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10. Apr 2006

Der neue Drogenbericht – Rückkehr ins Mittelalter

224 Drogentote – überrascht? Einen »Rückfall ins Mittelalter« prophezeite kurz nach der blauschwarzen Wende, der damalige Wiener Drogenkoordinator Peter Hacker. Vermehrt würden Suchtkranke nun wieder im Zuchthaus, nicht aber im Spital landen. So kam es auch. Der blaue Justizminister verschärfte die Gesetze. Drogenkranke wurden von der Polizei verstärkt durch die Stadt getrieben, schneller und länger eingesperrt. Sogar auf Jugendliche Kiffer, so hält der Drogenbericht fest, wird wieder Jagd gemacht, um sie vor Gericht zu stellen.
Konsequenz: Streetworker verloren den lebensrettenden Kontakt zu ihren Klienten. Sie beklagten, keine Erste Hilfe mehr leisten zu können, da sich Süchtige zum Fixen immer öfter in ihre Wohnungen verkriechen. Die Forderung der Experten nach kontrollierter Abgabe harter Drogen in hygienischen Fixerstuben verhallte ungehört – obwohl genau das in anderen Städten hilft.
Der neue Drogenbericht des Gesundheitsministeriums präsentiert die Rechnung: 224 Tote, darunter viele Jugendliche und Mädchen. Viele ersticken am Erbrochenen, weil niemand half. Zum Vergleich: 1997 starben nur rund 160 Menschen. Noch ein Problem wird akut: Die drogenverseuchten Gefängnisse sind dramatisch überfüllt. Die Hepatitis C-Rate liegt dort bei 60 Prozent und die HIV-Infektionen steigen seit langer Pause wieder an. Was geschehen soll? Drogensucht muss endlich als psychische Krankheit erkannt und entsprechend behandelt werden. Und zwar von Ärzten – nicht von Richtern. (in DIE ZEIT, 16/06)