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08. Feb 2009

Schwarze Tränen weint die Sonne

Der Fall Umar Israilov offenbart auch die Nöte gefolterter Tschetschenen und ihrer Therapeuten. Zu Besuch beim Verein Hemayat
Als er wieder einmal Schüsse hörte, als die Bilder der Leichen wie böse Geister erschienen, da kletterte der Flüchtling Alikhan H. (Name geändert, Anm. d. Red.) auf einen Bahndamm. Alikhan H., einst ein tschetschenischer Rebell, stand auf den Geleisen und wartete auf den Zug. Da trat plötzlich ein Mann aus dem Gebüsch und sagte: „Komm zurück ins Leben.“ Der Mann war Erwin Klasek.
Erwin Klasek ist ein wenig stolz, als er diese Geschichte erzählt. Er erschien in der Fantasie seines Patienten und bewahrte diesen vor dem Selbstmord. Genau das ist es, was ein Psychotherapeut in seiner „Traumaarbeit“ erreichen soll, sagt Klasek: dass ein Mensch, dessen Vertrauen durch Folter erschüttert worden ist, während seiner Panikattacken nicht nur Schüsse und Schreie hört, sondern auch eine vertraute Stimme.
Klasek sitzt jetzt in einem Wiener Café, er trinkt einen Verlängerten, seine sonore Stimme hat etwas Beruhigendes, selbst wenn sie von Folter, Trauma und Gewalt in Tschetschenien berichtet. Ein Flüchtling hatte ihm die Geschichte mit dem Gebüsch kürzlich anvertraut. Sie mag pathetisch, ja fast schon religiös klingen, aber sie erklärt wohl, warum der Psychotherapeut an den Erzählungen hunderter tschetschenischer Folteropfer nicht längst verzweifelt ist.
Klasek ist Vorstandsmitglied bei Hemayat (persisch für „Schutz“).


1995 wurde dieser ambitionierte Verein von engagierten Ärzten und Psychologen gegründet, um Kriegsopfern in Wien eine kostenlose Psychotherapie zu ermöglichen. Klasek ist einer von 21 Psychotherapeuten, die sich nun im Integrationshaus, dem Sitz des Vereins in der Leopoldstädter Engerthstraße, jedes Jahr um rund 700 Traumatisierte kümmern, 400 davon kommen aus Tschetschenien.
Klasek kannte auch Umar Israilov, jenen Polit-Flüchtling, der vor drei Wochen in Floridsdorf erschossen wurde. Er stattete dessen Hinterbliebenen kürzlich einen Kondolenzbesuch ab. Israilov sei ein „verschlossener, höflicher“ Mensch gewesen, erinnert sich der Therapeut heute. Einer von vielen.
Und dennoch behielt Klasek ihn in Erinnerung. Denn er war ein Tschetschene, der es wagte, seine Peiniger vor Gericht zu stellen. Umar Israilov, der nach Folterungen selbst bei der Leibgarde des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow arbeitete – und dort vermutlich selbst Gewalt ausübte –, war damit eine große Ausnahme. Denn über die Gräuel zu sprechen, sie sogar anzuklagen, das fällt den Tschetschenen schwer. Aus Selbstschutz verdrängen sie, was ihnen angetan wurde – oder was sie selbst bei anderen anrichteten.
Von „Fehden“ und „Clans“, ist dieser Tage in den Zeitungen zu lesen und vom „Asylparadies“ Österreich, in dem es sich „tschetschenische Netzwerke“ mit erfundenen Geschichten bequem machen. Psychotherapeuten wie Klasek aber kommen in diesen Berichten kaum zu Wort. Doch wenn sie schildern, was Flüchtlinge aus dem Kaukasus in Therapiestunden berichten, dann bietet sich ein anderer Blick auf die Lebenswelt der rund 20.000 Tschetschenen, die Österreich während der zwei Kaukasuskriege als Flüchtlinge anerkannt hat.
Klasek schildert, wie diese Flüchtlinge bei ihm in der Therapie vor seelischen Schmerzen zu wimmern beginnen. Er erzählt von „Flashbacks“, die diese Menschen verrückt machen. Es sind plötzlich auftretende Erinnerungsfetzen, die das Hirn zurück in den Krieg schicken. Wiener Polizisten sprechen plötzlich Russisch. ÖAMTC-Rettungshubschrauber sind mit Raketen bestückt. Ein Silvesterböller wird zur Granate.
Klasek lässt diese Patienten erstmals über die Folterungen erzählen, sie dürfen weinen, herausschreien, wie sie wochenlang in Erdlöchern ausharren mussten, in Kellern neben Leichen vegetierten oder auf brutalste Art vergewaltigt wurden.
In Sicherheit erzählen können, einen fähigen Dolmetscher zur Seite haben, soziale Kontakte aufbauen: All das ist während laufender Asylverfahren nicht selbstverständlich – obwohl Politiker so gerne vom „Opferschutz“ reden. Das wachsende Misstrauen der Asylbehörden, die zwischen „Asylbetrügern“ und Opfern unterscheiden müssen, belastet nicht nur die Patienten von Hemayat, es schmälert auch deren Chancen, gesund zu werden.
Das Engagement Hemayats, so erzählen die Psychologen hinter vorgehaltener Hand, wird von den Beamten in der Asylbürokratie aber zunehmend als lästig empfunden. Es verzögere die Asylverfahren, heißt es dann. Denn vor allem die Behörden der ersten Instanz sind sicher, dass Asylwerber Traumatisierungen oft nur erfinden, um nicht in „sichere Drittländer“ abgeschoben zu werden, wo die Asyl-Anerkennungsraten für Tschetschenen bei null liegen.
Und das ist vermutlich der Grund dafür, dass das Innenministerium die Höhe der finanziellen Unterstützung von Hemayat immer wieder infrage stellt. In Presseaussendungen der FPÖ muss der Verein sich immer wieder Steuergeldverschwendung vorwerfen lassen, „weil er nur Ausländer, aber keine Inländer betreut“. Dabei erhält Hemayat pro Jahr nur etwa 300.000 Euro Subvention.
Die Sparpolitik hat Konsequenzen. Wurden im Jahr 2007 noch 82 Prozent der Asylwerber aus Tschetschenien als Flüchtlinge anerkannt, so waren es im Vorjahr nur noch 49,5 Prozent. „Die Wartezeiten für die Opfer von Folter werden bei uns immer länger, die finanziellen Mittel immer weniger“, sagt auch Cecilia Heiss.
Heiss, 35, ist die Geschäftsführerin von Hemayat. Es ist Freitagabend, die Therapiezimmer sind leer, aber sie sitzt noch immer am Schreibtisch. Sie will private Mäzene anschreiben, sie hofft auf einen Gönner wie den Industriellen Hans Peter Haselsteiner, der auch Ute Bock half. Sie hat sogar Plakate mit den Kinderzeichnungen aus Grozny drucken lassen. Heiss klickt nun mit der Maus auf einen Ordner, in dem sie die Geschichten ihrer Patienten abgespeichert hat. Es öffnet sich eine Liste mit hunderten Word-Dateien. Jede trägt den Namen eines Menschen.
Wer all die Einzelfälle liest, für den bekommt das Wort „Tschetschene“ eine andere Bedeutung. Heiss rollt diese Dateien mit dem Rad ihrer Computermaus herunter. Die Liste will nicht enden. Dann druckt sie ein paar Anamnesen aus.
Herr A., 52, „gefesselt in einen Keller geworfen und dann die Zähne abgefeilt, damit er gesteht“. Herr T., 39, „schleppte Menschen mit fehlenden Gliedmaßen heim, musste dann etwa 100 Menschen begraben“, sie stanken so sehr, dass er es kaum ertrug. Oder Frau S., deren „Sohn im Nebenzimmer mit Strom gefoltert“ wurde. „Sie fiel dabei in Ohnmacht, und als sie wieder zu sich gekommen war hätten die Männer, die sie befragt hatten, auf sie uriniert.“
Dass es hier zu wenig Geld gibt, sieht man auf den ersten Blick. Drei mit Flohmarktmöbeln ausgestattete Zimmer werden für die Therapiegespräche benützt. Es gibt kein richtiges Wartezimmer, für eine Kinderecke fehlt das Geld.
Verstörend sind vor allem die vielen Kinderzeichnungen, die Heiss gesammelt hat. Die Dokumente des Krieges belegen, dass die Patienten hier nicht lügen. Strichmännchen spucken Blut, sie ballern mit Maschinenpistolen, sie werden von Hubschraubern beschossen, darüber weint eine gelbe Sonne schwarze Tränen. Ein Kind hat „Grozny“ auf den Zettel geschrieben. Daneben malte es eine lachende Sonne. Hier, so verrät die Kinderschrift, soll „Wien“ sein.
Es sind wohl auch solche Zeugnisse, die die Neuropsychologin Cecilia Heiss davon überzeugten, trotz Doppelstudium hier um nur 1000 Euro pro Monat zu arbeiten. Dabei wollte Heiss ja eine Karriere am AKH starten. Doch dann fuhr sie mit „Ärzte ohne Grenzen“ nach Asien und Afrika, sie sah das Leid, vor dem Menschen flüchten. Und als sie zurückkam, sah sie, dass sogar Kriegsopfer hier in Wien zunehmend deklassiert wurden.
Das war 2003, es war die Zeit, als die Asylbürokratie hunderte Flüchtlinge auf die Straße stellte und ein Innenminister namens Ernst Strasser die Caritas als „unmenschlich“ verhöhnte. Tschetschenen wurden ohne Asylverfahren an der Grenze zurückgeschickt, ihre Anwälte als Schlepper angezeigt. Heiss arbeitete dagegen an – zuerst in Asylheimen, nun hier.
Die Schockwellen der neuen Asylpolitik spürt Heiss nun am eigenen Leib. Die finanzielle Lage des Vereins sei katastrophal. EU-Subventionen kämen nur mit zweijähriger Verspätung. Therapeuten würden ein halbes Jahr auf ihre 21 Euro Stundenlohn warten. Kritik an solchen Zuständen wird nicht gern gehört. Auch deshalb grübelt Heiss, wie offen sie hier die Zustände beklagen soll, „um meine Klienten nicht noch weiter zu gefährden“.
So sorgt Heiss lieber für ein wenig medizinische Aufklärung. Sie erzählt, was sich in den Gehirnen von Folteropfern abspielt und wie das vor allem deren Asylverfahren und damit die Zukunft beeinträchtigt. Da gibt es etwa das Phänomen des „freeze and fragment“: Traumatisierte können ihre Torturen oft nicht in zusammenhängenden Sätzen schildern. Das Erlebte zerfällt in Gerüche, Bildfetzen, Geräusche. Folteropfer stottern, sie springen in ihren Erzählungen, sie vergessen, die schlimmsten Erfahrungen zu erzählen.
Auch deshalb schaffen es viele Asylwerber bei Einvernahmen nicht, konzise über die erlittenen Torturen zu berichten – und blitzen wegen mangelnder Glaubwürdigkeit ab. Auch Umar Israilov wurde übrigens beim ersten Verhör als „unglaubwürdig“ abgestempelt.
„Es gibt hunderte solcher Fälle“, sagt Heiss und schließt den Ordner mit den Anamnesen wieder, „vielleicht soll man sie langsam wieder der Öffentlichkeit zumuten.“
Info:www.hemayat.org, Spenden an Konto-Nr. 28 446 099 600, BLZ 20 111

Kategorien: Reportagen
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