Shirin Ebadi: Atomstreit verdrängt Menschenrechte
Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi über Frauenrechte im Islam, die Gründe für die Attentate im Westen – und die Unfreiheit, die Fernsehen bringt.
Das Interview habe ich gemeinsam mit STEFAN APFL für den Falter geführt.
Foto: Ulrich Ladurner/(Straßenszene in Schiraz, Iran)

Eine iranische Friedensnobeltreisträgerin und Frauenrechtlerin zu Besuch in einem zünftigen Wirtshaus in Innsbruck – das ist auch für den Wirt ungewöhnlich. Und so will auch er ein Foto der streitbaren Frau, der die Mullahs schon nach dem Leben trachteten. Wie eine Innsbrucker Societygröße umarmt er die Juristin aus Teheran, als er in die Kamera eines Fotografen lächelt. Ebady wirkt jetzt etwas erschöpft. Eine längere Reise führte sie nach Südtirol und von dort nach Innsbruck, wo sie auf Einladung des „Kongresses der Frauenmuseen“ einen Vortrag an der Uni hielt. Nach einer Zigarette und einem Espresso ist die streitbare Anwältin wieder wach. Ebadi ist seit zwei Monaten in den USA und in Europa unterwegs, um eine internationale Öffentlichkeit für die Lage der Frauen im Iran zu unterrichten.
Shirin Ebadi wurde am 21. Juni 1947 in Hamedan, Iran, geboren. 1975 avancierte sie zur ersten Richterin in einem islamischen Land. Mit dem Ziel, die iranische Monarchie, den „Pfauenthron“, durch eine Demokratie zu ersetzen, unterstützte sie 1979 die Revolution gegen das Regime von Reza Schah Pahlavi. Wie viele andere ihrer Mitstreiter unterschätzte Ebadi den Machtpolitiker Ajatollah Chomeini, der einen islamischen Gottesstaat installierte. So wurde auch das bis dahin europäisch orientierte Rechtssystem durch die Scharia, die islamische Rechtssprechung, ersetzt. Seither setzt sich die Anwältin auf Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für die Rechte von Kindern und Frauen im Iran ein. Wegen ihrer „staatsfeindlichen Aktivitäten“ wurde Ebadi mehrmals verhaftet. 2003 erhielt die verheiratete Mutter von zwei Kindern als erste Muslima den Friedensnobelpreis. Seither verbringt Ebadi viel Zeit auf Auslandsreisen, um eine internationale Öffentlichkeit für die Unterdrückung der Frauen im Islam herzustellen. Nicht der Islam sei das Problem, lautet Ebadis Botschaft, sondern das Patriarchat.
Falter: Frau Ebadi, soeben haben Sie erfahren, dass eine Ihrer Mitstreiterinnen im Iran bei einer Veranstaltung für mehr Frauenrechte verhaftet wurde. Sieht so ihr Alltag aus?
Shirin Ebadi: Leider kennt die Regierung keine Toleranz für Kritik. Deshalb wurden schon viele Frauenaktivistinnen festgenommen. Erst gestern haben sie 25 Aktivistinnen verhaftet, noch bevor sie bei einem Treffen über Frauenrechte diskutieren konnten.
Falter: Wie arbeitet eine Anwältin im Iran im Gegensatz zum Westen?
Shirin Ebadi: Die Gesetze sind sehr streng. Ein Häftling kann während der gesamten Untersuchungshaft von seinem Verteidiger isoliert werden, die U-Haft bis zu einem Jahr dauern. Gefangene verbringen diese Zeit oft in Einzelhaft, ohne Radio, Fernsehen, Zeitungen und Besuch. Es kommt vor, dass Häftlinge unter psychischen Druck Dinge gestehen, die sie nicht getan haben. Unter diesen Umständen ist die Arbeit einer Anwältin sehr schwierig.
Falter: Hilft der Friedensnobelpreis bei Ihrer Arbeit – oder schadet diese Auszeichnung des Westens?
Shirin Ebadi: Zusammen mit Kolleginnen habe ich damals eine NGO gegründet. Wir verteidigen politische Häftlinge unentgeltlich, unterstützen ihre Familien, verfassen Berichte über die Lage der Menschenrechte im Iran und senden ihn an internationale Organisationen. Der Nobelpreis ist ein Lautsprecher für mich. Das spielt für meine Arbeit natürlich eine große Rolle. Ich werde ja seit zehn Jahren mit dem Tod bedroht. Einmal hätte sogar ein Attentat auf mich ausgeübt werden sollen. Wegen des Nobelpreises muss die Regierung es sich zwei Mal überlegen, wenn sie etwas gegen mich unternehmen will.
Falter: Hat sich die Situation der Menschenrechte im Iran seit der Verleihung 2003 verändert?
Shirin Ebadi: Seit zwei Jahren drehen sich die Gespräche zwischen der EU und dem Iran um das Atomprogramm. Damit sind Menschenrechten und Demokratie vom Tisch. Mit der Abwesenheit der internationalen Aufmerksamkeit hat sich die Lage verschlechtert. Frauenaktivistinnen und streikende Arbeiter kommen regelmäßig in Haft. Das Regime richtet sich auch gegen die Jugend. Die Sittenwächter auf der Straße gehen mit den Mädchen strenger um, Hinrichtungen an Minderjährigen haben zugenommen. Der Iran hat derzeit weltweit den höchsten Anteil an Exekutionen.
Falter: Als Sie nach der Verleihung des Nobelpreises nach Teheran zurückgekehrt sind, haben Ihnen zehntausende Menschen zugejubelt. Können Sie ich vorstellen in einem freien Iran ein politisches Amt auszuüben?
Shirin Ebadi: Niemals. Ich bin Menschenrechtsaktivistin, die Stimme der Stimmenlosen und kein politischer Führer.
Falter: Glauben Sie, dass eine militärische Konfrontation abwendbar ist? Setzen Sie Hoffnungen in Barack Obama?
Shirin Ebadi: Die Präsidentschaftswahlen in den USA werden sicher eine Rolle spielen. Aber es ist nicht die Person des Präsidenten, die entscheidet. Die versteckten Mächte hinter ihm entscheiden. Auch wenn Obama gewählt wird, dürfte sich daran nichts ändern.
Falter: Welche versteckten Mächte meinen Sie?
Shirin Ebadi: Die Reichen und die Medien.
Falter: Irans Präsident droht nun mit der Auslöschung Israels. Sie sind gegen eine militärische Intervention des Westens. Was kann Europa tun, was kann der Iran tun, um einen Krieg zu verhindern und Israel zu schützen?
Shirin Ebadi: Europa soll seine Beziehungen mit dem Iran auf ein Minimum reduzieren, solange es keine Fortschritte bei den Menschenrechten gibt. Seien Sie sicher, der Iran hat keine Absicht, Israel militärisch anzugreifen. Sogar Ahmadinedschad hat klargestellt, dass er das nicht will.
Falter: Sie sagen, Islam, Menschenrechte und Demokratie seien vereinbar. Die bekanntesten Akteure in der europäischen Debatte um Islam und Frauenrechte – etwa Necla Kelek, Hirsyi Ali und Alice Schwarzer – sehen das Problem aber gerade im Islam.
Shirin Ebadi: Meiner Meinung nach sollen Religion und Politik getrennt werden, damit Politiker nicht die religiösen Emotionen des Volkes ausnutzen können. Aber wenn jetzt eine demokratische Mehrheit eine islamische Partei wählt, haben Sie und ich dann das Recht zu sagen, das darf nicht sein? Das passierte vor dreißig Jahren im Iran und vor einem Jahr in der Türkei. Das Volk hat so entschieden. Man muss nun den Islam menschenrechtskonform auslegen.
Falter: Ist das auch möglich?
Shirin Ebadi: Ja. Im Christentum gibt es doch verschiedene Auslegungen der Bibel. Die eine Kirche lässt Eheschließungen von Homosexuellen zu, die andere nicht. Die eine akzeptiert die Abtreibung, die andere nicht. Frauenrechte werden in verschiedenen islamischen Ländern anders praktiziert werden. Das ist ein Beweis dafür, dass nicht der Islam, sondern die Politik Schuld hat.
In den meisten islamischen Staaten sind die Frauenrechte unterentwickelt. Kann man das tatsächlich nur auf Falter: das Patriarchat zurückführen? Oder liegt es nicht auch im Wesen des Islam, an der Religion an sich?
Shirin Ebadi: Ist die Lage der Frau in Afrika besser? Was ist mit der weiblichen Beschneidung, die mit Religion nicht viel zu tun hat? Was ist mit den Hindu-Frauen in Indien, die unter prekären Bedingungen leben? Und wieso hat Österreich noch keine Staatspräsidentin? Ihre Frauen sind doch sicher nicht unfähig! Das Patriarchat ist in verschiedenen Kulturkreisen verschieden stark ausgeprägt.
Falter: Bei uns gibt es eine Debatte über islamische Parallelgesellschaften, über Frauen, die ein Kopftuch tragen, weil ihre Brüder und Väter das so wollen. Wie lassen sich diese Strukturen aufbrechen?
Shirin Ebadi: Gegenfrage: Die Terroranschläge im Westen wurden niemals von der ersten Einwanderergeneration durchgeführt. Sondern deren Kinder, die Ihre Schulen besucht und Ihre Staatsbürgerschaft angenommen haben, sind jetzt Fundamentalisten. Wieso passiert das?
Falter: Viele würden sagen, es ist der politisierte Islam, der die Menschen aufhetzt.
Shirin Ebadi: Aber wieso war die erste Generation nicht betroffen? Ich gebe Ihnen die Antwort: Es ist eine Reaktion auf Erniedrigung. Wenn eine Person erniedrigt wird, dann reagiert sie.
Falter: Heißt das, der Westen trägt die Schuld an dem Terror, weil er seine Immigranten erniedrigt? Warum begehen dann die von Ihnen erwähnten Afrikaner keine Terroranschläge?
Bestimmt kann man ein soziales Phänomen nicht einseitig erklären. Es werden mehrere Gründe mitspielen. Shirin Ebadi: Einer davon ist die Erniedrigung von Muslimen. Sehen Sie denn keinen Zusammenhang zwischen der Theorie des Clash of Civlizations und der Zunahme des islamischen Fundamentalismus?
Falter: Viele der Terroristen in Europa gehörten zur oberen Mittelschicht. Studenten, Stipendiaten, Ärzte. Wie passt das in Ihre Erniedrigungs-These?
Genau das meine ich. Wenn ein Arzt Attentäter wird, muss man sich fragen, was hier schief gegangen ist. Ist Shirin Ebadi: er vielleicht besonders erniedrigt, weil er nicht einmal als Arzt respektiert wird?
Falter: Sie bereisen oft den Westen. Was fasziniert sie, was schreckt sie ab?
Shirin Ebadi: Auch Ihre Gesellschaft hat eigene Vor- und Nachteile. Ich glaube an die Freiheit des Menschen, daran, dass Menschen ihr Leben so gestalten, wie sie wünschen.
Falter: Ist das so im Westen?
Shirin Ebadi: Auch im Westen gibt es viele Dinge, die den Menschen seiner Freiheit beraubt.
Falter: Welche?
Shirin Ebadi: Das Fernsehen zum Beispiel. Wenn Sie als junger Mann für eine Wohnung einen Kredit auf dreißig Jahre aufnehmen, und Sie wissen, dass Sie alles verlieren, wenn Sie mit den Zahlungen nicht nachkommen, ist dass dann Freiheit? Je freier eine Gesellschaft, desto mehr Respekt verdient sie jedenfalls.
Falter: Verdient der Iran Respekt?
Shirin Ebadi: Das ist genau meine Kritik an der jetzigen Regierung. Die Einschränkungen der Freiheit sind offensichtlich. Deshalb sitzen auch viele Studenten in Haft.
Falter: Ist es mit dem Islam wie mit dem Kommunismus: am Papier wunderbar, in der politischen Realität ein Desaster?
Shirin Ebadi: Das ist weder das Problem des Islam noch des Kommunismus. Das Problem tritt dann zutage, wenn solch eine Ideologie als Grundlage eines Staates angewendet wird.
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“Irans Präsident droht nun mit der Auslöschung Israels.” … wow… und dann noch das “nun”… dass du solches zeugs noch immer kolportierst… (es gäbe noch mehr von solchen “feinen unterschieden”… ist es das, was shirin ebadi antönt mit: “die mächtigen und die medien”… peter sloterdijk meinte einmal: journalisten hätten bloss noch die wahl, in einen club der abstinenten einzutreten oder sich der volksverhetzung anzuzeigen…
wie auch immer: die weisheit dieser frau lässt sich kaum verstecken! danke.
Sehr interessant. Ich lese gerade ihre Biografie und kann das Buch auch nur jedem empfehlen!