Der Standard über mein Buch
Michael Freund hat im Standard mein Buch rezensiert. Hier die Kritik (mit freundlicher Genehmigung des Autors):
Dranbleiben, wo andere wegschauen
In 16 großen Reportagen erzählt Florian Klenk von Grenzzuständen in
Österreich und am Rande Europas. Von Michael Freund
Soll man junge Kriminelle mit Härte bestrafen oder nach den Ursachen
forschen, die sie brutalisieren? “Wer diese Frage nicht ideologisch, sondern
pragmatisch beantworten will, muss auch mit den Beamten in Gerasdorf
sprechen.” Mit Leuten reden, sich Orte des Geschehens ansehen, die Zustände
spüren und Ursachen erkennen: So wie hier beim Strafvollzug in
Niederösterreich geht Florian Klenk in allen Fällen vor, über die er
schreibt.
Mit Klenk lebt die Tradition der großen Reportagen fort, er nennt Egon Erwin
Kisch als Vorbild. Ähnlich wie der Prager Journalist ist der
stellvertretende Chefredakteur des Falter und promovierte Jurist vom
Engagement für eine offene, rechtsstaatliche Gesellschaft geprägt. Er kann
Polizeiakte ebenso sachkundig lesen wie die Veränderungen in einem Wiener
Wohnviertel oder an einer trostlosen Grenze Europas.
16 Reportagen, zumeist in der Wiener Wochenzeitung erstveröffentlicht, hat
Klenk zu einem Mosaik europäischer Befindlichkeiten gefügt. Er bleibt dort
dran, wo andere lieber wegschauen und bestenfalls in liberalen
Unverbindlichkeiten verharren. So sieht es aus, schreibt er, nur ein paar
Stunden von den Grenzen Österreichs entfernt und auch innerhalb derselben. So
werden Regionen durch das Schengen-Abkommen zerteilt, gestohlene Babys zur
Adoption verkauft, unwillige Prostituierte entstellt oder umgebracht,
Polizeiaktionen vertuscht und Bürger den Sensationsmedien ausgeliefert. So
herrscht die Willkür von Banden und die der Behörden.
Die Kunst guter Reportagen besteht darin, Schwarzweiß zu vermeiden und die
Töne der Farbskala zu verwenden, die dem Thema adäquat sind. Das Bild fällt
manchmal dunkel aus, andermal scheint Hoffnung durch, je nach Faktenlage. Die
gilt es in viel Kleinarbeit zu erarbeiten und einzuordnen. Investigativer
Journalismus nennt sich das. Der Ausdruck kommt nicht zufällig aus dem
Angelsächsischen, wo es für diese Art des Schreibens mehr Platz und
vielleicht auch mehr Publikum gibt. In deutschsprachigen Medien sind die
Möglichkeiten für große Recherchen rar, bei uns noch rarer als in
Deutschland.
Die Grundangst des Wieners
Das zieht manche guten Autoren nach Norden, und nur selten kommen sie wieder.
Klenk hat nach einer erfolgreichen Redakteursarbeit bei der Zeit den Weg nach
Wien zurückgefunden, ein Glücksfall für den Falter und für die Leser seiner
Storys. Mittlerweile ist er, noch keine 40, mehrfach mit großen
Publizistik-Preisen ausgezeichnet und zugleich von Schleimern des Boulevards
als Bolschewiken-Freund denunziert worden. Tatsache ist, dass der als
Anti-Polizei-Spürhund verkannte Klenk zur Exekutive ebenso gute Kontakte hat
wie zu deren gelegentlichen Opfern – ein Grund, warum er immer wieder an
vertrauliches Material herankommt, was der Investigation nur nützt.
Darauf kann er mit Recht stolz sein. Doch “new journalism” im Sinne einer
poetisch subjektiven Warte und einer prominenten Rolle des Erzählers ist
seine Sache nicht. Viel lieber lässt er die anderen zu Wort kommen. Den
slowakischen Innenminister etwa, der sich über die Technik freut, mit der
Flüchtlinge, wenn sie nicht schon erfroren sind, aufgespürt werden: “Wir
klauben die Grenzgänger auf wie im Supermarkt.” Oder den Gendarmen, der dem
Sammelband den Titel gab: “Früher war hier das Ende der Welt.” Jetzt habe
sich an der Grenze zwischen Österreich und Tschechien reger Verkehr in jedem
Sinn des Wortes breitgemacht.
Es steht da auch schließlich die einsichtige Bemerkung eines Wiener
Streifenpolizisten. Er sieht die Zustände in Favoritener Gemeindebauten, das
gefährliche Gefälle zwischen den lauten Kindern der Zugewanderten und der
Einsamkeit und Frustration der Alteingesessenen. Und er sagt: “Es herrscht
hier die Grundangst des Wieners, Lebenslust zu sehen.”
Florian Klenk, “Früher war hier das Ende der Welt. Reportagen”. € 18,40 / 176
Seiten, Zsolnay, Wien 2011



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