Wird Wikileaks die “alten“ Enthüllungsmedien ablösen?
Ganz im Gegenteil. Ihr unersetzbarer Wert wird sichtbar
Stellen wir in der verworrenen und verlogenen Debatte um Wikileaks zunächst ein paar Dinge außer Streit.
Erstens: Die Pressefreiheit, genauer die Informationsfreiheit, gilt für jedermann. Natürlich auch für Julian Assange, so überheblich oder anmaßend der Ex-Hacker auch wirken mag.
Seine politischen Motive, 251.287 US-Depeschen zu enthüllen, sind vor dem Gesetz irrelevant. Die Einschränkung seines Grundrechts muss in einer demokratischen Gesellschaft die Ultima Ratio sein. Wenn er Infos veröffentlicht, die gewichtige Staatsgeheimnisse oder Leib und Leben von Personen gefährden, dann muss ein Gericht ein Verbot solcher Informationen begründen. Diese sogenannte “Nachzensur“ ist auch bei uns geltendes und richtiges Verfassungsrecht, verankert in der Europäischen Menschenrechtskonvention. Sie besagt: Der Staat hat seine Eingriffe in die Pressefreiheit penibel vor einem öffentlichen Gericht zu rechtfertigen – und nicht Julian Assange den Gebrauch seiner Freiheit.
Diese Prinzipien und die Abschaffung der “Vorzensur“ verdanken wir liberalen Revolutionen sowie einer erstaunlich jungen liberalen Judikatur des U.S. Supreme Court, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch Europa prägte. Amerikas Scharfmacher scheinen dies derzeit zu vergessen – so wie Assanges anonyme Helfer, die sich damit rühmen, durch technische Tricks die rechtsstaatliche Kontrolle von Wikileaks ad absurdum zu führen. Sie faseln von absoluter Transparenz und verwechseln den Schutz der Rechte anderer und die notwendige Güterabwägung zwischen Pressefreiheit und Geheimhaltungspflicht mit dem totalen Herrschaftsanspruch autoritärer Diktaturen, zu denen die USA trotz aller schmutzigen Tricks gegen Assange nicht zählen. Ein Blick in die Cable-Berichterstattung der New York Times beweist es. Sie wird nicht zensiert.
Zweitens: Assange mag zwar mit seinem globalen Projekt im Vergleich zu klassischen Medien besonders revolutionär und “neu“ wirken, doch wer seine Arbeit analysiert, kommt zum Ergebnis, dass er ähnlich tickt wie jene “alten“ Journalisten, die derzeit als starr und überholt verhöhnt werden.
Assange filtert und “zensiert“ seine Depeschen, er hält sie zurück, erzeugt Spannung und dealt mit renommierten Medien, die ihm wie Süchtige aus der Hand fressen, weil er den Stoff für den nächsten Kick bringt. Wer ihm zu wenig huldigt, wie es etwa einmal der Stern getan hat, bekommt einfach kein Exklusivmaterial.
Drittens: Kein Medium soll heucheln, es hätte die Depeschen nicht auch gerne zuerst gehabt. Sie sind der Stoff, aus dem sich große Storys erzählen lassen. Klatschgeschichten, Enthüllungsgeschichten, Analysen von Weltkonflikten, Schnurren. Wenn das Aufdeckermagazin Profil Assange im Meinungsteil kritisiert, aber im politischen Ressort sein Material ausschlachtet, so ist dies nicht sonderlich konsequent.
Dank solcher Analysen entsteht nun diese unerbittliche Front zwischen den Bewunderern von Assange und den Skeptikern in den Redaktionsstuben, meist erfahrenen Journalisten, die große Skandale enthüllten.
Die Zeitungen kritisieren zwar Assange, aber sie verabsäumen es, der jungen “Internetgeneration“, den Wert, das Handwerk, das Ethos und die Arbeitsbedingungen ihrer gutbezahlten “Aufdecker“ zu erklären.
Doch genau das wäre dieser Tage so wichtig. Denn Qualitätsjournalismus besteht eben nicht nur darin, kostenlos irgendwelche Dokumente für jedermann zugänglich zu machen, damit “die Weisheit der Massen“ sie analysieren kann. Es gibt ja genug brisantes Material im Netz, das diese klugen Massen seltsamerweise nicht interessiert: Man surfe, um in Österreich zu bleiben, durch die Homepage des Rechnungshofes, des Rechtsinformationssystems oder des Menschenrechtsbeirats. Skandalstoff in Hülle und Fülle, wenn man ihn nur aufarbeitet. Doch das ist teuer.
Völlig zu Recht weist der klügste deutsche Aufdeckungsjournalist, Hans Leyendecker, in einem Essay in der Süddeutschen darauf hin, dass nicht das massenhafte Publizieren von “geheimen“ Dokumenten, sondern das Überprüfen und Gewichten der darin enthaltenen Information durch Profis von Wert ist. Assange scheint dies, im Gegensatz zu seinen Jüngern, zu verstehen. Ohne “alte“ Medien und ihre teuren Redakteure wäre seine Plattform nie zu dem geworden, was sie ist.
Bleibt die Frage, warum wir Journalisten Dokumente “filtern“, ehe wir sie veröffentlichen. Weil wir die Masse der Leser für “zu doof“ halten, wie ein Assange-Fan twitterte? Weil wir so unser “Herrschaftswissen“ nicht teilen wollen?
Die Gründe sind komplexer. Qualitätsmedien haben den Schutz des Intimlebens von Betroffenen und die berechtigten Geheimnisse von Bürgern zu respektieren, sonst werden wir unseren Berufsschutz zu Recht verlieren. Wir müssen ständig Güterabwägungen treffen, nicht aus Angst, sondern auch aus Respekt vor der Würde des Individuums. Meist gelingt dies, oft genug nicht.
Was wäre die Alternative? “Enthüllungsbürgerjournalismus“ à la “Wikilegia“, einer heimischen Plattform für behördliche Missstände? Scheidungsakten und psychiatrische Gutachten von Missbrauchsopfern stehen dort zum Download für alle bereit. Ein digitaler Aktenschrank der Querulanten, der scharfe staatliche Sanktion verdient, aber dank der “Freiheit des Netzes“ nicht mehr zu schließen ist. Ein Fortschritt? Mitnichten.
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“so wie Assanges anonyme Helfer, die sich damit rühmen, durch technische Tricks die rechtsstaatliche Kontrolle von Wikileaks ad absurdum zu führen.”
Wie ist es im Vergleich dazu zu sehen, wenn sich jemand rühmt, durch prozedurale Tricks die rechtsstaatliche Kontrolle von Veröffentlichungen ad absurdum zu führen? Etwa wenn Telefonprotokolle für eine parlamentarische Anfrage zu Verfügung gestellt werden und danach die Veröffentlichung nicht mehr unzulässig ist?
Nicht dass ich diese Veröffentlichung für schlecht halten würde, in so einem Fall wo die begründete Befürchtung besteht dass die Justiz aufgrund der guten Verbindungen der Beschuldigten ihre Aufgaben nicht ausreichend wahrnehmen könnte braucht es die Öffentlichkeit als Kontrollorgan gegenüber dieser Justiz. Bloß kann man sich eben nicht einerseits über die rechtsstaatlichen Regeln beschweren die in diesem Fall die Veröffentlichung erschweren und nur über Tricks möglich machen, und gleichzeitig Wikileaks dafür kritisieren dass sie diesen rechtsstaatlichen Regeln nicht folgen und sie über Tricks umgehen.
Leider fehlt es mir auch hier wieder ein bisschen an Weitsicht, Herr Klenk.
Ich gebe ihnen schon recht, aus dem Status Qou heraus gibt es einige bedenkliche, zu diskutierende Themen, wie sie dies ja oben auch schon getan haben. Doch aus aktuellen Problemen den Schluss zu ziehen, dass WikiLeaks nur mit Qualitätsmedien funktioniert und diese die einzigen sind, die der Aufgabe gewachsen sind, hat einen faden Beigeschmack. Denn, aufkommende Konkurrenz, nachkommende neue Technologien, Medien und Journalisten gleich zu beginn klein zu reden und ihnen die Möglichkeit des Lernens abzusprechen und sich nicht mit den dadurch entstehenden Problemen vorwärts gerichtet auseinander zu setzten, stimmt mich nachdenklich.
Wikileaks gibt einer größeren Maße an Menschen zugriff zu sensiblen Daten, das ist Fakt. Dass dies zu Missbrauch und Fehlverwendung führen kann wissen wir alle, aber wo ist dabei der Unterschied zu anderen Technologien??
Hier steht einfach ein Prozess aus, welcher den Menschen die mit diesen Daten arbeiten klar macht, was sie hier tun und was dabei wichtig ist. Eine Form von Ausbildung so zu sagen, die auch sie durch gemacht haben.
Aufdeckungsbürgerjournalismus ja, aber mit dem Versuch des qualitativ hochwertigen. Dass dies ein Prozess ist und nicht von heute auf morgen kommen wird, ist verständlich. Und das am Ende nicht jedes Dorfblatt auf Falter-Niveau arbeitet ist auch klar, aber gerade die Journalismus Branche sollte in ihrer Not froh über Interesse, Nachwuchs und neue Ideen sein, die Demokratie sowieso.
Komme aus dem ländlichen Raum und insbesonders hier wäre eine WikiLeaks ähnliche Seite oftmals sehr gut um den Dorfkaisern entgegen zu treten. Klar haben Viele keine Erfahrung damit, aber dies lasse ich nicht als Totschlagargument gelten, denn dann würde sich ja nie etwas ändern. Und bei dem was hier an kritischem Journalismus gelebt wird, tue ich mir sehr schwer ein Bild zu malen, welches eine Verschlechterung darstellt.
Und natürlich, oder eher umso mehr, sind Qualitätsmedien wichtig!!!! Verstehe oftmals nicht, warum in der österreichischen Medienlandschaft kaum einer diese Kränkung erhaben hinunterschluckt, den Blick nach vorne wagt und dies Ganze stehts als sich gegenseitig ausschliessende Positionen sieht.
Insbesondere für Qualiltätsmedien ist WikiLeaks doch ein Segen. Ihr wisst ja schon, wie ihr mit diesen Daten umgehen müsst, was wichtig ist, was nicht. Zusätzlich bekommt ihr vielleicht noch von anderen Amateur-Journalisten (Blogger etc.) interessierten Tips (Crowdsourcing) zu einzelnen Datensätzen etc.
Ich sehe hier auch viele Probleme, aber auch viele Chancen. Am Ende bleibt aber ein vermehrtes demokratisches Engagement über und das alleine sollte es uns schon wert sein!
Grüße, Stefan
Chapeau Herr Klenk !
Sie sind einer der Wenigen, denen ich noch die Berufsbezeichnung “Journalist” zugestehe.
Wann gehen endlich all die opportunistischen Mitarbeiter der Medien gegen die diktierte Meinungsmache ihrer “Herausgeber” vor ?
Eine Schande, dieses totale Versagen der ehemaligen 4. Macht im Staate.
Und WikiLeaks wie auch die “alternativen Medien” sind ein logisches Ergebnis dieses Versagens.
Und als bitteren Gruß ein Gedicht von Martin Morlock aus seinem Gedicht “HUGO – eine deutsche Tragödie” :
“Hierzulande wird gekrochen,
Emsig ernst, so will’s der Brauch.
Wer sich steif hält, wird gebrochen,
Kaltgestellt und ausgestochen.
Die, die ihre Wirbelknochen
Biegen können, wie die Rochen,
Kommen heil durch die Epochen -
Hierzulande wird gekrochen.
Auf den Leim und auf dem Bauch.”