Verrückt vor Trauer
Er setzte sich über Richter weg, er beschimpfte Flüchtlinge und wollte
»Sonderlager« für Ausländer errichten. Aber für Österreich ist mit Jörg Haider
einfach nur ein großer Staatsmann gegangen (für die ZEIT)
Die letzte Meldung aus Österreich: Das Fußballspiel Kärnten gegen Rapid Wien wurde abgesagt. Die Klagenfurter wollten in schwarzen Trikots antreten, dann aber verzichteten sie ganz auf das Match. Ein Spiel sei dieser Tage »völlig unangemessen«, erklärte der Trainer der Kärntner Elf. Im Wörtherseestadion, wo das Spiel hätte stattfinden sollen, saßen Samstagnacht noch Hunderte Menschen und gedachten des toten Landesvaters. Sein Antlitz flimmerte von der Tafel, die normalerweise den Spielstand zeigt. Vor Haiders Amtssitz
flackerte ein Lichtermeer. Auf ein Schild neben einer Kerze hatte jemand
geschrieben: »Pfiati Jörgi!«
Jörg Haider ist tot – und die Art, wie ihn das Land, die Kirche und vor allem die von ihm regierte Provinz Kärnten betrauern, ist nicht nur deshalb verstörend, weil sie einem Führerkult gleichkommt. Die öffentlich zelebrierte Trauer ist berührend und empörend zugleich. Einmal mehr zeigt sich die Distanzlosigkeit des Landes gegenüber dem rechtsradikalen Popstar der österreichischen Politik. In diesen Tagen wird sichtbar, wie sehr ihn jene verehrten, die öffentlich wohl nie zugegeben hätten, ihn gewählt zu haben.
Der Ausnahmezustand begann Samstag früh, als nahezu jeder Österreicher eine SMS auf seinem Handy erhielt: »Der Haider ist tot. Autounfall«. Haiders Getreue sagten im Fernsehen, die Sonne sei »in Kärnten vom Himmel gefallen«. Als »größten Kärntner aller Zeiten« bezeichneten sie ihn. Und einer seiner engsten Mitarbeiter, Stefan Petzner, weinte so bitterlich, dass er keine Worte mehr herausbrachte. Er sprach vom »Lebensmensch«, den er »liebte«. Die Kärntner Kameras hielten drauf. Sie sendeten Petzners Tränen im Halbstundentakt. Bald schon erfasste die Trauerstimmung das ganze Land. Am Tage seines Todes sagte im Kärntner Landesstudio, Haiders Haus- und Hofsender, eine Sprecherin: »Liebe Kärntnerinnen und Kärntner, ich wünsche Ihnen so viel Kraft, wie Sie jetzt brauchen!« Abends dann war ein Fernsehmoderator zu sehen, kein Haider-Günstling übrigens, dessen Kinn vor Rührung zitterte. Anstatt mit journalistischer Distanz über die Zeremonie zuberichten, verlas er einige Zeilen aus der Seelenpredigt. In den Zeitungen nannten angesehene Journalisten Haider einen Tabubrecher.
Onlinemedien richteten digitale Kondolenzbücher ein, und Chefredakteure verglichen ihn mit Robin Hood, der starb wie James Dean. Die Kirchenleute Kärntens meldeten sich zu Wort. Haiders Tod, sagte ein Bischof, »verbindet die Menschen in unserem Land«.
Kein Wort darüber, dass Haider vergangene Woche noch »Sonderlager« für kranke, alte und kriminelle Asylbewerber auf der 1200 Meter hoch gelegenen Saualpe einrichtete. Dass er dort Tschetschenen »konzentrieren« wollte, um sie dem »Endziel« der Abschiebung schneller zuzuführen, wie er sagte.
Vergessen, dass seine Funktionäre Flüchtlingsfamilien samt Kindern in Bussen aus Kärnten warfen, weil der Landesfürst Haider sie für »straffällig« hielt – zu Unrecht, wie Gerichte rügten. Haider hatte darauf eine Antwort: »Diese Richter scheren mich nicht!« Vergessen, dass Haiders Parteileute in den Zeitungen sagten, man könne russische Flüchtlinge eben nicht mitgerichtlichen Verfahren, sondern nur »mit Sippenhaftung zur Rechtsstaatlichkeit erziehen«.
Solche Ansagen mögen in anderen Ländern zu Rücktritten führen, in Österreich hieß es nur: »So ist er halt, der Haider. Er hat ja eigentlich recht.«
Der Grund dafür? Anders als etwa ostdeutschen Rechtsextremisten gelang esHaider, seinem Neofaschismus eine moderne, junge, ideologiefreie, fast sympathische Maske zu verleihen. Zehn Prozent erreichte er bei der letzten Nationalratswahl. Sein Bauernsozialismus mit nationalem Antlitz hätte ihm bei den Kärntner Wahlen im März wohl die absolute Mehrheit gebracht.
In Kärnten sieht man eben keine Glatzen oder Schläger durch Dörfer laufen, sondern zünftige Funktionäre, viele Jungbauern darunter. Die fahren in »rollenden Regierungsbüros« durchs Land, staatlich finanzierten Autobussen, und verteilen Bildungsschecks, Benzinscheks, Mütterschecks und Heizungsschecks. Haider selbst tanzte nächtens mit volltrunkenen Jugendlichen in Diskos, umarmte sie und wirkte dabei nicht einmal peinlich.
»Grins, grins, grins. Griasdi, griasdi, griasdi, 100 Euro, 100 Euro, noch mal 100 Euro. Das sei im Großen und Ganzen das Rezept im Land gewesen. Da ist die verknöcherte, versteinerte Konkurrenz nicht mitgekommen«, schreibt der Kärntner Schriftsteller Egyd Gstettner in seinem Nachruf auf Haider. Es ist ein zutiefst politischer Akt, dass das Land Kärnten auch die Busse zu seinem Staatsbegräbnis am Samstag gratis fahren lässt, »damit alle Kärntner von ihrem geliebten Landesvater Abschied nehmen können«, ehe er eingeäschert und die letzte Ruhe finden wird.
Es ist nicht nur ein beliebter Rechtsextremist gestorben, sondern auch ein frecher, über allen Gesetzen stehender Demagoge und Volkspolitiker mit Weltruhm. »Der Jörg, der sich was traut«, der »euch nie belogen hat« und der Welt da draußen im Namen des Volkes die Zunge herausstreckte. Wer durch Kärnten reist, hört immer wieder zwei Geschichten: dass Haider allen die Hand schüttelte – und dass er sich Gesichter noch jahrelang merkte. Diese in Kärnten zur Perfektion gebrachte Volkspolitik veränderte das ganze
Land. Österreich »verhaidere«, prophezeite die Publizistin Sigrid Löffler bereits in den neunziger Jahren. Anstatt sich dem offenen Europa zu stellen, gefiel sich die Alpenrepublik als gallisches Dorf. Es ist kein Zufall, dass Österreicher am kritischsten gegenüber der EU eingestellt sind.
Haider wollte ein anderes Österreich – und er hat es bekommen. Nun liebt es ihn. Seiner Liebe zu seinen Wählern stand die Verachtung für den Rechtsstaat, seine Häme für Minderheiten und sein doppeldeutiger Spott für die »ideologische Missgeburt« Österreich gegenüber. Die roten und schwarzen Systemparteien wollte er mit »Blausäure« (so Haiders damalige Parteifarbe und der Name jenes Giftgases, mit dem Juden vernichtet wurden) unschädlich machen. Vergiftet hat er ihre Politik allemal. Die SPÖ koaliert heute mit der Kronen Zeitung, die gegen Europa agitiert. Die ÖVP fordert auf Wahlplakaten eine extrem rigide Ausländerpolitik.
Haider aber inszenierte sich derweil immer mehr als Staatsmann und Landesfürst. Er gefiel den Leuten, die zu kurz gekommen waren oder dies zumindest glaubten. Sie wählten ihn, damit er die rot-schwarze Parteibuchwirtschaft beseitigt – doch sie nahmen es hin, dass er seinen eigenen Feudalismus errichtete. In den sechs Jahren, in denen die Haider-Partei mit Wolfgang Schüssels ÖVP das Land regierte, griff sie genauso unverschämt nach öffentlichen Ämtern und Geldern wie die »Altparteien« zuvor.
Am Tag nach Haiders Tod verstiegen sich Kommentatoren zu der Behauptung, Haider sei für das Land so wichtig gewesen wie Bruno Kreisky. Das war jener sozialdemokratische Sonnenkönig, der Österreich in den Siebzigern öffnete, modernisierte und die geistige Elite »ein Stück des Weges« mitgenommen hatte. Dabei war Haider das Gegenteil des Demokraten Kreisky. Er war einer, der SS-Offiziere »anständig« nannte, einer, der Plakate gegen Künstler anbringen ließ, auf denen sich der Name von Elfriede Jelinek, der Literaturnobelpreisträgerin, auf Dreck reimte. Haider war einer, der jüdische Österreicher verhöhnte und der Urteile des Verfassungsgerichtshofes einer Volksabstimmung unterziehen wollte, weil sie Minderheitenrechte betrafen. Er war, sagt seine langjährige Wegbegleiterin und spätere Konkurrentin Heide Schmidt, Gründerin einer liberalen Partei in Österreich, »ein Mensch, der nie verlieren konnte – und deshalb ständig die Spielregeln änderte«. So lange, bis die Leute glaubten, er selbst sei das Gesetz. Deshalb gibt es in diesem Land – anders als in Deutschland – keine rote Linie mehr, die Politiker wie er nicht zu überschreiten wagen.
Deshalb glaubte Haider am Ende vielleicht auch, mit 145 Stundenkilometern über die regennasse Fahrbahn im Ortsgebiet der kleinen Gemeinde Lambichl brettern zu können.
Nachtrag, 16.10.2008: Die Schriftstellerin und Journalistin Sandra Pfeifer hat einen treffenden Text zum Tod Haiders geschrieben, der für den Falter leider ein paar Stunden nach Redaktionsschluss kam. Hier ist er zur Nachlese


Diese posthume Haiderglorifizierung ist wirklich nicht mehr zum aushalten. Danke für diesen wahren Kommentar.
Danke für einen der wenigen kritischen Artikel zu Ableben Jörg Haiders!
Sehr guter Artikel! Waren aber nur 142 km/h…
Die “verknöcherte, versteinerte Konkurrenz” wird jetzt wieder das sagen haben. Und Mist baue.
Und wenns so weitergeht wirds nit lange dauern bis zum nächsten Haider. Man kann nur hoffen das es nicht der Strache wird…
Einer der wenigen kritischen, aber nicht gehässigen Artikel zum Thema. Danke, Florian Klenk!
Zum Glück gibt es auch bei uns in Österreich ein paar Journalisten, für die man sich nicht schämen muss.
Bei aller gebotenen Pietät: Nachdem der Schock über den unerwarteten und gewaltsamen Tod nachgelassen hat, sehe ich immer noch keinen Grund, die Taten und Worte Haiders positiver zu sehen.
Vielmehr passte das Ende zum Polit- und Lebensstil: Risikofreudig, voll Selbstüberschätzung und verantwortungslos – inzwischen weiß man ja auch, dass sich der Landeshauptmann volltrunken ans Steuer seines PS-starken Dienstwagens gesetzt hat.
Danke.
Danke für diesen Kommentar. Hierzulande hat die Haider-Glorifizierung ja schon beinahe jedes Medium erfasst.
ohne pietätlos sein zu wollen, ein großteil österreichs ist nicht in tiefer trauer ob des ablebens eines “großen” politikers. die zustände in ö werden im artikel gut beschrieben, allerdings ist dies schon lange so und für demokratische, “wache” österreicher schon lange schwer auszuhalten.
Besser kann man es nicht beschreiben.
Ja, positiv ist er für viele Menschen nicht immer aufgetreten, aber dennoch war er zumindest eine Herausforderung für die “guten” Kräfte in Österreich!
Obwohl ich nicht rechtsgelagert denke, kann ich die Leute verstehen, die den Globalismus nicht gutheissen! Schliesslich geht es darum, seine eigene Existenz beibehalten zu können und nicht dafür einzustehen, dass die “halbe Welt” sich beispielsweise in Kärnten für den Rest ihres Lebens niederlassen können.
Die Asylpolitik war schon immer widersprüchlich gesehen und so auch in Kärnten. Also ist es die Angst der Bürger, die Jörg Haider beflügelte – oder?
DANKE! – von einer ehemaligen Kärntnerin die die Welt in Kärnten nicht mehr versteht.
ausgezeichneter Artikel
time to come time to go
Es ist erschreckend, mit welcher selbstverständlichkeit einzelne Wörter aus Ansprachen und Interviews, die Dr. Haider in seiner langen Laufbahn von sich gegeben hat, von Leuten wie Ihnen mit der Nazi-Ideologie belegt werden. Das selbe Spielchen könnte man mit allen anderen Politikern in Europa auch spielen, aber das macht halt keiner. So wie es der News immer gefallen hat, Dr. Haider mit erhobenem rechten Arm abzubilden, was ja recht einfach war, hat er doch oft stark gestikuliert, man muss nur im richtigen Moment abdrücken.
Erschreckend ist auch, dass Leute wie Sie nun nur das “schlechte” sehen wollen, den in der von Ihnen angedichteten Form nie so vorhandenen Ausländerhaß, aber das von ihm geleistete Gute wird mit keinem Wort gewürdigt.
Als Joschka Fischers Karriere als linker Polizistenschläger bekannt wurde, waren das nur Jugenddummheiten, bei Haider wäre das wohl der Auftakt zu einer weitern Hetzjagd geworden.
Es war sicher nicht alles gut, was der “Jörgl” gemacht hat, aber man kann ihm nicht absprechen, für “seine” Kärtner das Beste im Sinn gehabt zu haben.
Als ehemaliger Kaerntner danke ich fuer die richtigen Worte zum Tod Joerg Haiders.
Herzliche Gruesse an die Eingeborenen in Kaernten und Oesterreich.
Aus dem Exil
Karl P.
wenn sie hr klenk oder wie sie heissen, einmal sterben wird keine einzige kerze brennen!
sie sind ein kleiner hasserfüllter schreiberling —sie bringen nichts und sie schaden auch nicht—-
Hab grade Ihren Artikel in der ZEIT gelesen, und möchte mich ganz herzlich dafür bedanken!