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03.09.06

Nataschas Welt

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Wie der Wiener Ingenieur Wolfgang Priklopil, ein zehnjähriges Mädchen raubte und acht Jahre gefangen hielt. Eine Spurensuche in Wiens Vorstadt.

(für DIE ZEIT)

Am Mittwoch voriger Woche, kurz vor 21 Uhr, kletterte der 44-jährige Ingenieur Wolfgang Priklopil auf einen Bahndamm in der Nähe des Wiener Wurstelpraters. Er kniete nieder und legte seinen Kopf auf das Gleis. Die Passagiere der heranrasenden S-Bahn gaben später zu Protokoll, »einen leichten Rucker« verspürt zu haben. Zeitungen druckten tags darauf das Foto eines müde lächelnden Mannes mit Seitenscheitel und bis oben zugeknöpftem Hemd. »Diese Bestie«, schrieb die Kronen Zeitung, habe sich »selbst gerichtet«.
An den Stammtischen rund um die Rennbahnwegsiedlung, einem gigantischen Wohnlabyrinth im zersiedelten Norden Wiens, bedauerten tags darauf viele Bewohner Priklopils Freitod. Sie überboten einander bei der Erfindung der grausamsten Hinrichtungsarten, die dieser Mann stattdessen verdient gehabt hätte. Man sah in jener Gegend aber auch Kerzen in den Fenstern. Und Mütter, die vor Freude weinten.
Wenige Stunden vor seinem Tod raste Wolfgang Priklopil mit seinem weinroten, 300 PS starken BMW von seinem Elternhaus im Dorf Strasshof das letzte Mal Richtung Wien. Die Polizei jagte ihn, er entkam. Den Wagen ließ er in einer Tiefgarage.
Ein junges Mädchen hatte

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12.07.06

Stoff vom Staat

In Deutschland sind jetzt auch Konservative für eine neue Drogenpolitik. Heroin vom Staat - das hat sich in Hessen bewährt. Mehr hier.

27.06.06

Wenn Freunde schweigen

Im BND-Untersuchungsausschuss wird viel geschwiegen. Warum nur? (Für die ZEIT)

Wäre alles mit rechten Dingen zugegangen, dann könnte einer wie Khaled El-Masri hier wohl kein Mitgefühl erwarten. In Jugendtagen hatte sich der Libanese mit deutschem Pass bei militanten Islamisten im Umgang mit der Waffe ausbilden lassen. Dann war der Kraftfahrer nach Ulm geflüchtet, wo er ausgerechnet jene Islamisten zu seinen Bekannten zählte, denen Kontakte zu Terroristen vorgeworfen werden. Khaled El-Masri, das steht fest, ist unbescholten, aber nicht unpolitisch.
Vergangenen Donnerstag herrschte dennoch betroffene Stille im Sitzungssaal des BND-Untersuchungsausschusses. Khaled El-Masri musste nämlich raus auf den Balkon, „um sich zu fangen“.

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23.06.06

An die Grenzen

Sie trennt Ost von West, Arm von Reich, und sie wird immer strenger bewacht. Bald wird die EU-Außengrenze von Österreich weg Richtung Osten wandern – und mit ihr eine abenteuerliche Schicksalslinie. Ein Bericht vom Leben, Hoffen, Sterben und dem Recht an der Grenze.


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I.Am Dorffriedhof von Leopoldschlag liegt ihr namenloses Grab. Keine Inschrift verrät, woher sie kam und wohin sie wollte. Die Mühlviertler Zeitungen berichteten von einer „zierlichen Asiatin“, die angeblich „im Sumpf des Populismus“ stecken blieb. „Die Geschichte ging an meine Grenzen“, erinnert sich Chefinspektor Franz Grubauer, ein rechtschaffener Gendarm, der hier an der tschechischen Grenze seit 1971 Dienst versieht. Aus der Lade des Wachzimmertisches kramt er jenen Bericht hervor, den er über das „Drama an der Grenze“ verfasst hatte. Ein Foto zeigt die Tote. Da liegt sie, ohne Schuhe, im Gras, ihre Hand umklammert die Handtasche. Schlepper hatten die Frau in einer stürmischen Nacht versehentlich in das Sumpfgebiet beim Grenzfluss Maltsch getrieben. Nach einem Schwächeanfall brach sie zusammen, schleppte sich noch Stunden am Boden dahin, gab dem Schlepper ihr letztes Geld. Der nahm ihr auch noch zwei Goldringe vom Finger. Am nächsten Tag fand ein Jäger die Leiche der Frau, gleich neben einer Tafel mit der Warnung: „Achtung, Staatsgrenze!“.
Wer diese Staatsgrenze unbefugt überschreitet, begeht rechtlich gesehen bloß einen Verwaltungsdelikt. Strafdrohung: rund fünfzig Euro. Die Exekutive aber nennt die Grenzgänger „Illegale“ und betrachtet sie mitunter wie Angehörige einer feindlichen Macht. Eine Meldung der Gendarmerie: „Vier Illegalen gelang es, den Fluss zu durchschwimmen. Ein Somali ist ertrunken, einer erlitt Erfrierungen. Ihr Verhalten zeigt eine besondere Ignoranz der österreichischen Gesetze und eine Störung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit.“
Die Gendarmerie schafft die Sicherung der Grenzen nicht alleine. 295.000 Rekruten mussten dem Innenministerium in den letzten 15 Jahren beim sogenannten „Assistenzeinsatz“ im östlichen Teil der Schengengrenze dienen. 19 davon setzten sich während dieses Dienstes die Waffe an den Kopf und drückten ab. „Liebschaften, zerrüttete Familienverhältnisse, Schulden. In keinem Fall gab es einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Assistenzeinsatz“, beruhigt ein Sprecher des Heeres in sachlichem Ton. Das Heer nennt die Schengengrenze ganz offiziell den „Gefechtsstreifen“. Über ihm kreisen „Eulen“, wie die Hubschrauber des Innenministeriums genannt werden. Eine Gendarmerietruppe hat sich selbst einmal „Sonderkommission Taliban“ genannt.
So schützt Österreich seine EU-Außengrenze. Dieser Tage werden die Gesetze weiter verschärft. Doch im Jahr 2007 werden unsere östlichen Nachbarn voraussichtlich zu „Schengenstaaten“ ernannt. Dann wird sich die EU-Grenze vom Mühlviertel und vom Burgenland Richtung Russland und Ostungarn verlagern. In Österreich wird dann die abenteuerliche und mitunter brutale Geschichte einer Gegend, die heute noch durch den Eisernen Vorhang geprägt ist, in Vergessenheit geraten. Denn die Schengengrenze ist auch eine Schicksalslinie. Sie trennt den Osten vom Westen und die wohlhabenden Bürger, die drinnen sind, von den vielen Armen, die reinwollen. Wer diese Linie überwindet, kann vom Nordkap bis nach Sizilien frei reisen. Flüchtlinge gehen hohe Risken ein, um ins Schengenland zu gelangen. Sie riskieren nicht nur ihr Geld, ihre Freiheit und Gesundheit, sondern auch ihr Leben. An der Grenze trifft man aber nicht nur auf Flüchtlinge, hier haben sich auch Frauenhändler, Schmuggler und Schlepper eingerichtet, die gute Geschäfte machen. Bald werden sie weiterziehen, Richtung Osten.

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II.Grenzübergang Wullowitz, Oberösterreich, im westlichen Teil der österreichischen Schengengrenze. Ein Dieb blickt aus der Zelle des Gendarmeriepostens und wartet, bis die Beamten seine Beute zu kleinen Pyramiden aufgeschlichtet haben. Er hat Rasierklingen und elektrische Zahnbürsten geklaut. Draußen Staus, Fahrzeugkontrollen. „Das ist der Alltag hier“, sagt Chefinspektor Franz Grubauer. Touristen durchwinken, nach Einbrechern und Schwarzarbeitern suchen.
„Früher war hier das Ende der Welt“, erklärt Hauptmann Franz Schmalzer, ein junger, engagierter Gendarm. „Als wir Kinder waren, haben wir uns gefragt, wie es wohl auf der anderen Seite des Flusses aussieht.“ In der Volksschule unternahmen die kleinen Mühlviertler Ausflüge in die Nähe des Zaunes, sie kletterten auf Hügel, sahen hinüber zu den grauen Kasernen der Kommunisten. In der Chronik der Grenzgendarmerie sind viele brutale, aber auch absurde Geschichten aus jener Zeit notiert. Eine Mühlviertler Kuh verirrte sich da einmal in eine tschechische Kolchose und durfte nicht mehr zurück. Ein anderes Mal suchte sich der Grenzfluss Maltsch nach Unwettern ein neues Bett, ein Bauer ackerte irrtümlich im Reich des Bösen und wurde deshalb verhaftet. Eine richtige Staatsaffäre war das damals, erinnern sich die Beamten. Alte Fotos zeigen österreichische Hofräte und kommunistische Generäle, die in dunklen Limousinen vorfuhren, um an der Grenze über das weitere Schicksal des Bauern zu beraten. Er kam frei.
Manche kamen erst nach Jahren und mit entsetzlichen Geschichten zurück. Der Edi zum Beispiel, ein Schulfreund des Grenzbauern Franz Duschlbauer. Edi wurde für einen Spion gehalten und am Grenzzaun verhaftet. „Die nahmen ihn mit, steckten ihn in ein Uranbergwerk und gaben ihm Salzwasser, wenn er trinken wollte“, erzählt Duschlbauer. Der rüstige Landwirt sitzt in seiner großen Küche. Wenn er rausschaut aus dem Fenster, blickt er ins Nachbarland. Als Kind ist er ja drüben, im heutigen Tschechien, zur Schule gegangen. Da war hier keine Grenze.
Von seinem Hof aus konnte der kleine Duschlbauer die europäische Geschichte miterleben. Zuerst wüteten Nazis in den Dörfern, und die Tschechen verschwanden. Dann kamen Russen und Amerikaner, und die Nazis verschwanden. Über Nacht standen Hunderte Flüchtlinge aus dem Sudetenland vor dem Hof, „mit armselige Wagerln und schweren, feschen Ross“, wie Duschlbauer sagt. Als die Kommunisten kamen, wurde es totenstill. Der mächtige Vierkanter des vertriebenen Nachbarn jenseits der Grenze wurde von Baggern planiert. Nur dessen Obstgarten blüht heute noch am Grenzstreifen – auf österreichischer Seite. Die Kommunisten spannten elektrische Drähte, stellten Wachtürme auf, verminten die Wiesen. Wenn Duschlbauer mit seinem Traktor das Feld neben dem Grenzzaun pflügte und hinübergrüßte, drehten sich die kommunistischen Soldaten demonstrativ weg. Er galt schließlich als Klassenfeind. Nur selten kamen Flüchtlinge durch. Einmal versuchte ein Liebespaar, mit dem Motorrad durch den Zaun zu rasen. Er ist „mit dem Gesicht in den Strom gekommen“, erinnert sich Duschlbauer, die Nase sei „weggebrannt“ gewesen, gezittert habe er „wie ein Kasperl“. Drüben hätten die Tschechen geballert. Das Liebespaar wurde gerettet und von den Mühlviertlern heldenhaft gefeiert.
So sah diese Grenze noch vor 16 Jahren aus – und die Österreicher waren stolz, aufseiten der Freiheit zu leben. „Die Flüchtlinge waren Helden, und wir waren Helfer“, sagt auch Chefinspektor Franz Grubauer. Doch als dieser Vorhang plötzlich weg war, „hab ich das nicht verarbeiten können“. In den Dörfern erzählten einander die Leute, dass „drüben bei den Behm“ die Gefängnisse aufgemacht wurden. Es brach „die Rumänenzeit“ an, wie Grubauer es nennt. In den Scheunen hätten fremde Gestalten genächtigt, Autos seien aufgebrochen worden. Und plötzlich kamen Menschen, die völlig anders aussahen: Afghanen, Inder, Tschetschenen, Afrikaner. „Einer hatte seine Füße nur in ein Nylonsackerl eingewickelt“, erinnert sich Grubauer. Die Ansässigen verspürten Angst, und es wurde ihnen Angst gemacht.
III.Wer den Grenzbalken passiert, gelangt in das Dorf Dolni Dvoriste. Die Wullowitzer Bauern erzählen, dass man hier in den vielen Casinos und Puffs angeblich „gratis essen und trinken kann“. Für zehn Euro Eintritt kriegst du, so viel du willst, erzählten sie. Sogar Tintenfisch. So etwas wie Globalisierung hat sich breit gemacht am Rande des Böhmerwaldes. In den alten, ehemals deutschsprachigen Dörfern halten tagsüber asiatische Gastarbeiter ihre Märkte ab, und würden nicht die alten Tschechen aus den Fenstern schauen, man käme sich vor wie in einem südostasiatischen Straßendorf. Viele Waisenkinder des Vietnamkrieges, einst vom tschechoslowakischen Bruderland aufgenommen, leben hier. Alle verkaufen dieselben Billigklamotten und Feuerzeuge, die lustige Melodien spielen, wenn man sie öffnet. Die Behörden glauben, dass viele dieser Vietnamesen auch als Schlepper arbeiten, um überleben zu können. Auch die in Leopoldschlag aufgefundene Chinesin war von Vietnamesen an tschechische Schlepper vermittelt worden.
Wenn es Nacht wird, verwandeln sich die Grenzdörfer in Bordelle. Dann reflektieren Wegweiser mit der Aufschrift „Paradiso“, „Afrodita“ oder „Kamasutra-Club“ das Scheinwerferlicht. Davor parken Autos mit österreichischen Kennzeichen. Ein Wegweiser führt zur „Lonly Bar“, die am Rande der kleinen Waldsiedlung im Dörfchen Jenin steht. Ein weißes Häuschen mit kleinen, zugeklebten Fenstern. „Hier in der Nachbarschaft gibt es schon zwölf Puffs. Die Konkurrenz ist ein Wahnsinn“, klagt Ronald Grübling. Irgendwie hat er sich das alles einfacher vorgestellt. Einst war er Installateur in der Grenzstadt Gmünd, jetzt steht er in Pyjamahose und Sandalen auf dem Balkon, auf dem nächtens ein Neonherz flackert. Mit Unterstützung seiner Eltern versucht er sich als Bordellbetreiber. „Ich bin der einzige mit Poolbar“, erklärt Grübling stolz. Für ein Foto klettert er in das traurig leere Schwimmbad, setzt sich auf einen Barhocker und hebt das Glas, als gäbe es hier irgendwas zu feiern.
Es ist bizarr zu beobachten, wie sich hier eine österreichische Familie im Sexbusiness versucht. Der Vater schaufelt Schotter in die Schlaglöcher der Zufahrt, und die Mutter wäscht den „Animierbereich“ auf, in dem der Sohn „Penisaschenbecher“ aufgestellt hat – „original aus Manila“, wie er erzählt. Und die drei Frauen, die hier am Abend tanzen sollen, tratschen gelangweilt am Pool. Eine trägt Hausschuhe aus Plüsch, die aussehen wie Bärentatzen. Die andere bastelt eine kleine Krone aus Löwenzahnblüten. Warum sie hier ist? Sie komme aus Litauen, müsse ihr Kind irgendwie über die Runden bringen. Also spielt sie die „naturgeile Ostblockbraut“ für Mühlviertler Wochenendtouristen.
Drüben in Österreich wäre so ein Betrieb wohl verboten. Und auch die tschechischen Behörden machen Grübling immer mehr Druck. Bald soll es ein neues Prostitutionsgesetz geben, das die Dörfer von diesem Grenzverkehr befreien wird. „Die sieben Thailänderinnen, die ich bestellt habe, kriegen schon jetzt keine Visa“, klagt Grübling. Wie komme er eigentlich zu den Frauen? „Kontakte, Kontakte“, sagt er. Und: „Ich versuche, Madln zu finden, denen es schlecht geht.“ Mal fährt er ins ärmliche Ostrawa, mal an den Straßenstrich bei Bayern. Nur in der Nachbarschaft dürfe er keine „Dirndln“ abwerben. „Sonst brennt die Hütte ab. Hier herrschen geordnete Verhältnisse.“ Und wenn die Frauen nicht mehr für ihn arbeiten wollen? „Dann muss ich ihnen zeigen, wer der Herr ist“, sagt Grübling. Nein, Gewalt gebe es nicht. Aber der Konkurrent im Nachbardorf, erzählt er, „hat seine Madln eingesperrt, die Fenster mit Brettern vernagelt und die Pässe kassiert.“ Das soll jetzt nicht in die Zeitung, sagt Grübling, „sonst glauben die Leute, dass wir die Menschenrechte verletzen.“

IV.Rückfahrt über die E 55. Puffs, Casinos, Puffs, sanfte südböhmische Landschaft, ein paar Fertigteilhäuser künden vom Wirtschaftsaufschwung. Viele Frauen winken am Straßenrand. Selbst Puffbesitzer Grübling bemerkt, dass es denen wirklich dreckig geht, dass die nur „ein Bett, ein Packl Tschick und ein warmes Essen am Tag“ bekommen. In den Tankstellenrestaurants würden die Zuhälter wachen und das Geld der Frauen verspielen.
Es regt sich Sorge um diese rechtlosen Frauen und ihre Not. Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef hatte erst vor wenigen Jahren eine Studie präsentiert, wonach am deutsch-tschechischen Straßenstrich sogar Kinder angeboten würden. Es herrsche nackte Gewalt, berichtete die Unicef.
Ob es hier an Österreichs Grenze ähnlich zugeht? Paula Wessely von der Linzer Initiative Social Impact hat Prostituierte interviewt. Social Impact, eine Gruppe engagierter Künstler, hat es satt, dass Frauen gedemütigt oder in den Sumpf getrieben werden. Aus den Gesprächsprotokollen: Barbara: „Der hatte einen Anzug und eine Krawatte. Wie ein Präsident sah er aus. Das Auto schön, sauber. Und auf einmal so ein Schwein.“ Martina: „Sie schnappen dich bei den Haaren, und du musst es machen. Oder sie ziehen ein Messer raus und drohen dir damit. Ich mache die Arbeit, weil ich ein kleines Kind hab.“ Svetlana: „Er hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten. Und dann war da noch einmal einer mit einem Baseballschläger.“ Maria: „Es gibt hier einen älteren Polizisten. Wenn ihn jemand wütend macht, dann nimmt er ein großes Auto, sammelt alle Mädchen ein, bringt uns in den Wald, und dann fahren wir zehn Kilometer. Dann schmeißt er zum Beispiel mich raus. Dann schmeißt er das nächste Mädchen raus. So macht er das.“
Gemeinsam mit Sozialarbeitern erarbeitet Social Impact nun einen Deutschkurs, der auf CD gepresst und an die Frauen verteilt wird. Nur wer die Sprache kann, kann widersprechen, sagt Harald Schmutzhard, ein umtriebiger Linzer Künstler und Aktivist von Social Impact. Er setzt sich seit langem mit der Grenze und mit dem Rechtsstaat an der Grenze auseinander. Manchmal argumentiert er durchaus radikal: Die EU agiere an der Grenze zunehmend wie der ehemalige Ostblock und mache die Grenzen so dicht, dass Menschen letztlich auch sterben müssten. Es werde den Flüchtlingen zwar nicht nachgeschossen, aber zu Todesfällen komme es dennoch. Die europäische Asylpolitik würde strukturelle Gewalt erst ermöglichen. Schmutzhard fragt: „Sind wir nicht mitverantwortlich für die Toten?“
Natürlich ist der Vergleich mit dem brutalen Grenzregime der Kommunisten übertrieben. Die schossen den Leuten in den Rücken. Die Mühlviertler Gendarmen und die ballernden Genossen von einst, sie haben nichts miteinander gemeinsam. Dennoch weist Schmutzhard hier auf einen heiklen Punkt. Erzeugt der Staat hier nicht die Kriminalität, die zu bekämpfen er vorgibt? Wird hier nicht maßlos überreagiert, wenn – wie es nun geplant ist – selbst Fluchthelfer, die sich im Gegensatz zu Schleppern nicht persönlich bereichern, mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden sollen?
Im Jahr 2001 ertranken 18 Inder in der March, als sie von der Slowakei nach Tschechien schwimmen wollten. Schmutzhard wollte Behörden und Öffentlichkeit anlässlich dieses Falles mit einem ungewöhnlichen Projekt provozieren. Er recherchierte sichere Routen über die grüne Grenze und publiziert Wanderkarten in einem harmlosen Wanderführer mit dem Titel „Sichere Einwanderungsrouten nach Europa, Sektor Tschechien – Österreich“. In einem einleitenden Kapitel gibt er auch noch Tipps für die Flucht: „Geh bei Tag. In der Nacht verwenden die Beamten Nachtsichtgeräte. Du fühlst dich sicher, doch in Wahrheit wirst du schon von weitem beobachtet. Nimm keine Kinder unter acht Jahren mit. Trage lange Kleidung – wegen der Dornen, Mücken und Zecken.“ Es sind harmlose Zeilen – und dennoch forderten sie die Republik heraus.

V.Am Wien, Bundeskriminalamt. „Hut ab, das ist ganz professionell gemacht“, sagt Gerald Tatzgern, der junge, ehrgeizige Chef der Abteilung für Menschenhandel und Schlepperei über Schmutzhards Webpage. In seinem Büro liegt ein kleiner Teppich. Ein Geschenk des aserbaidschanischen Innenministers. Daneben eine Keule aus Holz – ein Präsent der ukrainischen Polizei. Schlepperei wird hier international bekämpft. Manchmal auch mit der Keule. Tatzgerns Beamte haben die Webpage von Social Impact studiert und sind voll in die Provokationsfalle getappt. Das Innenministerium hat Schmutzhard bei der Staatsanwaltschaft wegen Schlepperei angezeigt. Vergeblich. Noch ist die Freiheit der Kunst stärker. Tatzgerns Leute verschicken überhaupt gerne Sachverhaltsdarstellungen. Vergangenes Jahr hatte der Kriminalist zwei Asylanwälte wegen „Schlepperei“ und „Ungehorsam gegen Gesetze“ angezeigt. Ihr Vergehen: Sie hatten in Tschechien ihre Visitenkarten an Flüchtlinge verteilt. Tatzgern sagt: „Wir wollten wissen, wo die Grenzen des Erlaubten für Anwälte sind.“
Tatzgern hat sich in wenigen Jahren vom Ottakringer Kriminalbeamten zum Berater der Innenministerin hochgearbeitet. Er liefert der Politik die Argumente, mit denen schärfere Fremdengesetze öffentlich verkauft werden können: Kampf gegen Schlepper, Kampf gegen Asylmissbrauch. Tatzgern hat Fotos und Horrorstorys sofort bei der Hand. „Da eine ganz aktuelle Gschicht. Die haben den Motor ausgebaut, damit Flüchtlinge Platz haben.“ Und hier ein Bild von einem Kastenwagen, in dem ein doppelter Boden eingebaut wurde. „Auch wenn es sehr gemütlich aussieht, da lauert die Erstickungsgefahr.“ Und diese verdreckten Wohnungen: „Da wurden 25 Chinesen auf sechzig Quadratmetern zusammengepfercht. Wie die Tiere“, sagt Tatzgern.
Tatzgern weicht aus, wenn man ihn fragt, ob nicht auch die restriktive Einwanderungspolitik an diesen erbärmlichen Zuständen mitverantwortlich ist. „Das ist eine politische Frage“, sagt er. Er sei dazu da, die Gesetze des Staates zu vollziehen. Wenn er in seine Akten blickt, dann sieht er Scheintouristen, Scheinehen, Scheinadoptionen, Scheinfirmen. Immer öfter werde das Recht umgangen. Tatzgern sagt: „Ich hab ein Problem mit Menschen, die den Staat schädigen.“ Er erzählt von schwangeren Rumäninnen, die bei Briefkastenfirmen angestellt wurden, damit sie dann in Bukarest österreichisches Karenzgeld beziehen. „Damit leben die da unten ganz gut“, glaubt er. Zum Abschied sagt er: „Ich kenne Tschetschenen, die 2000 Euro Bargeld und einen neuen Reisepass in der Tasche haben. Die haben Asyl gekriegt. Da frage ich mich, ob das gerecht ist. Ich sage: Nein!“

VI.Linz. Schubhaft. Hier sitzen jene Grenzgänger, zu denen der Staat Nein sagt. Im Innenministerium hatte der Pressesprecher behauptet, dass Linz ein „Vorzeigegefängnis“ sei. Es gebe eine „offene Station“ für „Illegale“, und es gebe sehr engagierte Beamte und weniger „Selbstbeschädigungen“ oder Hungerstreiker als anderswo. Das Vorzeigegefängnis sieht in Wirklichkeit so aus: Klomuschel neben den Doppelbetten. Uringeruch. Kalter Rauch. Manche Zellen sind mit schweren Decken abgedunkelt, weil darin ferngesehen wird. Frische Luft nur bei einem Rundgang im vollständig betonierten Spazierhof, der sich auf einem Dach befindet – aber ohne Ausblick. Auf ein Eisentor hat jemand „Negar raus!“ geschrieben. An den Wänden der Zellen Zeichnungen von Moscheen, russische Parolen in kyrillischer Schrift oder Pornobilder. Ein Beamter sagt bei der Begrüßung: „Das gehört alles abgerissen. Was das hier kostet, kann kein Illegaler der fladern.“
Im Schnitt sitzen die „Illegalen“ vier Wochen hier. Neulich war einer sechs Monate da, länger ist es nicht erlaubt. So lange dauerte es, bis ihn sein Heimatland zurücknehmen wollte. In Zukunft sind zwölf Monate Schubhaft gestattet.
Vor knapp 25 Jahren wurde dieses Gefängnis für jene gebaut, die ihre Polizeistrafe nicht zahlen konnten. Von Flüchtlingsströmen war damals keine Rede. Ein paar Stunden sollten die Menschen hier sitzen. Vielleicht ein paar Tage. Nun drängeln sich die „Illegalen“ monatelang unter Bedingungen, die in keiner Strafanstalt mehr zu finden sind. Geleitet wird dieser Polizeikotter von Hofrat Erwin Fuchs. Er wirkt aufgeschlossen, und er bittet um „wohlwollende Berichterstattung, weil wir nichts für die baulichen Zustände können“. Ja, es sei unzumutbar, sagt er, dass Menschen einander wochenlang beim Scheißen zuschauen müssen. Der Menschenrechtsbeirat habe das auch gerügt. Aber es sei auch schwierig, die Klos einzumauern – wegen der Lüftung.
Die Schubhaft darf keinen „Strafcharakter“ haben, sagt das Gesetz. Hofrat Fuchs erklärt die Hausordnung: „Zunächst kommen alle in eine geschlossene Zelle. Wenn der Häftling eine Zeit unauffällig war, dann gibt’s die Möglichkeit, dass er in die offene Station kommt. Das soll schon auch ein Zuckerl sein.“ Bezirksinspektor Christian Schmidt erläutert den Tagesablauf: „Wecken sechs Uhr. Dann Körperpflege. Dann Zellen reinigen. Wenn die Zellenreinigung in Ordnung ist, wird der Fernsehraum aufgesperrt. Wenn die Leute den Sender gewechselt haben wollen, stellen sie sich mit einer Tafel vor unsere Überwachungskamera. Wir schalten dann um. Am Nachmittag eine Stunde Spaziergang im Hof.“ Hofrat Fuchs sagt: „Wenn sie sich die Leute anschauen, die da herumstehen, ganz unglücklich sehen die nicht aus.“ Das Essen, versichern die Beamten, sei ausreichend und gut: „Der Moslem kriegt einen Truthahnaufstrich, wenn die anderen einen Leberaufstrich kriegen. Der Chinese kriegt, wenn er es verlangt, jeden Tag Reis.“ Ist schon einmal wer geflüchtet? „Sehr selten“, erklärt ein Beamter, „die meisten Leute sind ja keine Verbrecher, die wollten ja nur hier bei uns leben.“

VII.Schattendorf, Burgenland. Der östliche Teil der Schengengrenze. Auf einem Hochstand steht Major Wolfgang Gröbning und erklärt die Rechtslage: „Es ist verboten zu schießen. Der Illegale begeht ja kein Verbrechen.“ Unter dem Wachposten markiert Dornengebüsch die Grenze. Drei Rekruten schauen durch Feldstecher auf die satten, grünen Felder. „Da schauen Sie, Herr Major, eine Weihe! Der einzige Greifvogel, der am Boden brütet“, meldet ein Soldat. Sonst keine besonderen Vorkommnisse.
Hier, in Sichtweite der Stadt Sopron, begann der Zerfall des Ostblocks. Im August 1989 fand hier das „paneuropäische Picknick“ statt. Der Eiserne Vorhang wurde einen winzigen Spalt geöffnet, und 800 DDR-Bürger konnten in den Westen fliehen. Ein paar Wochen später fiel die Berliner Mauer und dann die gesamte Sowjetunion. „Die Ungarn haben nicht gewusst, ob sie schießen sollen“, erinnert sich Gröbnig. „Da hat dann die illegale Migration angefangen“, fällt seinem Vorgesetzten, Oberst Sepp Erhard, dazu ein. „Horrorzustände“ hätten geherrscht, niemand hätte mehr die Wäsche draußen gelassen. Die Politik, erinnert sich der Oberst, habe schnell reagiert. Nur ein Jahr nach dem Fall des Vorhangs quartierte sich das österreichische Bundesheer in kleinen aufgelassenen Gasthöfen und Containerdörfern ein. Ein ahnungsloser Besucher könnte fast glauben, dass hier irgendwo eine Schlacht gefochten wird. In Wahrheit werden hier nur illegale Grenzgänger gesucht und an die Gendarmerie übergeben. Da ein Heer eben militärisch organisiert ist, kommt es niemandem ungewöhnlich vor, dass hier „Gefechtsstände“„Assistenzkompanien“, „Assistenzbataillone“ und „Züge“ eingerichtet werden. Ausgerüstet mit der Nachtsichtbrille „Lucie“ und dem Wärmebildgerät „Sophie“ sichern täglich 2200 Rekruten das Gelände. Abwehren können sie kaum jemanden. Die Soldaten dürfen keinen Schritt über die Grenze setzen, und schießen oder drohen dürfen sie natürlich auch nicht. 85.000 „Illegale“ aus 118 Ländern sind also erst „nach dem Einsickern aufgegriffen“ worden, wie das hier heißt. „Manche robben vor und tarnen sich. Sie verharren stundenlang an Ort und Stelle“, erklärt Oberst Erhard. Die Masse würde sich aber „freudestrahlend“ festnehmen lassen und um Asyl bitten.

VIII.Im Büro des Linzer Vereins Maiz, dem „autonomen Zentrum von und für Migrantinnen“. Die renommierte Organisation, einst von Einwanderinnen gegründet, kümmert sich um die Kollateralschäden des Abwehrkampfes. Vor allem Frauen, die zumeist nur über ihren Körper – über Ehen oder Prostitutionsvisa – in den Westen gelangen können, werden hier betreut. Man spricht hier nicht von „Illegalen“ , sondern von „Illegalisierten“ . Die Frauen werden mit Deutschkursen versorgt, damit sie ihre Rechte einfordern können, und sie dürfen Hauptschulabschlüsse nachholen.
Zwei Mädchen, die hier Miriam und Shaban heißen wollen, haben Platz genommen. Sechs Jahre durften sie ihr Haus in Kabul nicht verlassen, nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen. Auf der Straße seien verstümmelte Frauen zu sehen gewesen, erzählen sie. Die seien bestraft worden, weil ihre lackierten Fingernägel oder weisse Socken aus der Burka lugten. „Am Fußballplatz wurden jeden Freitag Hände und Füße abgeschlagen“, erzählt Mariam. Jetzt trägt sie lässige Turnschuhe, ihre Lippen sind geschminkt, und sie sagt: „Wir haben eine neue Heimat gefunden.“
Der Vater dieser Mädchen (er holte die Töchter nach) kam nach einer langen Flucht mit Schiffen, Lkws und zu Fuß über die grüne Grenze nach Österreich. Er gelangte in dieses Land als Illegaler und mit Schleppern, obwohl auch ihn ein roter Schriftzug auf weißem Grund vor der Staatsgrenze warnte. Kein Grenzschützer hatte ihn bemerkt. Heute sagen seine Töchter: „Wir sind Österreich dankbar.“

21.06.06

Die Kettenhunde

Westliche Internetfirmen versprechen ungehinderte Kommunikation. Doch in China üben sie Zensur und verraten Kunden an die Polizei. Manche Dissidenten bezahlen das mit jahrelanger Haft. Nach weltweiten Protesten kündigt nun zumindest Google den Rückzug an.

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Es waren selbstkritische und unerwartete Worte, die Google Mitgründer Sergey Brin, 31, Anfang Juni in die Mikrofone der Reporter sprach. „Vielleicht“, so meinte der junge Milliardär etwas reumütig, „ist der prinzipientreue Ansatz doch besser.“ Ja, diese Prinzipien, die schien Google – Firmenmotto „Don´t be evil!“ – tatsächlich verraten zu haben. Anfang des Jahres hatte sich die Company unter lautem Protest der kritischen Weltöffentlichkeit den chinesischen Apparatschicks unterworfen, um im chinesischen Markt Fuß zu fassen und eine verstümmelte chinesische Suchmaschine eingerichtet. Wer darin Falung Gong oder auch nur das Wort „Menschenrechte“ und „Demokratie“ googelte, bekam eine Leermeldung. Wer Bilder vom Massaker am Platz des Himmlischen Friedens suchte, sah statt rollender Panzer kitschige Postkarten mit lachenden Chinesen.

Spott und Hohn erntete Google dafür, obwohl das Unternehmen im Gegensatz zu anderen Suchmaschinen wenigstens darauf hinwies, dass die Seiten zensiert sind. Doch gedemütigt fühlte sich vor allem auch die chinesische Internetgemeinde, die mit ihren kritischen Blogs und Netz-Reportagen längst das Regime und seine Parteipresse herauszufordern versucht und eine mediale „Kulturrevolution“ eingeläutet hat. In einem chinesischen Forum von Google-Kritikern wurde sogar eifrig nach chinesischen Schriftzeichen für Google gesucht: Gou Gou, „Hündchen“, schlugen manche vor. Oder Zou Gou – Kettenhund. Aber auch ein zorniges Gou le – „Es reicht uns!“ schleuderten sie den kalifornischen Unternehmern entgegen, die sich so kreativ und jung inszenieren. „Zutiefst prinzipienlos“ agiere Google, kritisierte auch der kritische Autor Yu Jie vom chinesischen Pen Klub. Das Unternehmen wolle sich doch nur den Kadern „anbiedern“ und verrate sein Kerngeschäft – den Handel mit Information, die von niemandes Interesse vorher gefiltert oder gewichtet werde.

Soviel Spott vor allem auch chinesischer Intellektueller wird den kalifornischen Musterunternehmen nun anscheinend doch zuviel.

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18.06.06

Österreichs Grenzen

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Am Bahnhof in Villach hängt gerade meine Fotoreportage von Österreichs Ostgrenze . Sie zeigt Menschenhändler, Grenzschützer und Schubhäftlinge. (Bild oben: ein Waldviertler Puffbesitzer in Tschechien; Bild unten: Soldaten im Burgenland) Im Rahmen des "Festival der Regionen" schickte mich der Falter an Österreichs Ränder für eine Reportage. Die dabei entstandenen Bilder wurden nun von Werner Koroschitz im Rahmen seiner bewundernswerten Ausstellung über Kärntner Auswanderer in der Villacher Bahnhofshalle präsentiert. Die Ausstellung, die bis Ende Oktober läuft, verweist auch in unsere Zeit. Denn jene, die einst mutige Auswanderer waren, nehmen wir heute nur noch als Wirtschaftsflüchtlinge war.
Näheres hier

15.06.06

Digitale Gegenmacht


Wie eine kleine, global vernetzte Gruppe von Menschenrechtsaktivisten den Kampf gegen CIA-Geistergefängnisse und die Zustände in Guantánamo aufnimmt.

Sie heißen Geistergefangene ¬ und sie leben seit Jahren im rechtlichen Niemandsland. Manchmal tauchen Fotos dieser Vogelfreien auf. Dann sieht man sie mit verbundenen Augen oder Säcken auf dem Kopf. Man weiß mittlerweile aus Verhören mit FBI-Beamten, dass sie oft tagelang in unterkühlten oder stark überheizten Zellen leben müssen, dass sie sich vor Wahnsinn die Haare ausreißen, oder von Verhörbeamten nächtelang mit Rap beschallt oder von Hunden angebellt werden. Nur ganz selten tauchen diese „Ghost Detainees“ im wirklichen Leben wieder auf. Und dann erzählen sie, wie es ist, wenn man von der Wucht der Weltpolitik getroffen wird, weil man für einen Terrosisten gehalten wurde.

Khalid El Masri zum Beispiel. Der deutsche Automechaniker stand eines Tages mit langen, verfilzten Haaren im kleinen Vorzimmer seines Anwaltes im bayrischen Städtchen Ulm und sagte: „Ich wurde vom CIA entführt, nach Afghanistan verschleppt, dort gefoltert und nach Monaten in einem albanischen Wald wieder ausgesetzt.“

Verschwunden hingegen blieb Muhammad Al Zery aus Schweden. Vermummte US-Beamte schliffen den Ägypter am Stockholmer Flughafen auf die Toilette, zogen ihn dort nackt aus, packten ihn zuerst in Windelhosen und dann in einen orangen Overall. „Es machte nur schwipp und schwupp und schon war er weg“, gaben Stockholmer Polizisten, die all das untätig beobachtet hatten, später beeindruckt vor dem schwedischen Ombudsmann Mats Melin zu Protokoll.

Ein Geistergefangener ist wohl auch Abu Omar: Der ägyptische Imam wurde das letzte Mal in Mailand gesehen. In der Via Guerzoni zerrten Unbekannte den Islamisten am helllichten Tag in einen Lieferwagen– um ihn schließlich über die deutsche US-Militärbasis Ramstein nach Ägypten auszufliegen.

El Masri, Al Zeri, Abu Omar: Es sind sie nur drei von ein paar hundert „Geistergefangenen“, die in den letzten Jahren von Spezialtrupps der CIA auch auf europäischem Boden gefasst und dann

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12.06.06

Drei Leichen im Käfig

Drei Häftlinge haben sich in Guantánamo umgebracht. Gut möglich, dass es noch mehr werden
(Beitrag für DIE ZEIT)

Was hatten die Wachmannschaften im Guantánamo nicht alles unternommen, um das Leben der »feindlichen Kämpfer« zu retten: Hungerstreikende wurden an Gitterbetten gefesselt und künstlich ernährt, manche Käfige, in denen die Internierten sitzen, alle 30 Sekunden kontrolliert. Das 21 Mann starke »Behavioral Health Service«, ein Team von Psychiatern, sollte sich um jene im Lageralltag verrückt gewordenen Häftlinge kümmern, die gehortete Schlaftabletten schluckten, sich Dutzende Male die Pulsadern aufschnitten oder (wie ein US-Gericht kürzlich festhielt) sich sogar die Haare ausrissen, weil sie die Hitze und die systematische Beschallung mit Rapmusik nicht mehr ertrugen.
Doch am vergangenen Samstag, kurz nach Mitternacht, gelang es

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01.06.06

Wo die Angst regiert - eine Reise in Deutschlands No Go Area

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Deutschland diskutiert über No-Go-Areas, Orte, an denen Ausländer nicht sicher sind. Mit Fotografin Veronika Hofinger habe ich diese Gegenden aufgesucht. Hier meine Reportage, die ich für die ZEIT schrieb. Mit noch mehr schönen Fotos und in ganzer Länge gibt es das Stück auch auf hier zu lesen


Wo die Angst regiert

Ein Chinese traut sich nicht mehr aus dem Haus. Ein Spanier zeigt seine Narben.
Eine Politikerin warnt Ausländer vor Fahrten mit der Straßenbahn.
Ist Cottbus eine No-go-Area?

Von Florian Klenk

Die Fahrt mit der Straßenbahn Nummer 4 dauert dreißig Minuten. Sie führt durch eine Stadt, in der einst die Ingenieure der DDR-Kombinate für Wohnungen Schlange standen. Heute ruckelt die Tram vorbei an mit Holzplatten zugenagelten Gründerzeitpalais, an leeren Plattenbauten und an nackten Litfaßsäulen. Der einzige Farbklecks hier rührt von einem kürzlich zertrümmerten alternativen Jugendklub und einem Kinderkarussell her, das sich auch feiertags nicht dreht. Die Linie 4 verbindet das Hochhausviertel Sachsendorf mit der Cottbuser Altstadt und der verlassenen Trabantensiedlung von Neu Schmellwitz. Das Plattenbauviertel Cottubs-SchmellwitzFoto: Veronika Hofinger, www.architekturfotografin.at BILD

Ein Halbwüchsiger steigt zu und wirft an den Haltestellen Böller aus dem Waggon. Jedes Mal zucken die Fahrgäste zusammen. Die Fahrt geht vorbei an einem Plattenbau, auf dessen Feuermauer in Riesenlettern die eilig übermalte Naziparole »Mord an Hess« immer noch zu erkennen ist. Die Rechten müssen sich für ihr Werk vom Dach abgeseilt haben. Vor einer Tankstelle lehnen Jugendliche an ihren tiefer gelegten Autos. Aus den Boxen wummert Musik der Naziband Frontalkraft. Ein Skinhead mit seiner Freundin steigt in die Bahn. Er stellt sich ganz vorn auf, sodass alle sein T-Shirt mit der »schwarzen Sonne«, dem Szene-Symbol für die SS, sehen können. Er erzählt seiner Freundin, wie er kürzlich ein »Lokal mit langhaarigen Schwulen durchgeklatscht« habe. Gleich neben dem Straßenbahnfahrer sitzt ein Junge mit Rasta-Locken. Der Skin nimmt ihn ins Visier, zieht seinen Rotz hoch und fragt die Freundin: »Darf ich ihn anspucken, Schatz, bitte?« Sie hält ihn gerade noch davon ab.

An der Stadthalle steigt der kahl rasierte junge Mann aus und trifft dort ein paar Dutzend andere Glatzen. Glasscherben knirschen am Boden. Schon am Vormittag wurde hier reichlich Alkohol getrunken. Viele tragen T-Shirts von Thor Steinar, einer braunen Edelmarke, die im benachbarten Ort Königs Wusterhausen vertrieben wird. Fast jedes Gespräch dreht sich ums »Aufklatschen« oder »In-die-Fresse-Hauen«. Wer etwas anders aussieht als diese Jungs, wechselt die Straßenseite.

»Wir hatten einfach Bock, zwei Chinesen wegzuklatschen«

Cottbus Zentrum. Ob das hier eine No-go-Area ist, einer jener Orte in Brandenburg, vor deren Betreten der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye neulich warnte?

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13.05.06

Neulich in der Lagerhalle

Gerade die Einvernahmeprotokolle der BIA im Fall Bakary J. gelesen. Das ist jener Afrikaner, der von drei Beamten in einer Lagerhalle nach einer verfehlten Abschiebung verprügelt und mit einer Scheinhinrichtung gequält worden sein soll.
Es sieht schlecht aus für diese Beamten. Zuerst streiten sie ab, in der Lagerhalle gewesen zu sein. Dann geben sie es doch zu - und einer gesteht, dass sich alle abgesprochen haben. Und noch was fällt auf: die Polizisten gestehen, Bakary J. wieder einmal "in Bauchlage" fixiert zu haben. Danach sei er "weggekippt". Das wird wohl eine Anklage geben und wieder einmal Einblicke in die Wiener Polizei.
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Nachtrag, Juni 2006: Nina Horaczek vom Falter - sie untersuchte den Fall in mehreren Artikeln - erhielt Einblicke in die Telefonüberwachungsprotokolle der Polizei. Ob die Beamten aus dem Schlamassel rauskommen? Hier Nina Horaczeks Falter Text:

Ausgezeichnete Beamte
POLIZEI Neue Ermittlungsergebnisse erhärten den Vorwurf, dass der Schubhäftling Bakary J. von Polizisten in einer verlassenen Lagerhalle brutal geschlagen und gequält wurde.

Der Krisenstab tagte im Restaurant Leopold im zweiten Bezirk. Die beiden Polizisten sprachen darüber, dass ihnen das Büro für besondere Ermittlungen (BBE), das mutmaßliche Polizeiübergriffe in den eigenen Reihen prüft, bereits auf den Fersen sei. "Wir vereinbarten, dass wir - wenn wir gefragt werden - angeben werden, dass wir niemals in der Halle gewesen sind", gibt ein Beamter bei seiner zweiten Einvernahme zu. Mittlerweile war nämlich ein Obdachloser als Zeuge ausfindig gemacht worden. Die "Halle" ist jener Ort, an den der Afrikaner Bakary J. Anfang April nach einem gescheiterten Abschiebeversuch von drei Polizisten gebracht worden sein soll (der Falter berichtete). Dort hätten die Beamten, so der Vorwurf, den Schubhäftling mit Fäusten und Füßen malträtiert, seien mit einem Polizeiauto auf ihn losgefahren und hätten sogar eine Scheinexekution durchgeführt. Ein vierter Beamter habe die Lagerhalle beim Handelskai im zweiten Bezirk, die von der Polizeisondereinheit Wega für Trainingszwecke genutzt wird, für seine Kollegen aufgesperrt und das unmenschliche Treiben beobachtet.

Nachdem Bakary J.s Frau ihren Mann in der Schubhaft grün und blau geschlagen vorfand, dokumentierte sie die Misshandlungen mit ihrem Fotohandy und erstattete Anzeige. Wenige Tage darauf begann das BBE, den Fall zu prüfen. Mittlerweile verdichten sich die Indizien, und man muss davon ausgehen, dass J.s Vorwürfe gegen die Wega-Beamten stimmen.

Dass sie mit dem Schubhäftling in der Halle waren, geben die Polizisten mittlerweile zu. Aber auch die neue Version der Ereignisse, wie sie von den Wega-Polizisten dem BBE erzählt wurde, scheint nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen nicht der Wahrheit zu entsprechen. Um 7.50 Uhr habe J. während der Rückfahrt vom Flughafen auf der A 4 plötzlich einem Beamten ins Gesicht geschlagen. Da sie den Tobenden nicht im Auto oder auf offener Straße fesseln konnten, seien sie auf die Lagerhalle ausgewichen. Dann hätten sie ihre Fahrt zum Hernalser Gürtel fortgesetzt. In der Feldgasse im achten Bezirk hätte J. um 8.15 Uhr eine Ohnmacht vorgetäuscht, weshalb die Beamten die Türen des Polizeiautos geöffnet hätten. Dabei sei ihnen der Schubhäftling entwischt. Als ein Beamter ihn überwältigte, habe sich J. an der Stirn verletzt. Danach seien sie mit ihm ins AKH gefahren. Der Schubhäftling J. wurde dann von den Polizisten wegen "zweifachen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Verdacht der schweren Körperverletzung zum Nachteil der Sicherheitswachebeamten" angezeigt.

Nur: Laut Auswertung der Diensthandys der Beamten, bei der aufgrund der Handysender, in die sich ihre Mobiltelefone einloggten, die Route detailliert nachgezeichnet werden kann, befand sich das Polizeiauto um 8.15 Uhr nicht in der Feldgasse, sondern bei der Praterbrücke, also in unmittelbarer Nähe zur Lagerhalle. Es wurden auch Anrainer in der Feldgasse befragt, ob ihnen zur angeblichen Tatzeit ein Polizeiauto mit Blaulicht und ein Kampf zwischen einem Afrikaner und einem Polizisten aufgefallen sei, aber keiner der Befragten hat so einen Vorfall gesehen. "Die Polizisten haben einen Widerstand in der Feldgasse angezeigt, obwohl sie zum behaupteten Tatzeitpunkt nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen gar nicht dort waren. Da erhebt sich der Verdacht des Amtsmissbrauchs", meint Phillip Bischof, der Anwalt von Bakary J. Durch die Feldgasse ist das Polizeiauto laut Protokoll überhaupt erst gefahren, nachdem die Beamten mit dem verletzten Afrikaner im AKH waren.

Auch der erste Widerstand gegen die Staatsgewalt kurz vor acht Uhr, der J. vorgeworfen wird, kann sich kaum so ereignet haben, wie er von den Polizisten geschildert wird: "Irgendwo nach der Schrägseilbrücke begann J. plötzlich auf mich einzuschlagen. Er schlug mit seinen Fäusten bzw. Händen auf meinen Kopf ein, ich blockte diese Schläge, so gut mir das möglich war", gibt ein Polizist zu Protokoll. Laut Telefonauswertung plauderte der Beamte aber genau zu diesem Zeitpunkt mit jenem Kollegen, der bereits in der Lagerhalle wartete. Wie kann man seelenruhig telefonieren, wenn jemand gleichzeitig auf einen einschlägt? Und wenn sich der Vorfall doch so ereignet hat - wieso nannten die Polizisten ihren Kollegen am Telefon nicht als Zeugen?

Noch etwas ist seltsam: Die Telefonauswertung ergab, dass die Beamten zuerst in die Nähe der Lagerhalle fuhren. Dann änderten sie ihre Route und fuhren zum Lusthaus im Prater. Dort drehten sie wieder um und steuerten nochmals zur Lagerhalle. "Die Beamten reagieren auf objektive Ermittlungsergebnisse mit immer abenteuerlicheren Ausreden", sagt Bischof. Denn auch für den Ausflug zum Lusthaus, den keiner der Polizisten bei den ersten beiden Einvernahmen erwähnte, gibt es nun eine Erklärung der Beamten. "Jetzt behaupten sie, sie wollten meinem Mandanten einen Gefallen tun und Sachen aus seiner Wohnung holen, deshalb seien sie dorthin gefahren. Dann habe er ihnen aber keine genaue Adresse nennen können und sie seien wieder umgekehrt", erzählt Bischof. Es sei "absolut unglaubwürdig, dass die Beamten aus Freundlichkeit entgegen ihrer Dienstvorschrift mit einem Gefangenen spazieren fahren", meint der Anwalt. J.s Familie wohnt auch gar nicht beim Lusthaus. Und wieso haben die Beamten nicht gleich berichtet, dass sie von der vorgegebenen Route abgewichen sind?

Bislang fehlen noch die Daten des Diensthandys des vierten Beamten. Dann wird man möglicherweise weitere Details rekonstruieren können. Eines erschreckt angesichts der massiven Vorwürfe schon jetzt: Alle vier Polizisten sind gut ausgebildet, manche von ihnen seit über zwanzig Jahren im Dienst. Zwei bilden selbst Polizisten aus. Und ein weiterer gab bei seiner Einvernahme an: "Ich habe auch mehrere Auszeichnungen in meiner dienstlichen Laufbahn erhalten."

28.04.06

Die Deutschen in Guantanamo

Guantanamo? Ein rechtloser Raum - kritisierte die deutsche Friedensmacht. Hinter den Kulissen kooperierte die rot-grüne Regierung mit dem rechtlichen Nirvana. Hier mehr

26.04.06

360degrees.org

Ungefähr so sieht der perfekte Gerichts- und Kriminaljournalismus in Zeiten des Internet aus: 360 degrees unbedingt anschauen, lesen, durckklicken und anhören

20.04.06

Jenseits von Afrika

Woher kommen Drogendealer? Wer rekrutiert sie? Wo leben sie in Wien? Im Falter hatte ich dazu vor einiger Zeit eine Reportage verfasst. Das hier beschriebene Heim ist, darauf weist die Polizei hin, mittlerweile geschlossen, die Zustände dort sind wohl exemplarisch und in Wien wohl noch immer anzutreffen.

Jenseits von Afrika

Zuhause waren sie Bauern oder Studenten. Dann ließen sie sich in Container verfrachten und zahlten Unsummen für die Fahrt ins Paradies. Nun leben hundert Afrikaner als Bettgeher in Massenquartieren und werden mitunter sogar von Polizisten zum Drogenhandel angestiftet.
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Diesmal wurde Mike aufs Kreuz gelegt. Er hätte es sich denken können. 81.000 Euro, mehr als eine Million Schilling, hatte der Besitzer des Nachtklubs vor ihm auf den Tisch geblättert. "Besorg mir Stoff. Braunes und Weißes", flüsterte er.
Mike ist erst seit wenigen Wochen in Österreich und hatte noch keine Berührung mit der Polizei. Nach eigenen Angaben ist er Doktor der Ernährungswissenschaften, der vor ein paar Wochen per Schiff aus Ghana nach Europa kam. Er kannte nur ein paar "Brüder" aus Afrika. Es waren die falschen Freunde. Sie nannten sich "Dr. John" und "Paki", logierten am Reumannplatz. Als Drogenbote nahm er von ihnen eine Kugel Heroin, verbarg sie in der Unterhose und gab sie dem Zuhälter in einem Wirtshaus in Fünfhaus zur Probe. Der nahm die Kugel und verließ das Lokal, um sie "zu testen". Dann lag Mike mit Handschellen am Boden. Der Idiot.......(Fortsetzung bitte unten anklicken)

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19.04.06

Immer wieder Herzversagen

Österreichs Polizei geht brutal gegen kriminelle Afrikaner vor. Und stößt dabei auf viel Verständnis. (DIE ZEIT 17/06)

Normalerweise würde sich wohl niemand für Typen wie Bakary J., 32, einsetzen. Der Mann schloss eine Scheinehe, lebte unter falschem Namen, und in seiner Wohnung fand sich ein Dreiviertelkilo Kokain. Er ist einer dieser Einwanderer, die Politiker »Asylbetrüger« nennen – und die sie doch kaum loswerden, weil sie sich Abschiebungen widersetzen. Das tat auch Bakary J., als er nach Gambia abgeschoben werden sollte. An der Gangway sagte er: »Ich fliege nicht freiwillig« – und schon mussten die Polizisten auf Geheiß des Piloten wieder mit ihm abziehen.
Doch jetzt gibt es dieses Foto eines grün und blau geprügelten Menschen, dessen Gesicht so angeschwollen ist, dass man ein Auge nicht mehr erkennen kann. Seine Frau hatte das Bild mit dem Handy auf der Polizeistation angefertigt. Jetzt setzt sich sogar Österreichs Justiz dafür ein, dass der Dealer in Wien bleiben darf, weil sie ihn als Kronzeugen braucht gegen eine Polizeitruppe, die im Verdacht steht, im Kleinkrieg gegen illegale Einwanderung jedes Maß verloren zu haben. Von einer »Bestrafungsaktion wie in südamerikanischen Militärdiktaturen« spricht der Chef von amnesty international, Heinz Patzelt. Selbst die Kronen Zeitung, einschlägig bekannt für ihre Fremdenfeindlichkeit, kritisiert »Selbstjustiz«.
Nach der fehlgeschlagenen Abschiebung fuhren die Polizisten mit Bakary J. in eine Lagerhalle. Minutiös legt der Afrikaner nun Zeugnis ab, was dort geschehen sein soll; Wiens Polizeikommandant Karl Mahrer muss eingestehen, dass die Schilderungen »in großen Teilen der Richtigkeit entsprechen«. Die Polizisten hätten sich Mützen übergezogen, den Afrikaner an einen Strick gebunden und so lange misshandelt, bis er nahezu bewusstlos dalag. Mit dem Polizeiwagen sollen sie dann auf ihn losgerast sein, um eine Hinrichtung zu simulieren. Die beschuldigten Polizisten wurden suspendiert.
Um den Fall zu verstehen, muss man wohl die Wiener Melange aus populistischen Politikern, hetzerischen Boulevardmedien und einer kontrollfaulen Justiz in den Blick nehmen. Immer wieder sterben in Österreich Abschiebehäftlinge, vor allem Afrikaner, in stümperhaften Polizeiaktionen. Immer wieder drücken Verantwortliche ein wenig die Augen zu – anstatt die überforderten Behörden für einen rechtsstaatlichen Kampf gegen Straßendealer zu schulen. Oft dauert es Jahre, bis Gerichtsverfahren in Gang kommen – und selbst Prügelpolizisten erhalten immer wieder milde Urteile, ja gar Dankesworte von Regierungsmitgliedern der Mitte-rechts-Koalition von bürgerlicher ÖVP und Haider-Partei.
Über zwei Jahre dauerte es etwa, bis ein Gericht Polizisten zu einer Bewährungsstrafe verurteilte, weil sie einen Afrikaner so lange mit ihren Füßen am Asphalt »fixierten«, bis er erstickte. Ein Beamter schlug auf ihn ein, der Notarzt stand daneben, die Hände in den Taschen. Der Fall wäre wegen »Herzversagens« (so die erste Diagnose) zu den Akten gelegt worden, hätte nicht ein Anrainer die Aktion gefilmt. Wochenlang wetterte die Kronen Zeitung – drei Millionen Leser – gegen »afrikanische Dealer«, nahm die Beamten in Schutz. Die zuständige Innenministerin Liese Prokop, ÖVP, zollte den Polizisten ihren »Respekt«.
Als kürzlich das Antifolterkomitee des Europarates aufdeckte, dass ein Abschiebehäftling, an Händen und Füßen zusammengekettet, in »einer qualvollen Position« festgehalten worden war, meinte die Ministerin: »Ich lasse mir die Arbeit der Polizei nicht schlechtreden.« Nur wenig später verstarb im selben Gefängnis ein 18-jähriger Afrikaner im Hungerstreik – an Herzversagen.
Für Empörung sorgte kürzlich auch der Tod eines Afrikaners, der Gefängniswärter attackiert hatte. Seine Zelle wurde mit Tränengas eingenebelt. Ein Gerichtsmediziner hatte den Haftraum noch zwei Stunden nach dem Vorfall wegen der Konzentration des Gases nicht betreten können – in der Lunge des Toten konnte er jedoch keinen Tropfen der ätzenden Substanz finden und attestierte »Herzversagen«. Die der Haider-Partei zugehörige Justizministerin belohnte die Beamten mit einer Prämie.
Um solche Fälle zu verstehen, muss man auch in das Jahr 1999 zurückblicken, in dem Haider von jedem dritten Österreicher gewählt wurde. Auch damals starb ein Afrikaner angeblich an »Herzversagen«. Drei Polizisten hatten ihn bei seiner Abschiebung mit Klebebändern wie eine Mumie verpackt und ihm den Mund verklebt. Die Krone titelte trotzdem Machtlos gegen 1000 Nigerianer, und die Justizsprecherin der FPÖ wusste zu berichten, dass Afrikaner »von Natur aus aggressiv« seien. Haider unterstellte dem Toten in Massenkundgebungen, ein »Dealer, ein Mörder unserer Kinder« zu sein – wahrheitswidrig. Erst nach drei Jahren stellte ein Gericht fest, dass der Mann erstickt war. Die Beamten bekamen acht Monate auf Bewährung, die FPÖ erhielt Ämter in der Regierung.
Schon droht anlässlich des beginnenden Wahlkampfes und der hohen Ausländerkriminalität ein erneuter Wettkampf der Scharfmacher. Dabei brauchte das Land eine ernsthafte Debatte über den Umgang mit der wachsenden Zahl von Einwanderern, die zwar jahrelang legal im Land auf den Ausgang ihrer meist erfolglosen Asylverfahren warten, nicht jedoch arbeiten dürfen. In heruntergekommenen Asylquartieren verfallen vor allem viele Afrikaner den Verlockungen des Drogenhandels. Bereits jeder zehnte Häftling in Österreich ist schwarz – obwohl nur rund 10 000 Afrikaner im Acht-Millionen-Staat Österreich leben. Die Populisten bringen sich schon in Stellung: Jörg Haiders neu gegründete Bewegung BZÖ kämpft um den Einzug in den Nationalrat. Die Reste der noch weiter nach rechts gerückten FPÖ unter dem gefürchteten Jungagitator Heinz Christian Strache kann mit etwa 10 Prozent rechnen. Und so gab Österreichs Vizekanzler Hubert Gorbach, BZÖ, anlässlich der jüngsten Exzesse in der Wiener Lagerhalle lediglich bekannt, dass das kürzlich verschärfte Asylgesetz »endlich Wirkung zeigt«.

18.04.06

Neulich in der Lagerhalle, III

Sieben Ideen, wie man Drogendealer von den Straßen kriegt - und Polizeibrutalität bekämpfen könnte.

1) Schnellere, faire Asylverfahren vor unabhängigen Gerichten, die über die notwendigen Ressourcen verfügen.
2) Arbeitsmöglichkeiten für Menschen in Asylverfahren, damit diese nicht den moralischen Vorwurf erheben können, sie müssten um zu überleben dealen.
3) Besser geschulte Polizisten, die auch mal Supervision oder einen afrikanischen Kollegen zu Gesicht bekommen
4) Harte Sanktionen bei Übergriffen, schnellere Entlassungen und Konsequenzen vor allem auch für Führungskräfte. Unabhängige Untersuchungstruppen müssen ausgebaut werden.
5) Polizisten sollen maximal zwei Jahre auf Drogendealerei spezialisiert sein - und dann routinemäßig wechseln, damit sie nicht betriebsblind werden.
6) Streng kontrollierte Abgabe harter Drogen an Süchtige durch Mediziner - um den Schwarzmarkt auszutrocknen und das Leid und die Beschaffungskriminalität der Suchtkranken zu lindern.
7) Rechtsstaatliche Gelassenheit, statt populistischer Scharfmacherei. Betrunkene Autofahrer töten mehr Menschen pro Jahr. Die Wirte, die den Angesoffenen Bier einschenken, obwohl das Auto draußen steht, werden auch nicht verfolgt.

15.04.06

Neulich in der Lagerhalle, II

FOTO_2.jpgNun also das Foto des mutmasslich misshandelten Afrikaners (Copyright Falter). Sogar die Kronen Zeitung zeigt sich schockiert und lobt die Suspendierung. Nur auf www.kripo-online.at tobt eine unselige Debatte unter Polizisten. Anstatt über den möglichen Skandal in den eigenen Reihen zu diskutieren, wird darüber palavert, ob man Dealer abschieben darf. Ja, das darf man - aber nicht mit Faustschlägen, Tritten und Exekutionsspielen. Wer das nicht begreifen will, soll nicht zur Polizei. Eine Schande, dass man das heute noch betonen muss.

10.04.06

Der neue Drogenbericht - Rückkehr ins Mittelalter

224 Drogentote - überrascht? Einen »Rückfall ins Mittelalter« prophezeite kurz nach der blauschwarzen Wende, der damalige Wiener Drogenkoordinator Peter Hacker. Vermehrt würden Suchtkranke nun wieder im Zuchthaus, nicht aber im Spital landen. So kam es auch. Der blaue Justizminister  verschärfte die Gesetze. Drogenkranke wurden von der Polizei verstärkt durch die Stadt getrieben, schneller und länger eingesperrt. Sogar auf Jugendliche Kiffer, so hält der Drogenbericht fest, wird wieder Jagd gemacht, um sie vor Gericht zu stellen.
Konsequenz: Streetworker verloren den lebensrettenden Kontakt zu ihren Klienten. Sie beklagten, keine Erste Hilfe mehr leisten zu können, da sich Süchtige zum Fixen  immer öfter  in ihre Wohnungen verkriechen. Die Forderung der Experten nach kontrollierter Abgabe harter Drogen in hygienischen Fixerstuben verhallte ungehört - obwohl genau das in anderen Städten hilft.
Der neue Drogenbericht des Gesundheitsministeriums präsentiert die Rechnung: 224 Tote, darunter viele Jugendliche und Mädchen. Viele ersticken am Erbrochenen, weil niemand half. Zum Vergleich: 1997 starben nur rund 160 Menschen. Noch ein Problem wird akut: Die drogenverseuchten Gefängnisse sind dramatisch überfüllt. Die Hepatitis C-Rate liegt dort bei 60 Prozent und die HIV-Infektionen steigen seit langer Pause  wieder an. Was geschehen soll? Drogensucht muss endlich als psychische Krankheit erkannt und entsprechend behandelt werden. Und zwar von Ärzten - nicht von Richtern. (in DIE ZEIT, 16/06)

06.04.06

Napoleon

Bei Polizisten verhasst, bei Politikern beliebt: Nach der Rotlichtaffäre könnte Roland Horngacher Wiens Polizeichef werden. Porträt eines einsamen Kriegers

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Die Guantánamo Files

Ja, Guantánamo ist eine Schande. Dennoch ist auch über den Kampf der amerikanischen Justiz gegen das Lager zu berichten. US-Richter zwangen das Pentagon kürzlich, die Verhörakten aus Guantánamo zu veröffentlichen. Auf der Homepage des Pentagon hat das Ministerium nun tausende Seiten hingeschmissen. Nun kann man nachlesen, was den Gefangenen tatsächlich vorgeworfen wird - und wie sich manche in kafkasken Verhörsituationen wiederfinden. Laut vorlesen müsste man all das.

25.03.06

Abflug in die Folterkammer

CRG2112.jpg Es machte "schwipp" und "schwupp", sagten die staunenden Polizisten in Schweden. Und schon steckte ein Ägypter in Windelhosen und fand sich einem orangen Overall wieder. Einem radikalen Imam aus Mailand gings offenbar ähnlich. Nähere Recherchen zu den abenteuerlichen CIA-Entführungen sind hier zu finden. Selbst UN-Ermittler Manfred Nowak beobachtete Entführungen nach Guantanamo. Er rügte in seinem Bericht über das Lager vor allem die erniedrigende Behandlung während der Gefangenentransporte (siehe Bild) und die Kältefolter. Die US-Regierung weist solche Berichte zurück (siehe Watchdog-Eintrag "Hotel Guantanamo") Seit vier Jahren befindet sich auch der Bremer Türke Murat Kurnaz in jenem Lager - ohne Anklage und, wie US-Gerichte betonen, ohne je etwas verbrochen zu haben. Wie der Spiegel nun berichtet, spielt der deutsche Auslandsgeheimdienst BND keine ruhmreiche Rolle in dem Fall. Er vernahm Kurnaz vor Ort, wollte ihn angeblich als V-Mann anwerben und boykottierte sodann Kurnaz Einreise nach Deutschland. Der U-Ausschuß in Deutschland wird sich um den Fall kümmern.

16.03.06

Wo Europa im Sumpf endet

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Der Mann im leeren Pool ist Roland G.. Er ist Puffbesitzer im tschechisch-österreichischen Grenzland. Er vermittelt litauische Frauen mit Hausschuhen an österreichische Kundschaft - und er erzählt einiges über den Frauenhandel in den tschechischen Dörfern. Die Soldaten hier an den Spaggettitöpfen beschützen übrigens diese Schengengrenze. Nicht mehr lange, denn bald wird sie Richtung Osten wandern. Hier ein letzter Besuch bei Schmugglern, Gendarmen und Bauern an der Österreichischen Schicksalslinie.

Hotel Guantánamo

02.jpg Guantánamo ein schlechter Ort? Keineswegs. Es gibt dort, wie eine Akte beweist Pizza und Westernfood für Selbstmörder und der Rechtsberater des US-Außenamtes erklärte mir, wieso Verhöre bei klirrender Kälte keine Folter darstellen. Hier die Story auf Zeit.de

12.10.05

Elfriede Jelinek über Cheibani Wague

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Der Fall Cheibani Wague wird nun vor dem Strafgericht abgehandelt. Der Mauretanier ist unter den Beinen der Einsatzkräfte (siehe Bild) erstickt, sagt jetzt ein Gerichtsgutachter. Nach zwei Jahren kommt die Wahrheit offenbar doch ans Licht. Die Wiener Gerichtsmedizin scheint sich wieder geirrt zu haben. Ist sie schlampig oder voreingenommen? Elfriede Jelinek hat auf ihrer Homepage (im Kapitel "Aktuelles") einen Text dazu geschrieben.

11.10.05

Investigations: Die Linzer Schubhaft

Die Befürchtungen des Anti-Folterkomitees (siehe letzter Eintrag) scheinen sich zu bestätigen. Hier die neuen Falter-Recherchen zur Linzer Schubhaft.
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Verschobene Salze

POLIZEI Die Schubhaft in Linz galt trotz erbärmlicher Zellen als musterhaft. Jetzt starb ein 18-Jähriger im Hungerstreik. Nur wenige Wochen zuvor hatte ein internationales Expertenkomitee den Umgang mit Häftlingen gerügt.


Selbst Flüchtlingsorganisationen schwärmten von Linz. Hier gebe es "ein Modell für humanere Anhaltung von Schubhäftlingen", sagte ein Sprecher von SOS Menschenrechte. Und der damalige Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) bemerkte bei einer Pressekonferenz, die Schubhaft hier habe "europaweit Beachtung erlangt".

Das war vor fünf Jahren. Das Linzer Polizeigefangenenhaus richtete damals eine "offene Station" ein, in der sich Schubhäftlinge frei aufhalten konnten. Noch im Sommer dieses Jahres erklärte ein Beamter gegenüber dem Falter bei einem Rundgang: "Wir sind sehr gut im Umgang mit Hungerstreikern. Sobald einer seinen Willen kundtut, dass er nichts mehr essen will, versuchen wir ihn in der Zelle im Verband mit den anderen zu halten. Dann stellen wir ihm das duftende Essen hin. Der Hungerstreik führt bei uns jedenfalls nicht sofort dazu, dass die Leute sofort entlassen werden wie in Wien."

Ein offenbar gefährlicher Ansatz. Vergangene Woche verstarb der erst 18-jährige Yankuba C. während seines Hungerstreiks. Wegen eines Drogendeliktes verurteilt, sollte der Bursche aus Gambia abgeschoben werden. Zuvor wurde der Häftling, der bereits mehrere Tage gehungert haben soll, ins Linzer AKH ausgeführt. Nach einer Untersuchung, bei der Yankuba C. laut Angaben der Polizei nach einer Krankenschwester trat, wurde er an Händen und Füßen gefesselt in die Isolationszelle des Gefangenenhauses gebracht. Der Befund der Ärzte, die bei dem "athletischen Mann" keine lebensbedrohlichen Zustand bemerkt haben wollen, konnte dem Burschen allerdings nicht mehr überreicht werden. Er lag - so das Gutachten der Gerichtsmedizin - kurz nach dem Spitalbesuch verdurstet in seiner Zelle. Es habe eine "Verschiebung von Salzen" in seinem Blut stattgefunden, so Polizeisprecher Christian Grufeneder.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Linz. Denn nach dem Gesetz müssen Schubhäftlinge entlassen werden, wenn sie nicht mehr "haftfähig" sind. Im Gegensatz zu Strafgefangenen dürfen sie - noch - nicht zwangsweise ernährt werden. Bei der Polizei weisen Beamte alle Schuld von sich. Die Verantwortung liege wohl bei den Ärzten, die den kritischen Zustand des Häftlings nicht bemerkt und volle Haftfähigkeit attestiert hätten. Heinz Brock, ärztlicher Direktor des AKH, weist das zurück: "Bei uns ist nichts schief gelaufen. Der Häftling ist untersucht worden, und wir haben keinen kritischen Zustand feststellen können." Es habe sich zwar ein "gewisser Wassermangel" gezeigt, der trete jedoch auch nach "zwei Tagen Durchfall" auf. Die Expertise des Gerichtsmediziners Johann Haberl, die Verdursten nahe legt, sei "nicht nachvollziehbar".

Es ist nicht das erste Mal, dass die Linzer Vorzeigebeamten sogenannte "Selbstbeschädiger" in Isolationszellen sperren, statt sie zu entlassen. Vergangenes Frühjahr schluckte der 32-jährige Moldawier Sergei I. eine Batterie. Auch er wurde ins Spital überführt und dann in eine Einzelzelle gesperrt. Die Beamten, so rügte ein kürzlich veröffentlichter Kontrollbericht des Europarates, fesselten dem Häftling anschließend Arme und Beine und verbanden die Fesseln auf eine Weise, "dass der Häftling für mehrere Stunden in einer übermäßig gestreckten Position ausharren musste".

Dass Schubhäftlinge aus dem Linzer Knast flüchten wollen, verwundert nicht. Linzer Beamte gestehen ein, dass der nüchterne Stahlbetonbau, 1981 für ein paar betrunkene Verkehrsrowdies gebaut, für die monatelange Unterbringung von Menschen nicht geeignet sei. In den von mehreren Insassen bewohnten Zellen stehen Toiletten gleich neben den Betten. Die Häftlinge müssen einander wochenlang bei den intimsten Handlungen zuschauen. An die frische Luft kommen Gefangene nur eine Stunde am Tag, beim sogenannten "Spaziergang im Freien", der auf dem betonierten Dach stattfindet. Ausblick haben sie dabei nicht, denn das Dach ist von einer Mauer umgeben. Als die Anti-Folterkommission diese Missstände rügte, meinte Innenministerin Liese Prokop: "Ich lasse mir die hervorragende Arbeit unserer Polizei nicht schlecht reden." Nun fordert Prokop "lückenlose Aufklärung".

14.09.05

Investigations: der "Linzer Spazierhof"

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Noch ein Foto aus dem Linzer "Vorzeigegefängnis". Bis zu sechs Monate dürfen Schubhäftlinge in Linz sitzen. Einmal am Tag dürfen sie eine Stunde an die frische Luft zum "Spaziergang im Freien". Der Auslauf findet am Dach der Anstalt statt. Der "Spazierhof" sieht so aus. Auf einer Tür steht "Negar raus". Das Internationale Komitee zur Bekämpfung von Folter und unmenschlicher Behandlung war auch hier und zeigte sich entsetzt. Der kürzlich erschienene Bericht der Anti-Folter-Experten rügt auch brutale Polizeiverhöre und die unzumutbaren Haftbedingungen für Jugendliche

Investigations: Wo sind Wiens moderne Muslime?

2005_31[1].jpg Um Sympathien für den Terror zu bekämpfen, braucht es moderne Muslime, die fortschrittlichen Islam predigen. Wo gibt es die? Zum Beispiel in einer Moschee in der Leopoldstadt, in der Wiens Moslems wöchentlich Standpauken gehalten werden. Eine mit Kollegin Weissensteiner unternommene Spurensuche in Wien ist hier dokumentiert. Das Titelbild stammt von Veronika Hofinger.

Investigations: Böser Postfuchs, böser Chinese

Der ORF vermeldet, dass Niki Lauda eine Sonderbriefmarke bekommt. Schön für ihn. Der Dalai Lama kriegt keine Sondermarke, weil die chinesische Botschaft erfolgreich bei der österreichischen Post interveniert hat. Das sagt zumindest die österreichische Außenministerin in dieser parlamentarischen Anfragebeantwortung. Brrrrrr.

11.09.05

Frauenhandel in Wien (was die Wiener Presse schreibt)

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Doyen Andreas Unterberger, jetzt Chefredakteur der Wiener Zeitung, liest auch in den Lauschprotokollen und ärgert sich über die Enthüllungen zu den Mädchenhändlern. Dafür mischt ihn GünterTraxler in den Blattsalat. Kollegin Knecht fühlt sich unwohl im Wiener Schweinestall und schreibt das.

Frauenhandel in Wien (Ed Fagan meldet sich)

NZZ Redakteure klauen Watchdogs Enthüllungen und nennen Namen . Hier das Neueste. US-Anwalt Ed Fagan dementiert. Ihm wurden "seines Wissens nach" nie Minderjährige ins Hotel geliefert. Sagt er dem profil. Was er nicht weiß, macht die Justiz nicht heiß. Die rote Frauensprecherin ist böse auf so eine Justiz und schreibt das.

Frauenhandel in Wien (das Parlament outet einen Mitarbeiter)

Die Callgirlaffäre erreicht das Parlament. Der Sprecher von Andreas Khol outet sich. Er habe die Mädchenhändler nur "zur Recherche" kontaktiert. Telefonprotokolle lassen Zweifel an dieser Version aufkommen. Im Falter schreibe ich dazu das hier veröffentlicht.


Frauenhandel (die Justiz wacht auf)

Im Falter weitere Abhörprotokolle eines noblen Wiener Escortservice im O-Ton. Wie sich Mädchenhändler, Lieferanten, Opfer und ihre vornehme Kundschaft am Telefon unterhalten – und wie die Justiz betuchte Freier schonte, obwohl sie ausdrücklich minderjährige Mädchen bestellten.

10.09.05

Frauenhandel in Wien (Teil eins: Die Protokolle)

Wie Wiens betuchte Herren Frauen bestellen

Erst drohen sie, ihnen die Beine zu brechen, dann vermitteln sie minderjährige Mädchen als „Penthouse Pets“ an Staranwälte, Manager und Diplomaten. Ein im Falter dokumentierter Lauschangriff auf eine noble Wiener Begleitagentur zeigt, wie osteuropäische Mädchen in die Betten betuchter Herren geliefert werden.