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Artikel, die mit ‘Europa’ beschlagwortet sind.
18. Nov 2009

Eine Auszeichnung

Gestern habe ich den europäischen Journalistenpreis “Writing for CEE gewonnen”. Hurra. Prämiert wurde von einer internationalen Jury meine Reportage über die Zustände hinter dem neuen Schengenzaun.
Hier noch einmal zum Nachlesen.
Europas neuer Zaun

In ukrainischen Lagern lässt die EU Flüchtlinge von sich fernhalten. Intellektuelle und Grenzbewohner beklagen einen neuen bürokratischen Vorhang. Eine Reise auf die andere Seite der neuen Schengengrenze.
Fotos: Heribert Corn
Ukraine%203.pngUkraine%202.pngUkraine.png Gerade haben die Inder die Pakistani im Kricket besiegt. Die Spieler tragen abgenutzte Soldatenmäntel oder unförmige Daunenjacken anstelle der Spielerdressen. Mit einem Holzprügel schleudern sie den Ball über den Morast. Die Männer spielen in der Nähe des altösterreichischen Dorfes Schönborn. Die Ortschaft liegt in der Ukraine. Das Spiel fand hinter Stacheldraht statt. Dieses Spiel spielen sie hier täglich, und das seit Monaten. Dabei hatten sie doch ein neues Leben im europäischen Paradies gesucht. Nun sitzen sie im Deportationscamp Pavshino.
  Valeriy Terekov beobachtet das Spiel jeden Tag. Er trägt einen Tarnanzug, als würde hier in diesem Lager Krieg herrschen. Wenn er spricht, blitzen seine Goldzähne. Auf seinem Kopf sitzt eine Mütze aus Kunstfell. Der bullige Mann, ein Boxertyp, bewacht für umgerechnet 150 Euro im Monat nun Einwanderer, die die EU von sich fernhalten will. Dabei hat er hier, in dieser ehemaligen Raketenbasis der Sowjets, nicht einmal Strom.
  Hundert Tage ist es her, seit Europas Regierungschefs bei Blasmusik die östlichen Grenzbalken durchsägten. Wo der Eiserne Vorhang den Ostblock begrenzte, gilt heute Tempo hundert. Das ist die schöne Seite dieses historischen Ereignisses, sie erzählt von der Demokratisierung des Ostens, von Freiheit, Mobilität und der Zähmung des Totalitarismus durch Wohlstand. Polen, Slowakei, Slowenien, Ungarn und die baltischen Staaten gehören heute alle zum Westen. Dafür beschützen sie nun Europas Grenze nach Osten. Die EU, vor allem auch Österreich, haben darauf gedrängt, dass dies „lückenlos“ geschieht.
  Ein paar Kilometer auf der anderen Seite dieser neuen Grenze steht nun Lagerleiter Terekov im Dreck. Er öffnet den Schranken des Lagers und sagt: „Sie haben zwei Stunden, sich hier umzusehen!“ Kaum sehen die Kricketspieler die Besucher, lassen sie die Schläger fallen und springen in ihren Plastiksandalen über die Pfützen des überschwemmten Gefängnishofes zum Schranken. Diese Sandalen haben sie tausende Kilometer weit getragen, bis hierher nach Pavshino. Am Schranken steht auch der ukrainische Militärsanitäter Viktor Verdivara. Ein zerknitterter Arztkittel spannt sich über seinen Tarnanzug. Er will sein kaltes Lagerlazarett zeigen. Er sagt: „Es können jederzeit Epidemien ausbrechen.“ Was er dagegen unternehmen kann? Verdivara schwenkt ein Fläschchen mit himmelblauer Desinfektionslösung und deutet auf einen angestaubten Mundschutz. Auch in der Sanitätsbaracke gibt es keinen Strom.
  Das Lager Pavshino liegt in Transkarpatien. Fünf Stunden sind es von Wien bis hierher. Einst trennte diese Gegend Habsburgs Reich vom Rest der Welt. Heute ist das slowakisch-ungarisch-ukrainische Ländereck das neue Einfallstor für Einwanderer, die von Nahost via Russland über die grüne Grenze nach Europa flüchten. 5000 werden jedes Jahr geschnappt. Viermal so viele wie vor drei Jahren. Sie hausten bis vor kurzem noch in Holzschuppen und Zelten. Jetzt leben 400 von ihnen in dieser Kaserne. Lagerleiter Terekov steht in seinem silbernen Dienst­container, einer Spende der EU, und sagt: „Dabei haben wir hier nur für halb so viele Platz.“
  Die Gefangenen draußen zupfen die Besucher am Ärmel, sie deuten auf schlecht verheilte Knochenbrüche, auf Narben. Wenn sie fluchen, zeigen sie ihre schlechten Zähne. Viele richtige Kriegsflüchtlinge sind darunter, nicht nur solche, die wirtschaftlicher Not entkommen wollten. Ein Iraker hebt seinen Armstumpf, eine Autobombe war’s, wie er mit amerikanischem Akzent erzählt. Er arbeitete für die US-Soldaten. Nach Schweden wollte er, wo seine Landsleute sofort Asyl bekämen.
  Die Internierten wirken in ihren Wollmänteln und Decken wie Kriegsgefangene, dabei herrschen hier gar keine Generäle, sondern nur von der EU überforderte ukrainische Bürokraten. Keiner von ihnen wird den Gefangenen Asyl gewähren, zumindest sagt das die Statistik. Dabei erzählen viele Männer hier von Folter in der Heimat. Dort waren einige von ihnen Doktoren und Ingenieure, hier fühlen sie sich „wie Hunde“ behandelt.
  General Terekov kann die Männer nicht verstehen, seine Soldaten brüllen nur ukrainische oder russische Kommandos über den Kasernenhof. Es gibt hier keine Dolmetscher, es verirrt sich nur manchmal ein Anwalt hierher, finanziert von der Caritas oder der ukrainischen Hilfsorganisation Neeka. Die sorgen hier dafür, dass es wenigstens Nahrung, Wasser und warme Kleidung gibt. Denn in den Baracken halten Fetzen statt Türen die Kälte fern, es riecht nach Rauch, Schweiß und Urin. Im Duschraum kauert ein Inder und schrubbt mit aufgeweichten Fingern seine Unterhosen im dreckigen Wasser. Seit zwei Jahren schon lebe er hier, weil ihn die Grenzwachen immer wieder geschnappt hatten, erzählt er. Zurück kann er nicht, ihm fehle das Geld. Das wenige, das er hatte, sei von den Wachen gestohlen worden.
  Lagerleiter Terekov sagt zu solchen Vorwürfen: „Diese Leute lügen doch alle!“ Doch die Missstände, von denen die Internierten erzählen, werden auch in Berichten des Europarats oder der amerikanischen Organisation Human Rights Watch erwähnt. Als „rechtliches Niemandsland“ bezeichnet das UN-Flüchtlingshochkommissariat dieses Camp fernab der Öffentlichkeit. „Gefangene dürfen alle drei Monate drei Minuten telefonieren“, informiert ein Schild im Lager.
  Es sind grundsätzliche Fragen, die sich hier am neuen Schengenzaun stellen.

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21. Aug 2007

Das Dorf und der Krieg

Gerade noch herrschten hier Mord und Vertreibung. Nun wird Kroatien Teil der EU. Ist der Hass schon Geschichte? Zu Besuch bei der Schriftstellerin Slawenka Drakulić, die Kriegsverbrecher bei Gericht besuchte.

Für die Reportagen-Serie “Ostwärts” des Falter. Foto: Veronika Hofinger
Drakulic.pngFriedlich scheint die Welt, die Slavenka Drakulić zu Füßen liegt. Sie steht auf ihrer Terrasse im winzigen Bergstädtchen Sovinjak und blickt hinunter auf Weingärten, Zypressen und Feigenbäume. Sie trägt schwarz, wie viele Frauen hier. Aber mit diesen goldenen Turnschuhen und ihren knallroten Ohrringen passt sie nicht so richtig in dieses verschlafene Dorf. Sie ist ja auch eine Städterin, eine Weltbürgerin. Die Nachbarn grüßen sie mit Respekt.
Drakulićs Blick schweift über kroatische Dörfer, die hier wie in einer Märchenlandschaft auf den Gipfeln der Berge hocken. „Da drüben“, sagt sie und deutet auf einen Hügel, „da liegt Zamask. Einst war eine Kette durch den Ort gespannt. Die markierte die Grenze zwischen Habsburgs Österreich und Venedig.“ Es leben kaum noch Menschen in diesen Dörfern im Hinterland Istriens. Stattdessen schleichen abends Katzenrudel über das Pflaster und nachts bellen Hunde, die hier nach Trüffeln suchen. Manchmal liegen sie am nächsten Morgen tot da – konkurrierende Clans von Trüffelsuchern schneiden ihnen die Kehlen durch. Viele Intellektuelle haben sich hierher zurück gezogen. Die Gegend hier ist liberaler, als der Rest Kroatiens. Der Krieg kam nicht bis hierher.
Bald wird dieses Land Teil der EU sein. Mit Kroatien wird – sieht man von Slowenien ab – erstmals eines jener Balkanländer aufgenommen, die im vergangenen Jahrzehnt Schauplatz waren für das große Morden im Jugoslawienkrieg. Hat die Gesellschaft die Greuel des Krieges aufgearbeitet? Die Vertreibungen der serbischen Nachbarn? Den Nationalismus? Die Bedrohung der Medien? Die zu Helden verklärten Kriegsverbrecher? Ist das schon wieder Geschichte oder noch Gegenwart in diesem Land?
„Weder noch“, sagt Slavenka Drakulić. Sie pflückt eine Feige, teilt sie in zwei Stücke und lässt sie wieder fallen – in ihr windet sich eine Made. Drakulić sagt: „Man muss genau hinschauen“. Drakulić, 58, ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihres Landes und hat in die Abgründe ihrer Heimat geblickt. Ihre Analysen leben von den vielen Reisen – vor allem in den Osten, wohin sie für eine große Reportage bald wieder aufbrechen will. Sie lebt nicht nur hier im Dorf, sondern auch in Zagreb, in Wien-Mariahilf und Stockholm. Sie ist mit dem schwedischen Journalisten Richard Swartz verheiratet. Ab und zu lehrt sie in den USA. Ihre persönlichen Erfahrungen im Kommunismus, aber auch ihr „Nomadenleben“ im westlichen Europa prägen ihr Werk. Wer mit ihr spricht, kann deshalb einiges erfahren über Kroatien, das erweiterte Europa und das abgrundtief Böse im Menschen. Vieles in diesem Land erinnert auch ein wenig an Österreichs Nachkriegsgeschichte: die Verdrängung, die Opferrolle, die Glorifizierung der Kriegsverbrecher zu Helden.
Slavenka Drakulić wohnt

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