Home > Archiv

Archiv für Dezember 2008
24. Dez 2008

Friedl sei mit euch


Er kämpft für Arigona Zogaj und gegen die Lügen der Politik. Wer ist der unbequeme Landpfarrer Josef Friedl?

Pfarrer%20Josef%20Friedl%20Ungenach%20Arigona%20%2820%29.jpgAls er ein Kind war, erzählt Josef Friedl, gab es zu den heiligen Zeiten keine Geschenke, sondern nur eine Wurst. “Eine Weißwurscht zu Weihnachten, eine Knackwurscht zu Ostern.” Der kleine Josef hat sie ganz langsam gekaut und die Augen dabei geschlossen.
“Gemma was essen”, sagt Friedl, als er im Pfarramt von Ungenach steht. Er setzt den Hut auf und geht rüber zum Kirchenwirt. “Servus, Pfarrer”, sagen die Wirtsleute. Friedl grüßt zum Stammtisch hinüber und dreht sich zu seinem Gast: “Ich hoffe, die Leute stören Sie mit ihren Nazisprücherln nicht.” Manche hier sagen ja, der Friedl gehöre vergast. “Mullah Friedl”, schmierte ein anderer auf die Friedhofsmauer. Noch vor der Frühmesse kratzte der Pfarrer es weg. Er ist niemandem böse. Er weiß, wie die Menschen sind. “Wenn ich mich hinsetze zu den Leuten”, sagt er, “zahlen sie mir die Zech. Irgendwann braucht ja jeder ein Begräbnis.”
Auf den ersten Blick würde man Friedl nicht für einen Priester halten. Er trägt keinen weißen Kragen, nicht einmal ein Kreuz am Revers. Der Mensch solle sich vor dem Herrgott “in Werken erweisen und nicht durchs Gewand”. In Ungenach weiß auch jeder, dass Friedl hier mit einer Frau zusammenlebt. Sie suchte seine Seelsorge, als ihr Mann vor 25 Jahren starb. “Ja, mein Gott”, sagt Friedl, “da ist halt ein Funke übergesprungen.”
Pfarrer Friedl ist eben kein Heuchler. Er schätzt die Kirche dafür, dass sie ihn nicht zwingt, einer zu sein. Enttäuscht ist er bloß von der Politik, die ihn im Fall des “Asylmädchens” Arigona Zogaj zu Hilfe rief und dann fallen ließ. Seit seinem Einsatz für die 15-jährige Frankenburgerin ist Friedl der bekannteste Pfarrer Österreichs.
“Eine Schande”, sagt Friedl, wenn er über Arigonas vier Geschwister spricht, die vergangenes Jahr in den Kosovo abgeschoben wurden, “eine gottlose Schande ist das alles.” Sie würden verwahrlosen, keine Schule besuchen, der Vater habe sich aus dem Staub gemacht. Die Erziehung von Albona, 10, und Albin, 9, sei den pubertierenden Brüdern überlassen. Ihre Mutter lebt in Frankenburg und ist wegen Suizidgefahr in Behandlung. Sie fantasiere, ihre Kinder stünden vor der Tür. Doch da ist niemand.
“Der Herr Pfarrer ist kommod”
“Die Behörden findet nämlich immer einen neuen Grund, um die Schülervisa abzulehnen”, sagt Friedl. Arigonas jüngster Bruder, Albin, geboren auf der Straße während des Kosovokriegs und aufgewachsen in Oberösterreich, habe kürzlich den Müllplatz vor dem Dorf nach Essen durchstöbert und sich verletzt. “Das ist die Wahrheit”, schwört Pfarrer Friedl.
“Der Herr Pfarrer ist kommod”, sagte Arigona Zogaj, als sie sich mit ihm erstmals der Öffentlichkeit stellte. Nicht nur das. Friedls Wirken zeigt, was die Kirche in den Dörfern zu leisten imstande wäre, wenn sie mehr Persönlichkeiten wie ihn auf die Kanzeln schicken könnte. Das ist etwa diese Szene: Als Friedl seine Frittatensuppe fertig gegessen hat, steht ein dicker Mann vom Stammtisch auf. Er wirkt wütend und sagt: “Pfarrer, ich dank dir, dass Du es den Politikern reinsagst. Wir sind stolz auf dich. Wenn du einmal weg bist, dann werden die Leute sagen: Unterm Friedl hätt’s des net gebn.” Friedl zieht den Hut, geht zurück ins Pfarrheim.
“Ich verweigere euch die Weihe!”
“Hier arbeitet ein Mensch”, steht an seiner Bürotür. Dahinter liegt seine liebevoll unordentliche Pfarrkanzlei. In einer Ecke lehnt der Nikolostab aus Plastik, an den Wänden kleben hunderte Fotos, die ihm die Ungenacher in den vergangenen 30 Jahren geschickt haben. Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse, Festmähler, Feldmessen.
Bevor Pfarrer Friedl im Herbst 2007 auf dem Bildschirm auftauchte und über Würde und Menschlichkeit sprach, hatte man es schon fast vergessen: Pfarrer können dissidente Meinungsführer sein. Friedl erzählt zum Beispiel diese Geschichte vom Kameradschaftsbund. Als ein Kamerad einmal davon sprach, dass man Zivildiener besser an die Wand stellen sollte, drohte der Pfarrer: “Wenn ihr noch einmal so dumm redets, verweigere ich euch die Weihe eures Kriegerdenkmals!”
Es kleben auch Bilder von Flüchtlingen an Friedls Wand. Polnische, bosnische, kosovarische, afghanische Asylwerber hat er hier aufgenommen, und alle sind sie noch irgendwie untergekommen. “Aber dieses Mensch”, sagt Friedl und zieht ein Bild von Arigona Zogaj hervor, “hat mir die Augen für die Feigheit in diesem Land geöffnet.”
In so mancher Hinsicht gleicht das Leben des jungen Friedl ein wenig dem der Zogaj-Kinder: die Armut einer Nachkriegsgesellschaft, der Kinderreichtum, die Abhängigkeit von Spenden und der Widerstandsgeist gegen falsche Autoritäten. Nur 18 Joch Grund beackerten Friedls Eltern, nie hatten sie Geld. Mit 14 Jahren mussten sich seine Geschwister als Mägde und Knechte selbst durchschlagen.
Nur den Josef schickten die Eltern nach Linz, ins katholische Internat. 400 Schilling kostete das, ein kleines Vermögen. 200 davon spendete eine Nachbarin. 84 Kinder saßen in der ersten Klasse und lernten die strenge Welt der Patres kennen. Der Unterricht war exzellent, erzählt Friedl, die Freiheit gering. Im Internat lebte damals noch ein zweiter Josef, der Pühringer-Josef, der heutige Landeshauptmann von Oberösterreich.
Friedl ging aufs Priesterseminar – und rutschte in die Identitätskrise. Er hatte es satt, “allerweil der Brave” zu sein, ließ sich die Haare wachsen, schlich nachts raus, um sich mit Linzer Künstlern zu treffen. Ihr Kampf gegen österreichische Autoritäten faszinierte ihn.
Warum er überhaupt ein Diener Gottes wurde? “Fragen S’ mich nicht, ich weiß es selbst nicht.” Er arbeitete zuerst in Steyr, wo er in Barackensiedlungen eine Pfarre gründete. Für die Arbeiterkinder schmiss er Partys im Pfarrheim. Zu einer Zeit, als die Reformer Kardinal König und Bruno Kreisky einander Respekt bekunden, glich der junge Pfarrer Friedl mehr einem Sozialarbeiter denn einem Mann Gottes.
1978 kommt Friedl nach Ungenach. Er fällt gleich auf. Mal setzt er sich an den “roten Stammtisch”, dann, es ist die RAF-Zeit, predigt er gegen Dorfbewohner, die “einen kleinen Hitler” fordern. Dann kommt eine vierfache Mutter zu ihm, die gerade ihren Mann verloren hat. Sie kommt immer wieder, bis sie eines Tages bei ihm einzieht. Dann schlitzen Mitbürger ihm die Reifen auf. Friedl hatte während des Ausländervolksbegehrens eine schwarze Fahne gehisst.
Der Ruf des widerständigen, aber geschätzten Priesters, den Friedl über Ungenach hinaus bald hatte, war wohl auch der Grund, warum sein Handy im Oktober 2007 läutete. Der Pressesprecher der ÖVP war am Apparat. Ein Mädchen sei verschwunden, es drohe mit Selbstmord, sollte es abgeschoben werden.
Innenminister Günter Platter war in Bedrängnis. Friedl zögerte nicht, er tat, worum die ÖVP ihn bat. Plötzlich stand ein Auto vor ihm, und der Mann hinter dem Steuer sagte mit fremdem Akzent: “Steigen Sie ein.” Friedl hatte Angst, wie er heute sagt, die Fahrt dauerte lange, als der Fahrer an einem Parkplatz bei Wien hielt. Ein zitterndes Mädchen kam gelaufen, “I bin d’Arigona”, sagte es. “Sag Josef und net Pfarrer zu mir”, sagte er.
Beim Gottesdienst gab es Applaus
Der Fall wurde zur Staatscausa, sogar japanisches Fernsehen kam nach Ungenach, das hatte nicht einmal Thomas Bernhard mit seinem gleichnamigen Roman geschafft. Diskret empfing Friedl in jenen Tagen einen Gast nach dem anderen. Einmal kam Schulfreund Pühringer und bedankte sich. Dann meldete sich der Innenminister. Beim Gottesdienst applaudierten die Leute ihrem Pfarrer.
Es hätte alles gut enden können. Es gab Demos für die Zogajs und Jobzusagen, “eine Tante, die das Dirndl versorgt”, sogar die Orts-FPÖ und die Krone stimmten für die Zogajs.
Doch dann mauerte sich der unselige Platter ein. Heinz-Christian Strache zeigte Friedl wegen Schlepperei an. “Die ÖVP”, sagt Friedl, “ließ mich fallen”. Wilhelm Molterer und sein General Hannes Missethon dementierten später sogar, je mit Friedl in Kontakt getreten zu sein. Erst nachdem Friedl der ÖVP “ein übles, feiges Spiel” vorwarf, gab ein Sprecher alles zu.
Im Sommer verkündete Platter schließlich, dass er Arigona Zogaj nach ihrem Schulbesuch abschieben wolle. Kurz darauf wurde er Tirols Landesfürst. Friedl saß mit Tränen in den Augen vor der Presse. Arigona brach zusammen. Ihre Mutter, sagt Friedl, versuchte sich die Pulsadern aufzuschneiden. Im Fernsehen konnte man damals sehen, wie Arigona mit ihren Brüdern auf oberösterreichisch übers Internet telefoniert.
Die sitzen heute noch immer jeden Tag in ihrem verrauchten kleinen Zimmer im Kosovo und warten dort auf ihre Heimkehr. Wenn Friedl über sie spricht, scheint er über seine eigene Kindheit zu sprechen. “Ich muss in den nächsten Tagen Geld in den Kosovo schicken”, sagt er. “Damit die Kleinen zu Weihnachten wenigstens eine Wurscht haben.”

Kategorien: Reportagen Tags:
20. Dez 2008

Hol’s der Geyer!

68er, Strafrichter, Grüner, Mafiaankläger – der Citoyen Walter Geyer avanciert zum obersten Korruptionsermittler des Landes. Das ist die gute Nachricht (Foto: Martin Fuchs)
Geyer%20walter.jpg
Könnten die Bürger nur sehen, was nächtens auf den Dächern ihrer Gerichte passiert. Vergangenen November sang Barsänger Louie Austen in der Kantine des Justizpalastes. Hofräte wiegten sich über den Dächern der Stadt im Takt, selbst Exrechnungshofpräsident Franz Fiedler gab sich den Rhythmen hin, im Mund eine Mentholzigarette .
Künstler, Politiker, Journalisten, sie alle hatten hier Walter Geyer die Aufwartung zum 60er gemacht. Das Fest wirkte wie eine Abschiedsfeier. Geyer, der Exgrünpolitiker, der Androsch-Ankläger und Mafiajäger, war ja aufs Abstellgleis geschoben worden. Chef der Wiener Staatsanwälte hatte er werden, die Truppe moderner, transparenter machen wollen. Aber Schwarz-Blau schickte ihn nach Korneuburg.
Ein einflussreicher Justizbeamter flüsterte schon damals: „Mit dem Geyer haben wir noch was vor.“ Jetzt ist es so weit. In der Universitätsstraße 5, zwischen Gefängnis, Parlament und Rathaus wird ab 1. Jänner die neue Korruptionsstaatsanwaltschaft residieren. Geyer ist ihr erster Chef.
Aus der mit Wirtschaftsexperten vernetzten Superbehörde wurde zwar dank ÖVP-Einspruch vorerst nur ein Minitrupp mit drei Anklägern. Aber mit Geyer wird dort kein untertäniger Geist herrschen.
Seine Biografie prägt seine Vorstellung von Recht und Gesellschaft, sie bietet Einblick, wie hier Strafjustiz funktioniert. Geyer, der Vater Techniker, die Mutter Schauspielerin, wollte Künstler werden. Ein „langhaariger 68er“ war er einst, er verschlang Sartre, tanzte zu den Stones, der Schuldirektor lief ihm mit der Haarschere nach. Mit 17 Jahren riss er aus, „wegen einer Frau in Paris“. Daraus wurde nichts, Geyer studierte Jus, „aus Verlegenheit“.
68, Zwentendorf, die von profil gehetzte AKH-Baumafia: Es war das Österreich Kreiskys, das ihn politisierte. Geyer begann als Strafrichter in Oberwart, wo Recht und Realität vor ihm aufeinanderprallten. Da stand etwa diese „armselige Mutter“ vor ihm, weil sie ihr behindertes Kind prügelte. Ihr Mann soff, fünf Kinder brüllten derweil. „Hätte ich sie eingesperrt“, sagt Geyer, „wären die Kinder im Heim gelandet.“
Zurechtrücken, Nachsicht üben, Kriminelle nicht als Monster begreifen: Das war es, was Geyer damals lernte. In Wien herrschten noch die „Schreirichter“. Diese Generation, sagt Geyer, „war nicht nur streng, sie war gnadenlos“.
War jedoch ein Prominenter involviert, „rotierte alles“. Kreiskys Justizreformer Christian Broda musste jeder Ermittlungsschritt gegen Freunderln gemeldet werden – bissige Ermittler wurden solcherart gezähmt. „Zu Tode erheben“ oder „liegen lassen“, das sind heute noch die Methoden, um lästige Fälle loszuwerden (siehe Kommentar Seite 6). Geyer spricht es aus: „Natürlich wird Einfluss auf die Justiz genommen, da bin ich Zeitzeuge.“ Auch deshalb ist er für die Abschaffung des Weisungsrechts.
1986, während seiner Ermittlungen gegen Androsch, wird Geyer schließlich von den Grünen entdeckt. Als er in den Nationalrat einzog, traf er erneut auf die Arroganz der Roten: „Der damalige Parlamentspräsident und Gewerkschaftskaiser Anton Benya wollte uns weder Zimmer noch Mitarbeiter gewähren.“
Geyer war keiner, der „mit Tränen vor der Eiche“ stand, wie er sagt. Für Aktionismus war er dennoch zu haben. Mal filibustierte er stundenlang, um ein umweltfeindliches Gesetz zu Fall zu bringen. 1987 demonstrierte er gegen das von Österreich mitfinanzierte Donaukraftwerk in Nagymaros. Ungarns Kommunisten schätzten solches Engagement nicht, und so fand sich der einstige Strafrichter selbst in einer verdreckten Zelle wieder.
Ein Staatsanwalt, sagt Geyer, müsse politisch sein, aber parteipolitisch unabhängig agieren. „Jemand ist ja nicht deshalb unabhängig, weil er seine Meinung verschweigt.“ In den vergangenen Jahren etablierte sich Geyer nicht nur als furchtloser Ermittler (vor einigen Jahren klagte er in Wien einen polnischen Mafiapaten an, der Staatsanwälte mit Säureattentaten entstellte), sondern er half auch mit, die platzenden Gefängnisse zu leeren. Hohe Haftzahlen sind ja kein Naturgesetz. Als er 2004 kurze Zeit die Jugendstaatsanwaltschaft leitete, senkte er den „Belag“ im Jugendknast um die Hälfte. Es sei doch besser junge, ausländische Langfinger nach Hause zu schicken und die dortige Sozialarbeit auszubauen. Geyer engagierte sich fürentsprechende Projekte im Osten.
Nun also wird er oberster Korruptionsjäger. Er darf keine alten Fälle anpacken, sondern nur Causen, die nach dem ersten Jänner „anfallen“, aber er wird wohl einen anderen Ermittlungsstil salonfähig machen.
Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Das neue Antikorruptionsgesetz soll wieder entschärft werden. Und Geyer hat zu wenig Ressourcen, um wirklich aufräumen zu können. Ob ihn die neue, durch den Bawag-Prozess geprägte VP-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner dabei unterstützen wird?

16. Dez 2008

Hasenfüße im Talar


Wie die Justiz zwei ÖVP-Politiker in der Arigona-Spitzelaffäre schützt

Horngacher, Geiger, Bawag, Meinl, Immofinanz: ein Jahresrückblick legt nahe, dass viele Wiener Ankläger im Jahr 2008 zu mutigen Ermittlern avancierten. Endlich gingen sie, wie es das Gesetz vorschreibt, „ohne Ansehen der Person“ energisch vor.
Das lohnte sich auch für die Staatsanwälte selbst: Georg Krakow, der hartnäckige Bawag-Staatsanwalt, könnte zum neuen Kabinettschef von Claudia Bandion-Ortner aufsteigen. Die Bawag-Richterin avancierte zur Justizministerin. Alexander König, der Staatsanwalt im Prozess um den gefallenen Polizeigeneral Roland Horngacher, werkelt nun im Justizressort, statt im tristen Wiener Straflandesgericht. Einer der geistigen Mentoren dieser jungen Generation, Staatsanwalt Walter Geyer (siehe Porträt Seite xy), wird Chef der neuen Anti-Korruptionseinheit.
Diese Entwicklungen dürfen nicht davon ablenken, dass sich viele Staatsanwälte offenbar noch immer nicht trauen, gegen aktive Politiker vorzugehen. Anders ist es nicht zu erklären, wieso ein politisch höchst brisantes Verfahren seit einem Jahr verschleppt wird. In der Polizeispitzelaffäre rund um Arigona Zogajs Familie wird nicht „ohne Ansehen der Person“ ermittelt, sondern „ohne sich die Beschuldigten anzusehen“.
Vor über einem

Mehr…

Kategorien: Texte für den FALTER Tags:
07. Dez 2008

Taser: Der irreführende Kurier-Test und die Realität

tase-proof.jpg >Der Kurier wagt mit der FPÖ einen Taser-Test. Die (blauen) Justizwachevertreter wollen das angeblich harmlose Gerät im Gefängnis gegen aggressive Häftlinge einsetzen. Die werden mit Strom beschossen, krampfen, schreien und sind kurzfristig gelähmt.
Es sei doch besser, so die Justizwache, mit Strom, denn mit Patronen zu schießen.
Klingt plausibel. Aber nur auf den ersten Blick. Das Justizministerium hat den Taser verboten, weil er mehr Schaden verursacht, als er Nutzen bringt.
Man muss nur auf Youtube googlen, um die Gefahren zu sehen. Einmal erlaubt, wird das Gerät nämlich allzu gerne im Alltag (Straßenverkehr, Flughäfen, Verkehrskontrollen) eingesetzt.
In Kanada starb ein verwirrter Mann, der von einem Taser mehrmals beschossen wurde, weil er mit Sesseln um sich schmiss. Hier der Einsatz auf Video . In den USA drohen mittlerweile Verkehrsstreifen den Bürgern mit dem Taser. Sogar ein nackter, sichtlich verrückter Mann wurde einmal beschossen und stürzte von einem Haus. Seit 2003 starben rund 300 Menschen im Taser-Einsatz – so die Deutsche Presseagentur.
Der Kurier Test ist überdies manipulativ. Der Kurier-Redakteur Matthias Hofer und der FPÖ-Abgeordnete Harald Vilimsky lassen sich zwar im “Selbstversuch” mit Strom befeuern und Vilimsky sagt: “Was ein Abgeordneter des Nationalrats und ein Kurier-Autor aushält, muss auch ein Häftling aushalten können”. In Wahrheit fand der Taser-”Selbstversuch” aber nicht unter den Bedingungen statt, die im Gefängnis herrschen würden. Sowohl Vilimsky, als auch Hofer wurden von zwei Beamten aufgefangen, als sie mit dem Taser befeuert wurden und unter Schmerzensschreien auf eine weiche Matratze stürzten. Sie trugen außerdem eine Schutzbrille, damit ihre Augen nicht verletzt werden.
Im Gefängnis aber knallt man ohne Brille auf den Steinboden oder auf scharfkantige Möbel. Man kann sich nicht die Hände vor das Gesicht halten, weil man ja gelähmt ist.
Anbei vier Youtube Videos, die eine andere Sprache sprechen (Vorsicht: sie enthalten extrem verstörende Szenen):



04. Dez 2008

Der Mann, der aus der Folter kam

Der Bremer Murat Kurnaz saß fünf Jahre in Guantánamo. Nun kommt er nach Wien und bittet Österreich um eine ungewöhnliche Geste
Murat%20Kurnaz%20Bremen.pngMurat Kurnaz sitzt in einer Bremer Pizzeria und erzählt einen Witz. Was, fragt er, unterscheidet einen Guantánamo-Häftling von einem Iguana? „Das Reptil darf nicht gequält werden. Es steht unter dem Schutz internationaler Gesetze.“
Kurnaz lacht. Er steckt sich ein Tortellini in den Mund und fragt: „Kennen Sie Apfelbeißen?“ Als Schulkind in Bremen hatte er das Spiel geliebt. In einem Kübel schwamm der Apfel, und die Kleinen mussten ein Stück davon abbeißen, ohne dabei die Hände zu verwenden. „Auch die Amerikaner“, sagt Kurnaz, „spielten dieses Spiel mit mir.“ Ohne Apfel.
Eine Dame am Nebentisch blickt herüber. Ist er das? Murat Kurnaz, Häftlingsnummer „Five Zero Three“, der „Bremer Taliban“, einer der „Schlimmsten der Schlimmen“, wie George W. Bush die in Käfigen sitzenden Leute wie ihn nannte?
Ja, er ist es. Den orangen Overall hat er durch eine flatternde Hose türkischen Schnitts ersetzt, den grimmigen Rauschebart abrasiert. Kurnaz, der in Bremen geborene Türke, avanciert nun zu einem der wichtigsten Kronzeugen gegen westliche Menschenrechtsverletzungen im Krieg gegen den Terror.
John Le Carré bewundert ihn
Der Spionageautor John Le Carré besuchte Kurnaz und nennt seine in Buchform erschienene Memoiren (Fünf Jahre meines Lebens, Rowohlt) bereits die „wahrhaftigste und würdigste“ Abrechnung mit der „Schande von Guantánamo“. Die Sängerin Patti Smith widmete ihm einen Song, die Schauspielerin Vanessa Redgrave empfiehlt seinen Fall als Lektüre. Das britische Magazin Economist vergleicht Kurnaz’ humorvollen Erzählstil sogar mit dem Jonathan Swifts, dem Autor von „Gullivers Reisen“. Es wird wohl nicht lange dauern, ehe Hollywood anklopft.
Bis dahin wird Kurnaz aber noch im Kinderzimmer bei seinen türkischen Eltern in Bremens Arbeiterviertel Hemelingen leben.

Mehr…