Der kleine Sterzgraf

Großkirchheim ist die Haider-Hochburg Österreichs. Bürgermeister Peter Suntinger predigt hier einen Bauernsozialismus mit nationalem Antlitz

Suntinger.pngEs ist bitter kalt am Gemeindeamt von Großkirchheim. Draußen schüttet es, der Wind treibt Schneewolken über den Glockner, und niemand hat die Heizung angestellt. Der Bergbauer Peter Suntinger sagt: "Mich friert nicht."

Suntinger, 43, sitzt auf einer Eckbank, über ihm hängt der Herrgott, vor ihm liegen die Akten. Er wirkt entschlossen, aber misstrauisch. Er sagt, dass man den Artikel über ihn vorher "zur Freigabe" vorlegen soll: "Nicht dass Sie schreiben, dass wir ein Nazidorf sind."

Großkirchheim ist die Haider-Hochburg Österreichs. Bei der Nationalratswahl vor zwei Wochen erreichte hier sein BZÖ 51,9 Prozent, so viel wie nirgendwo sonst. Das ist noch gar nichts gegen Suntingers Sieg bei der Bürgermeisterwahl. 80 Prozent der rund 1200 Großkirchheimer machten ihr Kreuz bei ihm.

Was Suntinger hier für das BZÖ erreicht hat, das will auch Haider bei der Landtagswahl 2009 schaffen - die absolute Mehrheit. Sie ist zum Greifen nahe und das liegt auch an Ortsfunktionären wie Suntinger und ihren Vorstellungen von Politik. Die spielt sich hier vor der Haustür der Leute ab. Dort jagen Leute wie Suntinger den Roten und Schwarzen die Wähler ab. Suntinger sagt im eiskalten Besprechungszimmer zum Beispiel: "Muslime können hier keine Wohnung kriegen. Ihre Kinder dürfen hier nicht in die Schule, selbst wenn sie Staatsbürger sind. Und wenn sie einen Grund kaufen wollen, kaufen wir den vorher auf. Das ist unsere Bodenpolitik."

Solche Sprüche sind ein wichtiger Grund für die BZÖ-Erfolge, und sie zeigen die Unterschiede zur Politik anderer absolut regierender Landeskaiser, etwa in Niederösterreich und Wien. Aber die Xenophobie ist nicht der einzige Grund. Fragt man Peter Suntinger, warum er hier gewinnt, dann zückt er seinen Autoschlüssel und sagt: "Fahren wir eine Runde."

Suntinger klettert in seinen BMW X5, einen teuren Geländewagen. Er hat ihn zwar erst im April des Vorjahres gekauft, aber der Tacho zeigt schon 53.492 Kilometer. Auch das symbolisiert seine Sicht von Politik - sie muss vor Ort sein, um Hände zu schütteln.

"Von mir wird hier Bescheidenheit und Härte vorgelebt", sagt Suntinger, "das ist etwas anderes, als die hohen Herren bei euch in Wien darunter verstehen." Hohe Herren, das sagt er oft. Mächtige Kärntner Bauern, die "Sterzgrafen", wie man sie hier nennt, haben sich immer gegen die Obrigkeit aufgelehnt, sie wollten unabhängig sein - von Bürokraten und Richtern, die keine Ahnung hatten vom Landleben. Diese Bauern, so schreibt es der rechtsnationale Historiker Lothar Höbelt, seien die ersten Freiheitlichen gewesen. Sie waren heimatverbunden, sozial engagiert, allerdings nur, solange es um ihr Volk ging.

Suntinger ist ein kleiner Sterzgraf, sein Hof hat nur neun Mutterkühe. Aber er ist heute immerhin der Vizepräsident der Bauernkammer. "Politiker wie er radieren hier wie narrisch durch die Gegend", sagt Hubert Sauper, ein wohlhabender Hotelier im Dorf. Ingrid Pichler, eine engagierte SPÖ-Gemeinderätin erklärt: "Der Haider kommt jetzt einmal im Jahr her und gibt einem jeden von uns die Hand." Ihre eigenen Genossen müsse sie "50 Mal anrufen, damit sie einmal bei uns aufkreuzen. Dann kommen sie erst im Nadelstreif." Man solle sie wieder zum Kassieren der Parteisteuer schicken, sagt Pichler, damit sie den Alltag der Leute kennenlernen.

Suntinger startet seinen BMW, er führt nun in die Welt, die er regiert. Vorbei an der Kirche aus dem Jahr 1512. Vorbei an einem Marterl, dessen heiligen Hubertus er, der Holzschnitzer Suntinger, selbst gefertigt hat.Suntinger erzählt, dass die Toten hier heute noch von Pferdewägen zum Friedhof gezogen werden. Er biegt ab, nimmt eine Serpentinenstraße. "Die Straße haben wir asphaltiert", sagt er. Dann erzählt er von Bauhöfen, Kläranlagen, Kindergärten, Klettertürmen, Feldwegen und Wohnparks, die er hier hat errichten lassen. Auch deshalb wählt ihn das Dorf mit so überwältigender Mehrheit. Er kämpft gegen die Abwanderung.

Suntinger steht jetzt ganz oben bei den Bergbauern. An den Hängen kleben Holzbauernhäuser aus dem 18. Jahrhundert. 42.000 Nächtigungen verzeichnen die Großkirchheimer pro Jahr. Sie verkaufen die Utopie einer heilen Welt.

"Aber die Mölltaler leben nicht mit der Natur, sondern gegen sie", sagt Suntinger. Die ist ein gefräßiger Moloch, die Politiker müssen den Leuten helfen, ihn zu zähmen. Der Wald frisst die Wiesen, der Wind bläst die Dächer weg, Bäche verschlucken mit ihrem Hochwasser das Dorf. Die Hirsche knabbern den Schutzwald an. "Am besten wäre, wir würden sie ausrotten", sagt Suntinger. Er klingt schon wieder so kompromisslos.

Peter Suntinger ist hart erzogen worden. In den 70ern, als Städter die antiautoritäre Erziehung probten, schickte ihn die Mutter allein auf die Alm, steckte ihm einen Wecker in den Rucksack, stellte ihn auf fünf Uhr früh. So war sein Tag: "Aufstehen, runterrennen, waschen, Schulgewand anziehen, Schulgehen, Heimlaufen, Ranzen runter, Hausaufgaben machen, arbeiten."

"Ich bin stolz, dass ich das geschafft hab", sagt Suntinger. Dabei hatte er es ja schon besser als seine Vorfahren. "Stundenlang mussten die Bauernkinder im Winter in die Schule stapfen", erinnert sich Hubert Sauper, der Hotelier, "zu Essen hatten die Kinder einen Klumpen Brot, wo die Mutter einen Patzen Butter reingeschmiert hat."

Der Tourismus, aber auch Bruno Kreisky hat den Bauernkindern geholfen. Der rote Reformer reichte kostenlose Schulbücher und Freifahrten. Auf einmal konnten die Kinder höhere Schulen besuchen. Die Schattenseite der roten Aufstiegsideologie: Wer in die Schule ging, war verloren für das Dorf. Die Großkirchheimer, im Mittelalter übrigens armselige Goldschürfer in den Hohen Tauern, sind zwar heute so wohlhabend wie nie zuvor - aber gerade deshalb ist auch ihr Dorf von der Abwanderung der Jungen bedroht. Es hat sich der großen Welt geöffnet. Sie bietet neue Chancen, das verunsichert die Zurückgebliebenen. Genau um sie kümmert sich nun das BZÖ.

Da sind etwa die Arbeiter in Großkirchheim. Die meisten gehen "tunneln" in ganz Europa. Das bringt 3000 Euro, doppelt so viel, wie man hier sonst verdienen kann. Die Großkirchheimer Bergarbeiter bilden eingeschworene Trupps, die in der ganzen Welt gefragt sind. "Die Arbeiter wollen unter sich bleiben", sagt Bürgermeister Suntinger, "einen Türken können sie hier nicht brauchen. Der feiert dann Ramadan und die ganze Partie steht."

Es ist ein Sozialismus mit nationalem Antlitz, der sich da breitmacht. "Unser Suntinger Peter ist ein kleiner Haider", sagt Franz Dullnig, der Vizebürgermeister von der ÖVP. Was das bedeutet? Er sei fleißig. Er gehe auf die Leute zu. Aber das BZÖ treibe auch einen Keil in die Gesellschaft, stülpe ihr ein System über, gegen das sich niemand wehren kann, der etwas werden will. Bei den anderen Parteien verlieren engagierte Funktionäre die Lust an der Politik.

Dullnig breitet zum Beweis Zeitungen der letzten Tage aus. Sie heißen Das Zentrum Kärnten in Wort und Bild oder Oberkärntner Volltreffer. Auf jeder zweiten Seite sind Haider und seine Leute zu sehen. "Die Journalisten kriechen vor ihnen", sagt Dullnig.

Auch andere Landespolitiker lassen sich in ihren Medien abbilden. Die BZÖ-Kaiser wirken dennoch anders: aggressiver, volksnäher, gewitzter. Sie schmeißen mit Steuergeldern herum, als ob ewiger Wahlkampf wäre. Landesrat Uwe Scheuch, ein mächtiger BZÖ-Mann und Sterzgraf, fährt mit seinem "rollenden Regierungsbüro" durch die Täler. Das ist ein Autobus, bezahlt vom Land, auf dem Scheuchs Konterfei angebracht ist. Er verteilt dann "Unterrichtsschecks" an Bauernkinder oder überreicht Zeugnisse an Lehrlinge. Sein Chef Haider eröffnet derweil staatlich geförderte "Billigdieseltankstellen" oder "Sonderlager" für kranke und verdächtige Asylwerber irgendwo auf der Saualpe, damit die Bevölkerung vor diesen Leuten geschützt werde. Am Tag vor der Wahl besucht er dann ein Opfer ausländischer Täter. Vor Pressefotografen überreicht er nicht nur ein Geschenk, sondern verspricht auch die schnelle Abschiebung.

Die Dorfpolitik regiert also mit harter Hand, die niemand beißt - weil sie füttert und völlig unerwartet zuschlagen kann. In den Worten von Bürgermeister Suntinger: "Wenn ein Tschetschene etwas anstellt und von neun gedeckt wird, müssen alle zehn gehen. Tschetschenen kann man nur durch Sippenhaftung zur Rechtstreue erziehen. Einer für alle, alle für einen."

Suntinger ist am Ende der Asphaltstraße angelangt, ganz oben auf einer Alm. Es schüttet, die Fichten biegen sich im Sturm wie wütende Waldgeister. Bald wird hier Schnee fallen. Suntinger sagt: "Den Letzten beißen die Hunde." Er zeigt jetzt einen Hof, der noch keine Zufahrt hat. "Da wohnen das ganze Jahr hindurch Bauern. Keiner kümmert sich", sagt er. Auch das ist seine Welt, eine ungerechte Welt. Die Bäuerin habe Kinder zu versorgen und kann sich keinen Weg leisten, weil ihr Mann verstorben ist. Suntinger wird auch dieser Bäuerin einen Zuschuss für den Weg erstreiten. Er hat sogar ein sogenanntes Trassiergerät im Auto. Damit misst er, wie steil die Hänge sind - und ob man dort Güterwege anlegen kann. "Du darfst den Bauern als Politiker keine leeren Versprechen machen", sagt er.

Suntinger war ein Schwarzer. Aber den ÖVP-Politikern im Dorf war er zu rabiat. "Haltet mir den Suntinger fern", donnerte der damalige Bürgermeister, ein großgewachsener, charismatischer Ortskaiser, der noch als Jugendlicher in den Krieg gehetzt wurde. Er hasste die Nazis und die Radikalen. Sein Wille geschah, und so ist der Suntinger eben auf den Haider gekommen, der zu jener Zeit alten SS-Kameraden auf die Schulter klopfte. Haiders Sprüche überzeugten auch ihn. "Die Nazis", sagt Suntinger noch heute, "haben ja wirklich viele Arbeitsplätze geschaffen, auch wenn ich den Judenmord in keinster Weise schönreden will."

Gemeinsam haben Suntinger und Haider 1991 den Glockner bestiegen. "Haider hat mir den Stolz zurückgegeben", sagt er. Er sei damals voll Wut auf jene gewesen, die ihm, dem fleißigen Bauernkind, das Mitreden im Dorf verweigern wollten. Heute regiert er es - und kaum einer wagt Widerspruch. Die SPÖ-Politikerin Pichler sagt: "Wir müssen mit dem BZÖ packeln, sonst stehen wir als Blockierer da."

Suntinger ist wieder im Dorf angekommen. Beim Gemeindeamt blockiert ein falsch geparkter Wagen den Weg. Suntinger sagt: "Der darf das. Das ist sein Heimatboden." Dann stellt er den Motor ab, reicht die Hand zum Abschied und sagt: "Hier gilt unser Recht. Und sonst nichts."

Kommentare

super zu lesender artikel. es scheint das mittelalter lebt.

Irgendwie ist mir nach der Lektüre ein bisschen übel. Tom sagt's schon ganz richtig: wie im Mittelalter...

Irgendwie ist mir nach der Lektüre ein bisschen übel. Tom sagt's schon ganz richtig: wie im Mittelalter...

danke für diesen Bericht.
der unterstreicht nur, was eine Freundin von mir erzählt hat, wie es in Kärnten politisch so zugeht. Dass man dem BZÖ und Haider in Kärnten nicht auskommt.
Als die Frau Schaunig zurücktrat, meinte sie nun hat sie ihrer eigenen Partei einen Bärendienst erwiesen. Sie kann sich vorstellen, dass der Haider noch die Absolute holt.

willkommen im neandertal...

Billige Hetze... Bin gespannt, ob der Bericht einer Wahrheitsüberprüfung standhält

schön ist der geworden. jez braucht es halt ein update...

an anonym: ich kenne dieses dorf und suntinger auch - beides nur zu gut: jeder wahrheitsüberprüfung hält dieser artikel stand - und mehr als das - das is lange noch nicht alles! an bernold: hinfahren update selber sehen (dort isses kalt und dadurch ändern sich die dinge nicht so schnell wie in italien...)
dank an florian für die doku - grossartig !
lg

Danke für diesen Artikel! franui hat Recht: Jedes Wort stimmt, bin selbst Großkirchheimer. Eine sehr treffende Beschreibung, Gratulation an den Autor für die Recherche und tolle Verarbeitung.

wie wahr, wie wahr - aber sehr traurig. komme selbst aus der region

geht's decht olle scheißn, ihr stadtkinder - ihr hobs jo goa koan tau, wia's im wirklichen lebn laft!!!!!!!!!!

schade dass Herr Klenks nur ein sehr einseitiges und verzehrtes bild meines heimatortes in seinem artikel zeichnet!

an rieger: einseitig erscheint etwas dann, wenn man die andere nicht sehen oder wahrnehmen will.
wie wir wissen gibts immer 2 - vielleicht hilft nochmal lesen.
"verzehrt" ist ein schinken nach der osterjause.
an maschin: das mölltaler leben wird dann wohl das wirkliche sein, nehm ich an - also wie lafts denn ?

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