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Archiv für die Kategorie ‘Texte für andere Medien’
17. Nov 2010

Fall Krems: Die Geschichte der verbannten Mutter

Vor einem Jahr erschoss ein Polizist ihren 14jährigen Buben. Danach verlor Ernestine Pirker auch ihre Existenz (für Falter)

Am 11. Juni läutet es an der Türe von Ernestine Pirker. Der Briefträger überbringt ein Paket, Absender Landesgericht Korneuburg. Ernestine Pirker sieht den Inhalt und bricht zusammen.

Ordentlich zusammengefaltet übersandte ihr ein Richter eine H&M-Jacke und ein braunes T-Shirt. Die Kleidungsstücke waren durchlöchert, zerschnitten und mit Blut getränkt. Niemand hatte Ernestine Pirker vorgewarnt, dass sie die Kleidung ihres erschossenen Sohnes auf diese Art in Empfang werde nehmen müssen.

Ernestine Pirker hat die “Depositen“ als einen weiteren Beweis für Staatsversagen auf ihrem Küchenboden aufgebreitet. Sie kniet davor, sie streicht über die Kleidung, ehe sie die Stücke penibel zusammenfaltet. “Das Gewand von meinem erschossenen Mauserl“, sagt sie und wischt sich damit die Tränen weg. “Wie gemein, wie böse kann man sein, dass man einer Mutter so etwas wortlos mit der Post schickt?“

Das T-Shirt wurde von Schießsachverständigen untersucht. Sie widerlegten anhand der Schmauchspuren in einem Gerichtsverfahren vergangenen März die Angaben des Polizisten Andreas K., der Florian Pirker im Sommer 2009 im Kremser Merkur-Supermarkt von hinten erschossen hatte. Nicht in Notwehr hatte K. den 14-jährigen Florian getötet, so das Urteil. Der Beamte hatte dem unbewaffneten, maskierten Buben aus zwei Meter Entfernung in den Rücken geschossen.

“Sie waren auf der Jagd!“, sagte damals der Richter zum Polizisten, “Sie wollten auch endlich einen Einbrecher festnehmen.“ In schroffem Ton verhörte er den Polizeibeamten. Die Gerichtsreporter lobten den Prozess, weil sie glaubten, der Gerechtigkeit werde nun Genüge getan. Vor den Journalisten forderte der Herr Rat, dass Inspektor K. nie wieder eine Waffe tragen dürfe.

Dann bestrafte der Richter den Polizisten mit acht Monaten Haftstrafe auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Drei Monate später sandte das Gericht Ernestine Pirker die Kleidung ihres Sohnes nach Hause. Ein Fauxpas, für den sich der Richter später entschuldigte.

Der Fall war für das Strafgericht erledigt. Die Öffentlichkeit verlor das Interesse an diesem Drama, aber Ernestine Pirker verlor das Vertrauen in den Rechtsstaat. Hatten die Politiker da draußen nicht ihre Unterstützung zugesagt? “Sehr geehrte Trauerfamilie“, steht in einem Brief an sie geschrieben, “als ich vom tragischen Unglück und vom Ableben Ihres Sohnes erfahren habe, hat mich das zutiefst erschüttert. In meiner Verantwortung werde ich alles dafür beitragen, die genauen Umstände des Polizeieinsatzes aufzuklären.“ Gezeichnet: Maria Fekter.

Die Innenministerin war die einzige, die Ernestine Pirker damals Hilfe versprach. Die anderen Politiker blieben still.

Heute ist Inspektor K., wieder im Dienst, resozialisiert und bewaffnet. Und Ernestine Pirker, die Hinterbliebene? Wie geht es ihr, wie geht es ihren zwei Kindern, eines davon erst fünf Jahre alt?

Das Strafrecht dient der Spezial- und Generalprävention. Der Täter soll für seine Tat ein Übel verspüren, die Gesellschaft abgeschreckt werden. So steht es sinngemäß im Gesetz. Doch seit einigen Jahren soll das Strafrecht auch noch ein weiteres Interesse bedienen: die Opfergerechtigkeit. Hinterbliebene sollten professionell betreut und schnell entschädigt werden, um über das Unrecht hinwegzukommen.

Ernestine Pirker sagt eineinhalb Jahre nach der Tat: “Ich kann mir für meine Maus nicht einmal einen Grabdeckel leisten.“ Sie selbst erhielt bis heute keinen Cent, die Finanzprokuratur denkt noch immer über ein paar zehntausend Euro Entschädigung nach. Ernestine Pirker verlor derweil ihren Job, sie verließ Krems, sie sei behandelt worden “wie der letzte Dreck“.

Das Wirtshaus, in dem Pirker als Servierkraft arbeitete, wollte sie nicht länger beschäftigen. Hier speisen ja auch Kremser Polizisten und Staatsanwälte, auch der Beamte, der ihren Sohn erschoss. Er kannte Florian Pirker und er kannte seine Mutter.

In der Lerchenfeld-Siedlung, wo “die Erni“ einst “im Hof mit den Nachbarn geschnattert“ hatte, wie sie erzählt, wo der Bub den Ball an die Wand knallte und den Kindergarten besuchte, haben sich die Leute auf einmal weggedreht, wenn Frau Pirker des Weges kam. In der Krone stand im “Freien Wort“ geschrieben: “Man sollte die Eltern anzeigen und verurteilen, die Aufsichtspflicht wurde hier eklatant vernachlässigt! (…) Ich bitte um einen Orden für die beiden Beamten!“

Überall, sagt Frau Pirker, “haben die Leute gezischt“. Eine schlechte Mutter müsse sie wohl gewesen sein, bei so einem “Babyface-Einbrecher“, wie die Zeitungen ihren Sohn nannten. Nicht einmal das Grab blieb von Spott verschont. “Das hat zu viele Engerl“, zischte eine Dame, als Frau Pirker dort trauerte. Einzig der Trafikant blickte Ernestine Pirker in die Augen. Er verglich nämlich ihr Gesicht mit dem Titelblatt von Österreich. Die Reporter des Blatts hatten Pirker beim Begräbnis ins Gesicht geblitzt, als wäre sie eine Prominente.

Ein paar Tausender Entschädigung bekam Ernestine Pirker für diese Persönlichkeitsverletzung. Die Medienrichterin sagte beim Prozess: “Und Sie sind also die Mutter des Babyface-Einbrechers?“ Und die NÖN höhnten: “So brutal es auch klingt. Die Familie des erschossenen Supermarkteinbrechers versucht, aus den tragischen Ereignissen Kapital zu schlagen!“ Dabei wollte Ernestine Pirker mit dem wenigen Geld nur ihre Opferanwälte bezahlen.

Ernestine Pirker hat all diese Berichte aufgehoben, sie hat Dokumente und Bescheide gesammelt, Rechnungen und Briefe. Sie hat lange den Mund gehalten, nie öffentlich über ihren “Fall Krems“ und die Zeit danach gesprochen.

Die Medien reimten sich ihre Story deshalb selbst zusammen. Der erschossene Florian Pirker sei der Spross einer verkommenen Unterschichtsfamilie, hieß es sinngemäß. Ein “Schrecken der Lehrer“, schrieb die Krone. Mit seinen 14 Jahren sei er “alt genug zum Einbrechen“ und daher “alt genug zum Sterben“, wie es Michael Jeannée in der Krone ausdrückte.

Ernestine Pirker, eine kräftige, stille Frau, sagt, sie habe durch die Tat ihren Sohn verloren und danach auch ihre Würde. Und deshalb bittet sie nun hinein in ihr neues Zuhause, das am Rande einer Weinviertler Gemeinde steht. Hier, in einem ordentlichen Einfamilienhaus, versucht sie sich mit einem neuen Lebensgefährten eine Existenz aufzubauen. Auf dem Küchentisch stehen Fotos von Florian. Er hält seine Freundin im Arm, hinter dem Ohr steckt eine Zigarette.

Wer Frau Pirkers Erzählungen hört und durch ihre Ordner blättert, dem stellt sich eine grundlegende Frage: Wieso versagt der Opferschutz hier so kläglich? Für den Polizisten, der rechtswidrig einen Menschen tötete, konnte das Berufsleben weitergehen, als wäre nichts geschehen. Der Staat wollte seine Karriere aufgrund seines einmaligen Versagens nicht zerstören.

Aber wieso sitzt Ernestine Pirker nun vor einem Haufen von Schulden und skandalöser Behördenpost? Nicht nur das milde Urteil und das gedankenlos übersandte Paket mit der blutigen Kleidung hat Pirkers Vertrauen in den Staat erschüttert. Auch der Bescheid des Bundessozialamts, Zahl 214-613019-007, macht sie ratlos: “Ihr Antrag auf Erstattung der Bestattungskosten wird abgewiesen“, wurde da “spruchgemäß entschieden“. Ihr Sohn sei zwar erschossen worden, doch er sei kein Opfer einer Vorsatztat, sondern nur durch fahrlässiges Handeln, also ein Versehen des Polizisten zu Tode gekommen. Dafür könne das Sozialamt leider nicht aufkommen. Das Verbrechensopfergesetz schreibe es so vor. Erst nach mehrmaligem Bitten wurde ein Teil der Begräbniskosten zusammengekratzt, den Grabstein bezahlte Frau Pirkers Bruder.

Oder die Rechnung eines Vereins, der psychologische Hilfe anbietet: ein paar Stunden Trauerbegleitung für Pirkers dritten Sohn, den fünfjährigen Elias, kosteten 647 Euro und 40 Cent. Kein Staat, kein Innenminister, kein Landesfürst hat ihr das Geld bis jetzt ersetzt, keine Spendenaktion wurde gestartet, wie bei anderen Opfern von solch spektakulären Straftaten üblich.

Dabei nahm der kleine Elias, so erzählte Pirker, sogar den Sturzhelm seines erschossenen Bruders mit ins Bett. Er wollte auch sterben, so wie Florian, sagte er. Mit Playmobilfiguren hatte ihm die Mutter die Umstände des Todes erklärt. Eine professionelle Traumatherapie ist nicht leistbar. Frau Pirker lebt von 540 Euro Krankengeld, weil sie nicht mehr arbeiten kann, wie früher, “als wir noch glücklich waren“.

Früher? Was war da eigentlich? Wer war diese Familie, die ihren Sohn über Nacht verlor und danach verhöhnt wurde.

Ernestine Pirker war das neunte Kind ihrer Eltern, einfacher Leute aus Niederösterreich. Ihr Vater war gewalttätig und verschwand bald. Sie tat, was viele Frauen auf dem Lande tun: Sie pflegte ihre Mutter, später kümmerte sie sich um Florian Pirkers Vater, der sich vom Müllfahrer zum Disponenten hinaufgearbeitet hatte und nach einem Unfall mit gebrochenem Schädel ein Jahr betreut werden musste. Ihre Ehe zerbrach, es kamen schwere Zeiten.

Ernestine Pirker beklagte sich nie darüber. Sie ging im Wirtshaus servieren, sie putzte, sie bügelte Hemden für betuchte Herrschaften. Im Urlaub fuhr die Familie nach Lignano, und wenn Florian sagte “Mama, ich hätte gerne Nike-Schuhe“, dann antwortete Ernestine Pirker: “Mausl, ich geh ein Wochenend arbeiten, dann kriegst das.“ Sie hat nicht viel gehabt, diese Kremser Alleinerzieherin, “aber wir waren zufrieden“.

Und Florian? Ist er abgerutscht in die Schwerkriminalität, wie die Medien andeuteten? Nein. Er war aber öfter “am Posten“, er hatte ein paar Jugendvorstrafen. Weil er einmal in einem Zirkus nächtens einen Bagger startete und damit eininge Runden drehte. Weil er im Media-Markt eine Spielkonsole klaute, die er aber wieder zurückbrachte. Weil er einen Parkautomaten aufbrach. Weil er sich mit Gleichaltrigen im Kremser Volksheim ohrfeigte. Ein pubertierender Heißsporn war er, aber kein Schwerverbrecher.

In der Nacht des Todes, es ist der 5. August 2009, klingelte bei Ernestine Pirker das Telefon. Sie möge ins Krankenhaus kommen. Sie musste eine Stunde warten. Sie wusste nicht, was geschehen war, sie ahnte nicht, dass ihr Sohn erschossen mit Schläuchen im Mund auf der Instensivstation lag.

Die Polizisten seien “wie Orgelpfeifen“ dagestanden. Und einer sagte kryptisch: “Ihr Sohn ist im Zuge eines Einbruchs verstorben.“ Ernestine Pirker wurde stundenlang im Unklaren gelassen. Sie durfte den Leichnam ihres Sohnes nicht sehen, sie durfte sich nicht verabschieden. Sie bekam für kurze Zeit ein Kriseninterventionsteam zur Seite gestellt. Derweil konnten sich die Beamten vier Tage lang mit Psychologen besprechen und den Fall “zusammenreimen“, wie ein Polizist später gestand.

“Ziehen S’ weg von Krems“, sagten Ratgeber zu Ernestine Pirker. “Sie finden hier keine Arbeit mehr“, erklärte das Arbeitsamt.

Ernestine Pirker verspürt keinen Hass, sondern das Verlangen nach Gerechtigkeit. Die Kosten für Therapie und Grabstein will sie erstattet haben und sie will, dass der Polizist nicht einfach so in den Dienst zurückkehrt. Sie ist verwundert über die archaischen Reflexe, die dieser Fall in ihrer Heimat Krems und bei der Öffentlichkeit auslöste.

Es sind Mechanismen, die Opferanwälte immer wieder erleben. Zuerst herrscht ein wenig Mitgefühl mit den Opfern, doch dann obsiegen am Stammtisch Neid und Zynismus. Der Anblick eines Opfers, so scheint es, ist für viele nicht zu ertragen. Es muss mitschuldig gemacht werden an Straftaten, die unheimlich wirken. Es muss zum Täter gestempelt werden. Frau Pirker und Natascha Kampusch erleben ähnliche Reflexe.

Es ist diese Melange aus Schlamperei, schlechten Gesetzen und einer erbarmungslosen Öffentlichkeit, die Ernestine Pirkers Leben verändert haben. Zum Abschied sagt sie: “Richten Sie der Öffentlichkeit meinen sehnlichsten Wunsch aus: Die Polizei soll sich wenigstens entschuldigen. Selbst das ist bis heute nicht geschehen.“

15. Okt 2009

Brief aus Wien

für “Le Monde diplomatique vom 11.9.2009
Lieber Freund!
Warst du schon einmal in Grinzing, unserer weinseligen Vorstadt im Schatten der Rieden? Die Touristen fahren dort scharenweise mit ihren Bussen hin, wir servieren ihnen billigen Wein, die Schrammeln spielen Walzer. Sie fahren betrunken zurück und glauben, das sei Wien.
Ich fahre ja nicht gern nach Grinzing. Diese Backhendlgemütlichkeit ist mir ein Graus. Aber ich hatte neulich die Gelegenheit, in Grinzing einen Abend mit Napoleon zu verbringen.
Wir saßen natürlich nicht in einer dieser Touristenfallen, sondern ein paar Gassen weiter, dort, wo die wahren Operettenkönige unter Weinreben regieren. Napoleon orderte eine dicke Scheibe Extrawurst, die er auf ein großes Butterbrot legte, und spülte die Bissen mit einem Schluck Grünen Veltliner herunter.
Napoleon genoss es, noch ein letztes Mal die Blicke der Leute auf sich zu ziehen. Sie zeigten auf ihn, aber sie wussten nicht mehr so recht, ob sie ihn untertänig mit “Herr Hofrat” grüßen oder ob sie sich wegdrehen sollten.
Napoleon, lieber Freund, ist der Spitzname des einst mächtigen Wiener Polizeigenerals Roland Horngacher. Schon seine mächtige Leibesfülle strömte Autorität aus. Er war gefürchtet wie ein Feldherr, und er kleidete sich auch so. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt trug er einen langen Uniformmantel, den er sich eigens anfertigen ließ. In seinem mit wuchtigen Möbeln vollgeräumten Haus hatte er nicht nur Schlachtpläne und ein Gemälde von Napoleon ausgestellt, sondern auch einen Ölschinken von sich selbst. In einer Vitrine ruhten seine Orden aus besseren Tagen.
Wie einen Feldherr hatte die hohe Politik…

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23. Aug 2007

Seine liebe Republik

Zur Premiere des Dokumentarfilms: “Meine liebe Republik”, von Elisabeth Scharang bei dem ich Friedrich Zawrel und die Zeitzeugen des Falles Heinrich Gross interviewen konnte:


Der bewundernswerten Kampf des Friedrich Zawrel gegen seinen Peiniger, den NS-Arzt Heinrich Gross.

(für ray)
Es war vor etwa sieben Jahren. Da nahm der Gerichtspsychiater Heinrich Gross in einem Kaffeehaus Platz und gewährte dem ORF sein einziges Interview. Gross mampfte ein Kipferl, das er in seinen Kaffee tunkte. Soeben wurde sein Mordprozess auf unbestimmte Zeit vertagt. Heinrich Gross war dement, zumindest tat er so. Er konnte und wollte sich nicht mehr an seine Zeit als NS-Arzt am Wiener Spiegelgrund erinnern.
Zu jener Zeit traf ich in einer kleinen abgedunkelten Wohnung einen Mann, der sich als Friedrich Zawrel vorstellte und fürchterlich beklagte. Zawrel wurde von Gross am Spiegelgrund gequält. In der Zeitung hatten Journalisten seine Schilderungen wiedergegeben und nun wollte Gross dafür wegen „Verletzung der Unschuldsvermutung“ Geld.
Das war Zawrel zuviel. Es sollte nicht erlaubt sein, öffentlich über die Torturen zu sprechen, die er in der Euthanasieklinik am Spiegelgrund selbst erlitten hatte? Die „Wickelkuren“, bei denen die Kinder in nasse Tücher gesteckt wurden, die „Speibspritzen“, die Schläge mit der verkehrten Faust, die Isolationshaft, die Tauchkuren, bei denen die Kinder unter kaltes Wasser gedrückt wurden, bis sie zu ersticken glaubten? All das sollte fortan tabu sein?
.
Das wollte Friedrich Zawrel nicht hinnehmen, er wollte wieder einmal dass die Zeitungen berichten. Und so lernte ich diesen Mann und seinen jahrzehntelangen Kampf gegen die österreichische Justiz kennen. Er war es nämlich, der den Gerichtsgutachter Heinrich Gross als NS-Arzt entlarvte. Zawrel beschämte mit seiner akribischen, humorvollen und höflichen Art letztlich die gesamte Sozialdemokratie und die Hofräte des Justizministeriums, die jahrzehntelang Gross deckten und Zawrel als kleinen Ganoven abkanzelten.
Zawrel, Sohn einer verarmten Wiener Arbeiterin, kam als Kleinkind in städtische Erziehungsheime. Er war ein aufgewecktes Kind, sozialisiert in Wiens Vorstadt. Er landete bei Pflegeeltern, dann am Steinhof, wo die Nazis „lebensunwertes Leben“ vernichteten. Zawrel galt plötzlich als „erbbiologisch minderwertig“. Er wurde dort fortan von Heinrich Gross „behandelt“. Jahrelang saß er in einer kleinen Zelle, das Licht drang nur durch eine Milchglasscheibe herein. Doch Zawrel wusste, dass hier behinderte Kinder spurlos verschwanden, plötzlich an Lungenentzündungen verendeten. Ihre toten Körper wurden auf Leiterwagen abtransportiert.
Friedrich Zawrel konnte dank einer beherzten Krankenschwester vom Spiegelgrund flüchten – doch er geriet nach dem Krieg auf die schiefe Bahn. Zunächst war es eine Bagatelle, die ihn ins Gefängnis brachte – ein gestohlener Laib Brot. Aufgrund dieser Vorstrafe und „rassenbiologischer Gutachten“ wurden ihm später Jobs verwehrt. Er verfiel der Kleinkriminalität, er klaute Fliesen bei Baustellen oder brach in Autos ein. Immer wieder und wieder saß er dafür im Gefängnis. Bis er vor einem Gerichtspsychiater landete, der ihn für hochgradig gefährlich erklären sollte. Der Psychiater fragte: „Ihr Name?“. Und Zawrel antwortete: „Für einen Akademiker haben sie aber ein schlechtes Gedächtnis, Herr Doktor Gross“. Gross wurde bleich wie die Wand, seine Vergangenheit konnte nicht mehr verschwiegen werden und so erklärte er Zawrel für hoch gefährlich, wollte ihn auf unbestimmte Zeit weggesperrt sehen.
Zawrel aber ging an die Öffentlichkeit. Prominente kritische Ärzte wie Werner Vogt, aber auch beherzte Journalisten wie Marianne Enigl vom profil nahmen sich seines Falles an. Gross verlor bereits Anfang der achtziger Jahre einen Prozess, in dem er sich gegen den Vorwurf wehrte, Kinder getötet zu haben. Es dauerte aber weitere zwanzig Jahre, ehe Gross zu seinem Mordprozess geführt wurde. Vorvergangenes Jahr verstarb er, ohne verurteilt worden zu sein, als unbescholtener Mann.
Friedrich Zawrels Leben ist nun – dank der Regisseurin Elisabeth Scharang – erstmals auf Film dokumentiert. Es ist das Leben eines Anti-Herr-Karls, der geistreichen, messerscharfen Spott über hat für jene, die damals ja nichts gewusst haben wollen und sich doch arrangierten. In einer Szene blickt er auch auf das ORF-Interview, in dem Gross sein Kipferl in den Kaffee tunkt. Zawrel sagt: „Wenigstens schmeckt es ihm noch“. Dann lacht Zawrel. Er hat den Kampf gegen dieses Unrecht gewonnen.
Florian Klenk ist stellvertretender Chefredakteur des Falter. In Elisabeth Scharangs im September anlaufenden Film „Meine liebe Republik“ führte er die Interviews mit Friedrich Zawrel und den Zeitzeugen im Fall Gross.

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26. Apr 2007

“Steig aus!”

In den Wäldern an Tschechiens Grenze kämpft eine Frau gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution (für Redaktionsbüro Ost)
lud270.jpglu270.jpg Die Eltern warfen sie raus. Es ist Zeit, sagten sie, dass du eigenes Geld verdienst. In einer Annonce in Litauen las Petra: „Billiges Taxi nach Europa“. Von einem Traumjob als Tänzerin war die Rede. Doch schon vor der tschechisch-deutschen Grenze bog das Taxi ab.
Es folgte einem dieser Neonschilder, die nächtens so grell im Scheinwerferlicht aufblitzen wie die Fratzen einer Geisterbahn: „Kamazutra“, „Marquis“, „Karibik“. Das Taxi holperte über Schlaglöcher und Waldwege in ein kleines Grenzdorf. Es hielt vor einem Haus, die Fenster mit schwarzer Folie verdunkelt. Rote Lichter blinkten in einem elektrischen Gartenschlauch, der zu einem Herzen geformt war. Vor dem Haus standen Autos mit deutschen Kennzeichen. Davor war ein Schild, das Petra nicht lesen konnte: „Täglich frische Mädchen!“ „Steig aus“, sagte der Fahrer.
Eine „Mama“, erinnert sich Petra, bedeutete ihr, hier zu bleiben, „um die erste Rate der Reisekosten abzuarbeiten. Das geht schnell, sagte sie. Hier seien Männer mit Geld, Männer von drüben. Stell dich an die Bar, du kannst auch tanzen mit den Deutschen. Und wenn du willst, dann geh mit ihnen ins Zimmer. Es dauert nicht lang, sagte sie, du schaffst das schon.“ Petra wollte nicht. Doch da hatte sie keinen Pass mehr und die Schulden wuchsen, weil sie für das Quartier auch noch zahlen sollte. Und dann erzählte ihr „Mama“ von Frauen, die in eiskaltes Badewasser gesetzt und so lange untergetaucht wurden, dass sie zu ertrinken glaubten. Manche würden lebendig begraben, sagte „Mama“.
Die Drohungen wirkten,

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14. Apr 2007

Der mit der Fliege

Wolfgang Schüssels Volkspartei führte Österreich in die Europäische Union – und dann doch noch in die provinzielle Isolation. (zum Abschied Wolfgang Schüssels für das Album des Standard)
Wolfgang_Schuessel.jpgWenn man Deutsche Politikexperten und Journalisten dazu zwingt, über die Ära Wolfgang Schüssel nachzudenken, dann dauert es einige Zeit, ehe man nach dem Schulterzucken auch eine Antwort bekommt. „Das ist doch der mit der Fliege?“, sagt ein Kollege. „Das ist der mit dem Haider!“, ergänzt ein Zweiter. „Nicht böse sein, entschuldigt sich ein Dritter, „aber wir interessieren uns nicht für kleinere Länder – Ausnahme Israel.“
Was hier in Deutschland also übrig blieb von Schüssel? Ja, „diese Sache mit Haider“. Aber nicht nur. Ein führender Wirtschaftsjournalist meint bewundernd, dass Österreich unter Schüssel „wirtschaftsfreundlicher“ geworden sei. Im Vergleich zu Deutschland sei die Steuerlast niedrig, die Arbeitslosenquote paradiesisch, die Gesprächsebene zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern intakt. Es gäbe keine gewaltbereiten Rütlischulen, keine No-Go-Areas, keine daniederliegenden Industriezonen, keine Neuköllner Ghettos, keine marodierenden Neonazis, keine zerfallenden Städte. Auch nach einer „Unterschicht“ müsse man lange suchen. Österreich, sagt der Wirtschaftsjournalist, „war einmal das Land, in dem deutsche Touristen mit den Fingern nach österreichischen Kellnern schnippten. Heute hingegen waschen Ossis in den Alpen das Geschirr ab“. Wer diese paradiesischen Zuständen ermöglicht habe? Der Journalist sagt: „Das war doch auch Herr Schüssel, oder?“

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26. Feb 2007

Scheinehen & Scheingefechte

Nicht die wenigen illegalen Einwanderer und ihre “Scheinehen” sind ein Problem – sondern die zunehmende Chancenlosigkeit der zweiten und dritten Einwanderergeneration - (für den Integrationsschwerpunkt von Standard.at)
Auch Scheingefechte können gefährlich sein: da traut sich ein Afrikaner – obwohl unbescholten und mit einer Wienerin verheiratet – nicht mehr raus auf die Straße, weil er Angst hat dort verhaftet zu werden. Da kämpft ein arbeitsloser Kellner um seine chinesische Ehefrau – und soll nun auch noch ihre Abschiebekosten begleichen. Da demonstrieren Ehefrauen gegen solches Unrecht – und ihre ausländischen Männer wagen es nicht mitzukommen, aus Angst vor Schubhaft. Verdeckt operierende “Sonderkommissionen” zählen Schuhe und Zahnbürsten, sie fragen die Verdächtigen nach der Frequenz ehelichen Geschlechtsverkehrs – in der Hoffnung vielleicht ein paar dunkelhäutige Heiratsschwindler zu stellen.
Es werden Gesetze geändert, Beamte beschäftigt und vor allem jene schikaniert, die den letzten legalen Weg ins Land und vielleicht auch ihre große Liebe gefunden haben. Und dann wird auch noch so getan, als wären Ehen in Europa stets aus Liebe geschlossen worden. Dabei müssten gerade wir es besser wissen: “Tu felix austria nube!” – proklamierten die Habsburger und verheirateten ihre Kinder zu rein strategischen Zwecken.
Es ist ein Scheingefecht, das da abgehalten wird. Nur 96 Anzeigen wurden vergangenes Jahr gegen mutmaßliche ausländische Heiratsschwindler eingebracht – das ist nichts verglichen mit der Schikane für Tausende und dem negativen Image, das sich Österreich dadurch im Ausland erwirbt. Scheinehen sind kein Sicherheitsproblem in diesem Land – und daher überrascht die Vehemenz mit der die “Scheinkriminalität” von Politikern und Behörden in der politischen Arena hysterisiert wird.
Dabei gibt es viel wichtigere,

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15. Dez 2006

Zur Kaffeefrage

Es gibt Grundfragen des Lebens, die nur mit erheblichem investigativem Aufwand zu beantworten sind – etwa die Frage, ob man Kaffeeee oder Kafffffe sagt (siehe hier). Nächstes Problem: Warum, zum Beispiel, bekommt man in Italien in jeder Provinztrafik einen besseren Espresso als in Wiens nobelsten Cafés? Warum bringen es selbst die vornehmsten Kaffeesieder nur zu diesem wässrigen Gschluder? Ich habe es hier recherchiert.
Beginn der Recherche. Zunächst an den Wurzeln.

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13. Dez 2006

Volkslieder durchs Megaphon

“Hier ist das Paradies”, sagen die Städter. Mit einem Dissidenten durch die vergessenen Dörfer rund um Guilin. Notizen aus China
Natürlich bereitest du dich auf so eine Reise vor, versuchst dir die Namen all dieser Megacitys zu merken, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Boden wucherten und doppelt so groß wie Paris sind. Du kaufst dir zweisprachige Stadtpläne für die Taxifahrer, die dich sonst nicht verstehen werden. Du steckst dir das “Ohne-Wörter-Buch” ein, das mit den Bildern für alle Lebenslagen. Du lässt dir, weil du Vorurteile hegst, von der chinesischen Freundin in Wien nützliche Schriftzeichen aufmalen: “Keinen Hund bitte!” und solche Sachen.
Und dann sitzt du also da, in diesem Gastgarten in Kanton, rote Lampions spiegeln sich in einem künstlichen See, und die Chinesen lachen, schmatzen, spucken und rülpsen beim Essen, wie du es noch nie erlebt hast. Auf dem Tisch brodelt dein Suppentopf, darunter zischt diese rostige Gasflasche, die ihn befeuert.
Dann kommt die Bedienung, du lächelst zurück, zückst das “Ohne-Wörter-Buch” und zeigst ihr das Bild mit den Fischen. Sie aber deckt den Fisch so ab, sodass nur noch der Kopf zu sehen ist – und lächelt. Dann bringt sie den Teller mit zehn Fischköpfen. So also ist China.
Erste Nacht in Kanton
Es gibt hier noch Märkte,

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26. Nov 2006

Das globalisierte Kinderzimmer

Zur politischen Diskussion nach Emsdetten
(für Deutschlandradio)
killerspiele-220.jpg
Zwei Pistolen, ein Gewehr, über ein Dutzend Rohrbomben, Molotowcocktails, im Auto eine Machete – und sogar im Elternhaus jede Menge Sprengstoff. Der 18-jährige Amokläufer von Emsdetten verfügte über ein erstaunliches Arsenal. Von einer “neuen Qualität der Brutalität”, spricht da etwa Konrad Freiberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Und nicht nur die Exekutive stellt sich die Frage, wie es denn möglich ist, dass sich ein Heranwachsender trotz strengster Waffengesetze so aufmunitionieren konnte.
Wie also war es möglich?

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20. Nov 2006

Gespräch mit einem Wiener Bankräuber

(aufgezeichnet in einem Wiener Café, nachdem er aus dem Gefängnis kam)
“Wie es zu dem Bankraub kam? Ich will es gerne erzählen. Ich bin kein Monster, sondern einer von euch. Ich bitte lediglich, meinen Namen anonym zu halten. Ich habe mir eine neue Existenz aufgebaut.
Ich hatte Schulden, wollte Selbstmord begehen. Die Pistole hielt ich schon im Mund, der war voll Wasser, damit der Kopf richtig explodiert. Ich habe die Pistole waschelnass rausgezogen. Ich entschied mich für sozialen Selbstmord, habe mir einen Leihwagen genommen, die Waffe entleert, Platzpatronen reingelegt. Ich wollte niemanden umbringen. Wäre die Polizei gekommen, hätte ich auf die Beamten gezielt und mich erschießen lassen.
Ich glaube, die Idee, eine Bank zu überfallen, schlummert in jedem. Die Durchführung ist ja relativ einfach. Raub ist eines der dümmsten Verbrechen. Sie brauchen keine Vorbereitung, Sie halten eine Waffe hin und kriegen Geld dafür. Es ist ein Verbrechen, bei dem man sein Gesicht nicht zeigt. Man geht maskiert rein, es gibt keinen Bezug zum Täter, und die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist gering. Doch man löst eine Großfahndung aus, wird im Fernsehen gezeigt, und auf einmal sucht dich ganz Wien. Es ist ein schmerzloses Verbrechen. Ein Trafikant würde um seinen Umsatz kämpfen. Die Kassiere sind geschult darauf, das Geld herzugeben. Ich habe versucht, es so schonend wie möglich zu machen. Ich war bei meinem Überfall höflich. Ich habe niemanden geschlagen. Ich habe eine laute Stimme und rief nur: „Niederlegen, niederlegen, kein Alarm, kein Alarm!“ Sie können sich den Film der Überwachungskamera anschauen. Sie können meinen Akt lesen. Ich habe mich entschuldigt bei den Opfern.
Wie man es macht? Man geht hundert Mal hin, man fährt hundert Mal vorbei. Ich bin in der Telefonzelle neben der Bank gestanden und habe beobachtet. Es sollten möglichst wenig Leute drinnen sein, um das Risiko gering zu halten. Wenn man hineingeht, steht man neben sich selbst. Man schaut sich selbst zu. Wenn man rausgeht, verschwimmen Realität und Fiktion. Ich hatte Tina Turners „You ’re simply the best“ im Ohr. Das war ein unheimlicher Kick. Zwei, drei Stunden nachher haben die Glücksgefühlshormone nachgelassen. Ich habe mich übergeben. Es war so ein Schwanken zwischen „Ich hab mein Leben ruiniert“ und „Ich habe es geschafft, ich kann alles bezahlen. Das machst du nie wieder.“ Ich habe den Fehler gemacht, es noch mal zu tun. Wenn man eine Hemmschwelle überschritten hat, dann probiert man es noch einmal. Es funktioniert ja. Es dauert vierzig Sekunden, und du hast das Geld.
In meiner Familie war ich das weiße Schaf. Ich war Bankkassier und wurde selbst überfallen. Der Täter ist damals davongekommen. Nachher war ich Marktschreier, habe Gemüsehobel verkauft, ein so genannter „Propagandist“. Es ist ein Beruf, bei dem du schreien musst. Er gibt dir das Gefühl, jemand zu sein. Du stehst am Pult, du beeinflusst die Menschen, du bringst die Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden. Das löst in dir ein Machtgefühl aus. Das war eine erstaunliche Erfahrung, jeden mit brutalen, aber auch einfachen Methoden wohin lenken zu können.
Beruflich war ich zunächst erfolgreich. Ich hatte 200 Leute unter mir. Sie sahen mich als Gott. Ich verdiente manchmal 150.000 Schilling. Es war ein sozialer Aufstieg. Ich kam ins Fernsehen. Ich wurde angehimmelt. Ich war wichtig. Ich verspürte plötzlich einen Druck, glaubte, anderen Geschenke machen zu müssen. Goldene Feuerzeuge, goldene Kugelschreiber. Die Mama wollte einen Fernseher, der Bruder die Miete, die Frau neue Schuhe. Es waren kleine Beträge, doch sie summierten sich. Ich konnte es mir leisten. Als ich meinen Job verlor, weil ich zu teuer war, ist alles zusammengebrochen. Es war eine vernichtende Niederlage. Die Schulden hatten sich angehäuft. Ich versuchte mich selbstständig zu machen. Ich musste Geschäfte vorfinanzieren. Ich wollte Küchenmaschinen verkaufen. Ich musste die Kunden auf Busfahrten einladen und Provisionen bezahlen. Mir fehlte viel Geld. Alles wuchs mir über den Kopf.
Ein Bankräuber ist wie ein Skispringer, der sich abstößt. Da stehst du jetzt in der Anlaufspur, und es geht nicht mehr anders. Ich war erstaunt von meiner Reaktion. Ich habe einem Pensionisten, der mich beim Überfall angegriffen und gesagt hat: „Bub, mach keinen Blödsinn“, mit der Pistole auf den Kopf gezielt. Es sieht im Video brutaler aus. Oder? Es lief bei mir ein eigener Film. Das erzählten auch die anderen Bankräuber, die ich im Gefängnis kennen gelernt habe. Ich habe schon vor dem Überfall meinen Videorecorder programmiert, damit ich das Fahndungsvideo sehen kann. Ich wurde in „Aktenzeichen XY“ gezeigt. Man sah mein Gesicht, weil ich die Strumpfmaske in der Bank zu spät aufgesetzt hatte. Dann haben Verwandte bei der Polizei angerufen und gesagt, den kenne ich.
Viele dachten, ich sei ein Monster. Aber ich bin kein Monster. Ich habe nur etwas nach außen getragen, was in vielen steckt. Ich will nichts beschönigen, ich will kein Mitleid. Ich habe damals keine andere Lösung gesehen. Ich habe sieben Jahre bekommen.
Ich saß in Stein. Als Kinderschänder fliegst du dort die Stiegen runter, aber als Bankräuber wirst du respektiert. Die Leute wollen Informationen haben, wie es geht. Ich war der so genannte Zellenvater. Es ging mir, den Umständen entsprechend, nicht schlecht. Im Winter war mir saukalt. Man hat ja keine privaten Sachen. Man trägt nur Trainingsanzüge. Das ist die Uniform der Häftlinge. Alles Private wird deponiert und mit Mottenmitteln eingesprüht.
Nach sechs Jahren kam der Anruf: Jetzt gehen Sie, und regeln Sie Ihr Leben! Ein Wahnsinn. Sie müssen sich ja vorstellen, dass Sie im Gefängnis völlig entmündigt werden. Das Gefängnis ist eine Entmündigungsanstalt. Man wäscht Ihnen die Wäsche, man sperrt hinter Ihnen zu. Plötzlich kommst du raus. Viele saufen im ersten Überschwang ein Bier. Ich hatte etwas mehr als 1200 Euro, und ich hab mir geschworen: „Am Tag deiner Entlassung trinkst du nur ein Cola und bleibst zu Hause.“ Daran hab ich mich bis heute gehalten. Ich hatte endlich wieder ein Frühstück. Sie müssen wissen, in Stein gibt es kein gutes Frühstück.“

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