“Das war erst der Anfang”
Der Priester Helmut Schüller über die Lehren aus dem Fall Gerhard Maria Wagner
(für Falter, Foto: Heribert Corn)
Er predigte (in diesem Pfarrbrief) gegen Homos und sah in der Zerstörung von New Orleans eine Strafe Gottes. Der Windischgarstener Pfarrer und designierte Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner drohte die Kirche zu spalten. Vergangene Woche fuhr Wagner bereits nach Rom, um sich das Bischofsgewand schneidern zu lassen. Sonntags trat er überraschend zurück.
Ein Sieg der Reformkräfte? Der Priester Helmut Schüller, 56, sieht es so. Er zählt zu den angesehensten Kirchenleuten im Land. Der ehemalige Caritas-Präsident und heutige Pfarrer von Probstdorf kennt die Hardliner in der Kirche gut, sie haben seinen Aufstieg verhindert. Schüller war am Knabenseminar Hollabrunn Schüler des später wegen Kindesmissbrauchs zurückgetretenen Kardinals Groër. Wegen seines Engagements erhielt er von Franz Fuchs 1993 eine Briefbombe. 1996 leitete er die Ombudsstelle für Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kirche. 1999 wurde Schüller jedoch von Kardinal Christoph Schönborn wegen “tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten” als Generalvikar abgesetzt. Gemeinsam mit dem Paudorfer Pfarrer Udo Fischer gründete Schüller 2006 die Priesterinitiative, die sich gegen die Zusammenlegung von Pfarren engagiert.
Herr Pfarrer, das erste Mal seit den 50ern verzichtet ein designierter Bischof auf sein Amt. Ein Sieg der Reformkräfte?
Helmut Schüller: Sein Rückzug ist sicher auf unseren Protest zurückzuführen. Das sagt auch Wagner selbst. Er erklärte, über das Ausmaß des Protests überrascht gewesen zu sein.
Vor 20 Jahren stieg der umstrittene Bischof Kurt Krenn noch buchstäblich über die Demonstranten. Was hat sich seither geändert?
Schüller: Die offene Rede der Basis wurde stärker. Das Kirchenvolksbegehren, die Plattform Wir sind Kirche und viele andere Initiativen zeigen nun Wirkung. Viele Bischöfe nahmen Rom nicht mehr in Schutz. Das ist eine neue Kultur. Wir erleben einen Demokratisierungsprozess. Die Laien sind Bürger der Moderne, sie wollen keine Kirche, die ihnen von einem anderen Planeten zuruft. Sie erwarten Transparenz. Auch im säkularen Staat ist die Demokratie erst langsam gewachsen. So ist es nun auch hier.
Wagner bot Einblicke in eine sehr archaische Kirche. Für wie viele Priester spricht er?
(hier der Pfarrbrief von Priester Wagner)
Schüller: Ich schätze, er vertritt die Meinungen von zehn bis 15 Prozent. Was er sagt, entspricht einer gewissen Sehnsucht nach den guten alten Schwarzweißantworten. Doch sogar das Alte Testament zwingt zu einem gotteswürdigeren Bild des Menschen.
Ist Demokratie in einer Religionsgemeinschaft, die nur eine Wahrheit kennt, überhaupt möglich?
Schüller: Selbstverständlich. Schon in den Anfängen der Kirche sehen wir demokratische Elemente. In den Ordensgemeinschaften wurden die Äbte – auch wenn sie noch so konservativ sind – gewählt. Das Element der Beteiligung der Menschen ist also nicht neu. Auch der Getaufte hat Anteil am Geist Jesu. Er soll mitbestimmen und sich einbringen.
Wie hat sich der Protest der Reformer in den vergangenen Wochen organisiert?
Schüller: Es wurden völlig neue Formen der Kommunikation aufgebaut. Wir kommunizieren schneller, sind besser vernetzt. Nun spüren wir erstmals, dass sich die Bischöfe “freigeredet” haben – und so das Gewicht gegenüber Rom vergrößern konnten. Sie wurden durch die deutschen Bischöfe und ihre mutigen Reaktionen auf die Pius-Bruderschaften angespornt. Wir haben auch gelernt, dass wir uns auf europäischer Ebene besser vernetzen können.
Wie sehen Sie die Rolle des Wiener Kardinals Christoph Schönborn?
Schüller: Ich glaube, dass die Resignation des Weihbischofs auf sein Betreiben zurückgeht.
Wer stand eigentlich hinter der Nominierung Wagners?
Schüller: Das waren putschartige Versuche, den Reformkurs auszuhebeln. Ich vermute dahinter Leute, die man in der breiten Öffentlichkeit nicht kennt, etwa den Linzer Priesterkreis oder die Leute, die hinter kath.net stehen, einem Internetdienst.
Auch die Konservativen sind also heute besser vernetzt?
Schüller: Ja, kath.net bietet einen enormen Einblick in die Gedanken dieser Gruppe. So können sich auch viele Reformer endlich ein eigenes Bild machen. Die Medienfreiheit hat dazu geführt, dass das Bürgertum auch in der Kirche erwacht ist. Die Auseinandersetzung beginnt jetzt erst. Von den Bischöfen erwarte ich, dass sie ihr neues Standing gegenüber Rom nun auch gegenüber anderen Anliegen zeigen.
Welche wären das?
Schüller: Der Pfarrermangel! Er dreht uns die Luft ab. Immer weniger Pfarrer müssen immer mehr Pfarren übernehmen, darunter leidet die persönliche Bindung zu den Bürgern. In Deutschland ist diese Erosion weit vorangeschritten. Daher müssen auch verheiratete Männer und Frauen predigen dürfen. Mit geschiedenen Wiederverheirateten müssen wir anders umgehen. Die Kirche kann diese Leute nicht einfach von der Kommunion ausschließen.
Welches Ansehen hat der Papst nach alledem?
Schüller: Er agiert nicht, er reagiert. Dass er nach dem Skandal rund um den Holocaust-Leugner Richard Williamson klarstellt, wie die Kirche zur Shoah steht, ist kein Fortschritt. Der Flurschaden ist unglaublich groß. Die Sache ist auch nicht ausgestanden, wenn die Kameras wegschwenken. Der Frustrationssockel ist größer geworden, das nächste Schneebrett steht bevor.


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