Fall Omofuma: Der Todesflug und seine Lektion
Vor 10 Jahren erstickte der “Schübling” Marcus Omofuma: Was wir aus dem Skandal heute noch lernen können (für Falter)
Es war ein regnerischer Tag in Utrecht. In einem dieser holländischen Backsteinbauten gewährte eine Gruppe von Tanzlehrern bei Kaffee und Kuchen dem Falter ihr erstes Interview. Diese weltoffenen, selbstkritischen Menschen waren nicht nur entsetzt über das, was sie gesehen hatten, sondern auch über ihr eigenes Verhalten, ihre Untertänigkeit gegenüber Autoritäten.
Der Besuch bei dreien jener Passagiere, die den Erstickungstod des nigerianischen Schubhäftlings Marcus Omofuma im Flugzeug der Balkan Air aus nächster Nähe miterlebt hatten, liegt nun zehn Jahre zurück. In einem mehrstündigen Interview ging es damals um eine Facette dieses Menschenrechtsskandals, die bis heute nicht ausreichend thematisiert wurde: Warum hatte kein einziger Passagier im Flugzeug lautstark protestiert, als ein wie eine Mumie bandagierter Mensch erstickte? Wieso trat niemand den drei Fremdenpolizisten entgegen, als sie den “Schübling”, wie der damals amtierende Polizeipräsident Peter Stiedl Omofuma nach dessen Tod nannte, mit Paketschnüren an seinen Sitz banden, sein Gesicht mit Leukoplast umwickelten und den Passagieren versicherten, all das entspreche den Gesetzen?
Die Holländer flogen mit einer Kindergruppe zu einem Tanzfestival nach Sofia, als sie Omofuma sterben sahen. Er habe geseufzt, erinnerten sich die Passagiere, gewimmert, die Augen verdreht und “gegrunzt”.
Aus einem Afrikaner,
der aus Nigeria über Deutschland nach Wien floh, um sich hier ein besseres Leben aufzubauen, wurde zunächst ein wimmerndes, von Polizisten verschnürtes Paket – und dann ein totes Bündel, für das niemand Verantwortung übernehmen wollte.
Als die Zeugen in Holland alles erzählten, als sie schilderten, wie die Polizisten “stoisch und gefasst” neben der Mumie gesessen waren, wie sie kompetent, aber doch auch brutal gewirkt hatten, sagte eine von ihnen: “Es dauert lange, bis man Autoritäten misstraut.” Ein anderer Zeuge ergänzte: “Ich kam mir vor wie bei jenem Experiment, bei dem ein Lehrer einem Schüler aufträgt, einem Patienten im Namen der Wissenschaft Stromstöße zu erteilen.”
Es ist das berühmte Experiment des US-Psychologen Stanley Milgram, an das sich die Passagiere erinnert fühlten und das den Fall Omofuma wohl besser erklärt als jeder auch noch so berechtigte Rassismusvorwurf. Im Jahre 1961 hatte Milgram Testpersonen aufgetragen, einen Erwachsenen (im richtigen Leben ein Schauspieler) mit Stromschlägen zu traktieren, sollte dieser nicht die gewünschten Antworten auf Wissensfragen geben. Die überwiegende Mehrzahl schob den Regler auf bis zu 450 Volt. Solange bis der Proband wimmerte, grunzte und starb. “Obwohl den Testpersonen die Schmerzensschreie der Opfer in den Ohren klingelten, gewann in der Mehrzahl der Fälle die Autorität. Das ist eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf”, erklärte Milgram.
Die holländischen Passagiere erkannten spät, aber doch, was mit ihnen geschehen war. Die drei angeklagten Fremdenpolizisten aber stellten sich zumindest vor Gericht noch als unschuldige “kleine Rädchen” dar, die den Weisungen des Innenministeriums Folge zu leisten hatten. Das Mundverkleben, versicherten sie, sei damals ausdrücklich gebilligt worden, um renitente Ausländer aus dem Land zu schaffen. So ähnlich sah es wohl auch das Gericht, das die Beamten zu milden acht Monaten bedingt verurteilte. Zwei von ihnen versehen heute noch Dienst, der Dritte ist pensioniert.
Es gab zwar schon damals Polizeibeamte, die sich gegen die Praxis des Verklebens zur Wehr setzten. “Ich machte mir Gedanken, dass es Probleme mit der Luftzufuhr geben könnte”, gab ein Kriminalbeamter zu Protokoll. Doch die von ihm eingeforderte Stellungnahme seiner Vorgesetzten traf nie ein. Man ließ die Beamten also darüber im Unklaren, was erlaubt war und was nicht. Man weichte rechtsstaatliche Standards durch Schweigen auf. Ein wenig erinnert all das an die Memos des Pentagon in den USA. Auch hier wurde nie klar ausgesprochen, was mit “kreativen Verhörmethoden” wirklich gemeint war.
Der Fall Omofuma kann mit Polizeibrutalität erklärt werden, so wie dies in Österreich bis heute geschieht. Man kann aber auch an die Krone Zeitung-Hetzartikel erinnern, in denen dazu aufgefordert wurde, kritischen Politikern den Mund zu verkleben, weil sie die Autorität der Polizei hinterfragten.
Der Mensch an sich, nicht nur der Polizist, so lehrt die Causa Omofuma, lehnt sich nicht gerne gegen Autoritäten auf. Er vertraut ihnen, er will ihnen gefallen, selbst wenn diese einen Menschen durch ihre Brutalität fahrlässig zu Tode bringen.
Haben die Republik, ihre Organe und ihre Medien diese Lektion verstanden? Nach Omofuma starben weitere Ausländer im Polizeigewahrsam. In vielen Fällen blieb der Widerspruch von Politikern, Richtern und Journalisten aus. Kritik an polizeilichem Handeln wurde und wird bei uns nach wie vor als Hetze stigmatisiert. Institutionelle Reformen, die Widerspruch in und gegenüber der Polizei fördern oder einmahnen, sind nur ansatzweise zu erkennen. Der Fall Omofuma ist daher nicht nur ein historischer Skandal, er bleibt auch eine Mahnung für allzu ängstliche Staatsbürger. In einer offenen Gesellschaft verdienen staatliche Autoritäten nicht Furcht und Stillschweigen, sondern kritischen Respekt und Kontrolle.
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