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25. Sep 2008

Onkel Hans greift ein

Österreichs mächtigster Verleger nutzt den Wahlkampf zu einer Kampagne gegen die EU (für die Hamburger ZEIT 40/08)
Gerne zeigte er sich auf der Terrasse des Landtmann, dem noblen Café im Schatten des Burgtheaters. Mit seiner silbernen Limousine ließ er sich wie ein Staatsmann vorfahren. Hier, wo die Wiener Gesellschaft morgens ihr Kipferl in die Melange taucht, da nickten die Kellner ehrfürchtig, wenn er auf einen Gugelhupf vorbeikam. Gäste blickten über den Rand ihrer Zeitung, sie wollten sehen, mit wem er sich hier wohl trifft. „Schau“, hörte man sie murmeln, „der Dichand!“.
Hans Dichand, Herausgeber der Kronenzeitung, ist der mächtigste Mann Österreichs: 3,8 Millionen Menschen lesen sein Blatt, dabei


gibt es nur acht Millionen Österreicher. Die Krone ist, verglichen mit der Einwohnerzahl des Landes, die größte Zeitung der Welt. Springers Bild bräuchte 40 Millionen Leser und zehn Millionen verkaufte Exemplare, um ähnlich einflussreich zu sein.
Dichand wurde hier im Landtmann schon länger nicht mehr gesehen. Er sei gestürzt, vermeldeten die Zeitungen. Ein Raunen ging durch die Stadt, als ob der letzte Kaiser hingefallen sei, so kurz vor dieser Wahlschlacht, am kommenden Sonntag. Jetzt residiere er wieder in der Chefetage der Krone, 16. Stock, Blick über Wien und lese die geliebten deutschen Weltblätter, sagt eine Vertraute. Der 87jährige sei guter Dinge, manchmal etwas verwirrt. Seine Macht aber ist größer denn je.
Hans Dichand hat die kommenden Wahlen mit einer beispiellosen Anti-EU-Kampagne geprägt – und er hat die SPÖ dabei auf seine Seite gezogen. Wenn sein Kandidat, der neue SPÖ-Chef Werner Faymann, gewinnt, so die Lektion für Europa, dann lohnt sich der Aufstand gegen Brüssel – und nicht der Anstand.
Deshalb avanciert dieser Wiener Wahlkampf und die Geschichte dieses zügellosen Zeitungsmachers Hans Dichand auch zu einem europäischen Thema. Der Fall zeigt, dass ein einzelner Medienzar nun einen ganzen Kontinent in Geiselhaft nehmen kann. Denn Werner Faymanns erste Amtshandlung als Parteichef war es, gemeinsam mit dem Noch- Kanzler Alfred Gusenbauer einen Brief an den „Sehr geehrten Herausgeber“ Dichand zu verfassen, um die nach Wahlschlappen darnieder liegende SPÖ wieder hoch zu reißen. Nicht weniger als eine 180 Grad-Wende in der heimischen EU-Politik versprachen die beiden Spitzenpolitiker dem alten Fuchs, noch ehe sie die Parteigremien oder gar den Koalitionspartner ÖVP davon informierten. Jeder EU-Vertrag, der wesentliche Auswirkungen auf Österreich hat, solle nach irischem Vorbild künftig dem Volke vorgelegt werden. Auch die von der Wirtschaft herbeigesehnte vorzeitige Öffnung des Arbeitsmarktes Richtung Osten werde nicht kommen, versicherten die SPÖ-Granden und hofften auf Hans Dichands Gunst. „Es reicht!“, polterte Willhelm Molterer, der etwas biedere ÖVP-Chef und kündigte Anfang Juli die glücklose Große Koalition.
Von einem „Dokument der Schande“, war nun die Rede, die Salzburger Nachrichten druckten am Titelblatt einen Hintern, in den der „Popolist“ Faymann kroch. Sogar ein SPÖ-Mandatar beklagte, „die Haut eines Aales ist rau“, im Vergleich zu Faymann. Als Marionette Dichands karikierte ihn die Presse.
Doch all das schadete Faymann nicht. Im Gegenteil: Der farblose, bis vor kurzem eher unbekannte Infrastrukturminister gewinnt die Zuneigung des Volkes. – dank der Unterstützung von „Onkel Hans“, wie Faymann den Zeitungsmacher seit Jugendtagen angeblich nennt.
Man kennt einander seit langem. Faymann und Dichand urlaubten gemeinsam in Italien, sie frühstücken gelegentlich in Cafés. Dichand förderte Faymann schon, als der noch Obmann der mächtigen Mietervereinigung war. Den Lesern der Krone durfte er Tipp und Tricks gegen mächtige Hausherrn geben. Als Faymann zum Wohnbaustadtrat avancierte, schlossen die beiden so genannte „Medienkooperationen“ in denen der Politiker persönlich die neuesten Sozialwohnungen des Roten Wien anpreisen durfte – per Inserat bezahlt von der Stadt Wien. Die Nähe war so groß, dass das Gerücht ging, Dichand sei Faymanns Vater. Der Alte dementierte per Leitartikel. Er schrieb allen Ernstes, Faymann sei nicht sein Sohn.
Onkel Hans, so scheint es, hat sein letztes politisches Ziel erreicht. Die Sozialdemokratie beschert ihm diesmal zwar keine Steuererleichterung für ausländische Kolporteure oder ein weiteres zahnloses Kartellgesetz, nein, sie änderte gleich ihre Europapolitik. Dichands jahrelange Kampagne gegen das Brüsseler Diktat, die von ihm organisierten Demos vor der Hofburg, seine Artikel voller „Zorn gegen die EU-Bürokratie“, all das wird jetzt salonfähig.
So fordern die Methoden des starrsinnigen Medienzaren auch Brüssel heraus. Denn Österreich ist seit 1995 keine Alpenfestung mehr, sondern ein EU-Mitglied mit Vetorecht. Hans Dichand könnte für Europa bald eine ähnliche Rolle spielen wie der Ire Declan Ganley, jener Rüstungsmilliardär, der sein Land trotz ökonomischen Booms zu einem Nein gegen Europa aufwiegelte (siehe die ZEIT. 24/08). Sollte es zu einem neuen EU-Vertrag kommen, die Sozialdemokraten würden ihn einem Volk vorlegen, das laut Eurobarometer so EU-feindlich ist, wie kein anderes.
Das Paradoxe daran. Wie in Irland, boomt auch Österreich dank der EU. In den Touristenzentren arbeiten Ossis, weil sie hier Jobs finden. Eine verlorene Unterschicht gibt es in den Städten ebenso wenig wie Neonazis in der Provinz. Im Gegenteil: das kulturelle Leben in der ehemals so angestaubten Metropole der Hofratswitwen floriert dank offener Grenzen.
Was treibt Hans Dichand also an? 1921 wurde er als Sohn eines steirischen Schuhmachers in ärmliche Verhältnisse geboren und arbeitete sich zum Selfmade-Millionär hoch. Er absolvierte eine Druckerlehre, diente als Matrose bei der NS-Marine, schrieb Meldungen für den Englischen Nachrichtendienst in Graz und bewarb sich 1946 nahezu ohne journalistische Erfahrung als Chefredakteur einer Provinzzeitung. Immer wieder erzählt er von der Not die er im Graz der Nachkriegszeit erlebte, berichtete von Müttern, die den Müll aus der Mur fischten, um zu überleben. 1959, Dichand kündigte als Chefredakteur des Wiener Kurier, gründete er mit seiner Abfindung die Kronenzeitung. Die Lizenz für den Namen erwarb er von einem beliebten Blatt aus der Habsburgermonarchie, die nur eine Krone kostete.
Mit dubioser Hilfe der Gewerkschaft (ein damaliger ÖGB-Präsident wanderte ins Gefängnis, weil er Dichand widmungswidrig Gewerkschaftssparbücher zur Besicherung von Krediten aushändigte) hatte er sein Blatt zu einer Großmacht aufgebaut. Kurt Falk, ein ehemaliger Waschmittelverkäufer von Persil, verkaufte die Zeitung mit neuen Methoden. Er steckte sie Sonntags in Plastiktüten, die in Wien an jedem Laternenpfahl hängen. Die Zeitung wird noch heute aus den Tüten geklaut, die Auflage aber steigt dadurch.
Mehrmals versuchte die SPÖ Dichands goldene Gans mit Hinweis auf die widmungswidrig verwendeten Gewerkschaftssparbücher zu entreißen, vergeblich. Dichands Macht wuchs und wuchs. Selbst Sonnenkönig Bruno Kreisky spazierte mit ihm durch die Weinberge Grinzings.
Dichand protestiert, wenn man sein Blatt als „Boulevardzeitung“ verhöhnt. Es ist eine politische Volkszeitung. Sie lockt mit Kindern, Mädchen, Tieren und gutem Sport – doch im Politikteil regieren Stammtisch und Ressentiment. Sonntags gibt sogar der Wiener Erzbischof seinen Segen per Kolumne dazu.
Das Blatt steht zwar im Hälfteeigentum des deutschen WAZ-Konzerns, doch mitzureden, das stellte Dichand in einem erbitterten geführten Machtkampf mit den Deutschen vor einigen Jahren klar, haben die Piefke hier nichts. Schon gar nicht bei den Kampagnen, die er gegen „Atomstrom aus dem Osten“, gegen „linkslinke“ Politiker oder gegen die „Asylantenflut“ führte. Als der deutschfranzösische Kultursender Arte es im Jahr 2002 wagte, eine beeindruckende, aber kritische Dichand- Doku zu senden (Dichand frühstückte darin mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil seinen geliebten Guglhupf), verschwand der Kanal einfach aus dem Fernsehprogramm der Krone. „Man hat Angst, also arrangiert man sich“, meinte in verblüffender Offenheit der frühere Mediensprecher der Christdemokraten, Helmut Kukacka.
Wo Dichands Zorn hinfällt, da blüht Vernichtung. Österreichs Außenministerin Ursula Plassnik und ihre ÖVP spüren das dieser Tage. Auch Plassnik hatte einen offenen Brief in Sachen EU an Dichand geschickt. Sie unterschrieb ihn aber mit dem Wörtchen „unbeeindruckt“. Dichand hatte die deklarierte Europäerin in seinem Blatt zuvor als eitle Bürokratin verhöhnt, weil die in einem vertraulichen Treffen seine Anti-EU-Kampagne nicht unterstützen wollte . Die ÖVP so prophezeit Dichand wütend, werde die Wahl nun wohl verlieren. „Onkel Hans“, schrieb der Standard, „regiert die Republik“.
Es ist eine verschworene Mannschaft, die Dichands Zeitung macht. Da wäre„Herr Strudl“, der gehässiger Kaffeehausgast, der die EU-Parlamentarier in kleinen Spottzeilen als EU-Parasiten beschimpft. Oder Reimeschmied Wolf Martin, der zwischen den Zeilen zu Hitler Geburtstag jubelte. Oder Adrian Hollaender, der Sohn des Staatsoperndirektors. Als Professor einer rumänischen Universität gibt sich der Beau mit der Schmalzlocke aus und erstellt solcherart abenteuerliche Expertisen über die Machenschaften Brüssels. Der selbsternannte EU-Privilegienritter Hans Peter Martin, Ex-Korrespondent des Spiegel, nun Abgeordneter in Brüssel, schreibt auch für die Krone. Herzstück ist die von Dichand persönlich betreute und gefürchtete Leserbriefseite „Das freie Wort“. EU-Bürokraten werden hier schon mal mit Nazis oder Kinderschändern verglichen, Politiker auf das Übelste verhöhnt. „Die Wertegemeinschaft EU verhält sich wie jener Inzest-Täter, der lachend in Thailand urlaubt, während seine Kinder im Keller dahinvegetieren“, schrieb ein Leser.
Die Spitzen der Republik nehmen die Seite ernst. Außenministerin Plassnik wies ihre Mitarbeiter an, die Leserbriefschreiber persönlich zu Hause zu besuchen, wie sie selbst erzählt. Bundespräsident Heinz Fischer mahnte, der Nationalrat dürfe nicht „durch das Institut des Leserbriefes abgeschafft werden“. Sofort ergriff eine Leserin das „Freie Wort“ und nannte Fischer, den „nächsten Vernichter Österreichs.“.
Was Dichand offensichtlich verdrängt: er selbst war es, der dem Land in den frühen Neunziger Jahren den Pro EU-Kurs der Großen Koalition schmackhaft machte. „Auch in EU keine Ausländerflut!“ titelte er und ließ den damals so geschätzten „Doktor Haider“ links liegen.
Was treibt ihn also heute an, seine Ideen von einst zu verraten? Die Angst um das geliebte und unabhängige Vaterland, sagen seine Vertrauten in der Krone. Die Pläne der EU, Österreichs „Marillenmarmelade“ in „Konfitüre“ umzubenennen habe ihn wütend gemacht. Vielleicht ist es aber auch nur das Gespür eines gewitzten Blattmachers für das was man vor sechzig Jahren das „gesunde Volksempfinden“ nannte.
Noch immer findet Österreich wohl auch wegen Dichand keine linksliberale Mehrheit. Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Zuwanderung – der Nährboden der Populisten –sinken zwar, doch die Rechten sind im Aufwind. Ihr Feind ist diese lähmende Große Koalition, die sich nur noch in Streit ergeht, weil die großen Linien in Wahrheit in Brüssel vorgegeben werden. Neben dem von Dichand einst so verehrten Haider kandidiert aber jetzt auch dessen politischer Ziehsohn Heinz Christian Strache, ein Mann der in den Neunzigern mit Neonazis durchs Unterholz robbte und nun als FPÖ-Chef auf bis zu zwanzig Prozent der Stimmen hofft. Eine eigene Krankenversicherung für Ausländer fordert er, damit die nicht so leicht an künstliche Hüftgelenke kommen – eine Forderung, die Krone Kolumnisten früher wohl entzückt hätte.
So ist sie die politische Bühne in diesem widersprüchlichen Österreich. Banken, Versicherungen und Baufirmen expandieren Richtung Osten, immer mehr internationale Konzerne siedeln im lebenswerten ihre Zentralen an, Kleinbetriebe im Grenzland boomen. „Kultur und Wirtschaft“, sagte der Konservative Gerhard Bacher, ehemals Chef des Staatssenders ORF, „sind internationale Festspiele“, Politik und Medien aber böten nur ein billiges Laientheater. Das Drehbuch dafür schreiben Dichands Leute Tag für Tag. Dichter Wolf Martin etwa reimte kürzlich: „Glatt ist der Faymann wie ein Aal?/ Nein mutig ist er und sozial. (…) Mit klarem Wort und offnem Blick/ macht er die beste Politik!“
Florian Klenk war Redakteur der ZEIT und ist stv. Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter.

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  1. Flow ErLeben
    1. Januar 1970, 00:00 | #1

    ‘…verschwand der Kanal einfach aus dem Fernsehprogramm der Krone. „Man hat Angst, also arrangiert man sich“, meinte in verblüffender Offenheit der frühere Mediensprecher der Christdemokraten, Helmut Kukacka.’
    DA fehlt doch was, nicht?
    Ich tippe so ungefähr auf “…wurde die Ausstrahlung damals von der ÖVP-nahen ORF-Führung untersagt. “Man hat Angst, also arrangiert man sich“, meinte in verblüffender Offenheit der frühere Mediensprecher der Christdemokraten, Helmut Kukacka.”

  2. Karin Resetarits
    1. Januar 1970, 00:00 | #2

    ein schmerzhaft wahres sittenbild der republik. thomas bernhard-preis-verdächtig. gratulation. lg karin resetarits

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