Die Geschichte von Nummer 164953
Im oberösterreichischen Ebensee verhöhnten fünf Jugendliche die Überlebenden des KZ. Ladislaus Zuk war einer von ihnen. Warum lebt er bis heute hier?
(für die Wochenzeitung Falter, Fotos: Christian Wind)


Am Rande der Arbeiterstadt Ebensee, unweit der Stollen, wohnt der 89-jährige Bauarbeiter Ladislaus Zuk. Eine steile Holztreppe führt hinauf in sein Wohnzimmer. "Treten Sie ein!", bittet Zuk und weist in ein Zimmer voller Porzellanpuppen: "Hier wurde ich ein zweites Mal geboren."
Das war am 8. Mai 1945. Zwei Tage zuvor hatten die Amerikaner das Konzentrationslager Ebensee befreit. Ladislaus Zuk war 25 Jahre alt und wog 39 Kilo.
"Dieses Haus", sagt Zuk, "wurde meine zweite Heimat." Die Familie, die hier einst wohnte, aber vor allem die Jugend in der Umgebung habe ihm geholfen, sein zweites Leben zu meistern, "denn sie hörte mir zu". Zuk zückt ein Notizheft. Penibel notierte er darin die Schulklassen, denen er seine Geschichte in den vergangenen 20 Jahren erzählt hat. Mehr als 25.000 Schüler haben sie gehört.
Fünf davon haben es nun in die Weltpresse geschafft - weil sie Ebenseer KZ-Häftlinge attackierten. Die Lehrlinge posierten nicht nur wie einst Heinz-Christian Strache mit Sturmhaube und Maschinengewehr. Sie brüllten auch "Sieg Heil!" und ballerten im Stollen mit Gummigeschossen auf KZ-Häftlinge, die mit Ladislaus Zuk ihre jährliche Gedenkfeier abhielten. Die Burschen wohnen in der Finkerleiten, einer ganz besonderen Siedlung der Stadt. Es sind Söhne anständiger roter und schwarzer Eltern. Einer, so erzählten die Eltern dem profil, habe bloß Mickymaus gelesen und sei bei den Roten Falken sozialisiert worden. Er sei auf Gedenkfeiern gegangen und bereue seine Tat. Ein anderer, so erzählen Schulfreunde, sei in der Schule ein "Schwammerl" gewesen, seine Eltern anständige Unternehmer im Dorf. Der dritte habe zwar in der Dorfdisco auf Türken geschimpft, bei ihnen aber Kebab gekauft.
Diese "Naziattacken" schockierten nicht nur die Republik und den heimischen Verfassungsschutz, sie überraschten vor allem auch die Ebenseer. Deren traditionell sozialdemokratisch regierte Stadt, die so viel gegen die Rechten getan hatte, stand plötzlich als braunes Nest in den Schlagzeilen. In Wirtshäusern, Trafiken und beim Bosnastand fragen sich alle: Waren es dumme Burschen? Oder ergießt sich, wie es der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lissl vermutet, "eine braune Suppe" bis ins entlegene Salinenstädtchen? "Der Hitler", erklärt Ladislaus Zuk, "hat halt auch hier seine braunen Wurzeln vergraben."
Die Ebenseer Stadtväter waren bis vor kurzem noch überzeugt, diese "Wurzeln" ausgerissen zu haben.
Ja, im nahen Gmunden, so erzählen Jugendliche vor der Disco "Hoppala", da gibt es eine Neonaziszene. Manchmal treffe sie sich auch hier. Die Weißen Wölfe etwa, die Türken und Punks verprügeln und sogar Waffen besitzen. Aber in Ebensee? "Da hockst Du gleich am Posten", sagt ein Jugendlicher. Wer seinen Kopf rasiert, der müsse zum Gendarm.
Herwart Loidl, der bullige Bürgermeister, zum Beispiel sagt, dass sich Ebensee in den letzten 20 Jahren "den Orsch aufgrissen" hat. Man habe doch hier, wo zwei Drittel SPÖ wählen, Verantwortung übernommen. Reue gezeigt. Gedenkfeiern organisiert.
Ein KZ am Stadtrand, die anfängliche Angst, aber auch Hilfe für die Opfer, das Schweigen und das Aufarbeiten: Ladislaus Zuk hat all das am eigenen Leibe erlebt, und so kann man, um Ebensee in diesen Tagen zu verstehen, auch seinen Spuren folgen.
Nachdem er am 6. Mai 1945 befreit worden war, als er mit tausenden anderen abgemagerten Häftlingen wie ein lebendiges Skelett durch die Stadt irrte, da vermerkte ein Soldat in einem Brief an seine Familie, dass die Ebenseer anders als andere befreite Österreicher "hysterisch vor Angst" gewesen seien. Sie fürchteten, für die Verbrechen der SS verantwortlich gemacht zu werden, die hier am Stadtrand passiert waren.
Aus Barmherzigkeit, aber wohl auch aus Selbstschutz nahmen Ebenseer Familien KZ-Häftlinge auf. "Wer sie versorgte", erzählt Josef Piontek, ein Kenner der Stadtgeschichte, "musste sich nicht mehr vor den Befreiern fürchten."
Am 8. Mai, als in Europa die Deutsche Wehrmacht kapitulierte, da durfte auch Ladislaus Zuk wieder "wie ein Engel im Himmelbett" unter einer Tuchent schlafen. Die Familie Obermayr hatte ihn aufgenommen. Die Tochter des Hauses, Josefine, peppelte Zuk mit weichem Brot und warmer Milch auf. "Iss langsam, Ladi", sagte Josefine "sonst stirbst du mir noch." So wie 750 andere Häftlinge, die noch in Freiheit an Erschöpfung starben - etwa weil ihre verhungerten Körper die Schokolade der Amerikaner nicht vertrugen.
Ladislaus Zuk konnte Josefine kaum verstehen. Er beherrschte nur ein paar Brocken Deutsch: "Mütze auf! Mütze ab! Arbeiten! Gemma, gemma!" Das waren die Kommandos, die er zunächst in Auschwitz und dann im KZ Ebensee gelernt hatte. Mit 26.000 anderen Häftlingen musste er hier einen acht Kilometer langen Stollen in den Berg treiben. Die KZler sprengten gigantische Hallen in den Fels. Mehr als 8000 Zwangsarbeiter gingen dabei zugrunde. Der Stollen war so breit, dass darin sogar Lastwägen umdrehen konnten. Die Nazis planten, hier ihre erste Interkontinentalrakete zu bauen.
Als das Martyrium überstanden war, wollte Ladislaus Zuk zurück nach Warschau, wo er im Jahr 1940 als Widerstandskämpfer von der Gestapo verhaftet worden war. Doch sein Warschau existierte nicht mehr, seine Eltern waren ermordet worden.
Und so blieb Ladislaus Zuk bei seiner Josefine, so wurde aus "Wladyslaw Zuk", den man "Schug" aussprach, der "Zuk Ladi". In seinem Schlafzimmer liegt, in einem Plastiksack feinsäuberlich verpackt, das Hochzeitsfoto. Es zeigt einen kräftigen Mann im Anzug, sie legt den Kopf auf seine Schulter. "Meine Josefine", sagt Zuk und streicht über das Bild eines lächelnden Mädchens, "war die schönste Frau." Gemeinsam zogen sie fünf Kinder groß. Er pflegte sie bis zuletzt.
Ladislaus Zuk war nicht der einzige KZ-Überlebende, der in Ebensee blieb. Es gab einige Polen, die hier ein neues Leben wagten. So wie Ladislaus Zuk verdingten sie sich als Arbeiter. Er schuftete von vier Uhr morgens bis zehn Uhr nachts, aber nie wagte er es am Bau, vom KZ zu erzählen. Bei manchen im Dorf galt er ja noch immer als "Saupole" und "Pollacke". In der Nacht schrie er im Traum.
Langsam wagten sich auch andere KZler nach Ebensee. Vor allem aus Prato kamen Überlebende, sie gruben in der Erde, sie suchten nach Beweisstücken, sie wollten dokumentieren, was hier geschah. Die Arbeiter Pratos hatten in der Hitlerzeit gewagt zu streiken, die Nazis schickten sie zur Strafe in den Stollen. "Kalt und herzlos", so erinnerten sie sich, seien sie hier in den 50er-Jahren empfangen worden. Immerhin: Es gab einen KZ-Friedhof. Das war damals nicht selbstverständlich. Seiner Opfer gedachte Österreich nicht gerne, es sah sich doch selbst als eines.
In der Finkerleiten zum Beispiel, wo die jungen Provokateure leben, ist diese Opferdoktrin gut dokumentiert. Hier stand einst das KZ. Doch schon 1949 hatten die Stadtväter das Gelände parzelliert und eine Genossenschaftssiedlung bewilligt. Sogar einen im Jahre 1948 von Häftlingen aufgestellten Gedenkstein, "Zur ewigen Schmach des deutschen Volkes" errichtet, versetzten sie, "weil er den Tourismus störte".
Für Ladislaus Zuk war all das schwer zu verstehen. Ausgerechnet hier, wo er jeden Tag Mithäftlinge verhungern sah, wo Selbstmörder "wie Spinnen im Netz" in den elektrischen Zäunen hingen, wo er sich von Kartoffelschalen, Gras und Baumrinde ernährte, ausgerechnet da legten Ebenseer Kriegsheimkehrer ihre Kleingärten an. Einzig den Torbogen des Lagers ließen die Stadtväter auf Bitten von KZ-Opfern hin stehen. Zwischen Fertigteilhäusern steht er heute noch da. Erst seit 1995 erinnert eine Tafel daran, was hier geschah.
Der Opfermythos hielt vier Jahrzehnte an. Dann folgten Haider, Waldheim, das Gedenkjahr, die braunen Flecken in Wels. Auch in Ebensee begann eine junge Generation von Historikern Fragen zu stellen. Eltern und Opfer wurden interviewt, ihre Geschichten dokumentiert - erstmals erzählte auch Ladislaus Zuk.
In Ebensee regierte zu jener Zeit ein junger roter Bürgermeister namens Robert Graf, der all das förderte. Er pflegte die Tradition der aufsässigen Salinenstadt, die schon dem Gmundner Salzamt getrotzt und gegen Obrigkeiten revoltiert hatte. Gegen den Protest mancher Parteifreunde gründete Graf nicht nur eine Städtepartnerschaft mit der Opferstadt Prato. Er holte auch einen jungen Germanisten nach Ebensee, Wolfgang Quatember. Der bedächtige Wissenschaftler sollte in der Geschichte der Stadt wühlen - und die Jugendlichen der Region darüber unterrichten.
Quatember mietete von den Bundesforsten ein paar der Stollen an und erklärte den Besuchern, was hier geschah. Er ließ eine alte Schule zu einem Zeitgeschichtemuseum umbauen. In einer Endlosschleife überträgt dort ein Monitor einen Film der US-Armee. Die ersten Szenen zeigen kernige Bauern und am See promenierende Ebenseer. Und dann sieht man, wie verhungerte Menschen wie Sandsäcke auf Scheibtruhen geworfen werden.
Tag für Tag werden hier nun Schulklassen durchgeschleust, geduldig erklärt ihnen Quatember, wie leicht eine totalitäre Gesellschaft entstehen kann. Er spricht über Dollfuß und Hitler, aber auch über Strache. Ladislaus Zuk schildert danach sein Leben.
Erreicht all das die Schüler nicht mehr? Hat ein Teil der Ebenseer Jugend vergessen, was auf jenem Grund geschah, den sie nun bewohnen? Wurde gar übertrieben beim Gedenken, wie der Bürgermeister Loidl in einer ersten Reaktion mutmaßte?
Ladislaus Zuk krempelt seine Hemdsärmel hoch, als er diese Fragen hört. Kurz wirkt er so, als ob er sich für ein Armdrücken bereit mache. Doch er zeigt nur die Häftlingsnummer, die man ihm in Auschwitz in den Unterarm tätowierte. Dann aber sagt der Mann mit der Nummer 164953: "Auch diesen Burschen werde ich noch was erzählen."
Im oberösterreichischen Ebensee verhöhnten fünf Jugendliche die Überlebenden des KZ. Ladislaus Zuk war einer von ihnen. Warum lebt er bis heute hier?
(für die Wochenzeitung Falter, Fotos: Christian Wind)


Am Rande der Arbeiterstadt Ebensee, unweit der Stollen, wohnt der 89-jährige Bauarbeiter Ladislaus Zuk. Eine steile Holztreppe führt hinauf in sein Wohnzimmer. "Treten Sie ein!", bittet Zuk und weist in ein Zimmer voller Porzellanpuppen: "Hier wurde ich ein zweites Mal geboren."
Das war am 8. Mai 1945. Zwei Tage zuvor hatten die Amerikaner das Konzentrationslager Ebensee befreit. Ladislaus Zuk war 25 Jahre alt und wog 39 Kilo.
"Dieses Haus", sagt Zuk, "wurde meine zweite Heimat." Die Familie, die hier einst wohnte, aber vor allem die Jugend in der Umgebung habe ihm geholfen, sein zweites Leben zu meistern, "denn sie hörte mir zu". Zuk zückt ein Notizheft. Penibel notierte er darin die Schulklassen, denen er seine Geschichte in den vergangenen 20 Jahren erzählt hat. Mehr als 25.000 Schüler haben sie gehört.
Fünf davon haben es nun in die Weltpresse geschafft - weil sie Ebenseer KZ-Häftlinge attackierten. Die Lehrlinge posierten nicht nur wie einst Heinz-Christian Strache mit Sturmhaube und Maschinengewehr. Sie brüllten auch "Sieg Heil!" und ballerten im Stollen mit Gummigeschossen auf KZ-Häftlinge, die mit Ladislaus Zuk ihre jährliche Gedenkfeier abhielten. Die Burschen wohnen in der Finkerleiten, einer ganz besonderen Siedlung der Stadt. Es sind Söhne anständiger roter und schwarzer Eltern. Einer, so erzählten die Eltern dem profil, habe bloß Mickymaus gelesen und sei bei den Roten Falken sozialisiert worden. Er sei auf Gedenkfeiern gegangen und bereue seine Tat. Ein anderer, so erzählen Schulfreunde, sei in der Schule ein "Schwammerl" gewesen, seine Eltern anständige Unternehmer im Dorf. Der dritte habe zwar in der Dorfdisco auf Türken geschimpft, bei ihnen aber Kebab gekauft.
Diese "Naziattacken" schockierten nicht nur die Republik und den heimischen Verfassungsschutz, sie überraschten vor allem auch die Ebenseer. Deren traditionell sozialdemokratisch regierte Stadt, die so viel gegen die Rechten getan hatte, stand plötzlich als braunes Nest in den Schlagzeilen. In Wirtshäusern, Trafiken und beim Bosnastand fragen sich alle: Waren es dumme Burschen? Oder ergießt sich, wie es der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lissl vermutet, "eine braune Suppe" bis ins entlegene Salinenstädtchen? "Der Hitler", erklärt Ladislaus Zuk, "hat halt auch hier seine braunen Wurzeln vergraben."
Die Ebenseer Stadtväter waren bis vor kurzem noch überzeugt, diese "Wurzeln" ausgerissen zu haben.
Ja, im nahen Gmunden, so erzählen Jugendliche vor der Disco "Hoppala", da gibt es eine Neonaziszene. Manchmal treffe sie sich auch hier. Die Weißen Wölfe etwa, die Türken und Punks verprügeln und sogar Waffen besitzen. Aber in Ebensee? "Da hockst Du gleich am Posten", sagt ein Jugendlicher. Wer seinen Kopf rasiert, der müsse zum Gendarm.
Herwart Loidl, der bullige Bürgermeister, zum Beispiel sagt, dass sich Ebensee in den letzten 20 Jahren "den Orsch aufgrissen" hat. Man habe doch hier, wo zwei Drittel SPÖ wählen, Verantwortung übernommen. Reue gezeigt. Gedenkfeiern organisiert.
Ein KZ am Stadtrand, die anfängliche Angst, aber auch Hilfe für die Opfer, das Schweigen und das Aufarbeiten: Ladislaus Zuk hat all das am eigenen Leibe erlebt, und so kann man, um Ebensee in diesen Tagen zu verstehen, auch seinen Spuren folgen.
Nachdem er am 6. Mai 1945 befreit worden war, als er mit tausenden anderen abgemagerten Häftlingen wie ein lebendiges Skelett durch die Stadt irrte, da vermerkte ein Soldat in einem Brief an seine Familie, dass die Ebenseer anders als andere befreite Österreicher "hysterisch vor Angst" gewesen seien. Sie fürchteten, für die Verbrechen der SS verantwortlich gemacht zu werden, die hier am Stadtrand passiert waren.
Aus Barmherzigkeit, aber wohl auch aus Selbstschutz nahmen Ebenseer Familien KZ-Häftlinge auf. "Wer sie versorgte", erzählt Josef Piontek, ein Kenner der Stadtgeschichte, "musste sich nicht mehr vor den Befreiern fürchten."
Am 8. Mai, als in Europa die Deutsche Wehrmacht kapitulierte, da durfte auch Ladislaus Zuk wieder "wie ein Engel im Himmelbett" unter einer Tuchent schlafen. Die Familie Obermayr hatte ihn aufgenommen. Die Tochter des Hauses, Josefine, peppelte Zuk mit weichem Brot und warmer Milch auf. "Iss langsam, Ladi", sagte Josefine "sonst stirbst du mir noch." So wie 750 andere Häftlinge, die noch in Freiheit an Erschöpfung starben - etwa weil ihre verhungerten Körper die Schokolade der Amerikaner nicht vertrugen.
Ladislaus Zuk konnte Josefine kaum verstehen. Er beherrschte nur ein paar Brocken Deutsch: "Mütze auf! Mütze ab! Arbeiten! Gemma, gemma!" Das waren die Kommandos, die er zunächst in Auschwitz und dann im KZ Ebensee gelernt hatte. Mit 26.000 anderen Häftlingen musste er hier einen acht Kilometer langen Stollen in den Berg treiben. Die KZler sprengten gigantische Hallen in den Fels. Mehr als 8000 Zwangsarbeiter gingen dabei zugrunde. Der Stollen war so breit, dass darin sogar Lastwägen umdrehen konnten. Die Nazis planten, hier ihre erste Interkontinentalrakete zu bauen.
Als das Martyrium überstanden war, wollte Ladislaus Zuk zurück nach Warschau, wo er im Jahr 1940 als Widerstandskämpfer von der Gestapo verhaftet worden war. Doch sein Warschau existierte nicht mehr, seine Eltern waren ermordet worden.
Und so blieb Ladislaus Zuk bei seiner Josefine, so wurde aus "Wladyslaw Zuk", den man "Schug" aussprach, der "Zuk Ladi". In seinem Schlafzimmer liegt, in einem Plastiksack feinsäuberlich verpackt, das Hochzeitsfoto. Es zeigt einen kräftigen Mann im Anzug, sie legt den Kopf auf seine Schulter. "Meine Josefine", sagt Zuk und streicht über das Bild eines lächelnden Mädchens, "war die schönste Frau." Gemeinsam zogen sie fünf Kinder groß. Er pflegte sie bis zuletzt.
Ladislaus Zuk war nicht der einzige KZ-Überlebende, der in Ebensee blieb. Es gab einige Polen, die hier ein neues Leben wagten. So wie Ladislaus Zuk verdingten sie sich als Arbeiter. Er schuftete von vier Uhr morgens bis zehn Uhr nachts, aber nie wagte er es am Bau, vom KZ zu erzählen. Bei manchen im Dorf galt er ja noch immer als "Saupole" und "Pollacke". In der Nacht schrie er im Traum.
Langsam wagten sich auch andere KZler nach Ebensee. Vor allem aus Prato kamen Überlebende, sie gruben in der Erde, sie suchten nach Beweisstücken, sie wollten dokumentieren, was hier geschah. Die Arbeiter Pratos hatten in der Hitlerzeit gewagt zu streiken, die Nazis schickten sie zur Strafe in den Stollen. "Kalt und herzlos", so erinnerten sie sich, seien sie hier in den 50er-Jahren empfangen worden. Immerhin: Es gab einen KZ-Friedhof. Das war damals nicht selbstverständlich. Seiner Opfer gedachte Österreich nicht gerne, es sah sich doch selbst als eines.
In der Finkerleiten zum Beispiel, wo die jungen Provokateure leben, ist diese Opferdoktrin gut dokumentiert. Hier stand einst das KZ. Doch schon 1949 hatten die Stadtväter das Gelände parzelliert und eine Genossenschaftssiedlung bewilligt. Sogar einen im Jahre 1948 von Häftlingen aufgestellten Gedenkstein, "Zur ewigen Schmach des deutschen Volkes" errichtet, versetzten sie, "weil er den Tourismus störte".
Für Ladislaus Zuk war all das schwer zu verstehen. Ausgerechnet hier, wo er jeden Tag Mithäftlinge verhungern sah, wo Selbstmörder "wie Spinnen im Netz" in den elektrischen Zäunen hingen, wo er sich von Kartoffelschalen, Gras und Baumrinde ernährte, ausgerechnet da legten Ebenseer Kriegsheimkehrer ihre Kleingärten an. Einzig den Torbogen des Lagers ließen die Stadtväter auf Bitten von KZ-Opfern hin stehen. Zwischen Fertigteilhäusern steht er heute noch da. Erst seit 1995 erinnert eine Tafel daran, was hier geschah.
Der Opfermythos hielt vier Jahrzehnte an. Dann folgten Haider, Waldheim, das Gedenkjahr, die braunen Flecken in Wels. Auch in Ebensee begann eine junge Generation von Historikern Fragen zu stellen. Eltern und Opfer wurden interviewt, ihre Geschichten dokumentiert - erstmals erzählte auch Ladislaus Zuk.
In Ebensee regierte zu jener Zeit ein junger roter Bürgermeister namens Robert Graf, der all das förderte. Er pflegte die Tradition der aufsässigen Salinenstadt, die schon dem Gmundner Salzamt getrotzt und gegen Obrigkeiten revoltiert hatte. Gegen den Protest mancher Parteifreunde gründete Graf nicht nur eine Städtepartnerschaft mit der Opferstadt Prato. Er holte auch einen jungen Germanisten nach Ebensee, Wolfgang Quatember. Der bedächtige Wissenschaftler sollte in der Geschichte der Stadt wühlen - und die Jugendlichen der Region darüber unterrichten.
Quatember mietete von den Bundesforsten ein paar der Stollen an und erklärte den Besuchern, was hier geschah. Er ließ eine alte Schule zu einem Zeitgeschichtemuseum umbauen. In einer Endlosschleife überträgt dort ein Monitor einen Film der US-Armee. Die ersten Szenen zeigen kernige Bauern und am See promenierende Ebenseer. Und dann sieht man, wie verhungerte Menschen wie Sandsäcke auf Scheibtruhen geworfen werden.
Tag für Tag werden hier nun Schulklassen durchgeschleust, geduldig erklärt ihnen Quatember, wie leicht eine totalitäre Gesellschaft entstehen kann. Er spricht über Dollfuß und Hitler, aber auch über Strache. Ladislaus Zuk schildert danach sein Leben.
Erreicht all das die Schüler nicht mehr? Hat ein Teil der Ebenseer Jugend vergessen, was auf jenem Grund geschah, den sie nun bewohnen? Wurde gar übertrieben beim Gedenken, wie der Bürgermeister Loidl in einer ersten Reaktion mutmaßte?
Ladislaus Zuk krempelt seine Hemdsärmel hoch, als er diese Fragen hört. Kurz wirkt er so, als ob er sich für ein Armdrücken bereit mache. Doch er zeigt nur die Häftlingsnummer, die man ihm in Auschwitz in den Unterarm tätowierte. Dann aber sagt der Mann mit der Nummer 164953: "Auch diesen Burschen werde ich noch was erzählen."


Kommentare
Sehr geehrter Hr. Klenk,
Sie schrieben: "Seiner Opfer gedachte Österreich nicht gerne, es war doch selbst eines."
Mir ist klar wie Sie es gemeint haben (auch wegen der nachfolgenden Einordnung als Doktrin), dennoch wirkt der zweite Halbsatz auf mich unnötig irritierend.
Ansonsten wie immer ein lesenswerter Beitrag.
Jan.
Jan • 22.05.09 14:19
Stimmt. Ich habs geschärft. Danke.
fk
Florian Klenk • 22.05.09 17:16