Scharia in St. Joseph

Ein aufstrebender muslimischer SPÖ-Gemeinderat verhinderte den Auftritt einer islamkritischen Professorin. Der Bürgermeister sollte sie einladen.

Die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ) droht zu einer intoleranten und gehässigen Truppe zu verkommen – und ein Wiener SPÖ Mandatar hilft ihr dabei. Lange Zeit genoss die IGGIÖ den Ruf einer europäischen Vorzeigeinstitution. Sie war zwar saudisch geprägt, scheute aber dennoch kein Tabu. Die muslimischen Funktionäre diskutierten öffentlich über Beschneidung und Zwangsehen und öffneten ihre Moscheen den Kritikern.

Jetzt droht die islamische Gemeinde im Fall der Islamkritikerin Christine Schirrmacher

ihren Kredit leichtfertig zu verspielen. Schirrmacher, Leiterin des Bonner Instituts für Islamfragen, wurde auf Druck islamischer Funktionäre von einer Veranstaltung ausgeladen, weil sie sich in der Trauner Pfarre St. Joseph kritisch über die Scharia äußern wollte. Hier der Vortrag, den sie in Traun halten wollte


Es ist ein kleiner Fall aus der Provinz, doch die dahinter liegenden Mechanismen verdienen Öffentlichkeit. Denn es war ausgerechnet ein Abgeordneter der sonst eher religionskritischen SPÖ, der Wiener Abgeordnete Omar Al Rawi, der solange seinen Einfluss geltend machte und gegen eine deutsche Professorin agitierte, bis diese ausgeladen wurde. Omar Al Rawi bestreitet die Interventionen nicht. Der Koordinator der islamkritischen Veranstaltung, Werner Ringer, sagt: „Das war schon Zensur. Man hat aus Wien Druck auf uns ausgeübt und dabei alle Register gezogen. Wir sind nur ein kleiner Verein. Uns ist die Sache nun zu heiß. Wir lassen das lieber.“ Genau das wollte Al Rawi erreichen, und es wiegt umso schlimmer, weil er auch „Integrationsbeauftragter“ der IGGIÖ ist.

Diesen Vorfall kann man getrost als Skandal bezeichnen. Ein SPö-Politiker verhindert die freie Rede einer deutschen Intellektuellen, weil die ihm zu kritisch ist. Während muslimische Vertreter wie Al Rawi in öffentlichen Ansprachen das Wort vom „offenen und ehrlichen Dialog“ im Mund führen und damit Stimmen und Sympathie fortschrittlicher Kräfte gewinnen, interveniert er hinter den Kulissen gegen eine kluge, wenn auch umstrittene Frau, nur weil diese ein anderes Bild vom Islam verbreiten will, als er selbst. Umgekehrt nimmt Al Rawi dafür Leute wie den palästinensischen Scheich Adnan Ibrahim in Schutz, obwohl der auf seiner Homepage mittelalterliche Thesen verbreitete, gegen „Ungläubige“ agitierte und der Hamas nahe steht. Missverständnisse, heißt es dann, erzeugt durch die „blumige arabische Sprache“.

Wer muslimische Funktionäre wie Al Rawi für ihre Methoden kritisiert, erlebt stets dasselbe Reaktionsmuster. Kaum kritisiert man sie, legen sie sich das unbefleckte Opferkostüm an. Al Rawi zum Beispiel verweist auf all die Drohbriefe, die er tagtäglich erhält. Er beklagt die Schändung islamischer Gräber in Graz. Oder er erwähnt die schmutzige Aktion in Linz, als Schweineköpfe auf den Baugrund eines islamischen Vereins auf Pfähle gespießt wurden (der Falter berichtete über all diese Vorfälle). Zu Recht rügt er auch die hetzerischen Aussagen von Politikern wie der blauen Stadträtin Susanne Winter, die Mohammed einen Kinderschänder nannte. Dann sagen Funktionäre wie Al Rawi: „Müssen wir Muslime uns alles gefallen lassen? Haben wir kein Recht, unsere Meinung zu sagen?“ Von anderen muslimischen Vertretern folgt dann auch noch ein Seitenhieb gegen die Kultusgemeinde, die doch auch interveniert und die man wohl nie so hart anfassen würde, wie die Muslime. Ja, die Juden! Schon wieder sind sie an allem schuld.

Ihre Meinung dürfen muslimische Gottesfürchtige natürlich äußern – aber sie sollen sich dabei nicht jener Methoden bedienen, die die katholische Kirche in diesem Land jahrelang praktizierte. Den Gegner als „Feind“ benennen, anstatt sich mit ihm auseinander zu setzen. Im Fall Schirrmacher gab Al Rawi in der Presse sogar zu, nur den „Klappentext“ (!) ihres Buches gelesen zu haben. „Im Namen des Islam“, so steht dort geschrieben, würden Frauen gesteinigt, vergewaltigt und unterdrückt. Das ist richtig, wie amnesty-Berichte aus Saudi Arabien, Afghanistan, Pakistan und dem Iran zeigen. Al Rawi, selbst gebürtiger Iraker, muss das wissen.

Soll es nun anti-islamisch sein, diese Wahrheiten auszusprechen? Darf man die religiöse Arpartheid nur noch als Übel patriarchaler Strukturen bezeichnen – und nicht mehr als Konsequenz eines autoritären, religiös fundierten Gesellschaftsordnung, die keine Demokratie duldet, sonder letztlich nur Gottes Wort? Sollen selbst kleine Initiativen wie das Trauner „Personenkomittee Aufeinander Zugehen“ ab sofort nur noch Leute einladen, die auch Al Rawi passen? Al Rawi, dem Zensor?

Schirrmacher ist Theologin und Professorin in Löwen/ Belgien, sie berät Polizei- und Sicherheitsbehörden, sie ist in verschiedenen evangelischen Zirkeln tätig. Vor allem aber hat sie ein Buch über das Leben der Frauen unter der Scharia geschrieben, das im deutschen und schweizerischen Feuilleton durchwegs lobend rezensiert wurde. Nie hat sie eine hetzerische Rede gehalten, nie pauschal „die Muslime“ angegriffen. Im Gegenteil: Schirrmacher, die der evangelischen Kirche zugehört und in der Nähe evangelikaler Kreise stehen soll, fordert, dass „alles dafür getan werden muss, dass die Migranten in Europa dauerhaft Heimat finden.“ In ihrem Vortrag, den sie in der Pfarre St Joseph in Traun halten wollte, hatte sie aber auch vor zu kritisieren, „dass manche islamischen Organisationen schon heute in Europa darauf drängen, dass nichts Negatives mehr über den Islam veröffentlicht werden dürfe, da dies Diskriminierung bedeute.“ Wie wichtig wäre es gewesen, wenn solche Sätze von Al Rawi gekontert worden wären.

Der Fall Schirrmacher ist leider nicht der einzige Vorfall, in dem die Glaubensgemeinde intervenierte. Als der deutsche Autor und Provokateur Henryk M. Broder vergangenes Jahr in Wiens Bücherei sprechen wollte, forderte die Glaubensgemeinde, dass auch einer der ihren am Podium sitzen sollte – und agitierte gegen den Schriftsteller. Broder, der in seinem Buch „Hurra wir kapitulieren“ den Kniefall des Westens gegenüber muslimischen Funktionären polemisiert, durfte sich einmal mehr bestätigt fühlen.

Mobbing gegen Islamkritiker, das ist eine hässliche Entwicklung. Wien sollte sie erspart bleiben. Denn letztlich profitieren davon auch die rechten Hetzer. Omar Al Rawi und die SPÖ täten also gut daran, die Notbremse zu ziehen. Schon zeigt sich ja in Deutschland, in den Niederlanden und nicht zuletzt in Dänemark, wohin diese Intoleranz führen kann: die Behörden setzen Karikaturisten unter Druck, in niederländischen Museen hängen sie Bilder nackter Frauen ab, in Deutschland wird die Oper Idomeneo in vorauseilendem Gehorsam abgesetzt, weil die Enthauptung Mohammeds einen Moslem stören könnte. Die Furcht war, wie sich bei der nachträglichen Aufführung zeigte, völlig unberechtigt.

Was soll nun geschehen? Die Antwort ist einfach: Wiens SPÖ, deren Mandatar Al Rawi ist, soll sich bei Christine Schirrmacher entschuldigen und sie umgehend nach Wien einladen, damit sie ihren Vortrag halten kann. Ihr Auftrittsverbot beschäftigt schon jetzt einschlägige islamistische und anti-islamische Internetforen und bald wird H.C. Strache damit auf Wahlkampf gehen. Am besten wäre der große Saal des Rathauses geeignet. Dort kann sich Al Rawi mit ihr öffentlich streiten, oder sie widerlegen. Wenn er das schafft, umso spannender.

Nachtrag: Der Fall Schirrmacher beschäftigt nun auch Deutschland. Der Islam-Experte der ZEIT, mein Kollege Jörg Lau hat über den Fall hier geschrieben.

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» Florian Klenk über Omar Al Rawi von Helge's Blog
Anschließend an die Diskussionen, die die Beiträge ‘Broder redet Tacheles‘ und ‘An die eigene Nase fassen statt Präventivparanoia‘ hier im Blog ausgelöst haben - So kann differenzierte Islamkritik aussehen: Florian Klenk: S... weiter lesen »

Kommentare

Da es sich schlussendlich um eine Privatsache handelt, ist die Einmischung in diese Angelegenheit nur bedingt berechtigt. In der religiösen Systematik ist Al Rawis Handlungsweise ja nur konsequent. Religionsfreiheit beinhaltet, wertfrei festgestellt, in sich schlüssige Aussagen und Handlungen als solche auch zu tolerieren. Politisch liegt der Fall anders: Al Rawi, der in diesem Fall auch zufällig SPÖ-Gemeinderat ist, sollte die Konsequenzen dort zu spüren bekommen, wo es angemessen ist: Innerhalb seiner Partei und an der Wahlurne. Es ist leider nicht davon auszugehen, dass die SPÖ hier irgendeine Maßnahme setzen wird.

Im Grunde ein guter Artikel, bis auf diese Aussage:

"Zu Recht rügt er auch die hetzerischen Aussagen von Politikern wie der blauen Stadträtin Susanne Winter, die Mohammed einen Kinderschänder nannte."

Hier hätte der Autor zumindest recherchieren sollen, um die Aussagen von Frau Winter zu überprüfen. Denn dass Mohammed als über 50-jähriger mit einem 9-jährigen Kind Geschlechtsverkehr hatte, kann man in den islamischen Überlieferungen nachlesen.

(siehe z.B. http://www.usc.edu/dept/MSA/fundamentals/hadithsunnah/bukhari/058.sbt.html#005.058.236 )

Gleich mal vorweg, ich find's auch befremdlich, was da in Traun gelaufen ist. Ich weiß allerdings auch nicht, was Al Rawi nun genau angestellt hat. Das einzige was ich bislang an Fakten über den Vorfall gelesen habe, war ein Brief an das Personenkomitee, wo Frau Schirrmachers Hintergrund, etwas überzogen vielleicht, aber scheinbar nicht ganz falsch beleuchtet wurde. Vielleicht war da aber auch noch viel mehr Druck. Falls nicht, bliebe zu hinterfragen, warum die (tlw. evangelikalen) Veranstalter so schnell "eingeknickt" sind und dadurch aus der mutmaßlich evangelikalen Frau Schirrmacher eine Art Märtyrerin gemacht haben.

Und zur "evangelischen" Allianz: Dass die "evangelisch" sei, ist im wesentlichen ein sprachliches Missverständnis, das der Allianz auch hilft, nicht so sehr im Fundi-Eck zu stehen. "Evangelisch" war früher die deutsche Übersetzung für das engl. "evangelical", mittlerweile nimmt man hier idR "evangelikal", um genau diese Verwechslung zu vermeiden. Aber es gibt ohnehin bessere Anhaltspunkte als den Namen, um zu sehen, wes Geistes Kind sie sind: Die evangelische Allianz ist nach Eigenangaben Teil der World Evangelical Alliance. Und das sind halt nun mal jene evangelikalen Bibelfundis, die den Kreationismus an den Schulen haben wollen, in Jesus Camps Fünfjährigen Harry Potter als schwarzen Hexer austreiben oder auch mal in ihrer Ex-Gay-Bewegung Homosexuelle "heilen".

Frau Schirrmacher ist übrigens nicht bloß Mitglied der ev. Allianz, sie sitzt auch im Vorstand. Und ihr Institut wurde von der Lausanner Bewegung (einer Art "Dachorganisation" der Evangelikalen) gegründet. Daher sind ihre Beteuerungen, sie habe mit all dem als "evangelische Christin" nix zu tun, mit Vorsicht zu genießen und widersprechen auch so ziemlich jeder Lebenserfahrung. Auch das Herausgeben eines Betkalenders, über den Muslime zum rechten Glauben gebetet werden mögen, wäre für eine evangelische Christin eher ungewöhnlich und entspricht viel eher dem missionarischen Eifer einer Evangelikalen.

Dennoch möchte ich ihr nicht absprechen, dass sie öffentlich sehr gemäßigt auftritt und nach außen durchaus den Anschein von Ausgewogenheit und Sachlichkeit vermittelt. Nur das Bild, das in den Medien gezeichnet wurde - da der böse Al Rawi, dort die arme, renommierte Wissenschaftlerin - scheint mir verzerrt. Ich denke, Al Rawi ist nicht so sehr der Wolf und Schirrmacher nicht so sehr das Lamm, als das sie hier gegeben werden.

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