Teufelstanz im Gumminebel
Afrikaner fallen Türken um den Hals, Huren und Hausmeister applaudieren. Die Ottakringerstraße ist Wiens schönste Fanzone.
Es ist Sonntagabend, nur noch fünfzehn Minuten, zwei zu null für die Tschechen. Drei türkische Maurer klagen im Türkenrestaurant Kent am Brunnenmarkt, dass die Türken wie die Österreicher spielen. Die Maurer tragen jetzt auch diese traurigen rot-weiß-roten Maurersonnenhüte. Sie wissen noch nicht, dass sie in wenigen Minuten auf den Tischen tanzen werden, dass sie eine Party feiern, wie sie Ottakring schon lange nicht gesehen hat. Arda 75. Minute, Nihat 87. Minute. Dann gleich noch mal Nihat. Rote und Gelbe zieht der Schiri, Fußtritte und blutige Köpfe übersieht er. Von den Fenstern am Yppenplatz schreien sie es schon mit nach oben geöffneten Armen runter: Türkiye! Türkiye! Türkiye! Türkiye!
Gebetsketten wirbeln durch die Luft, Männer küssen einander. Das ganze Kent-Labyrinth, dieses Schweizerhaus der Türken, fällt sich in die Arme. Es tanzt der Vorderraum, das Hinterzimmer, es jubelt Hof und Teeraum, wo normalerweise anatolische Arbeiter klackernd Domino spielen. Die Kellner in der offiziellen Fanzone mögen den Bankrott beklagen, hier geben die Ober heute mehr Wechselgeld raus. Aus diesem Tag wird kein Kleingeld geschlagen – alle wollen raus, auf die Ottakringerstraße.
Sie ist die wahre Fanzone dieser EM, die mit Migrationshintergrund. Die Kroaten feierten schon zweimal auf der Balkanbosporusmeile zwischen Gürtel und Brunnengasse. Jetzt tanzen erneut die Türken. So wie am Mittwoch, als sie die Schweizer besiegten. Vom Gürtel schieben sich noch ein paar hundert vom Rathausplatz kommend nach oben, vom Brunnenmarkt zweihundert oder mehr. Bei Hausnummer 132 treffen sie aufeinander, gehen in die Hocke, machen die Welle. Dann geht im ersten Stock in einer Wohnung das Licht an und irgendwer schiebt Vorhänge zur Seite und wirft ein Kabel raus, ein anderer rollt unten die Verstärkerbox ran, eine ältere Frau steckt ein Mikrofon ran und singt ein Lied, das alle mitsingen. Die Burschen unten auf der Straße ziehen ihre T-Shirts aus, wie kleine Schwänzchen stecken sie sie hinten in die Hosen. Sie wedeln damit wie Teufel, rote Schminke rinnt übers Gesicht, sie strecken die Arme in die Höhe, berühren mit dem Zeigefinger den Daumen. So tanzen und hüpfen sie, als ob sie alle die zwei blonden Mädchen erobern wollen, die auf dem Dach des tiefgelegten BMWs shaken. Vergangenen Mittwoch, als die Türken die Schweizer besiegten, standen auch noch die Mädchen vor der „Malibusauna“ Ecke Palffygasse draußen, nur mit Handtüchern waren sie bekleidet, sie applaudierten. Ein Mädchen stand mit nacktem Busen am Perron. Daneben eine türkische Mutter mit Kopftuch.
Die züchtigeren Türkenmädchen tragen Fahnen als Kopftücher, andere posieren wie Starlets einer Bosporus-Soap in wummernden Cabrios ihrer Jungs. Einer hat seinen schwarzen 7er mitten auf die Straße gestellt. Er klettert aufs Dach, tanzt solange darauf herum, bis es von Dellen zerbeult ist. Dann klopfen zwei Türken das Blech zurecht und der nächste klettert rauf. „Scheiss auf Auto“, sagt der Fahrer und hinter ihm, Veronikagasse, Ecke Ottakringerstraße, röhrt ein Mercedes, 200 PS. „Mein Auto für Türkei“ sagt der Glatzkopf am Steuer. Er zieht die Handbremse an und gibt so stark Gas, bis die quietschenden Reifen des stehenden Wagens die Ottakringerstraße in dichten Gumminebel hüllen. Applaus hustender Türken. Sie trommeln, sie spielen mit Flöten und oben in den Zinskasernen gehen die Fenster auf. Türkische Muttis und ihre Buben winken herunter. Ja, auch ein paar Wiener Hausmeister stehen auf dem Gehsteig vor den Espressos, und winken hinauf. Toni Spiras zornige Alltagsgeschichten spielen heute anderswo. Jetzt steht da ein Afrikaner im silbernen Anzug mit goldfarbenen Krokodillederschuhen und umarmt den Arbeiter aus Anatolien. Eine Kompanie von Polizisten im Hintergrund.
Kaum jemand ist hier übrigens betrunken, niemand zerstört etwas, die Väter mahnen ihre Söhne, wenn die zu ungestüm werden. Es ist ihr Grätzl, ihre Stadt, sie sind hier geboren, sie sind stolz darauf – und gleichzeitig sind sie stolz auf ihre Heimat im Kopf. Wien zeigt sich da von seiner schönen Seite. Was dieser Tage hier passiert, schweißt auch dieses politisch so wild umkämpfte Grätzl zusammen. Gerade weil sich die Türken endlich laut, bunt und schrill zeigen dürfen – und nicht nur als mausgraue, konservative Vertreter einer islamistischen Parallelgesellschaft wahrgenommen werden. Als Slum und Ghetto verspotten rechte Politiker ja gerne diese Gegend.
Ob die Türkei zu Europa gehört? Auf jeden Fall gehört sie zu Ottakring. Am Freitag spielen die Kroaten gegen die Türken. Dann geht es wieder auf die Ottakringerstraße. Das wird was werden.


Schöner Bericht. Beim Viertelfinal-Ottakring-Hit bin ich auch mittendrin statt nur dabei.