Freunde und Helfer
Warum es für vier Wiener Polizisten vor Gericht keinen Unterschied machte, ob sie einen Schäferhund oder einen afrikanischen Dealer traktieren (für DIE ZEIT)
Hamburg 1995: Polizeibeamte der berüchtigten Wache 11 quälen Afrikaner mit Scheinhinrichtungen. Der zuständige Innensenator tritt zurück, weil er den »unseligen Corpsgeist« nicht mehr hinnehmen will. Es folgt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss.
London 1999: Ein farbiger Student wird von Weißen erstochen. Die zu Hilfe gerufene Polizei ermittelt schlampig, die Täter entkommen. Der Innenminister beauftragt einen Lordrichter mit einer Untersuchung der Londoner Polizei. Sein Resümee nach monatelangen Recherchen: Bei den Bobbys herrsche »institutioneller Rassismus«. Premier Tony Blair sagt: »Der heutige Tag ist ein wichtiger Tag in der Geschichte unseres Landes. Es wird neue Maßstäbe im Umgang mit Rassismus geben.«
Wien 2006: Drei Polizisten verschleppen einen »renitenten« Schubhäftling in eine Lagerhalle, verprügeln ihn und zertrümmern sein Jochbein. Ein vierter Beamter steht Schmiere. Alle leugnen und verleumden das Opfer. Erst unter dem Druck der Beweise gestanden sie vergangene Woche vor Gericht, den Afrikaner Bakary J. »aus Frust« misshandelt zu haben. Die Cops kommen wegen ihres »reumütigen Geständnisses« mit acht Monaten auf Bewährung glimpflich davon. Zum Vergleich: Derselbe Richter (Thomas Schrammel) verurteilte kürzlich einen linksextremen Studenten zu neun Monaten (drei davon unbedingt), weil er bei einer Demo mit dem Rad auf einen Polizisten losraste – und diesen leicht verletzte. Die für die Polizei zuständige Innenministerin Liese Prokop antwortete auf die Frage, ob sie sich namens der Republik beim Opfer entschuldigen werde: »Dazu sehe ich für mich persönlich keinen Anlass. Man darf nicht vergessen, dass der Mann ein mehrfach verurteilter Drogendealer ist.«
Der Wiener Rechtsanwalt Georg Bürstmayr, Mitglied des Menschenrechtsbeirates im Innenministerium, sagt: »Es wäre zum selben Urteil gekommen, wenn die vier Polizisten in der Lagerhalle einen Schäferhund traktiert hätten.«
Es gibt drei Gründe, warum das so ist:
Erstens: das Kottan-Prinzip. Die TV-Serie lehrt: Wiens Polizisten sind unprofessionelle, aber von sich selbst überzeugte Stümper. Ihre Chefs sind überfordert, mediengeil – und sie werden kaum zur Verantwortung gezogen. Die Realität in Wien? Ein Nigerianer (Marcus Omofuma) stirbt, weil er bei der Abschiebung wie eine Mumie verschnürt wird. Ein Mauretanier (Cheibani Wague) erstickt, weil ihn Beamte mit den Füßen am Boden fixieren. Ein schizophrener Kurde (Binali I.) wird auf offener Straße »in Notwehr« erschossen, weil er eine Perrier-Flasche auf einen Polizeiwagen wirft. Und ein Rom (Imre B.) muss in seinem Auto verbluten, weil ein Polizist, der auf ihn zielt, einem »Greifreflex« erliegt, wie ein Gerichtsmediziner das nennt. Die immergleiche Reaktion der Polizeispitze, die dieser Tage in Intrigen und Korruptionsaffären untergeht: »Bled g’laufen«. Die Justiz straft – wenn überhaupt – überaus milde.
Zweiter Grund für das ständige Versagen der Polizei: der Lainz-Schwestern-Effekt. Auch die wohlmeinendsten Menschen – etwa Krankenschwestern – drehen durch, wenn ihnen die Gesellschaft die schlimmsten Extremsituationen aufbürdet, ohne sie dafür ausreichend auszubilden und zu kontrollieren. Uniformierte müssen nicht nur täglich Leib und Leben für die Bürger riskieren, sie werden dafür auch noch schlecht bezahlt. Supervision gibt es für diese Beamten nicht. Wer Ängste offen eingesteht, gilt als »Weichei«. Das produziert Frust, der selten, aber doch in kriminelle Energie umschlägt.
Drittes Phänomen: das Kardinal-Groer-Prinzip. Selbst auf schwerste Verfehlungen folgen Verharmlosung und Corpsgeist. Das ist möglich, weil Gewaltenteilung und öffentliche Kontrolle in Wien so schlecht ausgebildet sind. Wiens ältere Strafrichter stehen zu Recht im Ruf, der Polizei – die für die Gerichte die Drecksarbeit macht – nicht wirklich wehtun zu wollen. Und Wiens Boulevardmedien (hier vor allem die Krone) fahren einen Kuschelkurs, weil es Herausgeber Hans Dichand und seine Leser so wollen – Krone-Redakteure bestätigen das immer wieder. Auch die Innenminister aller Couleur zeigen bei Fehlverhalten erstaunlich oft Verständnis. Sie wollen sich so dem Boulevard anbiedern, wissen aber auch seit Innenminister Caspar Einems Fall, dass man sich mit Polizeigewerkschaftern nicht anlegt.
Unfähigkeit, Corpsgeist, Feigheit, mangelnde Gewaltentrennung: Das sind die Gründe, wieso es vor Gericht keinen Unterschied macht, ob ein Polizist ein Tier oder einen Menschen malträtiert. Florian Klenk

Der Fernsehkommandant
Der schlechteste Fotoshop- Betrug der Welt. Reuters Fotograf Adnan Hajj peppte ein Foto aus Beirut etwas stümperhaft auf. Manche Häuser sind nun doppelt zu erkennen, der Rauch weht nun zweimal durchs Bild. Das Foto rutschte durch den reuters sicherheitscheck, doch Blogger deckten den Schwindel auf. Der Fotograf hat dem Libanon keinen großen Dienst erwiesen.
Wurde er als "Terrorist" beschimpft? Zidane hat wohl eher die Ehre seiner Mutter wiederhergestellt. 
Im Zug nach Graz schöne Geschichte über die schwindende Bodenhaftung von Politikern belauscht: Zwei Arbeiter aus Mürzzuschlag, Sitz der Präsidentenvilla, unterhalten sich über Österreichs Präsidenten und erzählen. Erster Arbeiter: "Der Kirchschläger, der war ein feiner Kampel. Der ist herkommen auf Urlaub und hat sich mit den Leuten fotografieren lassen. Is a Frau komman. Hat gsagt, Herr Präsident, ich hab so schlechte Zähne! Hat der Kirchschläger gesagt: Machen Sie es wie ich, sprechen sie mit geschlossenem Mund. Da haben beide gelacht." Zweiter Arbeiter: "Dann ist aber der Waldheim kommen. Der hat nichts mehr geredet. Aber er war viel da. Und dann der Klestil. Den haben sie mit dem Hubschrauber und mit Bodyguards hergeflogen. Fotografieren hat sich der nicht mehr lassen." Erster Arbeiter: "Nein, nicht mehr." 