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11. Nov 2008

„Obama ist der Louis Armstrong der Politik“

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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über die irrealen Erwartungen an den neuen Weltpräsidenten (für Falter)
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Ilija Trojanow sitzt im Wiener Café Frauenhuber und spricht über die Welt und ihren neuen Präsidenten. Trojanow ist ein kompetenter Gesprächspartner – er ist nicht nur Schriftsteller und Verleger, sondern auch Kosmopolit. Trojanow, in Bulgarien geboren, flüchtete 1971 mit seinen Eltern nach Italien, verbrachte seine Kindheit in Kenia und Paris, lehrte in Kapstadt und bereiste später Indien. Sieben Jahren wandelte er auf den Spuren des britischen Entdeckers Richard Burton und schrieb danach den gefeierten Roman „Der Weltensammler“ (Hanser). Vergangenes Jahr erschien sein Buch „Kampfabsage“ indem er die These des „Clash of Culture“ widerlegte. Trojanow lebt seit einigen Monaten in Wien Alsergrund.
Herr Trojanow, hatten auch Sie Tränen in den Augen, als der „Weltpräsident“ Barack Obama seine Siegesrede hielt?
Ilia Trojanow: Nein. Ich empfinde die momentane Stimmung als irrational. Wir erleben einen messianischen Kult. Solche Phänomene treten gerne zu Jahrtausendwenden auf. Auch rund um das Jahr 900 waren messianische Kulte in Europa weit verbreitet. Je größer die Krisen, desto größer die Sehnsucht nach einem Erlöser, der alles in den Griff kriegt. Obama wird bald die Systemzwänge des politischen Alltags erkennen.
Georg W. Bush hat das Ansehen Amerikas dramatisch beschädigt. Wie wird sich der Blick der Welt auf die USA des Barack Obama ändern?
Trojanow: „Die Welt“, so es sie überhaupt gibt, freut sich über eine gewisse Symbolik, und das ist ja zunächst nichts Schlechtes. Obama scheint für die Menschen schwarz zu sein. Doch er ist schwarz und weiß. Wenn wir nicht so eine hunderte Jahre alte Obsession mit der Hautfarbe hätten, könnten wir ihn genauso gut als Weißen bezeichnen. Er wurde schließlich unter Weißen sozialisiert – bei den Großeltern und seiner allein erziehender Mutter.
Sie haben lange in Kenia gelebt. Sehen sie etwas Kenianisches in Obama?
Trojanow: Nein, eigentlich nicht. Nur eines fällt mir auf: Obamas Vater ist vom Volk der Luo, so wie der jetzige Premierminister. Die Luo fühlen sich nicht nur miteinander verwandt, sie gelten in Kenia als Philosophen. Sie sind „brainy people“, gescheit, können reden und begeistern. Zumindest sagt man ihnen das nach.
Wird Obama die Schwarzen enttäuschen?
Trojanow: Blicken wir zunächst in die USA. Spannend wird die Frage, ob Obama das Klischee des „American Dream“ anzugreifen wagt. Die Afro-Amerikaner wurden jahrhundertelang mit Füßen getreten, der Traum hat sich für sie kaum erfüllt. Wird er das thematisieren? Wird er dadurch die Selbstwahrnehmung der Amerikaner verändern? Dann wäre da noch das Verhältnis zu Afrika. EU und USA haben hier ganz klare landwirtschaftliche Interessen und beuten den Kontinent durch ihre Zollpolitik weiter aus.
Obama müsste also die Interessen der amerikanischen Landwirte beschneiden.
Trojanow: Ob er das wirklich schafft, bezweifle ich. Dazu kommt die militärische Präsenz Amerikas in Afrika. Die USA bauen zwar ihre Stützpunkte aus. Ihre Politik ist aber strategischer und nicht menschenrechtlicher Natur. Ich sehe keine großen Linien im Sinne einer visionären Humanität – etwa im Kongo oder im Sudan.
Sie haben lange im indischen Mumbai gelebt. Wie sehen Sie die Reaktion des aufstrebenden Indien auf Obamas Wahl?
Trojanow: Exzessive Freude habe ich dort nicht wahrgenommen. Die Inder haben ein gesundes Misstrauen gegenüber den USA. Die Außenpolitik der USA war ja auch in Asien eine Aneinanderreihung von Fehlern. In der Region haben sich die Amerikaner sehr früh für Pakistan entschieden – einLand, das in den letzten 25 Jahren eine autoritäre Militärdiktatur war. Die US-Unterstützung für die Militärs dort ist ja ein einziges Trauerspiel. Eine radikal neue visionäre Politik müsste mit der korrupten pakistanischen Elite brechen. Sie müsste die bürgerlichen Kräfte unterstützen, damit sie sich von Militär und Fanatismus befreien können. Stattdessen hofiert man eine Clique von Generälen und Mullahs.


Die Amis würden sagen, sie brauchen die Militärs, um die Islamisten zu zähmen.
Trojanow: Genau das Gegenteil geschieht. In Pakistan wurde die Scharia eingeführt, die Wirtschaft ist völlig mit dem Militär verzahnt. Im Jahr 2001 haben die Amerikaner durch ihre Kriegspolitik eine historische Chance verpasst. Sie haben sogar die Sympathien der säkularen, extrem aufgeklärten Araber verspielt. Schon die von uns ignorierte Zahl der massakrierten Zivilisten im Irak und in Afghanistan zeigen, wie auch in uns eine Art Rassismus funktioniert. Wir ertragen es cool, wenn eine halbe Million Iraker durch den Krieg sterben.
Wird Obama hier anders agieren können als sein Vorgänger?
Trojanow: Ich wüsste nicht, wie. Er muss sicher aus dem Irak raus, das hat er angekündigt. In Afghanistan aber herrscht aber völliges Chaos, es ist unser aller Krieg, es ist eine Katastrophe. Die Regierung Karsais ist aber mittlerweile genauso korrupt wie alle anderen. Mittlerweile werden sogar Journalisten zum Tode verurteilt. Der zivile Aufbau ist zum Stillstand gekommen.
Nicht nur der Islamismus, vor allem das Wachstum Indiens und Chinas irritiert den Westen. Manche wittern gar Ende der westlichen Dominanz.
Trojanow: So what! Jede Kultur hat ihre Blütezeit. Es ist zutiefst rassistisch, darüber zu erschrecken, dass einmal Inder, Chinesen oder Afrikaner den Ton angeben.
Es geht ja nicht um die Völker, sondern um ihre politischen Systeme. Der „Westen“ verkörpert Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Davon ist in Afrika und China wenig zu hören.
Trojanow: Wollen wir über die Realität reden – oder über die Propaganda? Wenn wir über die Propaganda reden: ja, wir haben Menschenrechte erfunden und in der ganzen Welt verbreitet. In der Realität haben wir, „die Westler“, aber die größten Genozide der Menschheitsgeschichte zu verantworten. Zunächst im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert in Amerika, dann verstärkt im 19. Jahrhundert durch das Abschlachten außereuropäischer Völker. Im zwanzigsten Jahrhundert richtete sich unser Hass gegen uns selbst – im Holocaust und im stalinistischen Terror.

Dennoch sind wir den Amerikanern dankbar für unsere Freiheit, die ohne GIs nicht denkbar wäre.

Trojanow: Es war eine Leistung der Briten und Amerikaner, gegen die Nazis zu kämpfen, aber wir dürfen die etwa 80 amerikanischen Einmischungen im Sinne von Diktaturen nicht vergessen – denken Sie nur an Iran, Guatemala, Indonesien, Vietnam und so weiter. Auch Winston Churchill hat viel getan, um den Nationalsozialismus zu besiegen – dennoch haben die Briten aufgrund ihrer Politik in Westbengalen ungefähr zwei Millionen Inder umgebracht. Auch das haben die Leute im Kopf, wenn sie an „uns“ denken.
Warum sind so viele Leute in Asien und Afrika von Amerika dennoch so fasziniert? Wieso eifern sie den Amis in Mode, Musik und Ernährung nach?
Trojanow: Amerika ist natürlich ein grandioses Land. Die großen Errungenschaften der Moderne sind dort zu sehen. Kehren wir hier zurück zu Obama: er steht am Ende einer Entwicklung, die kulturell längst vollzogen ist – etwa in der Musik. Trotz Versklavung, trotz Ghettoisierung der Schwarzen hat die Musik der Schwarzen, der Jazz, den Siegeszug angetreten und auch die Hochkultur erobert. Nun folgt Obama hinterher. Er ist nicht nur der Louis Armstrong der Politik, sondern er zeigt, dass man als Schwarzer auch in die „politische Hochkultur“ gelangen kann.
Was muss Obama also tun, um ein großer Präsident zu werden?
Trojanow: Spannend wird, ob er die riesigen Rüstungsausgaben zurück fahren wird. Spannend wird auch, ob er den Wohlstand wirklich umverteilen wird. Vor allem die Schaffung einer allgemeinen Krankenversicherung wird darüber entscheiden, ob er gescheitert ist oder nicht. Sie ist seine wichtigste Forderung. Obama wird sich daran messen lassen müssen.

Kategorien: Texte für den FALTER
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