Wenn der Wald marschiert
Österreichs Rechtsextremisten haben ihren Elias Canetti gelesen.
(für Falter 48/08, Foto: Veronika Hofinger)
Das Massensymbol der Deutschen”, schreibt der von den Nazis vertriebene jüdische Schriftsteller Elias Canetti in “Masse und Macht”, seinem epochalen Werk über den Nationalsozialismus, “war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald (…)”. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume erfülle das Herz mit geheimnisvoller Freude. Canetti nennt noch weitere Massensymbole: das Kornfeld – “Ein reduzierter Wald. Es wächst, wo früher Wald stand. (…) Es hat etwas von einer Ansammlung getreuer Untertanen, die einen Gedanken an Widerstand nie fassen können” – und das Meer, “aus dem es kein Entrinnen gibt.”
Wald, Meer, Korn – und die Antithese zu all dem: die zivilisierte Stadt und die unbekannte Welt jener, die dahinter leben – vielleicht hilft Canetti zu verstehen, was BZÖ und FPÖ sich derzeit leisten.
Vergangene Woche verfasste die vom BZÖ dominierte Kärntner Landesregierung (mit Zustimmung der ÖVP) eine Resolution. Die Kärntner, so heißt es darin, seien vom “ORF Wien überall als hinterwäldlerische und zurückgebliebene Brauchtumsbauern” dargestellt worden. Das “ganze Bundesland” sei von den Kabarettisten Stermann und Grissemann, “gedemütigt” worden. Der ORF sollte dem “Kärntner Volk ein Recht auf seine Tradition, seine Kultur und seine Sitten geben” und Stermann und Grissemann verbieten.
Kärntens BZÖ-Chef Uwe Scheuch, der die Resolution mitverfasste und kein Hinterwäldler sein will, posiert auf seiner Website vor einem Fichtenwald und nennt sich einen “tiefverwurzelten Freiheitlichen”. Scheuch behauptet, dass die Freiheit der Kunst ihr Ende habe, wenn sie die “Kärntner Volksseele verletzt”. Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler spricht sogar vom “gesunden Volksempfinden”, das gegen den Rechtsstaat in Stellung gebracht werden könne. Es müsse zum Beispiel zu einer Einschränkung der Europäischen Menschenrechtskonvention kommen, um Kärntner vor “Asylanten” zu schützen, wie Dörfler vergangene Woche sagte.
Scheuch wiederum fordert, dass die zwei Comedians wegen ihrer Haider-Witze mit einem “Urlaub” auf der “Sonderanstalt für Asylwerber” belohnt werden sollen, jenem Lager im Wald, in dem Haider-Intimus Stefan Petzner “Asylanten konzentrieren” wollte, um sie dem “Endziel” der Abschiebung zuzuführen. Scheuch: “Es gibt eine gute Luft dort oben.” Kolumnist Hans Rauscher schrieb im Standard: “Genauso feixend haben die Nazis über die Leute geredet, die ins KZ zu, körperlicher Betätigung an frischer Luft’ geschickt wurden.”
Scheuch schrieb seine Diplomarbeit über den “Bauernwald in Oberkärnten”. Seit 1990 führt er mit seinem Bruder eine 60 Hektar große Forstwirtschaft. Ein Familienbetrieb, geerbt von Großvater Robert, der hier einst lebte und glühender Nationalsozialist sowie FPÖ-Mitbegründer war. Er pflegte die Kameradschaft zu Robert Haider, dem Vater des Robin Hood Jörg. Dessen Urne ruht nicht zufällig in einer Waldkapelle im “Kraftfeld Bärental”, das einem jüdischen Forstwirt von Nazis abgepresst wurde. Jetzt streift Claudia Haider dort als “Waldpädagogin” durch den Forst, wie sie Österreich verriet.
Wo sich die einen, in ihren Wäldern stehend dagegen verwehren, als Hinterwäldler bezeichnet zu werden, setzen die anderen alles daran, ihre Feinde dorthin zu schicken. Heinz-Christian Strache, der FPÖ-Obmann zum Beispiel. Als Jugendlicher robbte er mit Rechtsextremisten im Unterholz. Strache, dessen Parteifreunde bei der Angelobung im Nationalrat mit einer Kornblume am Revers erschienen waren, einst Erkennungszeichen illegaler Nazis, verteidigt nun seine Nationalrätin Susanne Winter, die bald wegen Verhetzung vor dem Strafrichter stehen wird. Gegen Winter, sagte Strache, würde ein “Meinungsprozess” veranstaltet.
Sie hatte getan, was die Kärntner dem ORF vorwerfen. Sie hatte traditionellen Menschen, Muslimen, das Recht auf “Tradition und Kultur” abgesprochen, indem sie diese als tierefickende Verbrecher verunglimpfte, sogar in NS-Postillen mit Ungeziefer verglich – etwa mit der giftigen Dornfingerspinne, die im Mittelmeerraum lebte und nun in unseren Wäldern heimisch ist. “Der Islam”, sagte Winter der rechtsextremen Zeitschrift Phoenix, habe sich wie dieses Ungeziefer über Österreich ausgebreitet. Illustriert ist der Artikel mit Fotos der Spinne neben betenden Muslimen.
Winter beschwört nun das Meer. Ein “muslimischer Einwanderungstsunami” habe “unseren europäischen Kontinent” überflutet, warnt sie, deshalb gehöre der Islam “jenseits des Mittelmeeres zurückgeworfen”. Muslime würden einem Epileptiker folgen, der “aus Sicht unserer heutigen Gesetzeslage wegen Pädophilie anzuklagen” wäre. Sie sollten sich lieber mit den Bewohnern der Wälder befriedigen. Bei einer Diskussion in einer Schule soll Winter laut Staatsanwaltschaft gesagt haben: “Wir sollten im Stadtpark ein Tierbordell errichten, damit die muslimischen Männer dorthin gehen können und sich nicht an den Mädchen im Stadtpark vergreifen.”
Im Stadtpark, dem kleinen Stück Wald in Graz, stören Winter vor allem auch “die Neger”, weil die dort nur herumlungern. “Neger wie Sie”, sagte Winter in einem Falter-Streitgespräch zu Fred Ohenen, einem in Nigeria geborenen Grazer, der gegen Rassismus in Schulen arbeitet, würden auch immer nur “auf ihrer schwarzen Hautfarbe herumhacken”. Womit wir wieder beim Holz wären. “Sie wissen”, sagte Winter, “dass Tradition, dass alles, was sich mit einer gewissen Menschenschicht in der Geschichte abgespielt hat, als Transformation in den Genen (der Afrikaner, Anm.) weitergegeben wird.” .
Es sind hier, um noch einmal Canetti zu bemühen, Agitatoren am Werk, die in staatlichen Institutionen sitzend, eine Hetzmasse mobilisieren wollen.
Verwandte Artikel:


Hallo Hr. Klenk.
Habe folgendes vor einiger Zeit in einem Polit-Forum geschrieben (noch vor der Nationalratswahl), passt aber, leicht angepasst, auch zu ihrem obigen Blog-Eintrag:
“Ich frage mich schon seit geraumer Zeit weshalb (Haider/)Strache/Scheuch & Co immer so im Zentrum des öffentlichen Diskurses stehen. Braunes Gesocks und sonstige Verrückte gibt es überall und wird es immer geben, das muß man wohl quasi als Naturgegebenheit akzeptieren und nicht groß drüber reden. Die interessante Frage ist doch vielmehr, wie diese Leute und deren Parteien im Jahre 2008 (immer noch) eine entscheidende Rolle in der österreichischen Politik spielen können.
Beispiel: Strache hat an einer Wehrsportübung teilgenommen. Im Grunde genommen uninteressant.
Daß die Fotobelege seiner politischen Karriere nicht nur nicht den Garaus machen sondern nicht einmal ansatzweise Schaden zufügen werden, das ist der entscheidende Punkt.
Ich meine: Es wundert sich doch auch niemand wenn sich Schweine auf’m Bauernhof im Dreck sulen und vor sich hin grunzen. Schweine tun das halt gerne (so wie Nazis gerne “Gotcha” spielen). Ein Rudel Hausschweine (im wörtlichen Sinne gemeint) im Parlament sollte in der Bevölkerung allerdings größeren Unmut hervorrufen und Grund zu durchgehender öffentlicher Diskussion sein. Ich fürchte aber bei uns hat sich die Mehrheit schon an ein ähnlich bizarres Szenario gewöhnt: Statt possierlichen Hausschweinen haben wir halt Rechtsextremisten im Hohen Haus.
Will damit nur sagen daß ich mir wünschen würde, der öffentliche Diskurs würde sich weg von den zwar im Vordergrund stehenden, ansonsten aber völlig uninteressanten Proponenten, hin zum eigentlichen Grund der Misere bewegen: Nämlich zu uns, der Bevölkerung, der sogenannten Zivilgesellschaft, zu den Journalisten mit öffentlich-rechtlichem Auftrag, zu den Künstlern, zu den Universitäten und den dort tätigen Professoren und Studenten, zu den maßgeblichen Leuten in der Wirtschaft. Zu all jenen also die in ihrer Gesamtheit seltsamerweise bis heute nicht in der Lage (oder willens?) waren hier eine Änderung herbeizuführen und Strache & Co in irgendein Berg-Kaff in Kärnten auf den Posten eines Gemeinderats o.ä. zu befördern, wo sie keinen nachhaltigen Schaden anrichten können.
“Jedes Volk hat die Politiker die es verdient.” / Damit sind wir gemeint.
Jan.
Sg Herr Klenk!
Warum müssen “Subscribe to comments” und anderes hier unten auf Englisch dastehen?
Mir gefällt die Aussicht nicht, daß wir in 50 bis 100 Jahren hier in Europa nur noch Englisch reden.
mfg k.m.