Ingrid Brodnig Bloggt
Endlich: Ingrid Brodnigs Weblog. Beste Medienjournalistin in town.
Endlich: Ingrid Brodnigs Weblog. Beste Medienjournalistin in town.
Der ORF wagt Satire – statt der Heldenverehrung, die der Kärntner ORF nach dem Begräbnis Haiders brachte (siehe youtube-link unten). Nun reagiert der neue Herr Landeshauptmann und fordert die Klagenfurter Uni auf, die dissidenten Kabarettisten auszuladen. Mal sehen, ob der einknickt und sich dem Diktat der Kärntner Mullahs beugt. Dann haben wir ein Politikum. Hier Dörflers Realsatire.
LH Dörfler protestiert gegen geschmack- und pietätlose Kabarett-Auftritte
Protestnote an ORF-General Wrabetz und Uni-Rektor Mayr
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Landeshauptmann Gerhard Dörfler hat schriftlich seine Empörung und seinen Protest gegenüber ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bezüglich der am 23. Oktober ausgestrahlten Sendung “Willkommen Österreich” zum Ausdruck gebracht. Darin sind die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann mit dem Tod von Landeshauptmann Jörg Haider in geschmack- und pietätloser Weise umgegangen. Er bedauere, dass der ORF solchen Auftritten eine Bühne bietet, die jenseits jeder Verantwortung eines öffentlich rechtlichen Senders liegen würde. In vielen Briefen und Anrufen habe sich die Bevölkerung über diese Kälte, Herzlosigkeit und Arroganz beschwert und ihrer Empörung Ausdruck verliehen, schrieb Dörfler.
Angesichts dieses Protestes seitens der Bevölkerung ersucht LH Dörfler weiters auch Universitätsrektor Heinrich C. Mayr von der Universität Klagenfurt darum, sich der Verantwortung als Universität und auch als Aushängeschild Kärntens würdig zu erweisen und keine Bühne für menschenunwürdige und geschmack- und pietätlose Auftritte zuzulassen. Dies schrieb Dörfler an den Rektor im Hinblick auf den geplanten Auftritt des Kabarettistenpaares Stermann & Grissemann am 11. Dezember an der Universität Klagenfurt. “Auch Meinungsfreiheit und der Anspruch auf künstlerische Freiheit haben dort ihre Grenzen, wo sie die Menschenwürde anderer verletzten”, stellte Dörfler klar.
Rückfragehinweis: Büro LH Dörfler
Redaktion: Hubmann/Brunner
Wenn das hier wirklich ernst gemeint war – (ein mittlerweile entferntes Youtube Video zeigte den Vorfall bereits), dann sollten die Wiener Linien ihre Führerhäuschen vielleicht schalldicht gestalten.
Leser Ben Hemmens schreibt unten stehenden Leserbrief. Es nervt ihn dieses “Nazi-Nazi”-Gerede, dieses Schlechtmachen Österreichs. Das Land, so argumentiert er, sei doch nicht wesentlich anders als England oder Irland.
Ja, es nervt mich auch, das “Nazi”-”Nazi”-Getue. Es ist billig und wohlfeil (und wird in diesem Blog auch nicht praktiziert).
Ich würde Hemmens auch gerne zustimmen, dass wir gar nicht so fritzlkampuschhaiderverseucht sind, wie das Ausland glaubt. Ich habe selbst einige Zeit in Deutschland gelebt, wo es No-Go-Areas, Kannibalen und Eva Hermann gibt.
Aber was so anders ist: kein britischer Spitzenpolitiker würde “Sonderlager” für kranke Flüchtlinge auf der Saualpe fordern, die SS als anständig loben, dann mit absoluter Mehrheit wiedergewählt werden und dann in den Zeitungen als herausragender Politiker gelobt werden.
Es gibt in vielen anderen europäischen Ländern eine rote Linie des Anstands für die politischen Eliten (das Volk ist wohl überall gleich). Wenn ein Bürgermeister (wie Herr Suntinger aus Großkirchheim) lauthals prahlt, Muslime nicht in die Dorfschule zu lassen und Tschetschenen mit “Sippenhaftung” zur Rechtsschaffenheit erziehen will, dann wäre er in Hessen, Bremen, Kent oder Hamburg rücktrittreif. Dafür würde die überregionale Qualitätspresse sorgen. Hier kriegt er 80 Prozent.
Das ist also leider der Unterschied. Auch wenn es Hemmens und mich nervt, weil wir ein anderes, offeneres, normaleres Österreich wollen – verschweigen und zudecken hilft uns nicht weiter.
Hier Ben Hemmens Brief:
Mich freut’s nicht so besonders, Hr. Klenk.
Ich komme aus Irland und muss mich seit 13 Jahren rechtfertigen, warum ich hier in diesem angeblichen Naziloch lebe – auch dank der permanent eindimensionaler Berichterstattung in Medien wie dem Guardian.
Und wenn man nachschaut, werden die Zitate von Ihnen und Hrn. Thurnher, sowie solche repräsentative Stimmen wie Glavinic und Jelinek, immer nur als Bausteine für die immergleichen Nazi-Artikel verwendet.
Weil viel gründlicher verkennen kann man Österreich als in diesen Artikeln kaum:
http://www.guardian.co.uk/world/2008/oct/24/haider-austria
http://www.irishtimes.com/newspaper/world/2008/1024/1224800285609.html?via=mr
Zum Beispiel geht es denen ned eine, dass das “staunchly conservative” Österreich in Wirklichkeit unaufgeregter mit Haiders schwuler Seite umgeht, als drüben vorstellbar wäre. In Irland wäre das nicht erst nach seinem Tod diskutiert worden, sondern es hätte mit hundertprozentiger Sicherheit seine Karriere verunmöglicht. Und jetzt machen die sich lustig darüber, wie “shocked” Österreich ist!
Kann man der Außenwelt nicht klar machen, dass es abseits der kuscheligen Symbiose der “FäkalkünstlerInnen” mit den gesunden Volksempfindern auch ein ziemlich normales Österreich gibt? Oder bleiben Sie einer Hälfte dieser Symbiose verpflichtet?
Mich nervt’s, teilweise weil die inhaltliche Politik, die in Irland und dem UK der letzten Jahre gemacht wurde, ziemlich genau den gleichen Rechtsrück vollzogen hat, wie die hier selbstgerecht geisseln. Manche Dinge gleichen sich aufs Haar. In Irland rufen sonst respektable Leute danach, die arbeitslos gewordenen Leute aus den neuen EU-Mitgliedsländern mit einer Einmalzahlung und einem Flugticket auszustatten, anstatt ihnen die Arbeitslose zu geben. Sehr ähnliche Abschiebungsgeschichten, mit auseinander gerissenen Familen und allem Pipapo haben sich abgespielt. Schauen Sie nach, was es für Verschärfungen im Staatsbürgerschafts- und Zuwanderungsrecht gibt. Ich bin überzeugt, dass wir hier transnational wirksame Effekte sehen, keineswegs länderspezifische.
Das Problem des populistischen Neokonservatismus ist zumindest ein europaweites, das nur durch eine europaweite Gegenbewegung zu bekämpfen sein wird; und wenn man die USA jetzt anschaut könnte man meinen, dass dort haargenau der gleiche politische Kulturkampf im Gange ist. Michelle Bachmann oder Siegfried Kampl: what’s the difference?
Trotzdem wird die moralische Überlegenheit über dem grauslichen Nazi-Waldheim-Schröcksnadel-Gorbach-Jelinek-Fritzl-Kampusch-Haiderland zelebriert, wo fremdartige, finstere aber vor allem ganz andere Gesetzlichkeiten gelten. Und komplett verschleiert, dass da wie dort zum Großteil eigentlich ziemlich ähnliche Trends und Mechanismen am Werk sind. Diese freizulegen und für die jeweils andere Seite verständlich zu machen, DAS wäre eine Aufgabe für JournalistInnen, die was auf sich halten.
Es hilft nichts zitiert zu werden, wenn man an der – bisher verlässlich danebenen – Erzählung nichts ändert. Das könnten Sie – bei Ihrem unbestreitbaren Talent – möglicherweise erreichen, aber Sie müssten es auch anstreben, anstatt einfach vor Stolz zu bersten, dass Sie in einem Medium aus dem großen London überhaupt vorgekommen sind.
Mister Klenk, it goes me sometimes quite simply on the Keks.
Mit freundlichen Grüßen,
Ben Hemmens
Das offizielle Kärnten ist wütend. Das Andenken an den Landesvater sei geschändet worden. Der ehemalige blaue Justizminister Dieter Böhmdorfer nützte sogar seine Trauerrede für eine Medienschelte. Haiders Familie zeigte den Klagenfurter Staatsanwalt an, weil der das Amtsgeheimnis gebrochen haben soll.
Der Staatsanwalt hatte – übrigens entgegen dem Wunsch der SP-Justizministerin – jene Teile des Obduktionsbericht veröffentlicht, in denen von 1,8 Promille die Rede war. Die Öffentlichkeit, so behaupten die Haiders, habe kein Recht, darüber unterrichtet zu werden.
Sie mögen durch die Berichte über ihren geliebten Jörg betroffen sein, aber sie irren. Haider war eben nicht nur ein liebevoller Vater, sondern die Person des öffentlichen Interesses. Er hat sich als Prinz Porsche und strenger Law & Order-Politiker inszeniert. Es ist daher das Recht der Öffentlichkeit, sowohl den Unfallhergang, als auch Haiders Alkoholpegel zu kennen – gerade auch um jene Mythenbildung zu kontrastieren, die Haiders Kameraden nun zu Wahlkampfzwecken betreiben. Journalisten müssen schreiben, was ist. Nicht das, was das trauernde (Partei-)Volk gerne hört.
Das Informationsrecht endet diesmal auch nicht bei Haiders Familienleben. Er hatte sich als moralisch hochanständig inszeniert, sein Parteifreund Ewald Stadler agitierte gegen Schwule. In Wahrheit zog Haider selbst durch Klagenfurter Schwulenkneipen, soff sich an und raste heim. Solche Scheinmoral soll den Kärntnern nicht vorenthalten werden.
Die Presse ist nämlich frei. Familie Haider muss den Realitätscheck aushalten. So schmerzlich das auch sein mag. Die Überbringer der schlechten Nachricht sind nicht zu bestrafen.
Einen schönen Blick auf Österreichs Haider-Trauer liefert der Guardian vom Wochenende. Was mich freut: Dieser Artikel wird zitiert.
The Great Schlep from The Great Schlep on Vimeo.
Was kriminelle Tierschützer und Au-Retter unterscheidet.

Immer wieder wird das Argument von den Grünen vorgebracht: wenn es den § 278a (Kriminelle Organisation) in den 80er Jahren gegeben hätte, wären die Hainburg-Demonstranten eingesperrt worden.
Leider ist das Argument falsch:
Heute ist etwas Historisches geschehen – zumindest nach Wiener Verhältnissen. Die Polizei hat – in Gestalt von Landespolizeikommandant Karl Mahrer – einen Fall von Polizeibrutalität offen zugegeben. Nicht nur das. Mahrer wandte sich aktiv an die Medien (an den Falter) und bedauerte, dass ein Bürger von einem Beamten krankenhausreif geschlagen wurde. Das ist neu – und es verdient Beachtung. Mahrer will mit einem System brechen, das viele korrekte österreichische Beamte in Misskredit brachte, weil es einige wenige Übeltäter deckte. Er stellt sich auf die Seite des Rechts – und er stellt nicht das Recht auf seine Seite. Das wird Auswirkungen haben auf die Polizei. Hoffentlich hält Mahrer soviel Offenheit intern durch.
Hier die Presseaussendung der Wiener Polizei:
“Die Bundespolizeidirektion Wien informiert
“Presseaussendung der Bundespolizeidirektion Wien
In der Nacht auf 8. August 2008 überquerte ein Fußgänger in Wien Fünfhaus die Fahrbahn der Johnstraße und wollte anschließend offensichtlich bei Rotlicht die Fahrbahn der Hütteldorfer Straße überqueren. Dabei soll er ein – wie sich später herausstellte – ziviles Dienstfahrzeug der Bundespolizeidirektion Wien behindert haben und wurde vom Fahrer angehalten. Nach einer kurzen Diskussion über das mangelhafte Unrechtsbewusstsein des Fußgängers soll sich auch der Beifahrer des Polizeifahrzeuges an dem Gespräch beteiligt haben. Dabei soll einer der Polizisten dem Angehaltenen plötzlich mehrmals ins Gesicht geschlagen haben. Danach fuhren die beiden Beamten mit dem zivilen Dienstfahrzeug weiter. Der Fußgänger erlitt durch die Schläge ins Gesicht Verletzungen, die einen Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich machten.
Die unverzüglich durchgeführten Erhebungen des Büros für besondere Ermittlungen der Bundespolizeidirektion Wien ergaben konkrete Verdachtsmomente, die von dem Beamten vorerst nicht widerlegt werden konnten. Der offensichtlich tätlich gewordene Polizeibeamte wurde noch am Vorfallstag vorläufig vom Dienst suspendiert, der zweite Polizeibeamte wurde bis zur Klärung aller Verdachtsmomente ebenfalls noch am Vorfallstag vom Rayonsdienst abgezogen und nach den nun vorliegenden Erhebungsergebnissen heute ebenfalls vorläufig suspendiert.
Die Staatsanwaltschaft Wien und der Menschenrechtsbeirat wurden noch am Vorfallstag verständigt und es wurden gegen beide Beamten die erforderlichen Disziplinarmaßnahmen eingeleitet.
Die Wiener Polizei bedauert den nach derzeitigem Erhebungsergebnissen vorliegenden Sachverhalt ausdrücklich und hat unverzüglich alle erforderlichen Maßnahmen zur Klärung dieses Einzelfalles eingeleitet und die gebotenen dienst- und disziplinarrechtlichen Konsequenzen gesetzt. Die Information der Öffentlichkeit ist dabei eine zusätzliche und selbstverständliche Verpflichtung.”
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