Eine Politmafia aus Grosny in St. Pölten
In Wien beginnt der Prozess rund um den Politmord an Umar Israilov. Es geht um ein Staatsverbrechen
Am 28. Oktober 2008, der Flüchtling und Exrebell Umar Israilov hatte noch ein paar Wochen zu leben, bekam der Wiener Verfassungsschutz einen ersten Hinweis auf das bevorstehende Verbrechen. Ein „Gelegenheitsinformant“ habe mitgeteilt, so ein Aktenvermerk, dass zwei „hochrangige Vertraute des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow“ in Wien Schwechat landen würden. Sie hätten den Auftrag, ein „Programm“ durchzuziehen. Ein Mann mit Beinprothese sei unter den Abgesandten, er werde von einer Wagenflotte abgeholt und residiere in einem Wiener Innenstadthotel. „Er wird von den anderen sehr ehrfurchtsvoll behandelt.“
Der Einbeinige, so vermuten die Fahnder heute, sei einer der Hintermänner jenes Politthrillers gewesen, der die Republik vergangenes Jahr in Atem hielt. Er soll gemeinsam mit weiteren Kadyrow-Vertrauten ein Mordkomplott in Auftrag gegeben haben. Der in Floridsdorf lebende Israilov solle entweder zurück nach Tschetsche- nien verschleppt oder in Wien beseitigt werden, so der Verdacht.
Die Wiener Verfassungsschützer erhielten zu jener Zeit viele alarmierende Hinweise auf das drohende Verbrechen. V-Leute, Überläufer, Menschenrechtsorganisationen: Sie alle warnten, Umar Israilov könnte bald ermordet werden. Denn Israilov, ehemaliger Leibgardist von Kadyrow, war vor dem Tyrannen geflüchtet und hatte sich zum Kronzeugen gegen ihn gewandelt. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte packte er über Kadyrows Folterregime aus (der später Ermordete soll selbst gefoltert haben). Kadyrow, der von der russischen Regierung protegiert wird, will seine Vergangenheit aber international nicht thematisiert wissen und lässt Überläufer zurückholen.
Wiens Verfassungsschutz schlug die Warnungen damals in den Wind. Polizisten rieten Israilov, der bereits Gestalten vor dem Fenster stehen gesehen hatte, im Ernstfall den Notruf zu wählen. Am 13. Jänner 2010 war es dafür zu spät. Israilov wurde in der Floridsdorfer Ostmarkgasse erschossen, so wie es der Polizei angekündigt worden war. Drei Verdächtige wurden gefasst.
Kommende Woche beginnt der Mordprozess gegen sie. Der Verfassungsschutz – mittlerweile unter neuer Leitung – nahm den Fall nun ernst und fütterte den Staatsanwalt mit Hintergrundwissen über tschetschenische Agenten, Killer und andere dubiose Gestalten, die sich in Wien und kurioserweise in St. Pölten als Asylwerber oder Vertreter von Kulturvereinen tummeln. In einem Abschlussbericht nannte die Polizei auch den Auftraggeber des Mordes: Präsident Kadyrow selbst.
Auch die Staatsanwaltschaft vermutet Kadyrow hinter dem Verbrechen, doch für eine Anklage reichte der Verdacht nicht aus. Angeklagt werden drei mutmaßliche Beteiligte in dem Mordkomplott: der St. Pöltner Flüchtling und „Gebrauchtwagenhändler“ Ramzan Edilov, der sich nun Otto Kaltenbrunner nennt.
Er soll das Fluchtfahrzeug gelenkt haben. Auf seinem Handy fand die Polizei Fotos, die ihn in „inniger Umarmung“ mit Kadyrow zeigen. Zweitangeklagter ist Suleymann Dadev. Er besuchte ein Trainingslager bei den Taliban, war KGB-Agent, zuletzt bezog er 630 Euro Sozialhilfe in Wilhelmsburg. Zu verantworten hat sich auch Turpal-Yeshurkaev, ein arbeitsloser Flüchtling. Sein Bruder, so bemerkt die Anklage, könnte auch an der Tat beteiligt gewesen sein. Das ist deshalb brisant, weil der Bruder zur Zeit des Mordes als V-Mann der Polizei arbeitete. Für eine Anklage reichen die Indizien aber (noch) nicht.
Der Prozess wird Einblicke in die tschetschenische Politmafia geben und fatale Polizeipannen enthüllen. Nur einer wird nicht erscheinen: Präsident Kadyrow. Für ihn wurde nicht einmal ein Haftbefehl beantragt.
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