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01. Mrz 2012

Wie kriminell ist der investigative Journalismus?

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Meine Falter-Replik auf Hans Jörgen Manstein

Wer bedroht den Rechtsstaat? Die Provisionsempfänger und Schmiergeldverteiler? Die Freunde von KHG?

Der Verleger Hans Jörgen Manstein liefert im Branchenblatt Horizont eine originelle Antwort: Es ist die “Amtsmissbrauch-Journaille“ von Falter, Profil, Format und News. “Beitragstäter“ seien da unterwegs, um Beamte zum Geheimnisverrat anzustiften. Manstein hat das satt.

Anders als der selige Aufdecker Alfred Worm es angeblich vorlebte, werde nicht mehr recherchiert, sondern nur noch abgeschrieben, was Behörden ohnedies schon wüssten. Der Aufdeckungsjournalismus warte bloß noch darauf, “wer in den Zimmern für Geheimnisverrat Journaldienst hat“.

Manstein ist nicht irgendwer. Der Herr Professor veranstaltet Medientage, auf denen über Qualitätsjournalismus debattiert wird. Seine Worte verdienen daher Beachtung.

Sie sind nicht nur ahnungslos, dumm und verleumderisch – Worms Bawag-Informant wurde kürzlich wegen Geheimnisverrats verurteilt -, sie verhindern auch die längst fällige Debatte über die Nöte unseres investigativen Journalismus.

Es ist ja nicht so, dass Aufdeckungsjournalisten einfach Akten abschreiben, die man ihnen zuwirft. Sie sammeln über Jahre Informationen, zumeist aus legalen Quellen. Sie wollen Fachleute werden in einem immer hektischer werdenden, PR-gesteuerten Daily-News-Business. Das kostet Geld, das sich Medien kaum noch leisten.

Wenn Journalisten aus Geheimakten zitieren, dann meistens aus öffentlichem Interesse. Die Selbstdarstellung eines Politikers oder Beamten soll mit seinem tatsächlichen Verhalten kontrastiert werden. Wenn Grasser sagt, er lege alles offen, dann braucht man jene Akten, in denen festgehalten wird, dass dies nicht stimmt. Sonst regiert der “He said, she said“-Journalismus ohne Faktenbasis.

Nur in den seltensten Fällen brechen Aufdecker dabei das Strafrecht. Und wenn es geschieht, drückt der Rechtsstaat ein Auge zu: Er billigt Journalisten ein Aussageverweigerungsrecht über ihre Informanten zu.

Ja, Geheimnisse zu offenbaren, erfordert Verantwortung. Doch die wird derzeit grosso modo wahrgenommen. Das Privatleben der Politiker ist nach wie vor tabu.

Mansteins törichter Spott verstellt die Sicht auf das Kernproblem: Aufdecker neigen zum Einzelkämpfertum. Sie brauchen Supervision, mehr Ressourcen und mehr Vernetzung. Darüber kann man diskutieren. Nicht über eine Kriminalisierung, wie Manstein sie erträumt.

Kategorien: Texte für den FALTER
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