Von Polizisten und Elefanten
Angst, Chaos, Vertuschung. Warum ein falscher Polizist in Österreich erschossen wurde. Ein Sittenbild
Österreich muss dem Rumänen Dumitru C. wohl wie eine Art Schlaraffenland erschienen sein. „Wir haben in Bukarest gehört“, sagt der Hilfsarbeiter, „dass es in Österreich möglich wäre, Geld zu stehlen, indem man sich als Polizist ausgibt“ – eine lohnende, einfache und vor allem ungefährliche Sache. Dumitru C. und seine drei Kumpanen freilich wussten nicht, wie falsch sie die Lage einschätzten.
Am 19. April, gegen vier Uhr morgens
, saß Dumitru C. deshalb in seinem von Kugeln durchsiebten Alfa Romeo, der auf einer Böschung bei der Raststation Rannersdorf-Schwechat zu stehen kam. Der Motor war abgestorben, es roch nach Staub und Gummi, die Warnblinkanlage klickte – und ein Röcheln war zu hören. Dumitru C. hielt seinen Bruder in den Armen. „Ich habe ihn geschüttelt“, sagt Dumitru, „ich habe ‚Vasile!‘ gerufen. Aber er ist nicht aufgewacht.“
Ein paar Polizisten kletterten derweil über die Böschung, in die der Wagen geschlittert war, sie richteten ihre Pistolen auf das Auto, leuchteten mit Scheinwerfern darauf und sie riefen: „Polizei! Niederlegen!“ Dumitru C. und sein Freund Cornel P. legten sich mit dem Gesicht nach unten auf das feuchte Gras. Dumitru sagte: „Problema Kollega!“, und deutete auf seinen Bruder, der noch angeschnallt im Wagen saß. Da war Vasile C., Sohn eines „mächtigen Mannes aus Negresti im Osten Rumäniens“, wie der Akt später vermerkt, schon verblutet. Er starb im Alter von 23 Jahren.
Eine Tragödie hatte sich ereignet. Sie wurde zum Politikum. Dumitru C. sagte am Ende seines Verhörs: „Wenn wir einen Raub begangen hätten, dann wäre es normal, dass mein Bruder dabei erschossen worden ist. Das hätte ich verstanden. Doch wir haben nichts dergleichen gemacht.“ Österreichs Politiker zeigten indes mehr Verständnis für die Vorgangsweise der Polizei. „Wer in Niederösterreich etwas anstellt“, sagte etwa Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, „der muss mit dem Schlimmsten rechnen!“ BZÖ-Chef Peter Westenthaler freute sich im Jägerjargon, dass die Rumänen „zur Strecke gebracht“ wurden. Innenminister Günther Platter erklärte: „Niemand hat das Recht, die Arbeit der Polizei anzuzweifeln.“ Mit der „Polizistenhatz“, so schrieb die Krone, müsse endlich Schluss sein.
Die Ermittlungsprotokolle in diesem Fall werfen derweil wichtige Fragen auf: Ist die Polizei wieder einmal schlampig und überfordert gewesen? Hat sie Dilettantismus zu vertuschen versucht, anstatt ihn zu thematisieren? Die Ermittlungen deuten darauf hin. Denn die Kriminalbeamten, die in jener Nacht in einen gefährlichen Einsatz geschickt worden waren, konnten zwar ahnen, was auf sie zukommt. Dennoch wussten sie nicht, wie sie sich verhalten sollten. Niemand hatte es ihnen erklärt. Das ergibt sich aus ihren Einvernahmeprotokollen, die dem Falter vorliegen. Die Beamten, so geht daraus hervor, tappten buchstäblich im Dunkeln. Und wer im Dunkeln tappt, schießt schneller, wenn er sich bedroht fühlt.
Es ist Samstagabend, der 18. April. In einem Hotel am Südbahnhof treffen einander drei Rumänen. Es sind Typen, derentwegen manche Politiker wohl gerne noch einmal einen Eisernen Vorhang hochziehen würden. Cornel P., „Mechaniker“ und „Pferdepfleger“, ist drogensüchtig. Dumitru C., ein gescheiterter Jusstudent, wurde in Rumänien wegen Vergewaltigung gesucht. Über seinen Bruder ist in den Akten wenig zu finden. Sie alle kommen aus Negresti, einer Stadt an der Grenze zur Ukraine. Interpol sucht angeblich nach den Männern, verdächtigt sie, auf deutschen Autobahnraststationen nächtens ihr Unwesen zu treiben. Sie sind der Albtraum jener osteuropäischen Autofahrer, die vor Müdigkeit einzuschlafen drohen und deshalb auf Autobahnparkplätzen ein wenig rasten wollen – weil sie sich kein Hotel leisten können.
An jenem Samstag treffen einander gegen 23 Uhr auch Beamte der „Diebstahlsgruppe“ im Besprechungsraum des Landeskriminalamts Niederösterreich in der Rennwegkaserne, um den „Einsatzbefehl auszufassen“, wie es in der Akte heißt. In Alland, Sparbach, Völerndorf, Heiligenkreuz und in Rannersdorf seien die falschen Polizisten schon gesichtet worden – nun soll ihnen das Handwerk gelegt werden. Die Täter nehmen Touristen das Geld zur „Falschgeldkontrolle“ ab – und brausen davon, heißt es. Trickdiebe? Oder gefährliche Räuber? Ein Opfer will eine Waffe „mit einem hellen Griff“ gesehen haben, sagt ein Beamter während der Besprechung. Phantombilder zeigen großgewachsene Männer mit kahlgeschorenen Köpfen und grimmigem Blick.
Während die Polizisten den Einsatz planen, bereiten sich ein paar Kilometer weiter die Rumänen am Wiener Gürtel auf ihren Streifzug vor. Gegen drei Uhr morgens brechen sie mit ihrem schwarzen Alfa auf. Zur Tarnung verwenden sie ein gestohlenes Kennzeichen. Sie tragen keine Waffen bei sich, nicht einmal Spielzeugpistolen. Im Wagen liegt nur ein Blaulicht, daneben ein Kinderpolizeiausweis. Ein Elefant ist daraufgedruckt. Die dummen Touristen, so denken die Rumänen, werden den Unterschied nicht bemerken. Über Gürtel und Tangente geht es auf die S1, die sie bei der Autobahnraststation Rannersdorf verlassen.
Auch die Polizisten ziehen los, auch sie schrauben fremde Kennzeichen an ihre Wägen. Ein Golf trägt eine russische, ein Volvo eine rumänische und ein Passat eine slowakische Nummerntafel. Auch die echten Polizisten fahren nach Rannersdorf. Im unbeleuchteten Teil des Parkplatzes legen sie sich auf die Lauer. Sie klappen ihre Sitze nach hinten, stellen sich schlafend – und warten.
Was aber soll geschehen, wenn die Täter wirklich ans Fenster klopfen? Sollen sie Helden spielen? Die Beamten, so stellt sich nun heraus, wurden auf den Ernstfall nicht vorbereitet. Zumindest behauptet das Inspektor Günter G., einer der „Observanten“. In einem Verhör sagt er: „Im Rahmen unserer Besprechung wurde nicht im Detail angeordnet, wie im Falle einer Wahrnehmung der Täter und bei einem direkten Kontakt mit diesen vorzugehen ist.“
Es ist ein zentraler Satz in diesem Fall – er erklärt vielleicht, wieso Polizei und Innenminister heute so nervös reagieren. Die Beamten, auf Diebe spezialisiert, haben in Wahrheit keinen Krisenplan, sie erfahren nur, dass sie „Verstärkung anfordern“ und eine „Alarmfahndung auslösen“ sollen.
So ungenau die internen Vorgaben, so schlecht die Kommunikation der Teams am Parkplatz. Die „Beleuchtung war spärlich“, klagt ein Beamter später. „Unsere Scheiben waren angelaufen“, sagt ein anderer. Immer wieder versperren Kastenwägen den Teams die Sicht. Wie sollten sie dann einander zu Hilfe kommen?
Es ist halb vier Uhr morgens, als ein Scheinwerfer Amtsinspektor Erich P. und seinen Kollegen Thomas B. blendet. Es ist der Alfa der Rumänen. Der Wagen verstellt den Beamten den Weg. Inspektor P. nimmt sein Funkgerät zur Hand: „Da ist der Erich! Ich glaub, die sind bei uns, die kontrollieren uns. Alarm!“ Auch sein Beifahrer Thomas B. greift zum Funkgerät. „Hier ist Team 1! Die Täter sind bei uns“, gibt er durch. Rückmeldung kommt keine. Dann lässt er das Funkgerät auf die Automatte fallen.
Die Beifahrertür des Alfa öffnet sich. Ein „schwaches Blaulicht“ dreht sich. Ein Mann vom Phantombild steigt aus. „Der Täter griff zum Handschuhfach“, sagt Inspektor P. Hat er eine Waffe geholt? Inspektor Erich P. kann nicht wissen, dass die dunkle Gestalt nur den Kinderpolizeiausweis mit dem Elefanten holt.
Jetzt steht ein falscher Polizist, es ist Dumitru C., 27, einem falschen osteuropäischen Touristen, es ist der Amtsinspektor P., 53, gegenüber. C. glaubt, einen Russen vor sich zu haben und sagt: „Polizia! Kontrolle!“
Nun gibt es zwei Versionen des Geschehens. Eine unangenehm klingende rumänische. Und eine offizielle, die sich immer wieder änderte.
Die erste offizielle Version stammt von Amtsinspektor P. und seinen Kollegen. Der sagt: „Ich stieg langsam aus, griff unter die Jacke und machte den Drucker vom Schulterholster auf.“ Auch Dumitru C. sagt heute, er habe sich „erschreckt“. „Polizei!“, schreit Inspektor Erich P. und Dumitru brüllt: „Scheiß Polizia!“
Dumitru, so behauptet der echte Polizist Erich P., „griff nun in Richtung Hosenbund“. Inspektor P. schießt. „Es war für mich klar, dass der Täter eine Waffe ziehen und auf mich schießen werde“, sagt er. Das Einvernahmeprotokoll vermerkt, der Beschuldigte sei „deutlich erregt“, er hebe die Stimme und „gestikuliert wild“.
Die Polizei wird der Öffentlichkeit zunächst eine völlig andere Geschichte erzählen. Dumitru C. habe zuerst gefeuert. P. habe in Notwehr zurückgeschossen. Eine Falschmeldung.
Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, bricht Chaos aus. Der Beifahrer von Inspektor P., Thomas B.: „Ich habe nicht gewusst, wer geschossen hat.“ B. springt aus dem Wagen und stellt sich vor den Alfa der Rumänen. Er brüllt: „Stehen bleiben, oder ich schieße!“ Er schreit es immer wieder, wie er sagt. Er ist ziemlich leichtsinnig. Er hört den Motor aufheulen, er sieht den Wagen auf sich losrasen, er springt zur Seite und schießt auf den Beifahrer Dumitru C.
Was will B. damit bezwecken? Im Gesetz steht: „Gegen Menschen dürfen Waffen nur angewendet werden, wenn der Zweck ihrer Anwendung nicht durch Waffenwirkung gegen Sachen erreicht werden kann.“ Das bedeutet: zuerst auf die Reifen, dann auf Menschen schießen. Ein Schuss muss das letzte Mittel sein.
Die Polizisten in den anderen Fahrzeugen glauben zunächst an ein Feuerwerk: „Ich konnte zunächst nicht einordnen, ob es Schweizerkracher oder tatsächlich Pistolenschüsse waren“, sagt der Beamte Hannes F. Ein anderer will „dumpfe Knalle“ gehört haben. Ein Dritter sagt, seine Scheiben seien „angelaufen“ gewesen. Es herrscht, wie ein Wiener Polizeiexperte später erklärt, eine höchst gefährliche Situation, in die sich die „Diebstahlsgruppe“ begeben hatte. „Wozu“, sagt der erfahrene Beamte, „haben wir eigentlich Sonderabteilungen, die für solche Situationen trainiert sind?“
Vielleicht war ja alles auch weniger heldenhaft, weniger chaotisch? Es gibt noch die rumänische Variante. Sie stammt von Dumitru C. – und sie wird durch die gerichtsmedizinischen Gutachten nicht widerlegt. Er schildert die Schießerei völlig anders. Als er merkte, in die Falle getappt zu sein, sei er sofort zum Auto gerannt, um abzuhauen. Unplausibel ist diese Darstellung nicht. Wieso sollte sich ein Unbewaffneter mit einem Bewaffneten anlegen? Dumitru C. sagt, die Polizei habe sofort losgeballert, um ihn zu stoppen: „Kaum war ich im Auto und habe die Türe zugemacht, bin ich bereits von der Seite angeschossen worden.“ Dann sagt er einen wichtigen Satz: „Wir sind noch gestanden.“ Der Gerichtsmediziner stützt diese Aussagen. Alle drei Rumänen seien im Wagen sitzend getroffen worden. Ein Projektil durchbohrt den linken Oberam von Dumitru C., dringt in den Bauch seines Bruders Vasile ein. Ein zweites Projektil verletzt Cornel P. am rechten Knie.
Es sind, wie sich später herausstellt, mindestens zwei Dienstwaffen, aus denen auf den Wagen geschossen wurde. Doch nur Inspektor Thomas B. gab beim Verhör an, auf den Alfa gezielt zu haben. P. sagte aus, nur in Notwehr auf den ausgestiegenen Dumitru C. geschossen zu haben.
Wie ist der Widerspruch zu erklären? Am Mittwoch, den 23. April berichtet der Falter über die seltsamen Meldungen der Polizei in diesem Fall. Die „ZiB“ berichtet, der Kurier fragt daraufhin: „Wird zu schnell geschossen?“
Jetzt beginnt auch Amtsinspektor Erich P., der Mann, der zuerst schoss, zu grübeln. Am Donnerstag ruft er einen ermittelnden Oberstleutnant an. „Der Beamte P.“, heißt es in dessen Amtsvermerk, „habe das Gefühl, dass in dem von ihm geschilderten Ablauf etwas fehlt. Nach intensiven Überlegungen während der gesamten folgenden Nacht ist in seine Erinnerung zurückgekehrt, dass er nach der unmittelbaren Notwehrsituation einen Schuss in das Innere des Täterfahrzeuges abgegeben hat, um die Flucht der Täter und ein Überfahren seines vor dem Fahrzeug befindlichen Kollegen zu verhindern.“
Das sind sorgfältig gedrechselte Formulierungen. Aus dem Amtsdeutsch übersetzt besagen sie: Der Beamte hat zwar zunächst nicht die ganze Wahrheit gesagt, aber er hat so gehandelt, wie es das Gesetz vorsieht. Ist das glaubwürdig? Ein Gericht wird es zu beurteilen haben.
Nun wäre eine unabhängige Untersuchung des politisierten Falls geboten. Genau das wollte Wiens Oberstaatsanwalt Werner Pleischl sicherstellen. Er beauftragte die Staatsanwaltschaft Eisenstadt, die Ermittlungen zu führen – aus sicherer Distanz. Doch in Wahrheit ermittelt das Büro für interne Angelegenheiten, BIA, also jene ins mediale Schussfeld geratene Behörde, die einem Innenminister untersteht, der auch nur das „Anzweifeln“ der Polizeiarbeit verbietet. Lässt sich das BIA davon beeindrucken? Es hat zumindest den Anschein. Bei einem Lokalaugenschein am Wagen, so kritisieren die Anwälte der Rumänen, Nadja Lorenz, Christian Werner und Rudolf Mayer, wurden die Rumänen nicht zugezogen, ein Verstoß gegen das Gesetz, wie die Anwälte rügen. Und dann ist da noch dieser Oberstleutnant, den das BIA zu den Verhören beigezogen hatte – und der den nachträglichen Amtsvermerk schrieb. Es ist Georg Rabensteiner. Ein „kompetenter Mann“, wie BIA-Chef Martin Kreutner glaubt.
Vor einigen Jahren geriet Rabensteiner, einst Drogenfahnder mit Cowboystiefeln, fast wöchentlich in die Schlagzeilen. Einmal sollen seine Leute eine Frau misshandelt, dann eine Versicherungsvertreterin als „Bimboschlampe“ beschimpft haben. Bei einer Razzia, die er leitete, wurde ein mutmaßlicher Haschischdealer, der Wiener Imre B., im Auto erschossen. Er war unbewaffnet. Der Schütze sei einem „Greifreflex“ erlegen, sagte Rabensteiner. Das Gericht sprach den Mann frei. Wer das Weltbild Rabensteiners kennen lernen will, lese seine Stellungnahmen an Vorgesetzte von damals. „Frauenspersonen, die mit Afrikanern verheiratet sind“, so schrieb er, seien „Angehörige einschlägiger anarchistischer Einrichtungen“, die „Medienhetze betreiben“.
Wie der Fall der Rumänen ausgeht? Einer der falschen Polizisten wurde am Freitag freigelassen. Er gilt nur als harmloser Trickdieb. Das Strafgericht wird die echten Polizisten freisprechen müssen, wenn sie Angst hatten, selbst erschossen zu werden. Vor dem Unabhängigen Verwaltungssenat,, einer anderen Kontrollbehörde, wird die Polizei aber zu erklären haben, ob die Amtshandlung dilettantisch vorbereitet war. Doch was, wenn die Version von Dumitru C. stimmt – und auf ein stehendes Auto geschossen wurde? Dann wäre das Schlaraffenland, von dem Dumitru C. träumte, eine Art Wilder Westen, wo nicht das Gesetz, sondern das Schießeisen des Sheriffs regiert.
Angst, Chaos, Vertuschung. Warum ein falscher Polizist in Österreich erschossen wurde. Ein Sittenbild
Österreich muss dem Rumänen Dumitru C. wohl wie eine Art Schlaraffenland erschienen sein. „Wir haben in Bukarest gehört“, sagt der Hilfsarbeiter, „dass es in Österreich möglich wäre, Geld zu stehlen, indem man sich als Polizist ausgibt“ – eine lohnende, einfache und vor allem ungefährliche Sache. Dumitru C. und seine drei Kumpanen freilich wussten nicht, wie falsch sie die Lage einschätzten.
Am 19. April, gegen vier Uhr morgens
, saß Dumitru C. deshalb in seinem von Kugeln durchsiebten Alfa Romeo, der auf einer Böschung bei der Raststation Rannersdorf-Schwechat zu stehen kam. Der Motor war abgestorben, es roch nach Staub und Gummi, die Warnblinkanlage klickte – und ein Röcheln war zu hören. Dumitru C. hielt seinen Bruder in den Armen. „Ich habe ihn geschüttelt“, sagt Dumitru, „ich habe ‚Vasile!‘ gerufen. Aber er ist nicht aufgewacht.“
Ein paar Polizisten kletterten derweil über die Böschung, in die der Wagen geschlittert war, sie richteten ihre Pistolen auf das Auto, leuchteten mit Scheinwerfern darauf und sie riefen: „Polizei! Niederlegen!“ Dumitru C. und sein Freund Cornel P. legten sich mit dem Gesicht nach unten auf das feuchte Gras. Dumitru sagte: „Problema Kollega!“, und deutete auf seinen Bruder, der noch angeschnallt im Wagen saß. Da war Vasile C., Sohn eines „mächtigen Mannes aus Negresti im Osten Rumäniens“, wie der Akt später vermerkt, schon verblutet. Er starb im Alter von 23 Jahren.
Eine Tragödie hatte sich ereignet. Sie wurde zum Politikum. Dumitru C. sagte am Ende seines Verhörs: „Wenn wir einen Raub begangen hätten, dann wäre es normal, dass mein Bruder dabei erschossen worden ist. Das hätte ich verstanden. Doch wir haben nichts dergleichen gemacht.“ Österreichs Politiker zeigten indes mehr Verständnis für die Vorgangsweise der Polizei. „Wer in Niederösterreich etwas anstellt“, sagte etwa Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, „der muss mit dem Schlimmsten rechnen!“ BZÖ-Chef Peter Westenthaler freute sich im Jägerjargon, dass die Rumänen „zur Strecke gebracht“ wurden. Innenminister Günther Platter erklärte: „Niemand hat das Recht, die Arbeit der Polizei anzuzweifeln.“ Mit der „Polizistenhatz“, so schrieb die Krone, müsse endlich Schluss sein.
Die Ermittlungsprotokolle in diesem Fall werfen derweil wichtige Fragen auf: Ist die Polizei wieder einmal schlampig und überfordert gewesen? Hat sie Dilettantismus zu vertuschen versucht, anstatt ihn zu thematisieren? Die Ermittlungen deuten darauf hin. Denn die Kriminalbeamten, die in jener Nacht in einen gefährlichen Einsatz geschickt worden waren, konnten zwar ahnen, was auf sie zukommt. Dennoch wussten sie nicht, wie sie sich verhalten sollten. Niemand hatte es ihnen erklärt. Das ergibt sich aus ihren Einvernahmeprotokollen, die dem Falter vorliegen. Die Beamten, so geht daraus hervor, tappten buchstäblich im Dunkeln. Und wer im Dunkeln tappt, schießt schneller, wenn er sich bedroht fühlt.
Es ist Samstagabend, der 18. April. In einem Hotel am Südbahnhof treffen einander drei Rumänen. Es sind Typen, derentwegen manche Politiker wohl gerne noch einmal einen Eisernen Vorhang hochziehen würden. Cornel P., „Mechaniker“ und „Pferdepfleger“, ist drogensüchtig. Dumitru C., ein gescheiterter Jusstudent, wurde in Rumänien wegen Vergewaltigung gesucht. Über seinen Bruder ist in den Akten wenig zu finden. Sie alle kommen aus Negresti, einer Stadt an der Grenze zur Ukraine. Interpol sucht angeblich nach den Männern, verdächtigt sie, auf deutschen Autobahnraststationen nächtens ihr Unwesen zu treiben. Sie sind der Albtraum jener osteuropäischen Autofahrer, die vor Müdigkeit einzuschlafen drohen und deshalb auf Autobahnparkplätzen ein wenig rasten wollen – weil sie sich kein Hotel leisten können.
An jenem Samstag treffen einander gegen 23 Uhr auch Beamte der „Diebstahlsgruppe“ im Besprechungsraum des Landeskriminalamts Niederösterreich in der Rennwegkaserne, um den „Einsatzbefehl auszufassen“, wie es in der Akte heißt. In Alland, Sparbach, Völerndorf, Heiligenkreuz und in Rannersdorf seien die falschen Polizisten schon gesichtet worden – nun soll ihnen das Handwerk gelegt werden. Die Täter nehmen Touristen das Geld zur „Falschgeldkontrolle“ ab – und brausen davon, heißt es. Trickdiebe? Oder gefährliche Räuber? Ein Opfer will eine Waffe „mit einem hellen Griff“ gesehen haben, sagt ein Beamter während der Besprechung. Phantombilder zeigen großgewachsene Männer mit kahlgeschorenen Köpfen und grimmigem Blick.
Während die Polizisten den Einsatz planen, bereiten sich ein paar Kilometer weiter die Rumänen am Wiener Gürtel auf ihren Streifzug vor. Gegen drei Uhr morgens brechen sie mit ihrem schwarzen Alfa auf. Zur Tarnung verwenden sie ein gestohlenes Kennzeichen. Sie tragen keine Waffen bei sich, nicht einmal Spielzeugpistolen. Im Wagen liegt nur ein Blaulicht, daneben ein Kinderpolizeiausweis. Ein Elefant ist daraufgedruckt. Die dummen Touristen, so denken die Rumänen, werden den Unterschied nicht bemerken. Über Gürtel und Tangente geht es auf die S1, die sie bei der Autobahnraststation Rannersdorf verlassen.
Auch die Polizisten ziehen los, auch sie schrauben fremde Kennzeichen an ihre Wägen. Ein Golf trägt eine russische, ein Volvo eine rumänische und ein Passat eine slowakische Nummerntafel. Auch die echten Polizisten fahren nach Rannersdorf. Im unbeleuchteten Teil des Parkplatzes legen sie sich auf die Lauer. Sie klappen ihre Sitze nach hinten, stellen sich schlafend – und warten.
Was aber soll geschehen, wenn die Täter wirklich ans Fenster klopfen? Sollen sie Helden spielen? Die Beamten, so stellt sich nun heraus, wurden auf den Ernstfall nicht vorbereitet. Zumindest behauptet das Inspektor Günter G., einer der „Observanten“. In einem Verhör sagt er: „Im Rahmen unserer Besprechung wurde nicht im Detail angeordnet, wie im Falle einer Wahrnehmung der Täter und bei einem direkten Kontakt mit diesen vorzugehen ist.“
Es ist ein zentraler Satz in diesem Fall – er erklärt vielleicht, wieso Polizei und Innenminister heute so nervös reagieren. Die Beamten, auf Diebe spezialisiert, haben in Wahrheit keinen Krisenplan, sie erfahren nur, dass sie „Verstärkung anfordern“ und eine „Alarmfahndung auslösen“ sollen.
So ungenau die internen Vorgaben, so schlecht die Kommunikation der Teams am Parkplatz. Die „Beleuchtung war spärlich“, klagt ein Beamter später. „Unsere Scheiben waren angelaufen“, sagt ein anderer. Immer wieder versperren Kastenwägen den Teams die Sicht. Wie sollten sie dann einander zu Hilfe kommen?
Es ist halb vier Uhr morgens, als ein Scheinwerfer Amtsinspektor Erich P. und seinen Kollegen Thomas B. blendet. Es ist der Alfa der Rumänen. Der Wagen verstellt den Beamten den Weg. Inspektor P. nimmt sein Funkgerät zur Hand: „Da ist der Erich! Ich glaub, die sind bei uns, die kontrollieren uns. Alarm!“ Auch sein Beifahrer Thomas B. greift zum Funkgerät. „Hier ist Team 1! Die Täter sind bei uns“, gibt er durch. Rückmeldung kommt keine. Dann lässt er das Funkgerät auf die Automatte fallen.
Die Beifahrertür des Alfa öffnet sich. Ein „schwaches Blaulicht“ dreht sich. Ein Mann vom Phantombild steigt aus. „Der Täter griff zum Handschuhfach“, sagt Inspektor P. Hat er eine Waffe geholt? Inspektor Erich P. kann nicht wissen, dass die dunkle Gestalt nur den Kinderpolizeiausweis mit dem Elefanten holt.
Jetzt steht ein falscher Polizist, es ist Dumitru C., 27, einem falschen osteuropäischen Touristen, es ist der Amtsinspektor P., 53, gegenüber. C. glaubt, einen Russen vor sich zu haben und sagt: „Polizia! Kontrolle!“
Nun gibt es zwei Versionen des Geschehens. Eine unangenehm klingende rumänische. Und eine offizielle, die sich immer wieder änderte.
Die erste offizielle Version stammt von Amtsinspektor P. und seinen Kollegen. Der sagt: „Ich stieg langsam aus, griff unter die Jacke und machte den Drucker vom Schulterholster auf.“ Auch Dumitru C. sagt heute, er habe sich „erschreckt“. „Polizei!“, schreit Inspektor Erich P. und Dumitru brüllt: „Scheiß Polizia!“
Dumitru, so behauptet der echte Polizist Erich P., „griff nun in Richtung Hosenbund“. Inspektor P. schießt. „Es war für mich klar, dass der Täter eine Waffe ziehen und auf mich schießen werde“, sagt er. Das Einvernahmeprotokoll vermerkt, der Beschuldigte sei „deutlich erregt“, er hebe die Stimme und „gestikuliert wild“.
Die Polizei wird der Öffentlichkeit zunächst eine völlig andere Geschichte erzählen. Dumitru C. habe zuerst gefeuert. P. habe in Notwehr zurückgeschossen. Eine Falschmeldung.
Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, bricht Chaos aus. Der Beifahrer von Inspektor P., Thomas B.: „Ich habe nicht gewusst, wer geschossen hat.“ B. springt aus dem Wagen und stellt sich vor den Alfa der Rumänen. Er brüllt: „Stehen bleiben, oder ich schieße!“ Er schreit es immer wieder, wie er sagt. Er ist ziemlich leichtsinnig. Er hört den Motor aufheulen, er sieht den Wagen auf sich losrasen, er springt zur Seite und schießt auf den Beifahrer Dumitru C.
Was will B. damit bezwecken? Im Gesetz steht: „Gegen Menschen dürfen Waffen nur angewendet werden, wenn der Zweck ihrer Anwendung nicht durch Waffenwirkung gegen Sachen erreicht werden kann.“ Das bedeutet: zuerst auf die Reifen, dann auf Menschen schießen. Ein Schuss muss das letzte Mittel sein.
Die Polizisten in den anderen Fahrzeugen glauben zunächst an ein Feuerwerk: „Ich konnte zunächst nicht einordnen, ob es Schweizerkracher oder tatsächlich Pistolenschüsse waren“, sagt der Beamte Hannes F. Ein anderer will „dumpfe Knalle“ gehört haben. Ein Dritter sagt, seine Scheiben seien „angelaufen“ gewesen. Es herrscht, wie ein Wiener Polizeiexperte später erklärt, eine höchst gefährliche Situation, in die sich die „Diebstahlsgruppe“ begeben hatte. „Wozu“, sagt der erfahrene Beamte, „haben wir eigentlich Sonderabteilungen, die für solche Situationen trainiert sind?“
Vielleicht war ja alles auch weniger heldenhaft, weniger chaotisch? Es gibt noch die rumänische Variante. Sie stammt von Dumitru C. – und sie wird durch die gerichtsmedizinischen Gutachten nicht widerlegt. Er schildert die Schießerei völlig anders. Als er merkte, in die Falle getappt zu sein, sei er sofort zum Auto gerannt, um abzuhauen. Unplausibel ist diese Darstellung nicht. Wieso sollte sich ein Unbewaffneter mit einem Bewaffneten anlegen? Dumitru C. sagt, die Polizei habe sofort losgeballert, um ihn zu stoppen: „Kaum war ich im Auto und habe die Türe zugemacht, bin ich bereits von der Seite angeschossen worden.“ Dann sagt er einen wichtigen Satz: „Wir sind noch gestanden.“ Der Gerichtsmediziner stützt diese Aussagen. Alle drei Rumänen seien im Wagen sitzend getroffen worden. Ein Projektil durchbohrt den linken Oberam von Dumitru C., dringt in den Bauch seines Bruders Vasile ein. Ein zweites Projektil verletzt Cornel P. am rechten Knie.
Es sind, wie sich später herausstellt, mindestens zwei Dienstwaffen, aus denen auf den Wagen geschossen wurde. Doch nur Inspektor Thomas B. gab beim Verhör an, auf den Alfa gezielt zu haben. P. sagte aus, nur in Notwehr auf den ausgestiegenen Dumitru C. geschossen zu haben.
Wie ist der Widerspruch zu erklären? Am Mittwoch, den 23. April berichtet der Falter über die seltsamen Meldungen der Polizei in diesem Fall. Die „ZiB“ berichtet, der Kurier fragt daraufhin: „Wird zu schnell geschossen?“
Jetzt beginnt auch Amtsinspektor Erich P., der Mann, der zuerst schoss, zu grübeln. Am Donnerstag ruft er einen ermittelnden Oberstleutnant an. „Der Beamte P.“, heißt es in dessen Amtsvermerk, „habe das Gefühl, dass in dem von ihm geschilderten Ablauf etwas fehlt. Nach intensiven Überlegungen während der gesamten folgenden Nacht ist in seine Erinnerung zurückgekehrt, dass er nach der unmittelbaren Notwehrsituation einen Schuss in das Innere des Täterfahrzeuges abgegeben hat, um die Flucht der Täter und ein Überfahren seines vor dem Fahrzeug befindlichen Kollegen zu verhindern.“
Das sind sorgfältig gedrechselte Formulierungen. Aus dem Amtsdeutsch übersetzt besagen sie: Der Beamte hat zwar zunächst nicht die ganze Wahrheit gesagt, aber er hat so gehandelt, wie es das Gesetz vorsieht. Ist das glaubwürdig? Ein Gericht wird es zu beurteilen haben.
Nun wäre eine unabhängige Untersuchung des politisierten Falls geboten. Genau das wollte Wiens Oberstaatsanwalt Werner Pleischl sicherstellen. Er beauftragte die Staatsanwaltschaft Eisenstadt, die Ermittlungen zu führen – aus sicherer Distanz. Doch in Wahrheit ermittelt das Büro für interne Angelegenheiten, BIA, also jene ins mediale Schussfeld geratene Behörde, die einem Innenminister untersteht, der auch nur das „Anzweifeln“ der Polizeiarbeit verbietet. Lässt sich das BIA davon beeindrucken? Es hat zumindest den Anschein. Bei einem Lokalaugenschein am Wagen, so kritisieren die Anwälte der Rumänen, Nadja Lorenz, Christian Werner und Rudolf Mayer, wurden die Rumänen nicht zugezogen, ein Verstoß gegen das Gesetz, wie die Anwälte rügen. Und dann ist da noch dieser Oberstleutnant, den das BIA zu den Verhören beigezogen hatte – und der den nachträglichen Amtsvermerk schrieb. Es ist Georg Rabensteiner. Ein „kompetenter Mann“, wie BIA-Chef Martin Kreutner glaubt.
Vor einigen Jahren geriet Rabensteiner, einst Drogenfahnder mit Cowboystiefeln, fast wöchentlich in die Schlagzeilen. Einmal sollen seine Leute eine Frau misshandelt, dann eine Versicherungsvertreterin als „Bimboschlampe“ beschimpft haben. Bei einer Razzia, die er leitete, wurde ein mutmaßlicher Haschischdealer, der Wiener Imre B., im Auto erschossen. Er war unbewaffnet. Der Schütze sei einem „Greifreflex“ erlegen, sagte Rabensteiner. Das Gericht sprach den Mann frei. Wer das Weltbild Rabensteiners kennen lernen will, lese seine Stellungnahmen an Vorgesetzte von damals. „Frauenspersonen, die mit Afrikanern verheiratet sind“, so schrieb er, seien „Angehörige einschlägiger anarchistischer Einrichtungen“, die „Medienhetze betreiben“.
Wie der Fall der Rumänen ausgeht? Einer der falschen Polizisten wurde am Freitag freigelassen. Er gilt nur als harmloser Trickdieb. Das Strafgericht wird die echten Polizisten freisprechen müssen, wenn sie Angst hatten, selbst erschossen zu werden. Vor dem Unabhängigen Verwaltungssenat,, einer anderen Kontrollbehörde, wird die Polizei aber zu erklären haben, ob die Amtshandlung dilettantisch vorbereitet war. Doch was, wenn die Version von Dumitru C. stimmt – und auf ein stehendes Auto geschossen wurde? Dann wäre das Schlaraffenland, von dem Dumitru C. träumte, eine Art Wilder Westen, wo nicht das Gesetz, sondern das Schießeisen des Sheriffs regiert.

