Glückspiel: “Alles abstreiten, nichts verraten!“
In Linz versuchten Mediziner, Polizisten und Forscher zu ergründen, wieso Glücksspielkonzerne in Österreich so gefährlich mächtig werden konnten
Das Glücksspiel: Lange Zeit war das ein politisches Randthema. Ob Spieler in Staatscasinos ihr Vermögen verzockten, interessierte ein paar Gerichte und Schuldnerberater, aber nicht die breite Öffentlichkeit.
Die Zeiten haben sich geändert, das Glücksspiel wurde liberalisiert, durch einen Wildwuchs an Automaten allgegenwärtig – und es wurde zum Politikum. Längst hat die Politik aber nicht mehr die Interessen der breiten Bevölkerung, sondern die Partikularinteressen einiger kleiner Konzerne im Auge.
Das Glücksspielwesen wird, wenn man so will, zur Nagelprobe, ob Volksvertreter noch der res publica dienen. Sie versagen dabei, wie das neue Glücksspielgesetz zeigt. Intransparenz, Drohungen und das Recht des Mächtigen haben dem Gesetzgeber beim Verfassen des neuen Regelwerks die Feder geführt. Er hat Sitten legitimiert, die erstaunlich viele Bürger in Not stürzten und deshalb eine breite Öffentlichkeit zu interessieren beginnen.
Das wurde etwa vergangenen Donnerstag ersichtlich. Da lud die Arge Suchtprävention des Landes Oberösterreich zu einer Expertentagung. Normalerweise würden bei einer solchen Enquete (an der auch der Autor als Referent teilnahm) ein paar dutzend Fachleute lauschen. Doch die Veranstalter waren baff: Der Redoutensaal in Linz, ein großer Festsaal, platzte aus allen Nähten, mehr als 400 Therapeuten, Polizisten, Sozialarbeiter, Politiker und Bürger waren gekommen, um Einblicke zu gewinnen in eine unheimliche Branche und in die Schäden, die sie in Vorstädten, Dörfern und Familien anrichtet. Zuerst sprach Landeshauptmann Josef Pühringer. Gemeinsam mit den Grünen will er nun auch in Oberösterreich das Automatenspiel erlauben, das hier bis dato verboten war. Dies werde, da es schärfere Kontrollen geben werde, zu weniger Spielsucht führen, beteuerte der Landesfürst. Viele Experten schüttelten fassungslos den Kopf.
Dann trat Jens Kalke auf, ein Hamburger Sozialforscher. Er warf Ergebnisse seiner groß angelegten Studie an die Wand, Zahlen, die man bis dato hierzulande nicht kannte: Jeder zweite Automatenspieler, so Kalke, sei spielsüchtig. Mehr als sechzig Prozent des Umsatzes der Spielindustrie stammen von einem Prozent der Spieler, den “pathologischen Spielern“. Im Monat setzen sie im Schnitt mehr als 400 Euro. Die Hilfseinrichtungen seien in großer Not. Der Schutz der Kranken sei unterentwickelt.
Wo bleibt der Druck der kritischen Öffentlichkeit? In der Pause wird es ein bisschen klarer: Da berichten altgediente Psychiater, die sich um ruinierte Familien kümmern, von vernichtenden Klagen und Drohungen der Glücksspielindustrie, die bei jedem öffentlichen kritischen Wort einträfen. Da berichtet ein Suchtexperte von Schikanen und Gängelung. Eine Beamtin eines Bundeslands erzählt von intransparenten Weisungen, und vom Wunsch der Politik, immer mehr Automaten zu genehmigen, weil diese doch auch Steuergeld in die Landeskassen spülen.
Ein Kriminalpolizist betritt nach der Pause das Podium. Es ist Bezirksinspektor Franz Marton, der in St. Pölten seit Jahren gegen den Glücksspielkonzern Novomatic ermittelt, weil er die überall aus dem Boden wuchernden Automaten der Firma für verbotene Maschinen hält.
Der Polizist erzählt lakonisch von den Tricks und Methoden dieser Branche. Ein Anwalt einer Glücksspielfirma habe ihm die Strategie seiner Mandanten verraten: “Alles bestreiten, Zeit gewinnen, nichts verraten, Fehler am Rande notieren, die einjährige Verjährungsfrist des Glücksspielgesetzes ist schnell vorbei.“ Durch Anzeigen gegen eifrige Polizisten, ausufernde Gutachten und das “Wegkaufen“ kritischer Sachverständiger würden seine Kollegen “mürbe gemacht“. Das Ziel der Branche sei es, “meine Kollegen zu verunsichern“. Gibt es Auswege? Marton sagt: “Weniger Automaten erzeugen weniger Spielmöglichkeiten und daher weniger ruinierte Existenzen.“
Schließlich betritt Jörg Häfeli von der Uni Luzern das Podium. Sein Vortrag zeigt, wie Glücksspielpolitik funktionieren kann, zumindest in der Schweiz. Zuerst wurden in den Kantonen die Leute befragt, ob sie Spielbanken wollen. Dann wurden die Automaten in wenige Casinos verbannt. Schließlich gab es strenge Auflagen für die Betreiber: Wer sein Vermögen verspielt, wer seine Familie in Gefahr bringe, der muss in der Schweiz gesperrt werden. Die Verantwortung dafür tragen die Casinobetreiber, die von unabhängigen Behörden geprüft werden und den Spielschutz als Unternehmensphilosophie verstehen.
In Österreich ist genau das Gegenteil der Fall. Pathologische Spieler werden durch üppige Werbeetats angelockt, Polizisten werden eingeschüchtert und Politiker entscheiden, ohne das Volk zu befragen, weil die Staatskassen leer sind.
Es ist, sagt der Organisator der Tagung, Christoph Lagemann, “unerträglich“.


Dr. Klenk hat nur – ganz zufällig – vergessen zu erwähnen, dass Häfeli auch bestätigt hat, dass die so gelobten schweizerischen Massnahmen auch nach vielen Jahren nicht zu einem Rückgang der Anzahl von pathologischen Spielsüchtigen geführt haben!
Zitat Pulitzer:
Die Presse mag ausschweifend sein. Aber sie ist das moralischste Werkzeug der Welt von heute. Durch die Furcht vor der Presse werden mehr Verbrechen, Korruption und Unmoral verhindert als durch das Gesetz.
Leider haben wir in Österreich keinen freien Journalismus mehr. Dabei könnte man Tag für Tag alle Zeitungen mit interessanten Geschichten betreffend Korruption füllen.
Und ein Furz vom Gery Keszler ist dem Falter allemal eher eine Story wert, als wenn “ehrenwerte Unternehmer” mit gesteuerten Ausgleichen und Konkursen Millionen machen und damit ehrliche Unternehmer in den Ruin treiben.
Müssten unsere “Haberer” jeden Tag damit rechnen, dass ihre “Seilschaften” bei jedem “geschmierten Geschäft” am nächsten Tag in der Zeitung stehen, würden sie darauf verzichten.
So aber haben wir Gesetze, die eine Feudalherrschaft der Parteien ermöglichen und ein paar Tierschützer ruinieren, die echten Mafiosi aber werden geehrt.