Fall Krems: Die Geschichte der verbannten Mutter
Vor einem Jahr erschoss ein Polizist ihren 14jährigen Buben. Danach verlor Ernestine Pirker auch ihre Existenz (für Falter)
Am 11. Juni läutet es an der Türe von Ernestine Pirker. Der Briefträger überbringt ein Paket, Absender Landesgericht Korneuburg. Ernestine Pirker sieht den Inhalt und bricht zusammen.
Ordentlich zusammengefaltet übersandte ihr ein Richter eine H&M-Jacke und ein braunes T-Shirt. Die Kleidungsstücke waren durchlöchert, zerschnitten und mit Blut getränkt. Niemand hatte Ernestine Pirker vorgewarnt, dass sie die Kleidung ihres erschossenen Sohnes auf diese Art in Empfang werde nehmen müssen.
Ernestine Pirker hat die “Depositen“ als einen weiteren Beweis für Staatsversagen auf ihrem Küchenboden aufgebreitet. Sie kniet davor, sie streicht über die Kleidung, ehe sie die Stücke penibel zusammenfaltet. “Das Gewand von meinem erschossenen Mauserl“, sagt sie und wischt sich damit die Tränen weg. “Wie gemein, wie böse kann man sein, dass man einer Mutter so etwas wortlos mit der Post schickt?“
Das T-Shirt wurde von Schießsachverständigen untersucht. Sie widerlegten anhand der Schmauchspuren in einem Gerichtsverfahren vergangenen März die Angaben des Polizisten Andreas K., der Florian Pirker im Sommer 2009 im Kremser Merkur-Supermarkt von hinten erschossen hatte. Nicht in Notwehr hatte K. den 14-jährigen Florian getötet, so das Urteil. Der Beamte hatte dem unbewaffneten, maskierten Buben aus zwei Meter Entfernung in den Rücken geschossen.
“Sie waren auf der Jagd!“, sagte damals der Richter zum Polizisten, “Sie wollten auch endlich einen Einbrecher festnehmen.“ In schroffem Ton verhörte er den Polizeibeamten. Die Gerichtsreporter lobten den Prozess, weil sie glaubten, der Gerechtigkeit werde nun Genüge getan. Vor den Journalisten forderte der Herr Rat, dass Inspektor K. nie wieder eine Waffe tragen dürfe.
Dann bestrafte der Richter den Polizisten mit acht Monaten Haftstrafe auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Drei Monate später sandte das Gericht Ernestine Pirker die Kleidung ihres Sohnes nach Hause. Ein Fauxpas, für den sich der Richter später entschuldigte.
Der Fall war für das Strafgericht erledigt. Die Öffentlichkeit verlor das Interesse an diesem Drama, aber Ernestine Pirker verlor das Vertrauen in den Rechtsstaat. Hatten die Politiker da draußen nicht ihre Unterstützung zugesagt? “Sehr geehrte Trauerfamilie“, steht in einem Brief an sie geschrieben, “als ich vom tragischen Unglück und vom Ableben Ihres Sohnes erfahren habe, hat mich das zutiefst erschüttert. In meiner Verantwortung werde ich alles dafür beitragen, die genauen Umstände des Polizeieinsatzes aufzuklären.“ Gezeichnet: Maria Fekter.
Die Innenministerin war die einzige, die Ernestine Pirker damals Hilfe versprach. Die anderen Politiker blieben still.
Heute ist Inspektor K., wieder im Dienst, resozialisiert und bewaffnet. Und Ernestine Pirker, die Hinterbliebene? Wie geht es ihr, wie geht es ihren zwei Kindern, eines davon erst fünf Jahre alt?
Das Strafrecht dient der Spezial- und Generalprävention. Der Täter soll für seine Tat ein Übel verspüren, die Gesellschaft abgeschreckt werden. So steht es sinngemäß im Gesetz. Doch seit einigen Jahren soll das Strafrecht auch noch ein weiteres Interesse bedienen: die Opfergerechtigkeit. Hinterbliebene sollten professionell betreut und schnell entschädigt werden, um über das Unrecht hinwegzukommen.
Ernestine Pirker sagt eineinhalb Jahre nach der Tat: “Ich kann mir für meine Maus nicht einmal einen Grabdeckel leisten.“ Sie selbst erhielt bis heute keinen Cent, die Finanzprokuratur denkt noch immer über ein paar zehntausend Euro Entschädigung nach. Ernestine Pirker verlor derweil ihren Job, sie verließ Krems, sie sei behandelt worden “wie der letzte Dreck“.
Das Wirtshaus, in dem Pirker als Servierkraft arbeitete, wollte sie nicht länger beschäftigen. Hier speisen ja auch Kremser Polizisten und Staatsanwälte, auch der Beamte, der ihren Sohn erschoss. Er kannte Florian Pirker und er kannte seine Mutter.
In der Lerchenfeld-Siedlung, wo “die Erni“ einst “im Hof mit den Nachbarn geschnattert“ hatte, wie sie erzählt, wo der Bub den Ball an die Wand knallte und den Kindergarten besuchte, haben sich die Leute auf einmal weggedreht, wenn Frau Pirker des Weges kam. In der Krone stand im “Freien Wort“ geschrieben: “Man sollte die Eltern anzeigen und verurteilen, die Aufsichtspflicht wurde hier eklatant vernachlässigt! (…) Ich bitte um einen Orden für die beiden Beamten!“
Überall, sagt Frau Pirker, “haben die Leute gezischt“. Eine schlechte Mutter müsse sie wohl gewesen sein, bei so einem “Babyface-Einbrecher“, wie die Zeitungen ihren Sohn nannten. Nicht einmal das Grab blieb von Spott verschont. “Das hat zu viele Engerl“, zischte eine Dame, als Frau Pirker dort trauerte. Einzig der Trafikant blickte Ernestine Pirker in die Augen. Er verglich nämlich ihr Gesicht mit dem Titelblatt von Österreich. Die Reporter des Blatts hatten Pirker beim Begräbnis ins Gesicht geblitzt, als wäre sie eine Prominente.
Ein paar Tausender Entschädigung bekam Ernestine Pirker für diese Persönlichkeitsverletzung. Die Medienrichterin sagte beim Prozess: “Und Sie sind also die Mutter des Babyface-Einbrechers?“ Und die NÖN höhnten: “So brutal es auch klingt. Die Familie des erschossenen Supermarkteinbrechers versucht, aus den tragischen Ereignissen Kapital zu schlagen!“ Dabei wollte Ernestine Pirker mit dem wenigen Geld nur ihre Opferanwälte bezahlen.
Ernestine Pirker hat all diese Berichte aufgehoben, sie hat Dokumente und Bescheide gesammelt, Rechnungen und Briefe. Sie hat lange den Mund gehalten, nie öffentlich über ihren “Fall Krems“ und die Zeit danach gesprochen.
Die Medien reimten sich ihre Story deshalb selbst zusammen. Der erschossene Florian Pirker sei der Spross einer verkommenen Unterschichtsfamilie, hieß es sinngemäß. Ein “Schrecken der Lehrer“, schrieb die Krone. Mit seinen 14 Jahren sei er “alt genug zum Einbrechen“ und daher “alt genug zum Sterben“, wie es Michael Jeannée in der Krone ausdrückte.
Ernestine Pirker, eine kräftige, stille Frau, sagt, sie habe durch die Tat ihren Sohn verloren und danach auch ihre Würde. Und deshalb bittet sie nun hinein in ihr neues Zuhause, das am Rande einer Weinviertler Gemeinde steht. Hier, in einem ordentlichen Einfamilienhaus, versucht sie sich mit einem neuen Lebensgefährten eine Existenz aufzubauen. Auf dem Küchentisch stehen Fotos von Florian. Er hält seine Freundin im Arm, hinter dem Ohr steckt eine Zigarette.
Wer Frau Pirkers Erzählungen hört und durch ihre Ordner blättert, dem stellt sich eine grundlegende Frage: Wieso versagt der Opferschutz hier so kläglich? Für den Polizisten, der rechtswidrig einen Menschen tötete, konnte das Berufsleben weitergehen, als wäre nichts geschehen. Der Staat wollte seine Karriere aufgrund seines einmaligen Versagens nicht zerstören.
Aber wieso sitzt Ernestine Pirker nun vor einem Haufen von Schulden und skandalöser Behördenpost? Nicht nur das milde Urteil und das gedankenlos übersandte Paket mit der blutigen Kleidung hat Pirkers Vertrauen in den Staat erschüttert. Auch der Bescheid des Bundessozialamts, Zahl 214-613019-007, macht sie ratlos: “Ihr Antrag auf Erstattung der Bestattungskosten wird abgewiesen“, wurde da “spruchgemäß entschieden“. Ihr Sohn sei zwar erschossen worden, doch er sei kein Opfer einer Vorsatztat, sondern nur durch fahrlässiges Handeln, also ein Versehen des Polizisten zu Tode gekommen. Dafür könne das Sozialamt leider nicht aufkommen. Das Verbrechensopfergesetz schreibe es so vor. Erst nach mehrmaligem Bitten wurde ein Teil der Begräbniskosten zusammengekratzt, den Grabstein bezahlte Frau Pirkers Bruder.
Oder die Rechnung eines Vereins, der psychologische Hilfe anbietet: ein paar Stunden Trauerbegleitung für Pirkers dritten Sohn, den fünfjährigen Elias, kosteten 647 Euro und 40 Cent. Kein Staat, kein Innenminister, kein Landesfürst hat ihr das Geld bis jetzt ersetzt, keine Spendenaktion wurde gestartet, wie bei anderen Opfern von solch spektakulären Straftaten üblich.
Dabei nahm der kleine Elias, so erzählte Pirker, sogar den Sturzhelm seines erschossenen Bruders mit ins Bett. Er wollte auch sterben, so wie Florian, sagte er. Mit Playmobilfiguren hatte ihm die Mutter die Umstände des Todes erklärt. Eine professionelle Traumatherapie ist nicht leistbar. Frau Pirker lebt von 540 Euro Krankengeld, weil sie nicht mehr arbeiten kann, wie früher, “als wir noch glücklich waren“.
Früher? Was war da eigentlich? Wer war diese Familie, die ihren Sohn über Nacht verlor und danach verhöhnt wurde.
Ernestine Pirker war das neunte Kind ihrer Eltern, einfacher Leute aus Niederösterreich. Ihr Vater war gewalttätig und verschwand bald. Sie tat, was viele Frauen auf dem Lande tun: Sie pflegte ihre Mutter, später kümmerte sie sich um Florian Pirkers Vater, der sich vom Müllfahrer zum Disponenten hinaufgearbeitet hatte und nach einem Unfall mit gebrochenem Schädel ein Jahr betreut werden musste. Ihre Ehe zerbrach, es kamen schwere Zeiten.
Ernestine Pirker beklagte sich nie darüber. Sie ging im Wirtshaus servieren, sie putzte, sie bügelte Hemden für betuchte Herrschaften. Im Urlaub fuhr die Familie nach Lignano, und wenn Florian sagte “Mama, ich hätte gerne Nike-Schuhe“, dann antwortete Ernestine Pirker: “Mausl, ich geh ein Wochenend arbeiten, dann kriegst das.“ Sie hat nicht viel gehabt, diese Kremser Alleinerzieherin, “aber wir waren zufrieden“.
Und Florian? Ist er abgerutscht in die Schwerkriminalität, wie die Medien andeuteten? Nein. Er war aber öfter “am Posten“, er hatte ein paar Jugendvorstrafen. Weil er einmal in einem Zirkus nächtens einen Bagger startete und damit eininge Runden drehte. Weil er im Media-Markt eine Spielkonsole klaute, die er aber wieder zurückbrachte. Weil er einen Parkautomaten aufbrach. Weil er sich mit Gleichaltrigen im Kremser Volksheim ohrfeigte. Ein pubertierender Heißsporn war er, aber kein Schwerverbrecher.
In der Nacht des Todes, es ist der 5. August 2009, klingelte bei Ernestine Pirker das Telefon. Sie möge ins Krankenhaus kommen. Sie musste eine Stunde warten. Sie wusste nicht, was geschehen war, sie ahnte nicht, dass ihr Sohn erschossen mit Schläuchen im Mund auf der Instensivstation lag.
Die Polizisten seien “wie Orgelpfeifen“ dagestanden. Und einer sagte kryptisch: “Ihr Sohn ist im Zuge eines Einbruchs verstorben.“ Ernestine Pirker wurde stundenlang im Unklaren gelassen. Sie durfte den Leichnam ihres Sohnes nicht sehen, sie durfte sich nicht verabschieden. Sie bekam für kurze Zeit ein Kriseninterventionsteam zur Seite gestellt. Derweil konnten sich die Beamten vier Tage lang mit Psychologen besprechen und den Fall “zusammenreimen“, wie ein Polizist später gestand.
“Ziehen S’ weg von Krems“, sagten Ratgeber zu Ernestine Pirker. “Sie finden hier keine Arbeit mehr“, erklärte das Arbeitsamt.
Ernestine Pirker verspürt keinen Hass, sondern das Verlangen nach Gerechtigkeit. Die Kosten für Therapie und Grabstein will sie erstattet haben und sie will, dass der Polizist nicht einfach so in den Dienst zurückkehrt. Sie ist verwundert über die archaischen Reflexe, die dieser Fall in ihrer Heimat Krems und bei der Öffentlichkeit auslöste.
Es sind Mechanismen, die Opferanwälte immer wieder erleben. Zuerst herrscht ein wenig Mitgefühl mit den Opfern, doch dann obsiegen am Stammtisch Neid und Zynismus. Der Anblick eines Opfers, so scheint es, ist für viele nicht zu ertragen. Es muss mitschuldig gemacht werden an Straftaten, die unheimlich wirken. Es muss zum Täter gestempelt werden. Frau Pirker und Natascha Kampusch erleben ähnliche Reflexe.
Es ist diese Melange aus Schlamperei, schlechten Gesetzen und einer erbarmungslosen Öffentlichkeit, die Ernestine Pirkers Leben verändert haben. Zum Abschied sagt sie: “Richten Sie der Öffentlichkeit meinen sehnlichsten Wunsch aus: Die Polizei soll sich wenigstens entschuldigen. Selbst das ist bis heute nicht geschehen.“

Die Eltern warfen sie raus. Es ist Zeit, sagten sie, dass du eigenes Geld verdienst. In einer Annonce in Litauen las Petra: „Billiges Taxi nach Europa“. Von einem Traumjob als Tänzerin war die Rede. Doch schon vor der tschechisch-deutschen Grenze bog das Taxi ab.
Wenn man Deutsche Politikexperten und Journalisten dazu zwingt, über die Ära Wolfgang Schüssel nachzudenken, dann dauert es einige Zeit, ehe man nach dem Schulterzucken auch eine Antwort bekommt. „Das ist doch der mit der Fliege?“, sagt ein Kollege. „Das ist der mit dem Haider!“, ergänzt ein Zweiter. „Nicht böse sein, entschuldigt sich ein Dritter, „aber wir interessieren uns nicht für kleinere Länder – Ausnahme Israel.“


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