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27. Okt 2008

Wir sind, bitte!, kein Naziland

Leser Ben Hemmens schreibt unten stehenden Leserbrief. Es nervt ihn dieses “Nazi-Nazi”-Gerede, dieses Schlechtmachen Österreichs. Das Land, so argumentiert er, sei doch nicht wesentlich anders als England oder Irland.
Ja, es nervt mich auch, das “Nazi”-”Nazi”-Getue. Es ist billig und wohlfeil (und wird in diesem Blog auch nicht praktiziert).
Ich würde Hemmens auch gerne zustimmen, dass wir gar nicht so fritzlkampuschhaiderverseucht sind, wie das Ausland glaubt. Ich habe selbst einige Zeit in Deutschland gelebt, wo es No-Go-Areas, Kannibalen und Eva Hermann gibt.
Aber was so anders ist: kein britischer Spitzenpolitiker würde “Sonderlager” für kranke Flüchtlinge auf der Saualpe fordern, die SS als anständig loben, dann mit absoluter Mehrheit wiedergewählt werden und dann in den Zeitungen als herausragender Politiker gelobt werden.
Es gibt in vielen anderen europäischen Ländern eine rote Linie des Anstands für die politischen Eliten (das Volk ist wohl überall gleich). Wenn ein Bürgermeister (wie Herr Suntinger aus Großkirchheim) lauthals prahlt, Muslime nicht in die Dorfschule zu lassen und Tschetschenen mit “Sippenhaftung” zur Rechtsschaffenheit erziehen will, dann wäre er in Hessen, Bremen, Kent oder Hamburg rücktrittreif. Dafür würde die überregionale Qualitätspresse sorgen. Hier kriegt er 80 Prozent.
Das ist also leider der Unterschied. Auch wenn es Hemmens und mich nervt, weil wir ein anderes, offeneres, normaleres Österreich wollen – verschweigen und zudecken hilft uns nicht weiter.
Hier Ben Hemmens Brief:
Mich freut’s nicht so besonders, Hr. Klenk.
Ich komme aus Irland und muss mich seit 13 Jahren rechtfertigen, warum ich hier in diesem angeblichen Naziloch lebe – auch dank der permanent eindimensionaler Berichterstattung in Medien wie dem Guardian.
Und wenn man nachschaut, werden die Zitate von Ihnen und Hrn. Thurnher, sowie solche repräsentative Stimmen wie Glavinic und Jelinek, immer nur als Bausteine für die immergleichen Nazi-Artikel verwendet.
Weil viel gründlicher verkennen kann man Österreich als in diesen Artikeln kaum:

http://www.guardian.co.uk/world/2008/oct/24/haider-austria

http://www.irishtimes.com/newspaper/world/2008/1024/1224800285609.html?via=mr

Zum Beispiel geht es denen ned eine, dass das “staunchly conservative” Österreich in Wirklichkeit unaufgeregter mit Haiders schwuler Seite umgeht, als drüben vorstellbar wäre. In Irland wäre das nicht erst nach seinem Tod diskutiert worden, sondern es hätte mit hundertprozentiger Sicherheit seine Karriere verunmöglicht. Und jetzt machen die sich lustig darüber, wie “shocked” Österreich ist!
Kann man der Außenwelt nicht klar machen, dass es abseits der kuscheligen Symbiose der “FäkalkünstlerInnen” mit den gesunden Volksempfindern auch ein ziemlich normales Österreich gibt? Oder bleiben Sie einer Hälfte dieser Symbiose verpflichtet?
Mich nervt’s, teilweise weil die inhaltliche Politik, die in Irland und dem UK der letzten Jahre gemacht wurde, ziemlich genau den gleichen Rechtsrück vollzogen hat, wie die hier selbstgerecht geisseln. Manche Dinge gleichen sich aufs Haar. In Irland rufen sonst respektable Leute danach, die arbeitslos gewordenen Leute aus den neuen EU-Mitgliedsländern mit einer Einmalzahlung und einem Flugticket auszustatten, anstatt ihnen die Arbeitslose zu geben. Sehr ähnliche Abschiebungsgeschichten, mit auseinander gerissenen Familen und allem Pipapo haben sich abgespielt. Schauen Sie nach, was es für Verschärfungen im Staatsbürgerschafts- und Zuwanderungsrecht gibt. Ich bin überzeugt, dass wir hier transnational wirksame Effekte sehen, keineswegs länderspezifische.
Das Problem des populistischen Neokonservatismus ist zumindest ein europaweites, das nur durch eine europaweite Gegenbewegung zu bekämpfen sein wird; und wenn man die USA jetzt anschaut könnte man meinen, dass dort haargenau der gleiche politische Kulturkampf im Gange ist. Michelle Bachmann oder Siegfried Kampl: what’s the difference?
Trotzdem wird die moralische Überlegenheit über dem grauslichen Nazi-Waldheim-Schröcksnadel-Gorbach-Jelinek-Fritzl-Kampusch-Haiderland zelebriert, wo fremdartige, finstere aber vor allem ganz andere Gesetzlichkeiten gelten. Und komplett verschleiert, dass da wie dort zum Großteil eigentlich ziemlich ähnliche Trends und Mechanismen am Werk sind. Diese freizulegen und für die jeweils andere Seite verständlich zu machen, DAS wäre eine Aufgabe für JournalistInnen, die was auf sich halten.
Es hilft nichts zitiert zu werden, wenn man an der – bisher verlässlich danebenen – Erzählung nichts ändert. Das könnten Sie – bei Ihrem unbestreitbaren Talent – möglicherweise erreichen, aber Sie müssten es auch anstreben, anstatt einfach vor Stolz zu bersten, dass Sie in einem Medium aus dem großen London überhaupt vorgekommen sind.
Mister Klenk, it goes me sometimes quite simply on the Keks.
Mit freundlichen Grüßen,
Ben Hemmens

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Kategorien: Schnelle Glossen
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  1. 1. Januar 1970, 00:00 | #1

    Naja, die rote Linie des Anstands. Wenn ich an Italien denke, dann haben wir es vielleicht doch nicht so schlecht erwischt. In der Zeit urteilt Ulrich Ladurner folgendermaßen:
    Heute ist Italien ein Land, in dem der Torwart des Edelclubs AC Milan in einem Interview sagen kann: »Ich bin Faschist!«, ohne dass er dafür Konsequenzen zu fürchten hätte; heute ist Italien ein Land, in dem Mitglieder der Regierung die letzten Getreuen Mussolinis zu Verteidigern des abendländischen Wertesystems stilisieren; heute ist Italien ein Land, in dem Mitglieder der Regierungsparteien ungestraft Rassistisches von sich geben können; und heute ist Italien eine Land, in dem es zu Pogromen gegen Roma kommen kann, ohne dass dies allzu große Proteste auslöst; und es ist ein Land, in dem die Camorra einen Schriftsteller zur Emigration zwingen kann.
    Kein Grund sich auf die Brust zu klopfen, aber den Schreiber des zitierten Briefs kann ich schon verstehen. Und was mich auch immer wieder ärgert, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der die eigene, offenere Position vorgetragen wird.

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