Beim Haidinger, in Breitenlee

Er war Automechaniker und Österreichs höchster Kriminalist. Dann enthüllte Herwig Haidinger Korruption im Innenministerium. Nun will niemand mehr von ihm wissen.
(Foto: Martin Fuchs)
Kommen sie nach Breitenlee, sagt Herwig Haidinger, dort warte ich bei der Haltestelle auf sie. Er kommt etwas zu spät, er wirkt entspannt. Er wohnt nicht mehr im Zentrum Wiens, er hat jetzt keine Macht und keine Dachwohnung mehr. Sondern ein Haus mit Garten, draußen bei den neuen U1 Stationen in der Donaustadt.
Haidinger war Chef des Bundeskriminalamts, der oberste Kriminalist Österreichs, er saß im innersten Beraterkreis des gefürchteten Innenminister Ernst Strasser. Nun trägt Herwig Haidinger keinen steifen Anzug mehr, sondern Sportschuhe und ein T-Shirt, das ihm lässig aus der Hose hängt. Er spricht auch nicht mehr in diesem vorsichtigen Amtsdeutsch, sondern so wie man in Linz zu sprechen pflegt.
Herwig Haidinger wurde dieses Jahr abgesetzt. Er war zu widerspenstig, zu unberechenbar. Für die Demütigung rächte er sich. Im Frühjahr enthüllte er Intrigen und Verrat, Korruption und Freunderlwirtschaft. Den Staatsanwalt ließ all das kalt – verjährt, nicht beweisbar, winkte die Justiz ab. Aber die Öffentlichkeit war empört. Die Roten stimmten gegen den Koalitionspartner und für einen U-Ausschuss. Tonnen an Akten wurden ins Parlament gerollt. Ganze Heerscharen von Beamten scannten Dokumente der brisantesten Fälle. Alles umsonst. Der U-Ausschuss ist bald Geschichte, weil auch diese Regierung am Ende ist. Im Herbst gibt es noch eine Sitzung. Dann wird die SPÖ das Kontrollgremium abwürgen – weil die ÖVP es so will.
Herwig Haidinger sagt, er wird jetzt in den Urlaub fahren,
zwei Wochen Italien. Er will sich erholen vom Aktenlesen und den Auftritten vor Sonderkommissionen und Staatsanwälten. Tausende seiner Emails musste er in den letzten Monaten sichten. Sie dokumentieren, was er den Spitzen im Innenministerium unterstellt: Jobs wurden nach dem Parteibuch vergeben. Kabinettsleute nächtigten auf Kosten von Waffenvermittlern in schottischen Jagdschlössern. ORF-Redakteure bettelten beim Innenminister um Beförderung. Ermittlungsfehler im Fall Kampusch sollten vertuscht werden. Die ÖVP, so sagte es Haidinger, wollten kurz vor der Nationalratswahl mit delikaten Details aus dem Fall Bawag versorgt werden – ausgerechnet von ihm, dem Hüter von Recht und Ordnung. Er weigerte sich. Die Polityuppies brüllten ihn an, weil er nicht gehorchte. Sie sagen heute, er sei störrisch gewesen. Eine sagt, er sei nie eine Führungspersönlichkeit gewesen. Er solle doch froh sein, dass er fünf Jahre als Kripo-Chef dienen konnte.
In Breitenlee, gleich bei der Busstation, ein Wirtshaus mit Bänken in Eiche rustikal. Die Stadt geht hier ins Marchfeld über, sie ist noch nicht Land, aber auch nicht mehr urban. Haidinger bestellt ein Blunzngröstl. Die Kellnerin scheint ihn zu erkennen. Ein arabischer Taxler, erzählt Haidinger, habe nach seinen Enthüllungen angehalten und gerufen: „Cherr Chaidinger! Cherr Chaidinger! Alles Gute!“ Haidinger lacht, wenn er diesen Schwank erzählt.
Er hat er sich sein Leben wohl anders vorgestellt, damals, in den Siebzigern, als sich der junge Autohändler dazu entschloss, „in die Polizeischule zu gehen, statt anderen Autokredite aufzuschwatzen.“ Er hätte wohl nie geahnt, dass ihn die Leute aus dem Fernsehen kennen und hohe Politiker ihn als „frustrierten Beamten“ beschimpfen würden. Haidinger, der gelernte Automechaniker, war mit Innenminister Strasser in Afrika und Amerika, ein paar Minuten sogar auf dem Zuckerhut von Rio, „aber nur ganz kurz“. Es war ein Hundeleben, diese Zeit an der Seite der Politik, sagt Haidinger, aber auch aufregend.
Herwig Haidinger, geboren 1954, ist Sohn eines Maurers und einer Arbeiterin aus Linz. Das sozialdemokratische Elternhaus prägt ihn. Er geht zum Bundesheer, absolviert Abendmatura und Polizeischule. Am Ende der Karriere steht ein Foto mit Innenminister Günther Platter. Der dankte für seine Verdienste – nachdem er ihn kalt gestellt hatte. Wieso das möglich ist? Spitzenleute wie Haidinger wurden nicht mehr auf Lebenszeit bestellt – sondern nur noch auf fünf Jahre. Unbequeme Beamte können legal entfernt werden. Die Politisierung der Bürokratie erfolgt unter ökonomischem Vorwand.
Man muss Herwig Haidinger nicht als großen Helden abfeiern. Er begehrte ja erst öffentlich auf, als sein Job dahin war. Aber sein Schicksal erzählt einiges über die Politisierung des Polizeiapparats, über die Korruptionsanfälligkeit der Exekutive. Der Fall Haidinger zeigt auch das Schicksal des typischen Whistleblowers, eines Aufdeckers aus den eigenen Reihen. Zuerst wird er gefeiert in den Medien. Aber dann, wenn der Skandal verraucht ist, wird er vergessen und diskreditiert. Gegen Haidinger wird heute wegen Verrat von Amtsgeheimnissen ermittelt. Das Innenministerium, das er angriff, hat ihn angezeigt. Die Justiz winkt auch hier ab.
Schon in den Siebzigern, sagt Haidinger, habe er am eigenen Leibe gespürt, dass es mehr braucht als Anständigkeit, um nach oben zu kommen – und vor allem: oben zu bleiben. Die Freunde hatten ihm Strafmandate hingestreckt: „Herwig, kannst da des net amoi genauer anschauen?“ Herwig schüttelte den Kopf. „Das lohnt sich nicht“. Auf der Wachstube dasselbe Spiel: „Du Herwig, die Wirten beschweren sich schon wegen der dauernden Alkokontrollen“, sagt ein Vorgesetzter. Ein anderer sagt: ‚Du, Kollege, der Dingsda hat angerufen, ein guter Freund von mir, der hat seinen Führerschein verloren, wirst schon das Richtige machen, gell?“ Haidinger macht das Richtige, er straft den Freund. Der Vorgesetzte fragt: „Ich hab geglaubt, wir haben gredt?“ Bei der nächsten Postenbesetzung geht Haidinger leer aus.
Das erzählt Haidinger über seine ersten Jahre bei der Polizei. Es sei sogar gefoltert worden. Watschen, Köpfe ins Wasser tauchen, solche Sachen. Das war die Zeit, als Bundespräsident Rudolf Kirchschläger von den „Sauren Wiesen“ sprach und die Korruption ganz oben meinte. Haidinger erlebte sie weiter unten.
Er sucht Hilfe bei der Politik. Er kandidiert in den Achtzigern bei den schwarzen Polizeigewerkschaftern, „weil sie in der Minderheit waren“. Er kämpft, er gewinnt. Haidinger fällt auf bei der Linzer ÖVP, er wird Sicherheitssprecher, avanciert zum Kripo-Chef, baut den Bundesasylsenat auf, wird Leiter der Linzer Staatspolizei, mischt die braune Szene auf und sorgt dabei, wie selbst seine Feinde zugestehen, für Aufsehen. Er ist ein ÖVP-Mann, und das bringt ihn im schwarzen Oberösterreich nach oben. Seine Karriere scheint am Zenit. Dann läutet im Jahr 2000 das Telefon. Am Apparat ein Parteifreund. Der sagt: „Es wird Dich gleich wer anrufen“.
Es war Ernst Strasser, bis dahin Sekretär des Niederösterreichischen Landeshauptmanns Pröll. Strasser sollte der neue Innenminister werden – er wusste sich modern zu präsentieren, mit Glastisch und Laptop. Doch von der Polizei hatte der „Ernstl“ keine Ahnung. Er holte sich schwarze Kriminalisten. Viele gab es nicht in Österreich, das Innenministerium war seit 30 Jahren rot regiert. Haidinger war zur richtigen Stunde am richtigen Ort.
Haidinger sagt, er sei damals zum ersten Mal im Parlament gewesen. Vor dem ÖVP-Klub herrschte hektisches Kommen und Gehen, die Vorzimmer der Macht wurden gerade neu besetzt. Strasser sagt: „Ich hab keine Zeit mehr, kommen Sie mit“. Haidinger steigt in die Limousine des Ministers. Der fragt: „Was würden Sie gerne ändern?“ Haidinger zählt auf: Polizeireform, Verwaltungsreform, Anti-Korruptionstruppe. Schon wurde er Mitglied des Ministerkabinetts. So erzählt er es zumindest.
Am Anfang lief alles gut, sagt Haidinger. Strasser galt als liberal, den „Anti-Haider“, nannte ihn die Hamburger Zeit. Doch bald lernt Haidinger das gefährliche Gemisch zwischen Politik und Polizei kennen. Die Kabinettsleute grübelten: Wenn kann man hier gewinnen, wen muss man absetzen? Die Köpfe kritischer Geister rollen. Strasser, sagt Haidinger, habe sich zum „Angstbeisser“ entwickelt. Er sei unsicher gewesen, brutal, aber effizient. Kaum jemand habe ihn kritisiert. Haidinger sagt, er habe Strasser seine Meinung gesagt. Illoyal wurde er – anders als andere, mutigere Ministerialbeamte – nicht.
Haidinger baut das neue Bundeskriminalamt auf und wird zum Dank dessen Chef. Die Medien murren, er sei zu farblos, keine Führungsfigur. Strasser deckt ihn. Ab 2001 ist er der mächtigste Kriminalist im Land. Natürlich auch wegen seines Parteibuchs. Er residiert nicht mehr in der Herrengasse, sondern am Josef Holoubek-Platz, Wien Alsergrund.
Der schnelle Aufstieg tut den jungen Kabinettsleuten im Innenministerium nicht gut. Sie schuften hart und verhärten. Haidinger spürt aus der Ferne, dass da etwas entgleist. Vieles muss ihn an seine Tage bei der Linzer Polizei erinnert haben. Der Flurfunk meldet kleine Schiebereien. Da fährt ein Kabinettsmitarbeiter gegen einen Masten, angeblich betrunken, aber Ermittlungen unterbleiben. Dann übersieht der Kabinettsmitarbeiter eine Straßenkontrolle, eine Anzeige unterbleibt, dank höchster Interventionen. In Wien soll es gefährliche Kontakte von Blau- und Rotlicht geben, die betroffenen Polizisten sind Liebkinder der Politik. Haidinger sagt, er habe Alarm geschlagen. Emails dokumentieren es. Er macht sich unbeliebt. Er wird unbeliebt.
Dann wird auch noch der bekannt kritischer Rechtsanwalt Georg Bürstmayr diskreditiert. Der soll wegen Schlepperei angezeigt werden, damit er seinen Job als Kontrollor des Innenministers verliert. Haidingers Untergebener warnt in einem Mail: „Das wäre, als ob wir ihn anzeigen, weil er bei Grün die Kreuzung quert!“ Doch Strasser will genau das. Haidinger erkennt die üble Intrige des Chefs. Er besteht auf einer Ministerweisung. Offen revoltiert er nicht. Im Gegenteil: jene, die damals die Medien informieren, werden ins Visier genommen. Heute sagt Haidinger: „Wir sollten die Medien falsch informieren“.
Haidinger revoltiert intern. Und er macht, was Beamte in heiklen Situationen tun: er legt Aktenvermerke an, s schreibt darin Gerüchte über Kabinettsmitarbeiter nieder. Er lässt sich von Leuten füttern, die ihre eigenen Privatfehden führen. Der da soll gesoffen haben, der andere seine Frau geschlagen, der Dritte sei protegiert worden, die dort hätten Partys gefeiert. Haidinger handelt sich den Ruf eines Denunzianten ein. Er vermischt Öffentliches und Privates. Selbst Wohlgesonnene sagen heute, er habe sich verrannt.
Ende des letzten Jahres wird Haidinger ein Deal angeboten: „Du kannst nach Washington gehen. Dort gibt es einen guten Versorgungsjob“. Haidinger weiß, dass seine Tage gezählt sind. Er interveniert nun bei Jörg Haider, bei der ÖVP, bei den Sozis, er will Hilfe von der Politik. Doch keiner macht sich stark für einen wie ihn.
Jetzt sitzt er also beim Wirt in Kagran. Er muss erkennen, dass ein Spitzenbeamter der Politik und ihren Yuppies gehorchen muss. Sein Widersacher, Franz Lang, avancierte zum Chef des Bundeskriminalamts. Jetzt ist er Kabinettschef von Innenministerin Maria Fekter.
Was ist faul im Staate Österreich? Haidinger sagt: „Das weiß doch jeder“. Er verabschiedet sich. Er muss zu seinen Kindern, die im neu erworbenen Garten spielen – und zu seinem Baby. Es wurde im Frühjahr geboren, als er die Lawine lostrat. Haidinger lächelt. Er sagt: „Es gibt ja auch noch ein anderes Leben.“
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