Fall Kampusch: Auf der Suche nach dem zweiten Mann
Vertuschung, Schlamperei, übertriebener Opferschutz: Warum der Fall Kampusch neu aufgerollt wird (für Falter)
Ludwig Adamovich, Präsident der Kampusch-Sonderkommission, mag ruhig und entspannt wirken. “In Wahrheit”, sagt ein Staatsanwalt, “machte er uns alle narrisch.” Beharrlich drängte der Expräsident des Verfassungsgerichtshofes die Justiz dazu, im Fall Natascha Kampusch noch einmal tätig zu werden. Mit Erfolg. Justizministerin Maria Berger (SPÖ) und Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) wollen den Kriminalfall neu aufrollen. Alles nur Show? Oder gibt es neue Beweise?
Polizisten gehen davon aus, dass nicht nur bei der jahrelangen Fahndung nach Kampuschs Entführer schwere Pannen passiert sind. Es soll auch im Spätsommer 2006 gepfuscht worden sein, kurz nachdem sich der Täter Wolfgang Priklopil selbst gerichtet hatte. “Wichtige Beweise, die eine mögliche Mittäterschaft eines Freundes von Priklopil hätten erweisen oder widerlegen können, sind nicht gesichert worden”, sagt ein Ermittler.
Auch Adamovich kritisiert, dass “eine Reihe von Gegenständen” (Videokassetten, Tagebücher, Kleidungs-stücke), die in Priklopils Wohnhaus sichergestellt worden waren, an Kampusch ausgefolgt worden waren, “ohne zuvor ihren Beweiswert zu sichern”.
Übertriebener Opferschutz, so Adamovichs Vorwurf, sei über die Interessen des Staates an der Aufklärung eines Verbrechens gestellt worden. Kampuschs Berater fürchteten nämlich, dass Aktenstücke und Gegenstände in sensationslüsternen Medien landen könnten (was zum Teil tatsächlich geschah, das U-Bahn-Blatt heute publizierte sogar Arztprotokolle). Über das Opfer wurde deshalb “ein Schutzschirm” (Adamovich) gespannt, der “die ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen um und rund um Wolfgang Priklopil (…) erheblich erschwerte”.
Die Pannenserie beginnt am 3. März 1998. Die damals zwölfjährige Ischtar A. berichtet der Polizei von einem zehnjährigen Mädchen, das von einem Täter in einen weißen Bus mit schwarzen Scheiben gezerrt worden sei. Ein zweiter Mann sei “am Fahrersitz” gesessen, so die Zeugin.
Dies ist eine (auch von Kampusch bestrittene) Aussage, die so gar nicht zur amtlichen Einzeltätertheorie passt. Eine Vielzahl an Spinnern und selbsternannten Aufdeckern stachelte sie an, auf eigene Faust zu recherchieren. Aber nicht nur die hegen Bedenken, auch erfahrene Polizisten und hochrangige Juristen wie Adamovich bezweifeln mittlerweile, dass nur Priklopil von der Entführung wusste.
Die Augen der Ermittler richten sich auf Ernst H., einen Freund Priklopils. Nach Priklopils Tod gab er eine Pressekonferenz, in der er seine Unschuld beteuerte. Kürzlich tauchte H. mit Perücke verkleidet bei einer Gerichtsverhandlung auf und attackierte lästige Fotografen, ehe er selbst von Vater Kampusch Schläge erhielt.
Manche Polizisten halten Ernst H. zumindest für einen Mitwisser – beweisen können sie diese Anschuldigungen nicht. Sie haben nur Indizien anzubieten. Kurz nachdem sich Kampusch befreit hatte, traf sich Priklopil etwa sechs Stunden lang mit H. Die beiden saßen im Auto, und H. schaltete, so wie Priklopil, während der ganzen Zeit sein Handy aus. Was die zwei besprachen? H. gab zu Protokoll, Priklopil habe bloß erzählt, betrunken Auto gefahren zu sein. Die Polizei sei hinter ihm her gewesen. Von Kampusch sei nie die Rede gewesen. Die Ermittler wollen das nicht glauben.
Nach dem Treffen mit Priklopil fuhr Ernst H. in die Lagerhalle seines Unternehmens. Die Polizei, die derweil noch nach Priklopil fahndete, hatte das Gelände bereits umstellt. Polizisten wollen nun beobachtet haben, wie H. Kisten aus der Halle zu seinem Auto schleppte. Ein Zivilbeamter trat an H. heran. Der sei jedoch nicht erschrocken, sondern habe die Polizei förmlich erwartet. Er stellte den Beamten eine verstörende Frage: “Hat er sie umgebracht?”
Die Polizisten rätseln, wieso H. von Kampusch wusste. Er selbst beteuerte ja, mit seinem Freund nie über die Entführte gesprochen zu haben. H.s Anwalt Ernst Schillhammer liefert eine mögliche Erklärung: H. habe die Bemerkung erst getätigt, als ihm die Polizisten bereits von Priklopils Verbrechen erzählt hatten. Eine Version, die die Polizei “dezidiert” ausschließt.
Es passiert Seltsames. Die Kisten, die H. angeblich ins Auto räumte, werden nicht beschlagnahmt. Auch die Halle und der Wagen werden nicht auf DNA-Spuren untersucht. H., so die Polizei, habe sich derweil in Widersprüche verwickelt: Mal versicherte er, Priklopil sei ein anständiger Kerl gewesen, dann erzählte er, der Entführer habe Kinderpornos besessen. Schließlich telefoniert H. sogar mit Kampusch. Manche Kriminalisten schäumen vor Wut. Es sei “in der Hektik” geschlampt worden. Wichtige Beweise seien dahin. Der Fall bleibe nun für immer undurchsichtig.
Schlamperei hat im Fall Kampusch Tradition. Am 4. April 1998, nur ein Monat nachdem Ischtar A. von zwei Entführern gesprochen hatte, bekamen Ermittler Hinweise, dass der von ihr erwähnte Kastenwagen vor dem Haus Heinestraße 60 in Strasshof stehe. Er gehöre einem gewissen Priklopil, einem Mann ohne Alibi, wie sich zeigte.
Acht Tage später erneut ein Hinweis. Diesmal war es der Diensthundeführer Christian P., ein entfernter Nachbar. Priklopils Haus sei elektronisch abgesichert, er habe einen “Hang zu Kindern” und lebe alleine, so die Information. Der Hinweis wird nicht ernst genommen.
Nichts davon wird das Innenministerium im Herbst 2006 erzählen. Es stehen schließlich Wahlen an. Der für den Fall zuständige Kripochef Nikolaus Koch behauptete sogar, Priklopil habe ein Alibi gehabt. Erst der abgesetzte BKA-Chef Herwig Haidinger enthüllt die Vertuschung.
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