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Artikel, die mit ‘Bawag’ beschlagwortet sind.
27. Feb 2009

Lasst Helmut Elsner frei….

…und legt ihm eine elektronische Fußfessel an
Soll Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner aus der U-Haft entlassen werden? Seine Anwälte fordern es, progressive Staatsanwälte halten es (in Hintergrundgesprächen) für angemessen. Gattin Ruth bettelt in Medien förmlich darum. Ihr Mann sitzt tatsächlich zu lange. Über zwei Jahre hält ihn die Justiz nun fest, so lange dauert sein Strafprozess, der in erster Instanz (nicht rechtskräftig) mit neuneinhalb Jahren Haft wegen Betrug und Untreue endete.
Man muss kein Mitleid mit dem herzkranken Choleriker und Raffzahn haben. Immerhin hat der überhebliche Bankier gemeinsam mit seinem Exfreunderl Wolfgang Flöttl laut Urteil fast eine Milliarde Euro verzockt, sich selbst erheblich bereichert und die Bawag verspielt.
Doch die U-Haft ist mittlerweile unangemessen. Elsner gilt als unschuldig, denn schuldig wäre er erst bei rechtskräftiger Verurteilung. Er mag in seine Herzkrankheit flüchten und später auf Haftunfähigkeit plädieren, doch das ist rechtlich gesehen kein U-Haftgrund. Verdunkelungs-, Verabredungs- und Tatbegehungsgefahr (die anderen drei Haftgründe) sind bei ihm auch auszuschließen.
Bleibt die Fluchtgefahr. Elsner könnte ins Ausland abhauen – doch das kann man durch horrende Kautionen erschweren. Und noch eine Sicherung könnte man einführen: die elektronische Fußfessel für U-Häftlinge. Bei Straftätern wird sie längst verwendet, wieso nicht auch bei Verdächtigen?
Die Justizministerin könnte eine entsprechende Reform anregen – sie käme auch anderen U-Häftlingen zugute, die viel zu lange einsitzen. Dann hätte Claudia Bandion-Ortner Helmut Elsner nicht nur verurteilt, sondern auch befreit.

10. Feb 2009

Fall Haidinger: Innenministerium gegen Innenministerin


Maria Fekter suspendierte ihren Kritiker Herwig Haidinger. Rechtswidrigerweise, wie ein Bescheid ihres Hauses nun moniert.
(für Falter. Foto: Martin Fuchs)
Haidinger%20Fuchs.jpg Ein Jahr ist es nun her, dass der abgesetzte Kripo-Chef Herwig Haidinger im Café Eiles saß, um sich auf seinen wichtigsten Auftritt vorzubereiten. Vor dem Nationalrat packte er dann erstmals aus: über Pannen im Fall Natascha Kampusch, über üble Seilschaften in der Polizei und über parteipolitisch motivierte Indiskretionen rund um die Ermittlungen in der Bawag-Milliardenpleite.
Maria Fekter war damals noch Volksanwältin. Sie muss irritiert gewesen sein. Herwig Haidinger war einer ihrer engsten Parteifreunde aus Oberösterreich. Nun stürzte er die ÖVP und ihren Innenminister Günter Platter in eine Krise. Das verzeiht ihm die Partei nie.
Haidingers Enthüllungen hatten einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Folge. Er enthüllte hässliche Usancen im Innenressort, penibel dokumentiert in gestohlenen Emails des ehemaligen Innenministers Ernst Strasser. Mal ließ sich ein Klüngel im Ministerialkabinett vom Waffenlobbyisten Alfons Mensdorff Pouilly zu Jagden aufs schottische Luxusschloss laden (derweil der unter Korruptionsverdacht stand), dann schob man sich Posten zu oder intervenierte nach eigenen Alko-Fahrten.
Die Justiz ermittelt in all diesen Fällen noch immer – Haidinger aber, mittlerweile in die Sicherheitsdirektion verschoben, wurde am 12. November von der nunmehrigen Innenministerin Maria Fekter „vorläufig suspendiert“. Den Ausschlag gaben ein profil-Interview und eine Pressekonferenz ehemaliger Spitzenbeamter (die Haidinger nur als stummer Zeuge besuchte), in der heftige Kritik an den autoritären und unprofessionellen Zuständen und dem Politfilz im schwarzen Innenressort geübt wurde.
Fekter reichte es. Doch anstatt die Kritik zu entkräften, servierte sie Haidinger ab. Er habe, so tönte sie, „das Ansehen des Ministeriums“ geschädigt und Weisungen missachtet. Im übrigen habe er ihr ein kritisches Email geschrieben – eine Missachtung des Dienstweges.
Bei vollen Bezügen solle sich ihr Parteifreund lieber im Garten in Wien Breitenlee Rosen züchten, anstatt sie, Fekter, zu kritisieren. Haidinger aber sagte: „Ich fordere eine Änderung der Umgangsformen im Innenministerium. Menschen müssen offen ihre Meinung sagen dürfen, ohne dafür verfolgt zu werden. Wo sind wir denn?“
Nun hat Haidinger diese „Änderung der Umgangsformen“ erreicht –mit Hilfe des Innenministeriums. Mit Unterstützung seines Anwalts Alfred Noll setzte er bei der Disziplinarkommission nicht nur eine Aufhebung der Suspendierung, sondern auch eine sofortige Einstellung des Disziplinarverfahrens in fünf von sechs Fakten durch. Für eine Außer-Dienststellung Haidingers, so urteile die Oberrätin Ingrid Sperl, gebe es keinen Grund. In einem Fall, so monierte sie, sei Haidinger sogar eine kritische Äußerung eines anderen Beamten (des ehemaligen Sektionschefs Wolf Szymanski) zum Vorwurf gemacht worden. „Ein Beamter“, so Sperl, „kann aber nur für sein Tun oder Unterlassen zur Verantwortung gezogen werden“.
Haidinger fühlt sich nun bestätigt: „In 33 Jahren Dienst habe ich mich nie einschüchtern lassen, von niemandem. Diese Entscheidung zeigt mir, dass ich Recht getan habe“. Anwalt Noll kritisiert, dass Fekter „auf der juristischen Niederlage sitzen bleibt“. Für jeden angehenden Juristen sei erkennbar gewesen, dass es für eine Suspendierung keinen Grund gibt.“ Nun sei zu klären, wer für die „Verschleuderung von Steuergeld“ aufkomme.

08. Jul 2008

Die Genossen Flöttl

Großvater Karl saß als Arbeiterführer im KZ. Vater Walter machte die Arbeiterbank mächtig. Sohn Wolfgang verspielte sie. Der abenteuerliche Aufstieg und Fall der Familie Flöttl.
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(Karl Flöttl (dritter von links) bei einer Arbeitstagung des ÖGB im Jahr 1946, Foto: ÖGB-Archiv)
Woran Wolfgang Flöttl vergangenen Freitag wohl gedacht haben mag, als er im überfüllten Marmorsaal durchgeschwitzt seinem Urteil lauschte? An die Karibik-Turns mit seiner Yacht „Anne-Barbara“, benannt nach seiner Frau, der Enkelin von US-Präsident Eisenhower? An den rosa Hummer im Four Seasons, den der Spekulant mit Helmut Elsner verspeiste? An die Fahrten im weißen Rolls Royce, an den Butler in Tuckers Town, Bahamas. Oder an sein Anwesen, das Haus dass er Michael Jackson weggeschnappt hatte. Nun war er Silvio Berlusconis Nachbar. Vorbei, dieses Leben. Jetzt steht er hier im Grauen Haus, Wien Wickenburggasse, Großer Schwurgerichtssaal, oben auf der Galerie steht Anne Barbara, Wolfgang Flöttl dreht sich immer wieder nach ihr um.
Vielleicht dachte Wolfgang Flöttl während der einstündigen Urteilsverkündung auch kurz an seinen Großvater Karl. „Es gibt viele Beispiele großer Gesinnung in dieser verrohten Welt. Ein solches Beispiel erleben wir in Karl Flöttl, der immer seinen Grundsätzen treu geblieben ist“, heißt es in einer Gewerkschaftszeichnung.

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19. Feb 2008

Der gejagte Jäger

Martin Kreutner bekämpft Korruption in diesem Land. Doch die Öffentlichkeit
misstraut ihm. Über die Welt eines Unbequemen, der mehr Unabhängigkeit braucht.

für Falter, Foto: Heribert Corn
normal_ki34.jpg Martin Kreutner sitzt jetzt in seinem großen Büro in der Meidlinger Polizeikaserne und sagt: „Die Arbeit der letzten Jahre wurde zerstört.“ Hinter ihm an der Wand Fotos aus vergangenen Tagen. Ein Bild zeigt ihn als jungen Uno-Soldaten, am Seil eines Hubschraubers in der Luft baumelnd. Er, der sein Studium durch Arbeit beim Heer finanzierte, hat sich nach oben gearbeitet – durch seine Ermittlungen gegen Polizisten und Politiker jeder Couleur. Schon bei der Uno meldete er Korruption – und machte sich damit Feinde.
Die hat er jetzt auch in Österreich. Kreutner arbeitete für den DDR-Geheimdienst, für Ceaus¸escus Schergen, für Kottans Truppe und für die ÖVP. Das liest er dieser Tage über sich in der Zeitung. Im Auftrag der ÖVP soll Kreutners „Büro für interne Angelegenheiten“ (BIA) Vranitzkys Schwiegermutter bespitzelt haben, so das profil. Seine Behörde sei die „Stasi pur“, analysierte Hans Rauscher im Standard. Seine „Spitzelmethoden sind eines Rechtsstaates unwürdig“, sagt SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim. Er sei „nichts anderes, als die Securitate“, ergänzt das BZÖ. „Suspendiert ihn!“, fordert die FPÖ.
Eine ungewöhnliche Allianz hat sich da zu einem Anklagechor gegen Kreutner, Chef der Antikorruptionstruppe BIA, zusammengefunden. Journalisten spitzen ihre Geschichten zu. Die Blauen hetzen gegen einen Ermittler, der auch Folterpolizisten hart anfasste. Haiders BZÖ erinnert sich an Kreutners Ermittlungen in der Klagenfurter Stadionaffäre. Die SPÖ hat Sorge um das Ansehen ihres Altkanzlers Vranitzky, der vom Bawag-Pleitier Wolfgang Flöttl 70.000 Euro für eine „telefonische Beratung“ einstreifte und deshalb vom BIA vernommen wurde. Über all dem schweben die Aussagen von Herwig Haidinger, dem abgesetzten Chef des Bundeskriminalamts (BKA), der die Chefetage im Innenministerium kürzlich des Geheimnisverrats bezichtigte. Jetzt herrscht der Eindruck, Kreutner selbst habe keine weiße Weste.
Stimmen die Vorwürfe? Wer streut sie aus welchen Motiven? Wieso vergleichen ihn sogar renommierte Medien mit osteuropäischen Folterpolizisten?

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29. Aug 2007

Die verlorene Ehre

Es gibt ein paar Gesetze, die wir Journalisten auch aus Gründen der Ehre einhielten. Erstens: das Privatleben von Politikern ist tabu – soferne sie es nicht freiwillig an die Medienöffentlichkeit zerren. Zweitens: die Familienangehörigen von Politikern oder hohen politischen Beamten lassen wir in Ruhe – es sei denn, sie drängen mit korruptem Verhalten in die Medien. Drittens: in Gerichtsverfahren enthalten wir uns der Schuldfrage, weil wir vor allem die Laienrichter nicht beeinflussen wollen. Kdolsky, Kampusch, Strache, Elsner – in allen diesen Fällen wurden diese Gebote der Anständigkeit vergangene Woche verletzt. Das Schlimme daran: es verursacht Kollateralschäden. Plötzlich werden völlig unbeteiligte Privatleute ins Rampenlicht gezerrt, die sich nur die Nähe zu Politikern zu Schulden kommen haben lassen. Da kommt die betrogene Ehefrau des neuen Minister-Lovers mit Foto in “Österreich”. Da wird darüber spekuliert, mit wem es Straches Exfrau wann und wo trieb und wen Kampusch küsste. Und das Urteil Elsners wird sogar auf dem Titelblatt von profil diskutiert. Wir erleben eine schleichende Zerstörung des Ehrenkodex der Presse.

03. Aug 2007

Alleine gegen das Geld

Der Fall Bawag zeigt, warum wir endlich einen unabhängigen und gut bezahlten Korruptionsstaatsanwalt brauchen.( für Falter)
Braucht Österreich eine Antikorruptions-Truppe? Bawag-Ankläger Georg Krakow könnte Auskunft geben. Doch der schwitzt in seinem dicken Wolltalar im schwülen Schwurgerichtssaal. Vor ihm plagen Helmut Elsner erste Erinnerungslücken, daneben lauert eine Armada von fünfzehn hoch bezahlten Strafverteidigern auf einen Fehler des Staatsanwalts. Vergebens. Krakow machte in den ersten Wochen des Prozesses erstaunlich gute Figur. Er kennt den zehntausend Seiten starken Akt, er führt die schwierigsten bankrechtlichen Kreuzverhöre durch und versucht einst hoch angesehene Bankmanager als Milliardenbetrüger zu entlarven.
Krakow ist eine Ausnahmeerscheinung. In Wahrheit müsste er längst verzweifelt zusammenpacken. Die Korruptionsspezialisten in der Staatsanwaltschaft sind nämlich überlastet, politischen Wünschen ausgesetzt und obendrein die am schlechtesten bezahlten Wirtschaftsspezialisten des Landes. Krakow verdient gerade einmal 2400 Euro netto –weniger als Helmut Elsner an einem Tag einstreifte. Überstunden werden ihm nicht vergütet, nur ausnahmsweise hat ihm das Ministerium für die Bawag-Causa eine eigene Kanzleikraft „beigestellt“. Kein Wunder, dass Krakows Chef, der Wirtschaftsstaatsanwalt Ronald Schön, sein Gehalt mit lukrativen Nebenjobs im Hinterzimmer einer Anwaltskanzlei aufbesserte.
Die Causa Bawag ist nicht nicht der einzige Fall, den Krakow dieser Tage federführend betreut.

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24. Jul 2007

Schuld und Bühne

BAWAG PROZESS/ DIE ERSTE WOCHE
„Wir haben es nur für die Bank getan.“ Helmut Elsners Mitarbeiter erzählen über ihr Leben – und kämpfen vor Gericht um ihre Freiheit. Mit Argumenten, die man nicht so einfach vom Tisch wischen kann. (für Falter)
Es ist Donnerstag, der vierte Prozesstag. Die Hitze drückt im marmornen Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts. Die Richterbank wirkt wie eine Bühne. Sogar eine Galerie gibt es hier – von ihr Blicken höchste Ankläger und Politiker. Helmut Elsner, der gefallene Bawag-General spricht in ein Funkmikro, das wie ein billiges Radio durch Handys gestört wird. „Wir hören nichts!“ rufen die Reporter. In Elsners Nase wird von den Ärzten später ein Plastikschlauch gesteckt, durch den er Sauerstoff aus einer Metallflasche saugt. Er hat den Kragen geöffnet, weil er zu wenig Luft kriegt, wie er sagt.
Elsner will als freier Mann zu diesem Prozess gehen – so wie die anderen acht Angeklagten.
Sein Anwalt Wolfgang Schubert hat deshalb schon wieder einen Enthaftungsantrag gestellt. Er suggeriert, dass Elner nur aufgrund der Medienhatz und eines gefälschten News-Fotos im Gefängnis sitzt. Schubert erzählt auch, wie die Ärzte den Bankier „wie eine Leiche“ auf dem Krankenbett zudeckten, um ihn an den Paparazzi vorbeizurollen.
Doch Elsner schläft auch diese Nacht im Grauen Haus, denn die Richterin hat Angst, dass er, wenn schon nicht in seine Villa im französischen Mougin, so zumindest in die Krankheit flüchten könnte. Seine Tochter und seine erste Frau winken ihm zu. Es sind die einzigen, die ihn hier unterstützen. Es plagt sie wohl der Gedanke, dass er das Gefängnis vielleicht nie mehr verlassen wird. So streckt Elsner also weiter seine Socken den Fotografen entgegen. Er muss die Beine auf einem Stuhl hochlagern, weil sie nach der Bypass-Operation anschwellen. Jeden Tag dürfen die Reporter den einst mächtigsten Bankboss der Stadt in dieser misslichen Lage ablichten. Über die Fotos schreiben sie dessen eigene Worte: „Nachher ist man klüger!“
Man muss wohl noch einmal von ganz vorne beginnen, um diesen Prozess zu verstehen. Bei der Herkunft jener Manager, die die Bawag in den Abgrund führten und die von totalitären Strukturen umgeben waren. Man muss sich der Einschüchterung von externen Kritikern widmen. Vielleicht wird dann klarer, wieso diese Bankiers nur noch schwer unterscheiden konnten zwischen einem Geschäftsrisiko und dem kriminellen Missbrauch anvertrauten Milliardenvermögens.
Die Welt „von denen da oben“ verstehen lernen – das will wohl auch Richterin Claudia Bandion-Ortner. Deshalb lässt sie die Angeklagten in der ersten Prozesswoche über Herkunft, Vermögen und ihr Leben in der Bank berichten. Nun wissen alle, dass Helmut Elsner und die meisten der Angeklagten aus ärmlichen, kinderreichen Familien stammen, in denen sich „die Mutter alles absparte“, wie Elsner sich erinnert. Man erfuhr, dass viele sich ihr ganzes Leben hochdienten in der autoritären Arbeiterbank, die sie die„Familie“ nannten. „Ich wurde elfmal gekündigt“, sagt der Angeklagte Johann Zwettler, Elsners Nachfolger „sie können sich die Zustände heute gar nicht vorstellen!“ Erwachsene Bankiers mussten sich anschreien lassen, wenn sie kein Sakko trugen oder Verträge nicht mit blauer Tinte Verträge unterfertigten.
Helmut Elsner wurde 1935 geboren. Nach dem Krieg, in dem sein Vater Josef gefallen war,

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19. Jul 2007

Das Bawag-Prozess-Tagebuch: Tag eins

Nur auf Rot gesetzt
Bawag-Prozess. Der erste Tag: Helmut Elsner wurde von den Medien gedemütigt. Jetzt lässt er die Golfhose in der Zelle – und gibt am ersten Prozesstag den liebevollen Großvater. (für Falter)
Als er am Montag erstmals den Gerichtssaal betritt, wird es fast andächtig still auf den Zuschauerrängen. Das ist er also. Elsner, Helmut, geboren am 12. Mai 1935, Beruf Pensionist, Gattin Ruth, Eltern Frederike und Josef, keine Vorstrafen, Adresse Tuchlauben, Zweitwohnsitz in Frankreich. Vom steirischen Vorzeige-Filialleiter zum Bawag-General hochgestiegen und nun als Ekel der Nation angeklagt, 1,5 Milliarden Euro veruntreut zu haben – das Jahreseinkommen von 50.000 durchschnittlichen Österreichern, wie der Staatsanwalt penibel vorrechnet.
Nein, Elsner wirkt nicht geknickt, wie die anderen angeklagten Bawag-Vorstände und er gibt sich – zumindest am ersten Prozesstag (bei Redaktionsschluss) – auch nicht überheblich. Die karierte Golfhose, die er noch im Parlament trug, hat er in der Zelle gelassen. Stattdessen feines mausgraues Tuch. Ein wenig verströmt er die Aura eines stillen, ahnungslosen, ja, fast verwirrten Großvaters, der sich gerne in der französischen Villa um seine Familie kümmern würde, anstatt hier mit gesperrten Konten vor Fotografen zu sitzen, die vor ihm am Boden kriechen, um seine grauen Socken abzulichten, die in weißen Sandalen stecken. Elsners Füße sind angeschwollen in der karibischen Hitze, die draußen die Stadt lähmt – eine Folge der Bypass-Operation. “Sie sollten sehen, wie er mit seinem Enkel spielt”, sagt sein Anwalt. Als es um seinen Kontostand geht, verwechselt Elsner sogar Millionen mit Milliarden. Es ist eben nicht leicht für einen Pensionisten, hier den Überblick zu behalten. Vor allem, wenn man minutenlang angeblitzt wird.
Ein Gerichtsdiener hatte nämlich kurz zuvor das Holzgatter geöffnet, das den Zuschauerbereich von der Beschuldigtenbank trennt. In kleinen Gruppen wurden die Kameraleute in das Gehege der neun Bawag-Angeklagten und ihrer 15 Verteidiger geführt. Erstaunlicherweise ersparte das Gericht Elsner die erniedrigende Vorführung in Handschellen, der bei gewöhnlichen U-Häftlingen noch immer üblich ist. Eine entschuldigende Geste vielleicht? Eine Medienrichterin hatte gerade festgestellt, dass Elsner aufgrund eines gefälschten News-Fotos, das ihn angeblich im Porsche zeigt, in U-Haft kam. Selbst die Instanz merkte gar nicht, dass jemand anderer im Sportwagen saß – und schrieb “Fluchtgefahr” in den Haftbefehl.
Nein, Helmut Elsner wurde vom Boulevard nicht vorverurteilt, sondern gedemütigt. Es gab nicht nur Abstimmungen und immer wieder Volksjustiz über seine Schuld – die Österreicher, allen voran die Kärntner und ihr minimo lider, hätten Elsner wohl am liebsten aus der Reha-Klinik deportiert. Einen “schlechten Stil” nennt das der junge Staatsanwalt Georg Krakow, der selbst nach Elsners Verhaftung der hilfreichen SPÖ-Justizministerin Maria Berger ewig lange im Blitzlicht die Hand schüttelte. Gerichtsverfahren sind mit gutem Grund öffentlich. In Österreich aber werden sie auch von und für die Öffentlichkeit gemacht.
Wen wundert solches Theater? Zu anmaßend waren Elsners Auftritte und sein Versteckspiel in Frankreich, zu historisch das Disaster, das ihm angelastet wird. Der Boulevard knickte nicht ein vor Elsners rüder Art, das machte nur der legendäre Bawag-Vorstand, den er zusammenbrüllen und mit Millionenklagen bedrohen konnte.
Kritik hörte einer wie Elsner offenbar nicht so gerne. Heute muss er sich ins Gesicht sagen lassen, dass er seine Bank und damit den gesamten ÖGB “fast zu Grunde gerichtet” hatte. Elsner und sein Vorstand hätten bei den sogenannten Karibik-Geschäften – unter listiger Umgehung sämtlicher Kontrollinstanzen – dreimal auf “Rot” gesetzt und dem Spekulanten Wolfgang Flöttl fast 1,4 Milliarden Euro überantwortet. Immer wurde das Geld verspielt. “Jedermann hält es für möglich, dass auch Schwarz kommen kann”, sagt Krakow, setzt er trotzdem, dann sei auch “der Schädigungsvorsatz gegeben”. Zu Beginn aus Ehrgeiz, “später aus Angst, der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen”, habe Elsner gespielt. Der Vorstand wiederum habe alles abgenickt, aus Angst, aber auch aus krimineller Energie.
Selbst der angeklagte Wirtschaftsprüfer habe, anstatt zu prüfen, Elsner dabei assistiert, die Verluste mit rechtlichen Tricks zu verheimlichen – damit weitere Mittel nachgeschossen werden. Und schließlich habe Elsner auch noch einen Bonus von rund 500.000 Euro, sowie eine Pensionsabfindung “betrügerisch ins Trockene gebracht”.
In den kommenden Wochen werden die Bawag-Vorstände ihre Version darlegen. Die Anwälte deuten schon an, in welche Richtung es gehen wird: der Bawag-Vorstand sei eine “Familie” gewesen, die nur das Beste wollte und von Elsner gelegt wurde. Ein Anwalt sagt: “Die Arbeiter wollten billige Kreditzinsen und hohe Sparzinsen von ihrer Bank. Irgendwo musste das Geld ja verdient werden”.
Eine sozialdemokratische Rentner-Gemeinschaft also, die heute selbstlos von schmalen ASVG-Pensionen lebt, ein paar “Vorsorgewohnungen” angespart hat und mit schmalen Sparbüchern auskommen muss, wie viele der Beschuldigten erklären. Elsner wiederum wird den Ball an den Aufsichtsrats-Chef Günter Weniger spielen, den Elektromonteur, der es zum ÖGB-Finanzchef gebracht hat und in alles eingeweiht gewesen sei. Als mildernden Umstand macht Weninger seine Ahnungslosigkeit geltend. Der Spekulant Flöttl wird sich damit verantworten, dass er vor dem hohen Risiko seiner Geldgeschäfte im Kleingedruckten seiner Verträge warnte. Zurück bleibt der ÖGB, dem von den 3,2 Milliarden Euro Kaufpreis, um den die Heuschrecke Cerberus die Bawag kaufte, nur etwa 50 Millionen verblieben. Der Rest ging für die Abdeckung der “Altlasten” drauf. Alles also nur ein Spiel? Das ist eine Version, die die Anwältin des ÖGB in ihrem Plädoyer noch immer bezweifelt. Sie hofft, die Spur des Geldes aufnehmen zu können, weil sie vermutet, dass solche Summen nicht nur einfach verzockt wurden, sondern vielleicht irgendwem zugespielt worden sein könnten. Helmut Elsner hört diesen Worte gelangweilt zu. Immer wieder blickt er auf seine geschwollenen Beine, als ob nichts wäre. Neben ihm am Boden steht eine buntkarierte Plastiktasche von Wolfgang Flöttl, wie Pensionisten sie verwenden. Es sieht fast so aus, als ob die Rentner-Gang anschließend noch ins Gänsehäufel gehen wollte.

11. Jul 2007

Schön war’s

Warum Bawag-Ankläger Ronald Schön, einer der mächtigsten Wiener Staatsanwälte, völlig überraschend demontiert wurde. (für FALTER)
Weil er seine Anklagen schnell, präzise und schonungslos verfasste, nannten sie ihn „Staatsanwalt Kalaschnikow“. In seinem Büro im Wiener Landesgericht türmten sich die Akten der größten Wirtschaftsverbrecher. Dahinter stand ein Piano. Auf dem Klavier spielte Ronald Schön, 63, gerne Mozart. „Zum Leidwesen meiner Zimmernachbarn“, wie der Opernenthusiast einmal gestand.
Die Zimmernachbarn haben nun Ruhe. Vergangene Woche verschwand Schön in den Krankenstand. Kurz zuvor wurde er als Leiter der sogenannten „Wirtschaftsgruppe“ abgesetzt. Man habe Schöns Treiben lange zugesehen, sagt ein Kollege, doch diesmal habe es „der Ronni“ so richtig übertrieben. Ein anderer Hofrat sagt: „Mir rutscht keine Träne aufs Gilet. Endlich ist er weg.“
Ronald Schön war bis vor kurzem der Chef jener mächtigen Abteilung im Grauen Haus, die sich um Korruptionsfälle kümmert. Gerhard Rieger, Peter Rosenstingl, Bela Rabelbauer – sie alle standen als Angeklagte vor dem bekennenden CV-Mitglied. Kommenden Montag hätte Schön mit Staatsanwalt Georg Krakow die Anklage in der Causa Bawag vortragen sollen. Doch dazu wird es vermutlich nicht kommen. Schön wird nach seinem Krankenstand wohl „in die Pension hinübergleiten“, wie ein Hofrat im Justizpalast hofft. Die Zeitungen widmeten Schöns Abgang nur kurze Notizen, sie sprachen von einem „Paukenschlag in der Causa Bawag“. Doch die Hintergründe der Versetzung des mächtigen Anklägers haben offenbar nichts mit der Gewerkschaftsbank zu tun.

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20. Feb 2007

Die Hatz auf Elsner, Forts.

Die Hatz und die Hetz mit dem herzkranken Elsner geht weiter, wie man hier nachlesen kann. Jeanné will jetzt sowas wie der Wagner in der Bild sein. Klappt noch nicht ganz. Und die Justizministerin wünscht sich von der unabhängigen Gerichtsbarkeit einen Prozessstart im Frühjahr. Hoffentlich wünschen sich Politiker später nicht ganz andere Dinge von der Richterschaft. Einen schönen Kommentar dazu hat Eugen Freund für den ORF verfasst.

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