Botschafter da einstecken musste. Aber es ging ja auch um europäische Grundsätze und um einen Bürger, der ohne Anklage im berüchtigten Internierungslager festgehalten worden war. Und da kein fairer Prozess absehbar war, forderten die Regierungsvertreter, dass »der rechtlose Gefangene endlich an ein ordentliches Gericht überstellt werden muss«. Sogar der Regierungschef rügte die »amerikanische Demonstration von Arroganz«.
Diese Intervention kam nicht dem türkischstämmigen Bremer Murat Kurnaz zugute, sondern seinem Zellengenossen Mehdi Ghezali. Es war die schwedische Regierung, die damals Einspruch erhob gegen die amerikanische Willkür auf der Tropeninsel. Die später ermordete sozialdemokratische Außenministerin Anna Lindh und ihr Premier Göran Person kämpften um die Freilassung des »schwedischen Taliban«. Wie auch Murat Kurnaz war Ghezali in Pakistan von Kopfgeldjägern verhaftet und als »feindlicher Kämpfer« nach Guantánamo überstellt worden. Wie auch bei Kurnaz erhoben US-Militärs den letztlich unbewiesenen Vorwurf, er stehe al-Qaida nahe.
Schwedens Druck war erfolgreich: 2004 wurde Ghezali mit einem Regierungsflugzeug von Kuba ausgeflogen. 57 000 Euro ließ sich Schweden den Trip kosten, um Ghezali die Heimreise in einer US-Militärmaschine zu ersparen. In Schweden angekommen, nahm die Justiz Ghezali ins Visier – kurz darauf stellte sie alle Verfahren gegen ihn aus Mangel an Beweisen ein.
Eine ähnliche Geschichte ist
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18. Sep 2006
Nein, ich bin kein besonderer Freund des Papstes. Und vermutlich hätte er seine Worte auch bedächtiger wählen können. Doch die Reaktionen der muslimischen Welt zeigen, dass er so falsch nicht liegt. Man darf Mohammed nicht kritisieren und auch nicht verspotten – ohne Gefahr zu laufen, von fanatischen Muslimen unter Druck gesetzt oder mit dem Tode bedroht zu werden. Dabei nehmen sich selbst die höchsten islamischen Würdenträger kein Blatt vor den Mund, wenn es gegen Ungläubige geht. Auf www.memri.org kann man das immer wieder schön nachlesen. Irgendwie gehen mir diese religiösen Fanatiker allesamt auf die Nerven. Weniger Gott in der politischen Arena, das würde dem Weltfrieden gewiss nicht schaden.
23. Aug 2006
Murat Kurnaz kehrt aus Guantánamo zurück. Sein Fall zeigt die Schattenseiten des Anti-Terrorkampfes (für die ZEIT)

Mehr als viereinhalb Jahre hat Rabyie Kurnaz auf diesen Anruf gewartet. Sie hatte das Zimmer ihres Sohnes kaum verändert, manchmal roch sie sogar an seinem Trainingsanzug.Vergangene Woche kam endlich die Nachricht aus Guantanamo: Murat Kurnaz wird seinen Käfig im US-Internierungslager verlassen und darf zurück in seine Heimat Bremen. Kurnaz Anwalt Bernhard Docke hofft, dass sein Mandant noch Dienstag nacht freigelassen und dann nach Deutschland ausgeflogen wird. Ein diplomatischer Erfolg auch für Angela Merkel, die diesem Fall endlich den notwendigen Druck erzeugte.
Die Meldung von Kurnaz Freilassung platzt in die Aufregung um die Verhaftung des mutmasslichen Kofferbombers- und sie erinnert, wie wichtig gerade in Terror-Zeiten die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien ist. Eine Mischung aus Hysterie, Vorurteilen, mangelnder richterlicher Kontrolle und diplomatischer Rückratlosigkeit hat einem – offenbar unschuldigen – jungen Menschen vier Jahre seiner
Freiheit gekostet. Kurnaz, so viel scheint nun festzustehen, geriet nur deshalb in die Mühlen der Weltpolitik, weil er zur falschen Zeit mit dem falschen Aussehen am falschen Platz war.
Der damals 19jaehrige Schiffbaulehrling wurde nach dem Elften September in einer arabischen Moschee in Bremen zum fundamentalistischen Muslim. Er forderte sogar seine blondgefaerbte Mutter auf, ein Kopftuch zu tragen. Murat Kurnaz reiste im Herbst 2001 nach Pakistan, um dort die Missionsbewegung der Tabliqus zu besuchen – eine eher harmlose islamische Schule. Im pakistanischen Bus wurde er
jedoch von Sicherheitskraeften verhaftet. Sie hielten den Ausländer mit dem roten Bart nicht für einen harmlosen Muslim, sondern fuer einen potentiellen Taliban-Unterstuetzer und übergaben ihn gegen Kopfgeld an die USA. Die sperrten ihn zunächst ein paar Wochen in einen afghanischen Knast und dann weitere viereinhalb Jahre ins Internierungslager auf der kubanischen Halbinsel. Dort wurden Häftlinge mit Kältefolter und Lärmterror “auf Verhöre vorbereitet”. Kurnaz selbst lebte in einem Käfig, klagte ueber Hitze und schlechtes Essen. Bei Verhören wurde er am Boden angekettet.
Offiziell versprach das deutsche Aussenamt Mutter Kurnaz zwar alle Hilfe. Doch der grüne Aussenminister Joschka Fischer bedauerte auch, seine Beamten hätten keinen Zugang zu ihrem Sohn, da die Amerikaner diesen verweigern.In Wahrheit erschienen Deutsche BND-Beamte in Guantanamo, um Kurnaz zu verhören und Informationen mit den US-Behörden auszutauschen. In ihren geheimen Dossiers berichteten sie, Kurnaz könne nichts nachgewiesen werden. Es gebe keine Verbindungen zu Terroristen, ja nicht einmal Indizien, die den “Bremer Taliban”, wie Kurnaz von Boulevardmedien vorverurteilend genannt wird, belasten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt später auch ein US-amerikanisches Gericht.Die USA bieten Deutschland bereits 2002 an, Kurnaz freizulassen.
Nun beginnt ein deutsche Doppelspiel: Sowohl das Innenministerium als auch der heutige BND-Chef Ernst Uhrlau sprechen sich in vertraulichen Sitzungen dagegen aus, den Türken nach Deutschland einreisen zu lassen. Doch offiziell signalisiert das Aussenamt unter Joschka Fischer der Mutter , die Diplomaten wuerden alles Erdenkliche für ihren Sohn unternehmen, um ihn aus der “rechtlosen Zone” zu befreien. In vertraulichen Gesprächen mit dem Anwalt der Familie, Bernhard Docke, verraten Spitzenbeamte aber auch, man werde die transatlantischen Beziehungen wegen dieses Falles nicht noch weiter belasten. Kurnaz schien offnungslos verloren. Die Bremer Behoerden belegten ihn sogar mit einem Einreiseverbot – mit der absurden Begründung, dass er sein Visum von Guantanamo aus nicht verlaengert hatte.
Nun also doch die Freilassung nach Intervention von Angela Merkel: Anwalt Docke sagt , es sei die
Entschlossenheit der neuen Regierung, aber auch der – nach einer Selbstmordserie von Häftlingen in Guantanamo erhöhte – internationale Druck auf die USA gewesen , der letztlich den Weg in die Freiheit ebnete.
Ob die Deutschen von Kurnaz überrascht sein werden? Anwalt Docke weiss es nicht. Er hat seinen Mandanten – auch das bezeichnend – in viereinhalb Jahren nicht einmal besuchen können. Kurnaz wird vermutlich – gemeinsam mit Vertretern amnesty internationals – in den kommenden Tagen
in Berlin kurz vor die Presse treten. Vielleicht werden manche von seinem langen Bart überrascht sein. Er liess ihn sich während seiner Zeit in Guantanamo stehen. Und vermutlich wird es manche auch verstören, wenn er auf die Frage, ob er dem westlichen Rechtstaat und seinen Werten noch traue, mit einem knappen “Nein!” antwortet.
15. Aug 2006
“Was eigentlich”, schreibt mein Kollege Jochen Bittner in seinem Blog, “unterscheidet al-Qaida von den klassischen internationalistischen Protestbewegungen der Linken? Mir scheint, nicht viel.” Bittner weiter: “Was also, frage ich einmal ganz experimentell, ist al-Qaida eigentlich anderes als eine bombende, muslimische attac-Bewegung?”
Hat sich da, ganz experimentell, wer verrannt? Nein, nicht jede internationalistische Protestbewegung ist zunächst mal “links”. Da wäre noch die heilige Kirche, die auch lange Zeit an Gott und sein himmliches Recht glaubte in deren Namen gemordet wurde – und mancherorts (Nordirland, Nigeria) noch immer wird. Und wenn George W. Bush von “islamischen Faschisten” spricht, dann meint er damit wohl auch nicht eine Gruppe von linken Weltverbesserern, sondern fanatische, totalitäre Fundis, denen es eben nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um möglichst viele Jungfrauen im Himmel geht, die sie wegen diesseitiger Bigotterie auf Erden nicht haben dürfen.
Nein, attac hat – abgesehen davon dass es keine Hochhäuser sprengt – völlig andere Ziele: Es ist eine Lobby, eine Pressure-Group, keine Glaubensgemeinschaft. Attac sehnt sich nicht nach dem Jenseits, sondern – sehr oft zu Recht – nach faireren, globalen Wirtschaftsgesetzen. Die Leute, die dort Gesetze kritisieren, demonstrieren und publizieren, glauben nicht, dass Gott diese Gerechtigkeit herstellen wird, sondern weltliche Politiker in irdischen Parlamenten. Sie treten – zugegeben manchmal in unangenehm besserwisserischen Ton – für soziale Grundrechte ein, sie glauben, dass letztlich alle Menschen (und nicht nur die Muslime) gleich an Würde sind.
Attac nimmt – global organisiert – also sehr effektiv an einem friedlichen politischen Diskurs Teil. Es ist eine gut vernetzte Pressuregroup, vergleichbar mit Amnesty, Greenpeace. Das mag manch einem, der zwar sonst gern Globalisierung und Flexibilisierung beschwört, nicht ganz so recht gefallen. Aber nicht jeder, der ein Che Guevara T-Shirt trägt, ist gleich ein Fall für den Verfassungsschutz.
09. Aug 2006
Der Fall Green Helmet: Wie Blogger im Libanonkrieg mit Halbwahrheiten Propaganda betreiben (für DIE ZEIT)

Pressefotografen als Handlager von Hisbollah? Die Fotos von der Bergung der
Kinderleichen in Kana – nur inszeniert? Bilder von Bombenruinen: gefälscht?
Renommierte Nachrichtenagenturen müssen sich dieser Tage vorwerfen lassen,
Teil von »Hisbollywood«, der Propagandamaschine der Islamisten, zu sein. Den
Vorwurf erhebt eine Kompanie von Bloggern und Hobbyjournalisten, die
es mit ihren Recherchen immer öfter in internationale Weltblätter und in politische
Kabinette schaffen. Ist ihnen zu trauen?
Diese Woche feierten Blogger etwa den »Kniefall« der Fotoagentur Reuters.
Auf einem Bild wurden Rauchwolken über dem bombardierten Beirut
dazugepixelt, auf einem anderen Foto Lichtpunkte zu einer israelischen F16
hinzugemogelt, die Raketen darstellen sollten. Reuters hatte diese
Manipulationen des Fotografen Adnan Hajj nicht bemerkt, obwohl eine eigene
Abteilung in Singapur Tausende Fotos auf solche »Bearbeitungen« sichtet. Die
Blogger hingegen stellten sogleich aufwändige Fotogutachten ins Netz. Der
Fotograf wurde gefeuert, seine Fotos sind gesperrt.
Die vergleichsweise harmlose Fälschung und ihre Enthüllung (die Angriffe
hatten ja stattgefunden, nur das Foto war zu langweilig) zeigt eine neue,
undurchsichtige Front im Bilderkampf. Reporter werden nicht nur von den
Propaganda-Abteilungen der Kriegsparteien ins Visier genommen, sondern auch
von einem Heer von »Watch-Bloggern«, die Bilder aus dem Netz googeln, um sie
zu checken. Ihr Vorteil: Viele professionelle Tagesmedien können wegen
Zeitdrucks die Arbeitsbedingungen von oft miserabel bezahlten und unter
Druck stehenden Agenturfotografen kaum noch überprüfen. Manchmal – siehe
Reuters – gelingen Bloggern Enthüllungen. Doch viele stilisieren sich in
diesem Krieg auch zu Medienrebellen, die »kommerziellen Medien«
anti-israelische oder gar antisemitische Berichterstattung nachzuweisen
versuchen. Bedenklich daran ist, dass sie auch in renommierten Zeitungen und
Online-Portalen ohne Gegencheck als Experten zitiert werden.
So kommt dieser Tage der stramm konservative britische Exsoldat Richard
North zu Weltruhm. Normalerweise würde sich wohl kaum jemand für sein
EU-kritisches Weblog eureferendum.blogspot.com interessieren. Doch North
verglich Fotos von den Bergungsarbeiten in Kana und spekulierte, dass die
Rettungsmaßnahmen nur Medientheater gewesen seien. Dahinter stünden wohl
Hisbollah-Agenten, die sich als Retter verkleiden: etwa ein Mann, den North
»Green Helmet« nennt. Der habe Kinder aus dem Schutt geholt, um sie in die
Kameras zu halten – ein Vorwurf, den vor Ort recherchierende Reporter
vehement bestreiten. Auffällig, so North, sei auch, dass Green Helmet schon
bei einem Angriff der Israelis vor zehn Jahren in Kana ein totes Kind in die
Kamera gehalten habe. Ein Indiz dafür, dass der Mann ein Hisbollah-Mann ist,
wie der Blogger vermutet?
Der Privatmann North löste jedenfalls mit ein paar Einträgen eine weltweite
Welle von Verschwörungstheorien aus, die sich nicht nur in Weltblättern sondern auch auf den Webseiten von ORF und Standard wiederfinden. Sie haben einen wahren Kern:
Journalisten können im Südlibanon oft nur unter der strengen Aufsicht von
Hisbollah arbeiten. Wie Fotografen berichten, wird mit Prügel bedroht, wer
Fotos von Katjuscha-Raketen oder Hisbollah-Kämpfern macht. Nur das
von Israel angerichtete Leid, nicht der Hisbollah-Terror soll sichtbar sein.
Aber sind deshalb Trauer und Wut ausgebombter Libanesen nur Islamo-Show, wie
nun in Zeitungen und von israelischen Politikern unter Berufung auf Norths
Weblog suggeriert wird? Die Jerusalem Post titelte unter Hinweis auf sein
Blog: »Die israelische Armee untersucht Vorwürfe, dass Hisbollah Teile der
Kana-Tragödie nur inszeniert hat«. Israelische Abgeordnete behaupteten
plötzlich, Hisbollah habe tote Kinder bewusst in den Keller gekarrt, um
damit internationalen Druck auf Israel auszulösen. Sogar die Leichenstarre
der Babys wurde erörtert. Dazu kam, dass auch der gefeuerte Reuters-Reporter
in Kana fotografierte. Selbst die angesehene Neue Zürcher Zeitung adelte den
Blogger plötzlich zu einem »Beobachter« des Krieges. Bild trieb das
Zitierkartell auf die Spitze: »Die Neue Züricher Zeitung nennt das Chaos aus
Schutt und Leichen (…) eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten.«
So wurden Vermutungen eines einsamen Bloggers zu Recherchen eines
Weltblattes.
Erst der stern brachte diese Woche den Gegencheck und enthüllt, dass »Green
Helmet« kein Hisbollah-Agent sei, sondern seit 10 Jahren beim
Katastrophenschutz arbeite. Salam Daher, so sein Name, habe ein totes Kind
für die Fotografen hochgehalten, um »endlich in Ruhe nach Überlebenden
suchen zu können«.
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