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Archiv für November 2008
28. Nov 2008

Eine Hinrichtung

Der Vater einer Österreicherin wurde in China hingerichtet. Der Fall zeigt, wie grausam dieses brutale chinesische Polizeiregime ist. Der Botschafter wird nun ins Außenamt zitiert. Wieso wird er nicht ausgewiesen?

Anbei der offene Brief der Töchter des Ermordeten:
“Today, our beloved father, Wo Weihan, was executed. His life was taken from him before he or our family could say its last goodbyes. The entire process – from arrest to execution – was conducted in a way that was degrading to both my father and our family. We were all misled, led to have false hope, denied the fundamental right to be informed, and forced to suffer.
On Thursday morning, I visited my father at the Second Intermediate People’s Court in Beijing. He had not been informed about any decision by the Supreme Court. He was surprised and very happy to see us. Because he did not know about a looming execution, he was hopeful and did not leave any final words or will with our family. Because we also had received no official confirmation on the status of the case, we allowed ourselves to hope with him.
After the visit, the Austrian embassy wrote a note verbal to the Chinese Ministry of Foreign Affairs, asking for a second visitation because 1) we could not say goodbye to our father 2) my sister flew in from Austria and could not see our father on Thursday morning. On Thursday afternoon, around 4pm, the Chinese MFA called the Austrian Embassy, informing Ambassador Sajdik and Deputy Ambassador Scholz that our family will receive a second visitation right and should apply through the Beijing High Court. We were very thankful for this opportunity, especially my sister. We expressed our gratitude and our hope in a press conference on Thursday afternoon.
On Friday morning, we called the court and spoke with the staff member who is responsible for foreigner’s requests at the Beijing High Court. She was not informed about this visitation right and promised to verify this information and get back to us. However, we haven’t received any feedback and tried to call her throughout the day, without success.
At 5p.m. today, we were informed by Austria’s deputy ambassador Scholz that the Chinese MFA gave him the confirmation that the execution had taken place in the morning today. According to our information, our father was executed by gunshot.
We are deeply shocked, saddened, disappointed and outraged. We, the family, were not allowed to say good-bye. We were also denied the most fundamental and universal right of information about what was happening with our father. Throughout these four years since our father’s arrest, the family was kept in the dark. After Thursday, we were led to believe that we could see our father one more time. The execution was carried out in secrecy while we hoped.
My father was put to death, so was our hope in the Chinese justice system.
It’s tragic enough that our father, who allegedly committed a non-violent crime and who pled innocence until the very last moment, was put to death. Why did the Chinese authorities also have to punish our entire family in this inhumane and degrading way?
Yes, our father was a Chinese citizen and is subject to Chinese law. But the Chinese law also says that death row prisoners deserve the right to see their families before execution, to say goodbye and to go in peace. Our father could not go in peace and our family will be forever haunted.
Everyone deserves the right for information about what is happening to his or her loved one, across all national boundaries, races and cultures. The misinformation from the Chinese MFA to Austria, the French presidency of the EU and its member states is deceptive and disgraceful.
My sister and I grew up in China until we were teenagers. We were brought up by Chinese parents who taught us the value of “Xiao”, the gratitude for one’s parents, and the concept of “Qin Qing” – the highest of all love, the love between father and daughter, mother and son. The legal procedures in China, which we experienced in these last traumatic days, show no regard for these values. These procedures degrade humanity. Our hearts are bleeding.
Our father was condemned by the Chinese courts, but we will love, respect and remember him forever.
Ran Chen & Di Chen

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27. Nov 2008

Wenn der Wald marschiert

Österreichs Rechtsextremisten haben ihren Elias Canetti gelesen.
(für Falter 48/08, Foto: Veronika Hofinger)
Wald.pngDas Massensymbol der Deutschen”, schreibt der von den Nazis vertriebene jüdische Schriftsteller Elias Canetti in “Masse und Macht”, seinem epochalen Werk über den Nationalsozialismus, “war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald (…)”. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume erfülle das Herz mit geheimnisvoller Freude. Canetti nennt noch weitere Massensymbole: das Kornfeld – “Ein reduzierter Wald. Es wächst, wo früher Wald stand. (…) Es hat etwas von einer Ansammlung getreuer Untertanen, die einen Gedanken an Widerstand nie fassen können” – und das Meer, “aus dem es kein Entrinnen gibt.”
Wald, Meer, Korn – und die Antithese zu all dem: die zivilisierte Stadt und die unbekannte Welt jener, die dahinter leben – vielleicht hilft Canetti zu verstehen, was BZÖ und FPÖ sich derzeit leisten.
Vergangene Woche verfasste die vom BZÖ dominierte Kärntner Landesregierung (mit Zustimmung der ÖVP) eine Resolution. Die Kärntner, so heißt es darin, seien vom “ORF Wien überall als hinterwäldlerische und zurückgebliebene Brauchtumsbauern” dargestellt worden. Das “ganze Bundesland” sei von den Kabarettisten Stermann und Grissemann, “gedemütigt” worden. Der ORF sollte dem “Kärntner Volk ein Recht auf seine Tradition, seine Kultur und seine Sitten geben” und Stermann und Grissemann verbieten.
Kärntens BZÖ-Chef Uwe Scheuch, der die Resolution mitverfasste und kein Hinterwäldler sein will, posiert auf seiner Website vor einem Fichtenwald und nennt sich einen “tiefverwurzelten Freiheitlichen”. Scheuch behauptet, dass die Freiheit der Kunst ihr Ende habe, wenn sie die “Kärntner Volksseele verletzt”. Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler spricht sogar vom “gesunden Volksempfinden”, das gegen den Rechtsstaat in Stellung gebracht werden könne. Es müsse zum Beispiel zu einer Einschränkung der Europäischen Menschenrechtskonvention kommen, um Kärntner vor “Asylanten” zu schützen, wie Dörfler vergangene Woche sagte.
Scheuch wiederum fordert, dass die zwei Comedians wegen ihrer Haider-Witze mit einem “Urlaub” auf der “Sonderanstalt für Asylwerber” belohnt werden sollen, jenem Lager im Wald, in dem Haider-Intimus Stefan Petzner “Asylanten konzentrieren” wollte, um sie dem “Endziel” der Abschiebung zuzuführen. Scheuch: “Es gibt eine gute Luft dort oben.” Kolumnist Hans Rauscher schrieb im Standard: “Genauso feixend haben die Nazis über die Leute geredet, die ins KZ zu, körperlicher Betätigung an frischer Luft’ geschickt wurden.”
Scheuch schrieb seine Diplomarbeit über den “Bauernwald in Oberkärnten”. Seit 1990 führt er mit seinem Bruder eine 60 Hektar große Forstwirtschaft. Ein Familienbetrieb, geerbt von Großvater Robert, der hier einst lebte und glühender Nationalsozialist sowie FPÖ-Mitbegründer war. Er pflegte die Kameradschaft zu Robert Haider, dem Vater des Robin Hood Jörg. Dessen Urne ruht nicht zufällig in einer Waldkapelle im “Kraftfeld Bärental”, das einem jüdischen Forstwirt von Nazis abgepresst wurde. Jetzt streift Claudia Haider dort als “Waldpädagogin” durch den Forst, wie sie Österreich verriet.
Wo sich die einen, in ihren Wäldern stehend dagegen verwehren, als Hinterwäldler bezeichnet zu werden, setzen die anderen alles daran, ihre Feinde dorthin zu schicken. Heinz-Christian Strache, der FPÖ-Obmann zum Beispiel. Als Jugendlicher robbte er mit Rechtsextremisten im Unterholz. Strache, dessen Parteifreunde bei der Angelobung im Nationalrat mit einer Kornblume am Revers erschienen waren, einst Erkennungszeichen illegaler Nazis, verteidigt nun seine Nationalrätin Susanne Winter, die bald wegen Verhetzung vor dem Strafrichter stehen wird. Gegen Winter, sagte Strache, würde ein “Meinungsprozess” veranstaltet.
Sie hatte getan, was die Kärntner dem ORF vorwerfen. Sie hatte traditionellen Menschen, Muslimen, das Recht auf “Tradition und Kultur” abgesprochen, indem sie diese als tierefickende Verbrecher verunglimpfte, sogar in NS-Postillen mit Ungeziefer verglich – etwa mit der giftigen Dornfingerspinne, die im Mittelmeerraum lebte und nun in unseren Wäldern heimisch ist. “Der Islam”, sagte Winter der rechtsextremen Zeitschrift Phoenix, habe sich wie dieses Ungeziefer über Österreich ausgebreitet. Illustriert ist der Artikel mit Fotos der Spinne neben betenden Muslimen.
Winter beschwört nun das Meer. Ein “muslimischer Einwanderungstsunami” habe “unseren europäischen Kontinent” überflutet, warnt sie, deshalb gehöre der Islam “jenseits des Mittelmeeres zurückgeworfen”. Muslime würden einem Epileptiker folgen, der “aus Sicht unserer heutigen Gesetzeslage wegen Pädophilie anzuklagen” wäre. Sie sollten sich lieber mit den Bewohnern der Wälder befriedigen. Bei einer Diskussion in einer Schule soll Winter laut Staatsanwaltschaft gesagt haben: “Wir sollten im Stadtpark ein Tierbordell errichten, damit die muslimischen Männer dorthin gehen können und sich nicht an den Mädchen im Stadtpark vergreifen.”
Im Stadtpark, dem kleinen Stück Wald in Graz, stören Winter vor allem auch “die Neger”, weil die dort nur herumlungern. “Neger wie Sie”, sagte Winter in einem Falter-Streitgespräch zu Fred Ohenen, einem in Nigeria geborenen Grazer, der gegen Rassismus in Schulen arbeitet, würden auch immer nur “auf ihrer schwarzen Hautfarbe herumhacken”. Womit wir wieder beim Holz wären. “Sie wissen”, sagte Winter, “dass Tradition, dass alles, was sich mit einer gewissen Menschenschicht in der Geschichte abgespielt hat, als Transformation in den Genen (der Afrikaner, Anm.) weitergegeben wird.” .
Es sind hier, um noch einmal Canetti zu bemühen, Agitatoren am Werk, die in staatlichen Institutionen sitzend, eine Hetzmasse mobilisieren wollen.

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25. Nov 2008

Hier wird nicht getreten

Die neue Regierung: ein lächelnder Kanzler, eine mächtige ÖVP, gute Laune bei ÖGB und Onkel Hans. Und sonst?
Es ist Montagabend, Schneeregen peitscht über den Minoritenplatz. Im Außenamt gibt Ursula Plassnik ihr letztes Interview. Sie trägt Stiefel aus Fell und eine feuerrote Fleecejacke, als würde man sie gleich hinaus in die dunkle Nacht jagen.
Vorbei die Zeit, als sie Österreich in Brüssel und der weiten Welt repräsentierte. Die stummen Zeugen dieser Ära, afrikanische Schnitzereien und ein Erinnerungsfoto mit George W. Bush im Regal, bald wird Plassnik all das in Kartons packen.
Noch einmal melden sich besorgte Staatsmänner aus Europa bei ihr. Deutschlands Frank-Walter Steinmeier hat gerade angerufen und sich nach der Alpenrepublik erkundigt. In der Süddeutschen war ja von “faulen Kompromissen in so fundamentalen Fragen wie der Europapolitik” zu lesen. Nein, sagt Plassnik, der deutsche Amtskollege werde nicht den “internationalen Zeigefinger” erheben.
Das tat sie am Vortag schon selbst. “Dieser Regierung kann ich nicht dienen”, protestierte Plassnik im Parlament, und ihre Stimme zitterte ein wenig. Das war kurz nachdem Faymann und Pröll ihre Eintracht verkündet hatten. Den “europapolitischen Dissens” hätten SPÖ und ÖVP festgeschrieben und die “DFD, die Dichand-Faymann-Doktrin”, den Pakt mit der Kronen Zeitung, in Stein gemeißelt. Als “Feigenblatt”, so sagte es Plassnik, “will ich nicht dienen.”
Feigenblatt? Normalerweise bedeckt es etwas Unanständiges.

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19. Nov 2008

Achtung Falle, Herr Faymann!

Wenn die SPÖ das Justizministerium an die ÖVP abgibt, dirigieren die Konservativen erstmals Polizei, Ankläger und Justiz (für Falter)
Bild%202.pngEin Gerücht jagt durch die Stadt, und man kann nur hoffen, dass es falsch ist: Die SPÖ will der ÖVP nun auch das Justizministerium überlassen.
Diese politisch außerordentliche Rochade soll menschliche und politische Motive haben. Der menschliche Grund: SPÖ-Chefverhandlerin Doris Bures (sie ist als künftige Infrastrukturministerin im Gespräch) halte von Justizministerin Maria Berer herzlich wenig. Sie wünscht sich die ehemalige EU-Abgeordnete zurück nach Brüssel. Die politische Motivation: Die Faymann-SPÖ sieht das Justizministerin als unbedeutendes „Abtauschressort“ an, das sie gegen das Gesundheitsressort einwechseln will.
Man kann nur hoffen, dass die SPÖ diese Fehleinschätzung rechtzeitig erkennt. Nicht weil es so unmöglich wäre, wenn zum ersten Mal seit 1934 ein schwarzer Justizminister regiert. Jede demokratische Institution, jedes Ministerium, braucht Farb- und Machtwechsel.
Demokratiepolitisch brisant sind die Pläne, weil die ÖVP auch den Innenminister, den Finanzminister und wohl auch den Wirtschaftsminister stellen wird. Es wäre – sieht man von der roten Alleinregierung unter Kreisky ab – das erste Mal, dass eine Partei beide Sicherheitsministerien und die wichtigsten Wirtschaftskontrollbehörden dirigiert. Polizisten, Richter, Staatsanwälte, Asylbeamte, Wettbewerbs-, Kartell- und Finanzaufsichtsbehörden würden unter dem Einfluss einer Partei stehen, die sich sicherheitspolitisch gerne in der Nähe von Heinz-Christian Strache inszeniert. „Kulturdelikts“-Debatten, die Forderungen nach „Ausländerquoten für Ottakring“ und der plakatierte Wunsch nach härteren Haftstrafen für Sextäter sind nur einige Indizien dafür. Auch die Schwächung der Korruptionsbehörden und die massive Einflussnahme bei der Postenvergabe im Innenministerium sind kein Vertrauensbeweis.
Nicht nur ein realpolitisches System

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15. Nov 2008

Wer welche Ämter kriegt

Kollege Riedl von der Zeit hatte als erster über den Kniefall Faymanns vor der Krone berichtet. Nun meldet sein Whistleblower, dass die SPÖ Kultur- und Justiz abgibt und Claudia Schmidt und Maria Berger in die Wüste schickt. Das nennt man also Innovation und neu regieren. Nachzulesen ist alles im Österreich-Blog der Zeit.

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14. Nov 2008

Ein Aufdecker soll schweigen

Er enthüllte die verrohten Sitten im Innenministerium. Nun wird Herwig Haidinger dafür öffentlich gedemütigt.
Ein Überblick.
(für Falter, Foto: Martin Fuchs)
Haidinger%20Fuchs.jpgIm Februar trat Herwig Haidinger, der ÖVP-nahe Chef des Bundeskriminalamts vor den Nationalrat und sagte: „Ich wurde abgesetzt, weil ich mich nicht korrumpieren ließ.“
Neun Monate und einen abgewürgten Monster-U-Ausschuss später, arbeitet Haidinger nicht einmal mehr in der bedeutungslosen Sicherheitsakademie des Innenministeriums. Er muss Dienstwaffe und Kokarde abgeben und mit einer Kürzung seines Gehalts leben. Innenministerin Maria Fekter hat ihren ehemaligen Parteifreund „vorläufig suspendiert“. Haidinger habe „massiv vertrauensschädigendes Verhalten“ an den Tag gelegt, so ihre Begründung.
Fekter erntete von ihren Parteifreunden und sogar von manchen Applaus. Ein Spitzenbeamter, so hieß es, könne eben nicht ständig seine Ressortleiterin kritisieren. Die SPÖ blieb gelassen. Nur der Grüne Peter Pilz schrieb in seinem Blog, die Schottergrubenbesitzerin verfahre auch in der Herrengasse nach dem Prinzip: „Bagger rein, Schotter raus“ . Sie verwechsle das Innenressort mit einem privaten Unternehmer. Pilz zeigte Fekter an.
Die Absetzung Haidingers ist ein beunruhigendes Signal einer Polizeiministerin, die so sehr auf Law and Order Wert legt. Auf den ersten Blick reiht sich ihre Aktion in die Serie von Absetzungen missliebiger Spitzenbeamter durch schwarze Ressortchefs in den letzten Jahren. Gendarmeriechef Oskar Strohmayer, Sicherheitsbürochef Max Edelbacher, der Sektionschef Wolf Szymanski, der Legist und heutige Justiz-Kabinettschef Abin Dearing und der Wiener Polizeigeneral Franz Schnabl – sie und viele andere rot sozialisierte Beamte wurden von ÖVP-Innenministern ja deshalb versetzt oder abgesetzt, weil sie als Führungsfiguren Kritik an den Plänen ihrer Chefs übten oder deren Reformen nicht mittragen wollten.
Bei Haidinger liegt die Sache völlig anders: er ist keine Führungskraft mehr – und er kritisierte nicht die politischen Pläne seiner Ministerin, sondern den Missbrauch von Macht durch ÖVP-Mitarbeiter im Polizeiministerium. Haidingers Vorwürfe sind auch nicht aus der Luft gegriffen. Er legte den Korruptionsbehörden Emails und Aktenvermerke vor, die seine Behauptungen bestätigten und sowohl den U-Ausschuss des Nationalrats, als auch die Staatsanwaltschaft aufscheuchten – zuletzt etwa im Fall Kampusch, wo Fekter und Justizministerin Maria Berger aufgrund Haidingers Kritik neue Ermittlungen in Auftrag gaben.
Der hartnäckige und etwas schrullige Haidinger hatte seine Anschuldigungen nicht nur durch eigene Dokumente untermauert. Ihm kam auch zu gute, dass seinem Ex-Chef, dem schwarzen Innenminister Erst Strasser, ein Laptop geklaut wurde. Die darauf gespeicherten Emails wurden Journalisten zugespielt.
So wurde bekannt, wie Strasser das Ministerium führte. Da lassen sich Kabinettsleute von Alfons Graf Mensdorff-Pouilly zu Jagden auf schottische Schlösser einladen – wissend, dass gegen diesen Mann wegen Rüstungsdeals in Großbritannien ermittelt wird. Da werden von Strasser Emails verfasst, in denen klargemacht wird, dass Spitzenjobs an ÖVP-Leute („Gesinnungsfreunde“) zu vergeben sind. Amtsmissbrauch? Ein Ermittler des BIA sagte dazu: „Wenn wir da hineinstechen, werden wir nicht mehr fertig!“
Nebenbei wurden Alkofahrten von Kabinettsmitarbeitern durch Interventionen ausgebügelt und besoffene Spitzenbeamte gedeckt. Dann wird ein gefürchteter Polizist, Roland Horngacher, mit der Umsetzung der Polizeireform betraut – nicht zuletzt weil man seine Grenzgänge am rechtlichen Abgrund schätzte, die Horngacher nun 15 Monate Haft wegen Amtsmissbrauch bescherten. Letztendlich werden haarsträubende Schlampereien der Kripo im Fall Natascha Kampusch vertuscht, Bawag-Ermittlungsergebnisse im Wahlkampf an Medien verraten und die geheimen Vorstrafenregister der Familie von Arigona Zogaj von Spitzenbeamten an die Medien verraten.
All das hat Herwig Haidinger miterlebt, vieles davon hat er Staatsanwälten und Korruptionsermittlern erzählt – und zwar schon vor seiner Absetzung als Kripo-Chef. Die Justiz hatte sich aber monatelang Zeit gelassen. Sie ermittelt widerwillig oder gar nicht (auch weil viele Anschuldigungen zwar politisch, aber kaum strafrechtlich zu fassen sind).
Übrig bleibt nun Herwig Haidinger, der ehemalige schwarze Paradepolizist aus Oberösterreich, der nun in Breitenlee am Nordrand von Wien der Gartenarbeit frönen kann, anstatt Kriminelle zu stellen. Er wird – anders als jene vier Polizisten, die einen Afrikaner folterten – vom Dienst abgezogen. Den Vorwurf, die ÖVP missbrauche ihre Macht, um unliebsame Stimmen mit dem Disziplinarrecht zum Schweigen zu bringen, hat er einmal mehr unter Beweis gestellt.

12. Nov 2008

Stermann/ Grissemann: Was ist hier los, meine Herren?

Der Skandal um die verstummten ORF-Comedians
Stermann.pngZwei Kabarettisten und ihr Manager werden in Kärnten derart eingeschüchtert und mit einem Attentat bedroht, dass sie es vorziehen zu schweigen und Auftritte abzusagen. Der empörende Fall der verstummten Künstler Dirk Stermann und Christoph Grissemann ist längst keine provinzielle Auseinandersetzung zwischen zwei Spaßmachern und einem BZÖ-Landeshauptmann mehr. Der Fall ist ein Politikum, das breite Aufmerksamkeit verdient. Es geht nicht nur um Meinungsfreiheit. Es geht um das Recht auf körperliche Sicherheit kritischer Künstler, um ihr Recht auf Schutz vor Attentaten.
Es verwundert daher, dass die Solidarisierung der kritischen Öffentlichkeit und der Politik mit den beiden Kabarettisten nicht viel energischer ausfällt. Wo sind jene, die so oft eine Einschüchterung der Zivilgesellschaft wittern? Hier ist es der Fall.
Was war geschehen? Stermann und Grissemann verspotteten im ORF den Führerkult rund um Haiders Begräbnis (hier Link zur Sendung). Sie witzelten über Petzners Tränen, der Deutsche Stermann trug dabei einen Kärntneranzug. Zu sehen ist das Ganze auf YouTube.
Die erste Reaktion kam wie erwartet. „Auftrittsverbot!“, forderte Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler und sammelte Stimmen gegen die „Herabwürdigung“ des Jörg. Er heizte den Volkszorn an. Der ORF reagierte richtig und verteidigte die Künstler. Unbekannte drohten, die Kabarettisten umzubringen. Dem Manager der Kabarettisten wurden jedenfalls laut eigenen Angaben vier Radmuttern am Wagen gelockert. Hätte er den Anschlag nicht auf der Autobahn bemerkt (seine Reifen klapperten bereits), wären er und vielleicht auch andere womöglich ums Leben gekommen.
Was sagt Kärntens Landeshauptmann dazu? Er übt sich in Zynismus. „Vielleicht hat er die Winterreifen schlecht gewechselt!“, unkte Dörfler. Hat er nicht, Dörfler hätte es durch einen Anruf in Erfahrung bringen können (siehe Seite 26). Der Manager wurde ziemlich sicher Opfer eines irren Haider-Fans.
Der Landeshauptmann hätte die Kabarettisten in einer symbolischen Geste sofort nach Klagenfurt einladen und für Polizeischutz sorgen müssen. Stattdessen forderte er Auftrittsverbote an der Uni und im ORF.
Die Kärntner „Sonne“ Haider wurde einst abgewählt, weil sie die Nazis lobte. Dörfler spielte nun ein Attentat herunter, weil die Betroffenen eine Gesinnung haben, die ihm nicht passt.
ÖVP und SPÖ sollten endlich ihre Verantwortung entdecken – und diesen Extremisten abwählen.

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11. Nov 2008

„Obama ist der Louis Armstrong der Politik“

Der Schriftsteller Ilija Trojanow über die irrealen Erwartungen an den neuen Weltpräsidenten (für Falter)
louis-armstrong1.jpg
Ilija Trojanow sitzt im Wiener Café Frauenhuber und spricht über die Welt und ihren neuen Präsidenten. Trojanow ist ein kompetenter Gesprächspartner – er ist nicht nur Schriftsteller und Verleger, sondern auch Kosmopolit. Trojanow, in Bulgarien geboren, flüchtete 1971 mit seinen Eltern nach Italien, verbrachte seine Kindheit in Kenia und Paris, lehrte in Kapstadt und bereiste später Indien. Sieben Jahren wandelte er auf den Spuren des britischen Entdeckers Richard Burton und schrieb danach den gefeierten Roman „Der Weltensammler“ (Hanser). Vergangenes Jahr erschien sein Buch „Kampfabsage“ indem er die These des „Clash of Culture“ widerlegte. Trojanow lebt seit einigen Monaten in Wien Alsergrund.
Herr Trojanow, hatten auch Sie Tränen in den Augen, als der „Weltpräsident“ Barack Obama seine Siegesrede hielt?
Ilia Trojanow: Nein. Ich empfinde die momentane Stimmung als irrational. Wir erleben einen messianischen Kult. Solche Phänomene treten gerne zu Jahrtausendwenden auf. Auch rund um das Jahr 900 waren messianische Kulte in Europa weit verbreitet. Je größer die Krisen, desto größer die Sehnsucht nach einem Erlöser, der alles in den Griff kriegt. Obama wird bald die Systemzwänge des politischen Alltags erkennen.
Georg W. Bush hat das Ansehen Amerikas dramatisch beschädigt. Wie wird sich der Blick der Welt auf die USA des Barack Obama ändern?
Trojanow: „Die Welt“, so es sie überhaupt gibt, freut sich über eine gewisse Symbolik, und das ist ja zunächst nichts Schlechtes. Obama scheint für die Menschen schwarz zu sein. Doch er ist schwarz und weiß. Wenn wir nicht so eine hunderte Jahre alte Obsession mit der Hautfarbe hätten, könnten wir ihn genauso gut als Weißen bezeichnen. Er wurde schließlich unter Weißen sozialisiert – bei den Großeltern und seiner allein erziehender Mutter.
Sie haben lange in Kenia gelebt. Sehen sie etwas Kenianisches in Obama?
Trojanow: Nein, eigentlich nicht. Nur eines fällt mir auf: Obamas Vater ist vom Volk der Luo, so wie der jetzige Premierminister. Die Luo fühlen sich nicht nur miteinander verwandt, sie gelten in Kenia als Philosophen. Sie sind „brainy people“, gescheit, können reden und begeistern. Zumindest sagt man ihnen das nach.
Wird Obama die Schwarzen enttäuschen?
Trojanow: Blicken wir zunächst in die USA. Spannend wird die Frage, ob Obama das Klischee des „American Dream“ anzugreifen wagt. Die Afro-Amerikaner wurden jahrhundertelang mit Füßen getreten, der Traum hat sich für sie kaum erfüllt. Wird er das thematisieren? Wird er dadurch die Selbstwahrnehmung der Amerikaner verändern? Dann wäre da noch das Verhältnis zu Afrika. EU und USA haben hier ganz klare landwirtschaftliche Interessen und beuten den Kontinent durch ihre Zollpolitik weiter aus.
Obama müsste also die Interessen der amerikanischen Landwirte beschneiden.
Trojanow: Ob er das wirklich schafft, bezweifle ich. Dazu kommt die militärische Präsenz Amerikas in Afrika. Die USA bauen zwar ihre Stützpunkte aus. Ihre Politik ist aber strategischer und nicht menschenrechtlicher Natur. Ich sehe keine großen Linien im Sinne einer visionären Humanität – etwa im Kongo oder im Sudan.
Sie haben lange im indischen Mumbai gelebt. Wie sehen Sie die Reaktion des aufstrebenden Indien auf Obamas Wahl?
Trojanow: Exzessive Freude habe ich dort nicht wahrgenommen. Die Inder haben ein gesundes Misstrauen gegenüber den USA. Die Außenpolitik der USA war ja auch in Asien eine Aneinanderreihung von Fehlern. In der Region haben sich die Amerikaner sehr früh für Pakistan entschieden – einLand, das in den letzten 25 Jahren eine autoritäre Militärdiktatur war. Die US-Unterstützung für die Militärs dort ist ja ein einziges Trauerspiel. Eine radikal neue visionäre Politik müsste mit der korrupten pakistanischen Elite brechen. Sie müsste die bürgerlichen Kräfte unterstützen, damit sie sich von Militär und Fanatismus befreien können. Stattdessen hofiert man eine Clique von Generälen und Mullahs.

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09. Nov 2008

Ihre Stimme im Ohr, ihre Stadt im Blick

Siebzig Jahre Novemberpogrom: Aus Interviews mit vertriebenen Juden fertigten zwei Historiker Audioguides für verstörende Stadtrundgänge – etwa zum Hotel Metropol (siehe Bild) am Morzinplatz.
Franz-Josef-Kai_1876.JPGIm Kopfhörer ist jetzt die Stimme einer alten Frau zu hören. Augusta Appel spricht ein mit englischen Worten durchsetztes Wienerisch. Sie schwärmt von ihrem ersten Ball im Hotel Metropol am Morzinplatz in der Innenstadt: „Ich hatte ein Kleid, es war red, ganz tight. Es hat einen slit gehabt vom Boden bis zu meinem Popo. Es war eine sensation, because der Oberkörper war fast nackt!“
Während die Stimme der Frau erklingt, kann man Passanten zusehen, die am Morzinplatz auf den Flughafenbus warten. Es ist ein nebeliger Nachmittag. Im Ohr erklingt Walzermusik.
Augusta Appel, geborene Marienberg, war 16 Jahre, als sie 1931 im Metropol von einem Verehrer namens Leon Apfelschnitt zum Tanz aufgefordert wurde. „Fräulein Marienberg“, sagte Apfelschnitt, „werde ich mit Ihnen tanzen dürfen?“ „Hab ich gesagt: ‚Können Sie tanzen?‘ Sagt er: ‚Nein.‘ Sag ich: ‚Dann don´t even ask.‘“
Das Metropol war eines der besten Hotels: vier Stock hoch, an der Fassade eine große Uhr, gepolsterte Flügeltüren. „Hier haben Sie sich Leon Apfelschnitt und Augusta Marienberg kennengelernt. Eine märchenhafte Geschichte, die hier ihren Ausgang nahm.“
Der in New York lebende Wiener Soziologe Philipp Haydn, 32, und die Salzburger Historikerin Maria Ecker, 32, sind dieser und vielen anderen Geschichten nachgegangen. Die beiden besuchten vertriebene Juden in Florida, New York und Wien und nahmen deren Jugenderinnerungen auf. Augusta Appel, das Mädchen mit dem roten Ballkleid zum Beispiel, ist heute 93 Jahre alt und lebt in Plantation, Florida.
Zeitzeugen zu interviewen ist für Historiker nichts Besonderes. Doch Haydn und Ecker haben aus den Erzählungen Audioguides geformt: Rundgänge führen in die Brigittenau (anklicken um Audioguide runterzuladen), in die Leopoldstadt, zum Morzinplatz und zum Heldenplatz. Man lädt eine Route unter www.hoerspuren.at auf einen MP3-Player, setzt Kopfhörer auf und spaziert los. Das Grätzel wird zum Museum. Die Stimmen der Vertriebenen im Ohr , die Gegenwart im Blick.
Im Kopfhörer spricht nun Marco Feingold: „In Wien tanzt man gern im Februar. Auch wir haben die Zeit vertrödelt und plötzlich war der zwölfte März da.“ Der Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Kurz danach wurde das Metropol am Morzinplatz „entjudet“. „Man hat aus den Hotelzimmern zuerst stockwerkweise Büros gemacht“, erzählt Feingold, „und im Keller hat man angefangen, Zellen einzurichten.“ In einer dieser Zellen schlugen die Nazis Feingold zwei Zähne aus, ehe man ihn nach Auschwitz deportierte. Der heute 95-jährige Mann überlebte. Er ist Präsident der Salzburger Kultusgemeinde.
Wo einst die Gestapo wütete, steht heute der Leopold-Figl-Hof, ein Nachkriegsbau. Aus dem Folterkeller wurde eine Parkgarage. Am Balkon des Hauses zeigt ein verwittertes Relief einen Galgen, Stacheldraht, schmerzverzerrte Gesichter. Auf der Hinterseite des Hauses, am Salzgries 6, ist ein Bräunungsstudio. Vor 70 Jahren wartete hier Augusta Appel, das Mädchen, das sich hier 1931 verliebte, „nächtelang, Tag und Nacht, in order to herauszufinden, wo mein Bruder ist, was ich machen kann, um ihm zu helfen“.
70 Jahre später plaudern hier drei Gardesoldaten des Bundesheers. Sie warten vor einem unscheinbaren eisernen Tor neben dem Solarium. Gleich wird eine Gedenkveranstaltung von KZ-Überlebenden beginnen, die sie mit ihrer Anwesenheit zum Staatsakt adeln sollen. Was hier einst geschah? „Wir haben uns auch schon gefragt“, sagen die drei Soldaten, „irgendetwas mit Juden.“
Ein alter Mann sperrt das Eisentor auf. Die Gedenkstätte sieht wie eine Kapelle aus. „Niemals vergessen!“, steht an der Wand. Daneben Abschiedsbriefe jener, die hier ermordet wurden. „Liebe Eltern“, steht auf einem, „verzeiht mir, wenn ich ungehorsam war.“
Die KZ-Überlebenden treffen ein. Es ist ein Grüppchen stolzer, zum Teil uralter Leute, die hier ihre alljährliche Totengedenkfeier abhalten. Sie stützen sich auf Krücken. Es gibt nur zwei Sessel für 20 Leute. Sie legen einen Kranz mit rot-weiß-roter Schleife nieder – und ein Gesteck der Homosexuellen Initiative. Sie erinnern sich an Todesmärsche, Kindertransporte, Gaskammern und Erschießungen. Dann gehen sie gemeinsam ins Wirtshaus.
Über die Aspernbrücke gelangt man in die Tempelgasse im zweiten Bezirk. Dort befindet sich, von Kameras bewacht, Esra, ein Sozialzentrum für Holocaustüberlebende. In der „Reichskristallnacht“ brannte hier der Stadttempel. Juden wurden verprügelt, in Lastwägen deportiert.
Die Audiotour bringt nun die Stimme des 25-jährigen NS-Reporters Eldon Wally. Man hört seine Radioreportage aus dem Jahr 1938: „Wien, 10. November. Wir stehen mit unserem Mikrofon in dem großen Judentempel. Ihn heute noch so zu bezeichnen, ist geschmeichelt. Denn die erbitterten arischen Einwohner dieses Bezirks haben es sich nicht nehmen lassen, auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu zeigen.“ Ein Feuerwehrmann schildert in dem Radiobeitrag, dass er das Feuer nicht zu löschen gedenkt und „dass wir uns hier eigentlich nur die Händ wärmen“. Wally, so erklärt dann ein Sprecher, war später Chef einer Plattenfirma am Graben. Er presste Hans-Moser-Lieder auf Vinyl.
Die Macher der Audioguides, Haydn und Ecker, haben einander in den USA kennengelernt. Der Soziologe war Gedenkdiener, forschte am Leo-Baeck-Institut, der wichtigsten Forschungsstätte für die Geschichte des deutschsprachigen Judentums. Die Historikerin Ecker war beeindruckt von Ruth Klügers Memoiren und einem Seminar über das „Überleben in Extremsituationen“. In New York sahen sie das Potenzial von Audioguide-Stadtführungen: Chinatown, Paul Austers New York, eine Tour durch die Welt der Opfer von Ground Zero. Das war eine völlig neue Art, eine Stadt zu präsentieren, Oral History aus Grätzeln unter die Leute zu bringen.
So kann man nun hören, was hier im Billa auf der Taborstraße vor genau 70 Jahren geschah. Der 17-jährige Walter Shaffir wurde mit einem Lastwagen in das Central-Kino, das spätere Taborkino, verschleppt. 1000 Sitzplätze fasste das erste Tonfilmtheater. Jetzt war es nur noch ein Sonderlager „vollgefüllt mit Juden“, wie Shaffir erzählt, „wir standen Schulter an Schulter, waren total hilflos.“
Wer von der Taborstraße Richtung Augarten geht, kommt in die Brigittenau. 15.000 Juden lebten hier, heute ist der Bezirk von Einwanderern aus dem Balkan geprägt. Die Stimme im Kopfhörer sagt: „Schon lange übt diese Gegend eine besondere Anziehungskraft für Zuwanderer aus.“ Nach dem Zusammenbruch der Monarchie kamen Einwanderer aus osteuropäischen Ländern hierher. Darunter die Familie des kleinen Kurt Rosenkranz, es sind orthodoxe Juden. Eine Stimme im Audioguide sagt: „Bitte drücken Sie jetzt die Pausetaste und folgen Sie dem Weg, wie er auf der Stadtkarte gekennzeichnet ist – bis zur Ecke Rauchergasse/Bäuerlegasse.“
Nun steht man vor dem „Kaffeehäferl“, einem Vorstadtespresso. Die Stimme eines alten Mannes ist zu hören, es spricht Kurt Rosenkranz. „Ich war ein fürchterlicher Lausbub“, sagt er. Er hat auf der Straße gekickt, bis die berittene Polizei kam. Am Wachzimmer sagten dann die Polizisten: „Der Rosenkranz ist wieder da!“
„Sehen Sie da die Front von weißen Fenstern?“, fragt Rosenkranz, „dort haben wir gewohnt!“ Und dort an der Ecke, wo jetzt die Geflügelhandlung Posch ist, quälten die Brigittenauer ihren „Aufschreibjuden“, einen Greißler, bei dem die arme Bevölkerung Schulden anschreiben durfte.
Der orthodoxe Greißler trug auf einmal ein „Saujud“-Schild um den Hals, „die Leute haben das Geschäft geplündert, ihn mit rohen Eiern und Tomaten beworfen“.
Rosenkranz kam 1946 zurück nach Wien, seine Familie war ermordet worden, er überlebte sowjetische Gefangenenlager, gründete das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung.
Seine Nachbarin war ein zehnjähriges Mädchen, deren Stimme nun zu hören ist. Die Wallensteinstraße, erzählt die heute 80-jährige Anne Blatt, war „schwarz vor Leuten“, orthodoxen Juden. Es war hektisch, „wie hier der Broadway“.
Blatt hat wenige Erinnerungen an ihre Heimat. Arm sei ihre Familie gewesen, Klo am Gang, keine „icebox oder washing machine“ wie später in New York. Man merkt, dass sie sich nicht wirklich erinnern will. Immer wieder stockt ihre Stimme. Blatt erzählt vor allem von Wiener Schokolade, die sie liebte und von Ausflügen in den Prater.
Nach dem Anschluss klopften Nazis an die Türe von Anne Blatts Wohnung: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mich umdrehen und nicht schauen. Und ich weiß nicht, was sie mit meiner Mutter gemacht haben. Aber etwas Schreckliches haben sie gemacht, bestimmt. Das kann ich nie vergessen.“
Annes Eltern und ihr fünfjähriger Bruder, so erklärt ein Sprecher, wurden in Auschwitz ermordet. „Anne Blatt lebt heute so bescheiden wie in ihrer Kindheit“, sagt Philipp Haydn, „sie blieb allein und wohnt in einem Viertel, wo einige Wiener Juden leben.“
Es ist Nacht geworden am Morzinplatz. Wie jeden Freitagabend verwandelt sich die Gegend hier in eine riesige Partyzone für Jugendliche aus der Vorstadt. Das nahe Bermudadreieck pulsiert. Die Kids feiern Halloween, sie trinken, grölen, lachen, haben sich als Vampire und Hexen verkleidet.
Ein Pärchen sitzt am Sockel vor dem Gestapodenkmal. Hinter ihnen das aus Reisig und Tannenzapfen gefertigte Gesteck, das die Gruppe KZ-Überlebender am Nachmittag vorbeigebracht hat. Eine Grabkerze, daneben leere McDonald’s-Becher. Das Pärchen umarmt sich. Im Kopfhörer ist nun die Stimme von Augusta Appel, dem Mädchen im roten Ballkleid zu hören, das sich hier vor 77 Jahren verliebte: „Ich bin hereingekommen, und da waren alle Burschen, die Männer. Und jeder hat mich angeschaut. Jeder wollte mit mir sofort tanzen.“
Mehr Information zum Projekt, zu Zeitzeugen und Historikern unter: www.hoerspuren.at

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07. Nov 2008

Reden über Haider

Wie erklärt man Haider den Deutschen? Der deutsche Südwestrundfunk lud zu einer Diskussion mit SZ-Korrespondent Michael Frank und dem Kärntner Psychologen Klaus Ottomayer. Hier nachzuhören.

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