Suntinger trauert
Wie der Bürgermeister der Haider-Hochburg Großkirchheim vom Landesvater Jörg Haider Abschied nahm (für den Falter)

Es sind noch zwei Stunden, ehe der von roten Rosen überzogene Sarg hier beim Lindwurm aufgebahrt werden wird. Der Bergbauer Peter Suntinger ist schon hier. Als er in aller Früh aus dem Mölltal aufbrach, lag noch kalter Nebel über der Stadt. Suntinger kam so zeitig, weil ihm an diesem grauen Morgen ein Privileg zuteil wurde. Er durfte im Wappensaal des Landhauses ein paar Minuten ganz alleine vor dem Toten innehalten.
Suntinger wird beim Staatsbegräbnis auch nicht hinter Absperrungen stehen müssen wie die 25.000 Menschen, die in den nächsten Stunden hier eintreffen werden. Er wird im “Block der Bürgermeister” stehen, ganz vorne bei der Regierung. Haiders Witwe hat ihn auch zur Feier in den Klagenfurter Dom geladen, als Ehrengast, wie Suntinger erzählt. “Der Landeshauptmann war für mich wie ein gütiger Vater.”
Suntinger war einer seiner fleißigsten Söhne. Er ist der Bürgermeister von Großkirchheim, der stärksten BZÖ-Gemeinde Österreichs. 52 Prozent erreichte das BZÖ am Fuße des Glockners bei den Nationalratswahlen. Bei der Bürgermeisterwahl stimmten 80 Prozent für Suntinger. Der aus armen Verhältnissen stammende Holzschnitzer wurde hier porträtiert. Sein umtriebiger nationaler Bauernsozialismus mit autoritärem Antlitz ist nämlich exemplarisch für die Politik der Haiderpartei. Suntinger selbst hoffte vor zwei Wochen noch, dass sein großes Vorbild ab März in Kärnten absolut regieren würde.
Jetzt ist der Jörg tot, der Bergkamerad, dem er – Suntinger kennt das Datum genau – am 15. Februar 1992 seine gewalkten Wollfäustlinge borgte, damit sie gemeinsam den Glockner bezwingen. “Er hatte Handschuhe aus der Stadt, die bei der Kälte nichts taugen. Er konnte meine Hilfe annehmen, und so bezwangen wir den Gipfel.”
Suntinger, der von den Schwarzen verstoßene rebellische Bergbauernbub, und der in aller Welt bekannte Doktor Haider saßen oben auf dem Gipfel, “und wir haben miteinander ganz alleine geredet”.
Während Suntinger so erzählt, füllen sich Klagenfurts Straßen. Gleich hinter den Staatsgästen nimmt ein militärisch organisiertes ländliches Österreich Aufstellung. Bergknappen in schwarzen Uniformen, Frauen mit Goldhauben, Burschenschafter, Kameradschaftsvereine, Abwehrkämpfer, Gendarmen, Feuerwehrleute, Sanitäter und Rauchfangkehrer.
Vorne tragen Kirchenleute ihren Herrgott aus Holz. Soldaten schlagen Trommelwirbel. Ein Männerchor singt, während vorne einer Dreiecke in die Luft dirigiert. Eine Bäuerin weint, Suntinger tröstet sie.
Es sind traditionsbewusste Menschen, die hier stehen. Paradoxerweise danken sie Haider dafür, “dass er das System verändert hat”, wie alle Trauerredner sagen. Auch Suntinger sagt etwas, das irgendwie nicht zusammenpasst: “Der Landesvater war die Wurzel, an der wir uns anhalten konnten. Er hat Strukturen aufgebrochen.” Doch von welchen Strukturen reden die Leute? War es wirklich nur der Proporz. Oder doch eher die offene, moderne Gesellschaft?
Hier beim Begräbnis kann man diese von Haider so perfekt inszenierte Mischung aus Heimattümelei, Geschichtsklitterung, Großmannssucht, Führerkult und Leutseligkeit ein letztes Mal erkunden. Haider schürte die Ängste vor den anderen, die nur dann zur “Kärntner Familie” gehörten, wenn er, der Landeshauptmann, es erlaubte. Minderheiten, so bringt es Bürgermeister Suntinger auf den Punkt, “haben zunächst einmal das Recht, sich unterzuordnen”. Tschetschenen etwa müssten “mittels Sippenhaftung zur Rechtschaffenheit erzogen werden”. Selbst das Recht, einen Kärntner Anzug zu tragen, erwerbe man eben erst nach drei Generationen.
Haider schürte auch den Zorn auf die “hohen Herren” aus Wien. In seiner Traueransprache spricht der designierte Landeshauptmann Gerhard Dörfler, BZÖ, nicht zufällig davon, dass das Kärntner Volk die schlechtesten Zugsgarnituren, die schmalsten Straßen und die engsten Tunnel im Lande hatte. Es sei das Verdienst des “Landesvaters der Herzen” gewesen, das vergessene Land zu modernisieren.
Haider, auch das spürt man hier, hat die Kärntner auch von ihrer Kriegsschuld befreit. Er hat nicht nur SS-Leute gelobt, sondern auch die Slowenen als Nachkommen der Partisanen ausgemacht. Wer während der Trauerfeiern in den Wirtshäusern mit den Leuten redet, erkennt, warum. Da berichtet etwa im traditionsreichen Gasthaus “Zur Pumpe” ein alter Zollbeamter, wie Partisanen die Vorfahren seiner Nachbarn mit einer Kreissäge ermordeten, “nur weil die vorher bei den Nazis waren”.
Doch wieso bricht die Querflötespielerin von der Blaskapelle so in Tränen aus? Wieso spendiert die Krampusrunde Unterloibl einen so großen Kranz? Wieso quillt vor Haiders Amtssitz das rote Meer aus Grablichtern über?
Haider konnte ganz große Gefühle beschwören – vor allem die Gefühle jener, die sich in Not an ihn wandten. Er verkörperte Kärnten – und Kärnten wollte einen Teil von Haider verkörpern, ihn berühren, von ihm profitieren. Es mag verstörend klingen, aber er war wirklich ihr Führer.
Haider entschied, wer Vorteile bekam – und nicht die an Gesetze gebundene Bürokratie. Er ordnete an, welcher Flüchtling ins Sonderlager auf die Saualpe kam, nicht irgendein Verwaltungssenat.
Dieser autoritäre Führungsstil ist hier gefährlich populär. Peter Suntinger etwa sagt, Haider könne Flüchtlinge aus Kärnten abschieben, denn bei den Gerichten warte man auf den “Sankt-NimmerleinsTag”. Oder dieser Arbeiter, der gerade vom Trauerzug ins Wirtshaus “Pumpe” kommt. Dem Onkel wurde das Pflegegeld gekürzt, es drohte Not. “Um elf Uhr nachts”, erzählt der Mann, “hat der Jörg den Sozialminister Haupt angerufen, am nächsten Tag hatten wir Hilfe.” Der Tischnachbar erzählt derweil von der Gemeindewohnung, die er nach einer Delogierung schneller bekam, weil er Haider ansprach.
So eine wohlmeinende Politik duldet wenig Widerspruch. Der autoritäre Stil schlich sich in diese Gesellschaft, in die Medien, in die Kirche, sogar in die Polizei hinein. Die Herausgeber der BZÖ-Parteizeitung Kärntner Nachrichten bringen es in einem Nachruf auf den Punkt: “Lieber Jörg! Dein Wort war für uns Gesetz, manchmal reichte schon ein knappes Zwinkern deiner Augen, und wir wussten, was zu tun war.” Solche Huldigungen, wenn auch nicht so holzschnitzartig, waren am Samstag nicht nur in der Parteipresse zu lesen.
Wenn Medien aber wahrheitsgemäß berichten, wie viel Promille Haider im Blut hatte, als er mit mindestens 142 Stundenkilometern nach Lambichl raste, dann sagen Leute wie Suntinger: “Haider wird nach seinem Tod geschlachtet.”
Wo solche Eintracht herrscht, wird Widerspruch zur Tat. Während Suntinger trauert, verteilen der Koch Wolfgang Dunst, 18, und die Schülerin Lisa Streiner,17, Flugblätter in der Innenstadt.
Haiders Rassismus, steht darauf zu lesen, sei den Kärntnern egal. “Ihnen ist es wichtig, dass, der Jörgl’ ihnen einmal die Hand geschüttelt hat, sie einmal auf ein Bier eingeladen hat.” In jeder überregionalen Qualitätszeitung könnte das stehen. Dennoch beschlagnahmte die Polizei 396 Flugblätter, wie das Sicherstellungsprotokoll vermerkt. Ein Zivilpolizist drohte den zwei Jugendlichen mit der Verhaftung und fotografierte sie.
Dunst und Streiner sehen anders aus als die übrigen Kärntner. Sie tragen Dreadlocks und Piercings. Es sind Kids, die “gegen rechts” sein wollen. Doch der Staat macht es ihnen schwer. “In der Schule”, erzählt Lisa Streiner, “befahl uns der Lehrer eine halbe Minute stehend zu trauern.” Er hatte eine Weisung von Landesrat Uwe Scheuch umgesetzt, der nun gerade am Rednerpult seine Eloge auf den “unsterblichen Landesvater” hält. “Hätte ich mich widersetzt”, sagt die Schülerin, “wäre ich von der Schule geflogen.” Schüler die nicht trauern, bekämen nämlich einen Verweis. Bei drei Vermerken fliegt man. Die aufmüpfige Lisa Streiner hatte schon zwei.
Vier Stunden dauert das Begräbnis schon. Priester hatten Haiders Politik gelobt. Kanzler Alfred Gusenbauer hielt eine Rede, in der er Haider Anerkennung zollte, aber den Kärntnern auch erklärte, dass dessen Kritik an der Gesellschaft zwar oft richtig war, nicht aber dessen Antworten.
Ein Militärfahrzeug zieht den Sarg durch die Stadt zum Dom. Während Suntinger dort betet, kehrt das Volk schon in die Wirtshäuser ein. Im Gasthaus “Zur Pumpe” sieht es nun wie in einer dieser Axel-Corti-Filme aus. Kärntner Trachten, Bier auf Holztischen, Leberknödel groß wie Schneebälle, laute Männer. Flatscreens übertragen in jedem Raum die Messe im Dom. Als Witwe Claudia das Wort ergreift, rufen die Leute: “Ruhe!”, und es wird völlig still im Saal. Sie dankt Volk und Bischof. Einer flüstert: “Sie wäre die beste Landesmutter.”
Kurz ist auch Suntinger im Bild zu sehen. Totengräber tragen nun den Sarg nach draußen. Schützen schießen vor dem Dom zweimal in die Luft. Priester zucken bei der Knallerei zusammen. Die Leute im Wirtshaus lachen, als sie die Szene sehen. Man fragt sich, ob sie all das, was hier übertragen wird, ernst nehmen.
Aber dann spielt eine Kapelle “Ich hatte einen Kameraden”. Das ganze Wirtshaus erhebt sich. Einer steht auf, dann noch einer, dann ganze Tische, schließlich der Saal. Männer salutieren. Es ist der berührendste, zugleich unheimlichste Moment an diesem Tag. Denn niemand hier bleibt sitzen. Als der Leichenwagen aus dem Bild verschwindet, sendet der ORF seine letzte Huldigung: Haider als Kind, als Familienvater, als Staatsmann. Keine Zwischentöne mehr, keine Gegenstimmen, nur liebliche Musik.
Suntinger ist aus dem Dom gekommen. Er wirkt ergriffen. Er sagt, er werde weiterkämpfen. Ein paar Minuten nachdem der Leichenwagen außer Sichtweite ist, tritt er an einen von Kameraleuten bedrängten Mann heran. Suntinger reicht ihm die Hand. “Vielleicht können wir ein Stück des Weges gehen”, sagt Suntinger aufgeregt.
Der Angesprochene nickt beiläufig. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wusste wohl nicht, wen er da vor sich hatte.
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Mit der Kärntner Zivilgesellschaft und der BZÖ-kritischen MEHRHEIT im Süden zu sprechen, wäre wohl zu mühsam gewesen bzw hätte nicht ins schöne Konzept gepasst?
http://lindwurm.wordpress.com/2008/10/22/uberall-nazis-wie-florian-klenk-der-bzo-propaganda-auf-den-leim-ging/
ich wäre sehr erfreut über eine differenzierung jener kärntner,die um ihren landesvater trauern,und jener,die den tod eines menschen zwar tragisch finden,aber dem politiker haider nicht nachtrauern werden.
obwohl ich seit 6 jahren in wien lebe,bin ich trotzdem noch in ktn hauptgemeldet,wähle somit auch in ktn und nenne mich auch immer noch eine kärntnerin.
einmal mehr ist zu sagen:
jörg haider war NICHT der führer aller kärntner!!!
und soviel ich weiss,war die gedenkminute für j.h.nur in den pflichtschulen vorgesehen.kann mir also nicht vorstellen,dass das im artikel erwähnte mädchen(das für mich älter als 15 ausschaut)wirklich der schule verwiesen worden wäre,nur weil sie nicht 30min gerade steht.
man darf auch nicht vergessen,dass es sich bei j.h. trotz allem um eine person des öffentlichen bereichs gehandelt hat,eine schule eine öffentliche institution ist und solche sachen nun halt eimal gemacht werden.weil:mit einer gedenkminute für heinz fischer hätten wohl die wenigsten ein problem!
obwohl:ich wäre während meiner schulzeit wahrscheinlich auch die letzte gewesen,die ohne zu murren aufsteht und j.h. 30sek ihres schweigens schenkt…