Herr Missethon schaut dem Volk aufs Maul

Ein Spaziergang mit dem Generalsekretär der ÖVP durch Ottakring. Mit überraschendem Ausgang. (für Foto)

Missethon.pngIch bin der Missethon Hannes von der ÖVP, ich wollt schauen, wie es euch hier geht.“ Missethon steht jetzt beim Trafikanten in der Thaliastraße. Der Trafikant sagt: „Den kriminellen Ausländern solltat ma an Stempel aufs Hirn brennen, so wie bei die Pferd.“

Missethon schluckt. Er wird später sagen, dass es ihn „schon oft reißt“, wenn er mit dem Volk redet. Der Trafikant wird Missethon auch noch mit anderen Lösungsvorschlägen verwirren. Er sagt zum Beispiel, dass es gar nicht die Ausländer sind, die den Geschäftsleuten hier das Leben schwermachen. Es ist alles ganz schön kompliziert, zumindest hier im Sechzehnten.

Wie einfach ist da die Welt eines Politikers

vom Schlage Missethons. Die Ottakringer, so diktierte er dem Standard, seien „in Wien schlafen gegangen und in Istanbul aufgewacht“. Zum Ausländerghetto sei etwa der Brunnenmarkt verkommen. Man sehe dort „Burkas“. Und man müsse „über Quoten für Bezirke nachdenken“.

Ein bisschen Apartheid in Wien? Eine neue Leitkulturdebatte? Missethon steckt sich eine Marlboro an, er schmunzelt: „Ich habe zugespitzt, weil man in diesem Land sonst nicht gehört wird.“ Wie einer, der es „denen da oben“ so richtig reinsagen will, klingt er jetzt. Doch Hannes Missethon ist einer von „denen da oben“. Er ist der Generalsekretär der Österreichischen Volkspartei. Er ist der oberste Parteimanager der Christdemokraten. Man muss ihn ernst nehmen, auch wenn es zu seinen Aufgaben zählt, als Mann fürs Grobe aufzutreten.

Missethon sagt, es gehe ihm nicht um Wahlkampf, sondern um „die Sorgen der Altösterreicher“, die unter der Wohnpolitik des ehemaligen SP-Wohnbaustadtrats Werner Faymann leiden. Der heutige SPÖ-Chef habe die Gemeindebauten mit Ausländern vollgestopft, die Zinskasernen verfallen lassen. Problembezirke seien entstanden. Missethon weiß natürlich, dass das so nicht stimmt, obwohl er erst seit eineinhalb Jahren in Wien lebt. In Wahrheit wurden die Gemeindebauten jahrzehntelang nur an Österreicher vermietet – trotz Warnungen von Integrationsexperten. Das führte zur Konzentration von Ausländern in Bezirken, die Missethon nun „Ghetto“ nennt. Faymann war’s, der die Gemeindewohnungen für „Notfälle“ öffnete. Aber darum geht es Missethon nicht. Er sagt Ghetto, weil das nach Slum und Scharia klingt. Er sagt, die „Multikultis“ würden wegsehen.

Also einmal genau hinsehen. Einen ganzen Nachmittag – mit Missethon. Er wartet im Schanigarten des Gasthauses Futtertopf, obere Thaliastraße. Hier ist Ottakring alt. Die jungen Türken leben weiter unten, beim Gürtel, die Cottage ist noch ein paar Kilometer stadtauswärts. Es gibt hier Mittagsmenüs für 5,50, Blunzn, Gordon, Gebackenes, Essen für die „Hiesigen“. Die sitzen an diesem strahlenden Tag drinnen, rauchen Memphis und hören Radio Niederösterreich, während ihnen der ausländische Wirt das Essen serviert. Die anderen Wirte verkauften längst an Chinesen, Jugos und Türken. Deren Buden sind voller Leben, ein Leben, das mittlerweile auch die junge urbane Mittelschicht Richtung Ottakring lockt. Aber Hannes Missethon sagt: „Es sind einfach zu viele Ausländer hier.“

„Sie müssen sich benehmen lernen“, klagt er. Man möchte Missethon Max Winters „Ein Tag in Ottakring“ in die Hand drücken, damit er nachlesen kann, dass hier schon im Jahr 1901 keine „Ordnung“ herrschte. Von Armut, tschechischen Einwanderern ohne Deutschkenntnisse und lärmenden Kindern wusste der Journalist und spätere Wohlfahrtsstadtrat Winter zu berichten. In „schattenlosen, verwahrlosten, stauberfüllten Unterbrechungen der geraden Straßenzüge (...) deren Wiesenflächen sonnverbrannt, verstaubt daliegen und Mistablagerungsstätten geworden sind“, tollten die Gschrappen herum. Winter meinte die Gegend rund um den heute so hippen Yppenplatz. Es waren damals tatsächlich Ghettos, vergessen von der Stadt.

Was plagt die Leute heute? Missethon erhält überraschende Antworten. Das fängt schon bei diesem Trafikanten an, der Kriminelle wie Pferde brandmarken will. Während ringsum die Auslagen mit Packpapier verklebt sind, herrscht in der Trafik dank Tabakmonopol noch reges Kommen und Gehen. Aber die Angst, auch bald zusperren zu müssen, ist groß. Missethon fragt: „Wie ist das mit den Ausländern hier, fühlt ihr euch fremd?“ Man würde nun ein Deix-Spira-artiges Geifern erwarten. Aber die Trafikanten sagen: „Wir wären im Konkurs, wenn es keine Ausländer gäbe. Die Unsrigen fahren auf Urlaub und tun nur noch schmuggeln.“ Wer trägt also Schuld am Niedergang der oberen Thaliastraße? Der Trafikant sagt: „Niederösterreich!“ Der Speckgürtel. Die Abwanderung der Geschäfte ins Umland. Der Wohlstand, der die hiesigen Ottakringer zu Häuslbauern gemacht habe. „Während wir eingehen, steht der Pröll hochweiß da. Machts was!“, sagt der Trafikant.

Missethon stutzt. Dann sagt er: „Wir brauchen einen Ordnungsrahmen! Die Ausländer sollen Deutsch lernen, arbeiten und sich anpassen!“ Er wird diesen Satz mindestens 30-mal wiederholen an diesem Nachmittag. Die Trafikanten nicken: „Das tun die ja eh.“ Da drüben wohne ein Vorzugsschüler, „ein Jugobua“.

Nächstes Ghetto? Ein kleiner Park. Missethon beklagt am Weg dorthin, dass so viele Ausländer seit Jahrzehnten in Wien leben und ihre Frauen noch immer kein Deutsch sprechen. Man müsse sie in Deutschkurse drängen, wenn es sein muss auch mit finanziellen Sanktionen.

Während Missethon so redet, schaukeln Mädchen im Park, der so ungewöhnlich sauber ist, als hätte ihn die rote Bezirksvorstehung zu Fleiß zusammengekehrt. Mütter tratschen auf Parkbänken, alles ist friedlich. Ein paar Schritte von hier gibt es sogar ein Kinderfreibad, direkt an der Thaliastraße. Der rote Bezirkskaiser hat seinen Namen so fett an die Außenwand des Bades geschrieben, als ob er das Bad höchstpersönlich geschaufelt und eingelassen hätte.

Im Park hinkt jetzt ein Serbe zu seinem Bankerl, daneben hat seine mürrische Frau Platz genommen. „Ich bin der Missethon Hannes von der ÖVP“, sagt Hannes Missethon, „und woher kommst du?“ Missethon duzt die Leute. Nicht aus Überheblichkeit, sondern weil er es aus seiner Heimat Leoben so gewohnt ist. Der Serbe sagt, er sei Donauschwabe aus der Vojvodina. Er mustert Missethon: „Ich Ihnen kennen aus Fernsehen.“ Seit 1966, Missethon betrat gerade die Volksschule, lebt er hier. Als Kellner im Schweizerhaus und als Pfleger in Lainz hatte er geschuftet, die Tochter, heute ist sie Ärztin, sollte es besser haben. Seine Frau kann kaum Deutsch, dabei lebt sie schon seit 35 Jahren hier. „Zu viel Ausländer“, sagt der Serbe, „so Mischmasch hier.“ Aber wenigstens sein Arzt sei noch Österreicher und spreche Deutsch. Missethon nickt: „Wir brauchen einen klaren Ordnungsrahmen.“ Der Serbe sagt: „Ich bin Ihre Seite.“

Missethon geht Richtung Brunnengasse. Die Stadt saniert den Markt gerade mit EU-Geld, sie baut Wohnungen, aus denen in ein paar Jahren Aperol-Spritz-trinkende Bobos auf den Markt herabschauen werden. Die Brunnenstraße ist seit fast zwei Jahren aufgerissen, die Geschäftsleute stöhnen und wissen nicht, wie sie das durchstehen sollen. Sie fürchten, dass sie weg sein werden, wenn neue Zuzügler alles schick finden. Alles werde nun teurer, die Mieten, die Standgebühren, sagen sie. Wer soll da überleben?

Missethon stoppt beim Würstelstand. Er sagt: „Gib mir eine Burenwurst.“ Neben ihm lehnt ein Serbe, „Import-Export“ von Beruf. Er legt jetzt los, so, als ob er den „Tschusch“-Sketch von Lukas Resetarits auswendig gelernt hätte. Darin beschimpfen sich ein Jugo und ein Türke, nachdem der Türke den Jugo fragte: „Tschuldigen Chef, wo Thaliastraße?“ Der Sketch endet damit, dass der Jugo dem Türken das Wienertum abspricht. Er sagt: „Du nix trinkta Gspritza mit Chef! Du nix essta Burenheidl!“ Ein Österreicher, der den beiden in der Straßenbahn zuhört, wünscht sie auf die Gastarbeiterroute, damit sie sich „endlich derstessen“. Der Serbe hier am Brunnenmarkt sagt: „Strache hat Recht.“

Es hat sich seit Resetarits kaum was geändert hier auf der Thaliastraße. Statt der Türken werden nun halt die „Singsing“ verwunschen, die Inder und Pakistani. Einer von ihnen verkauft hier Schuhe um fünf Euro. Der Serbe sagt: „Wos is des do! Nur mehr lauta Fetznstandln, tuat a was da Politik! Ich kaufen Schuhe in Lugnercity, aber net da!“ Früher habe es hier noch frisches Obst gegeben, „vom Türken!“

Missethon beißt vom Würstel ab, dass es nur so knackt. Was er wohl denkt über diesen Serben? Sind das jetzt „Altösterreicher“? Der Serbe jedenfalls sagt: „I sein Ottakringer.“ Eine geschenkte Wohnung in Favoriten würde er nicht gegen seine Bleibe hier tauschen. Missethon sagt: „Wir brauchen einen Ordnungsrahmen.“

In der Konditorei gegenüber leben Leute, die Missethon „Altösterreicher“ nennen würde. „Wir sind nur noch fünf Hiesige am Markt“, sagt die Besitzerin. „Hier bei uns wird aber noch Deutsch gesprochen“, ergänzt ihr Mann. „Eine schöne Konditorei haben Sie!“, sagt Missethon. Statt Kebab und Baklava gibt’s hier Malakoff und Mayonnaise-Ei. Den zwei bulgarischen Serviermädeln wird es untersagt, „miteinander auf eanare Sprach“ zu reden, wie die Konditorin stolz erzählt: „Die Kunde will das nicht.“ Und dann sagt sie: „Die schwangeren Rumänerinnen kommen jetzt mit Bussen zu uns! “

Missethon sitzt im Hinterzimmer der Konditorei und lauscht Dialogen, die jeden Sozialforscher herausfordern würden. „Fleißige Leute sans jo, die Türken“, sagt der Konditor, „die arbeiten hart, auch wenn’s den Frauen den Schädel einwickeln“, ergänzt seine Frau: „Sie bestellen ihre Torten bei uns, ohne die würden wir nicht überleben.“ Aber bei der Bestellung, „tuscheln sie auf eanare Sprach“ und „wir stehen deppert daneben. Wie sollen wir die Leute denn beraten?“ Zu den Türken sagt sie: „Ihnara Kind wird a Trottl bleiben, wenn’s kein Deutsch lernt.“

Die Bäckerin fühlt sich verloren. Im Stiegenhaus gratuliere zum Beispiel niemand mehr zum Geburtstag. Aber die Türken draußen kennt sie alle persönlich. Wirklich „unheimlich“ sei ihr nur der „Ruaß“. Etwa dieser Rumäne, der „illegale Bohrmaschinen verkauft“. Die „Bettlerqualität“, sagt ein Polizist, der kurz vorbeischaut, „ist vor allem bulgarisch und rumänisch.“ Die Kriminalität sei aber kaum gestiegen.

Die Konditorin kann sich sogar darüber echauffieren, dass die Äpfel bei den Türken so glänzen. „Wahrscheinlich haben die lauter Schwarzarbeiter, die das Obst putzen müssen!“ Missethon nickt. Er spaziert noch einmal durch die Brunnengasse. „Wie in Istanbul“, sagt er und lächelt. Er ist keiner, den das Gewusel der Kulturen erfreut. Er hätte hier wohl lieber steirische Obstbauern, das spürt man.

Die türkischen Händler schreien die Preise ihrer Früchte auf Wienerisch herum. Einer schleppt Kisten, ein „Singsing“ wedelt über seine 5-Euro-Schuhe, daneben macht seine Tochter Hausübungen. Die Leute sorgen dafür, dass dieses Grätzel floriert. Missethon aber sagt, man solle ihnen Ordnung beibringen, etwa wie man Müll entsorgt, nämlich „net afoch danebenhauen“. Missethon weiß natürlich, dass alles viel komplizierter ist, hier in Ottakring. Aber er sehnt sich nach jener Ordnung, die sein Leben prägte. Er weiß, dass es nicht besser wird, wenn die Türken und die „Singsing“ von hier verschwinden. Die Gegend würde absterben, so wie in der Thaliastraße, wo die Pensionisten selbst bei Sonnenschein drinnensitzen.

Vielleicht ist es das, was ihm so Angst macht.

Kommentare

da bereiten eigentlich seriöse politiker wie missethon mit ihrer haider-strache-imitationen den boden für menschenverachtende meinungen und meldungen auf... und dann reißt sie's, wenn das die bevölkerung drauf einsteigt und verbal die sau rauslässt...

Es ist schwer nicht mit Missethon zu sympathisieren. Ich fühle mich als Ottakringer wohnend beim Brunnenmarkt eigentlich mehr ex-tegriert, als sich die Ausländer, seien es hier geborene oder zugereiste, integriert fühlen. Der gesamte Status trennt einfach Inländer von Ausländern in Verhalten, Benehmen und schlicht im auf Einander-Zu-Gehen. Und dieser Verschnitt von Islamismus, der hier herrscht, der einfach nur gestrig ist, und nicht viel mit modernen Konzepten seiner selbst zu tun hat, beleidigt mich als hier lebende. Ich werde angepöbelt, weil ich alleine auf der Strasse gehe, bis ich mich klar als Österreicherin zu erkennen gebe und die Rufer plötzlich kapieren, dass sie mich nicht als eine der ihren behandeln können. Aber täglich halte ich das nicht durch, und meide meine eigene Wohngegend immer mehr. Was ich mir wirklich wünschen würde, wäre einfach mehr Polizeipräsenz auf den Strassen, die auch mal als Sittenpolizei agieren darf. Sie darf ja Leute vom Platz verweisen und sie soll durchaus auch mal ein paar der Schreier zum Schweigen bringen. Selbst zur Wehr setzen kann bzw. darf ich mich ja sogar in unserem Rechtssystem nicht, verbal ja - aber das ging als 45kg Z'nichterl gegen 5 auch schon mal fast schlecht aus.

Max Winters „Ein Tag in Ottakring“
kann man diesen Text irgendwo nachlesen?

Ich habe meine Suche nach einer Kurzzeitwohnung (für einen Kulturaufenthalt) in Wien inseriert und dabei erwähnt, dass ich eine ältere Dame aus einem österreichischen Bundesland wäre... ich kann mich der Angebote gar nicht erwehren... Und fast immer sind es Gegenden mit hohem Ausländeranteil. Das würde mich persönlich nicht stören, aber die offensichtliche Verzweiflung der Vermieter macht mich stutzig und lässt mich um meine Sicherheit fürchten. Ich mag das bunte Treiben, aber ich will natürlich nicht angepöbelt werden usw. (Handtaschlräuber fürchte ich weniger, da ich kein Handtaschl trage). Aber wenn ihr euch selber dort nicht wohl fühlt, dann kann ich mich da als "Fremde aus den Bundesländern" ja auch nicht hintrauen, oder?

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