Des Teufels Advokat

Der Wiener Strafverteidiger Rudolf Mayer verteidigt die Amstettner "Inzest-Bestie"
Josef F. Aus Überzeugung. Ein Besuch am Stammtisch.
(für Falter Foto: Martin Fuchs)

mayer.jpgRudolf Mayer bestellt sich eine panierte Scholle. Es ist zehn Uhr abends, es war ein stressiger Tag, heute hat er erstmals Josef F., den „Horrorvater“, im Gefängnis besucht. CNN, BBC, Spiegel, Bild und Reporter aus Bogota wollten Interviews. Jetzt sitzt der Anwalt der „Amstettner Bestie“ endlich in seinem Wiener Vorstadtwirtshaus, wo ihn die Leute am Nebentisch mit „Rudl“ grüßen, anstatt ihn zu beschimpfen. Draußen parkt sein silbernes Mercedes-Coupé.
Rudi Mayer, 60, ist Strafverteidiger und Boxer im Weltergewicht. Er will den Namen seines Stammbeisls nicht in der Zeitung lesen. Weil er in der Nähe wohnt und es schon vorgekommen ist, dass Mandanten „auf der Dacken“ stehen, wie er das nennt. Außerdem sind die Österreicher dieser Tage ziemlich aufgebracht. „Die Leut fragen mich, zu was braucht so ein Orschloch auch noch einen Anwalt“, sagt Mayer. Man möge ihn doch gleich zusammen mit Josef F. hinrichten, schrieb einer. Vor wenigen Tagen druckte auch noch die Bild ein Foto von Mayer. Daneben stand: „Dieser Anwalt verteidigt die Inzest-Bestie.“ Fast könnte man bei der Aufmachung des Texts glauben, Rudi Mayer verteidige nicht nur Josef F., sondern auch dessen Taten. „Die Kruste der Rechtsstaatlichkeit“, sagt er und zupft eine Gräte aus der Scholle, „ist schon noch sehr dünn bei uns.“
Es sind die schwersten Verbrecher, die Rudi Mayer anheuern. Ihre Geschichten füllen die Chronikspalten – und Mayer hat die Artikel im Wartezimmer seiner Kanzlei beim Grauen Haus, dem Wiener Straflandesgericht, an die Wand gehängt. Da zeigt ihn zum Beispiel ein Foto mit der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner, die Anfang der Neunziger alte Männer vergiftete. Mayer verteidigte auch jene Eltern, die ihre Tochter Maria in eine Kiste sperrten. Und dann war da noch dieser junge Bursch, der seiner Mutter den Kopf abhackte, um ihn in ein Schaufenster zu legen. Wenn Medien diese Menschen als Teufel bezeichnen, dann wird Rudi Mayer aktiv.
Nun macht der Fall Josef F. „den Mayer“ gegen Ende seiner Karriere auch außerhalb Wiens weltberühmt. Boulevardreporter drängen sich in seiner mit Akten vollgestopften Kanzlei am Alsergrund. Er kann ganz gut mit all den Presseleuten. Sie duzen ihn, er duzt sie, denn sie brauchen einander. „Rudl, bitte, erzähl uns ein bissl was!“, sagen sie dann. Doch „der Rudl“ bleibt hart, er steckt den Journalisten nichts zu, auch nicht, wenn sie ihr Scheckbuch zücken. „Das würde den Anwaltsstand ruinieren.“ Mayer sagt nur: „Herr F. wirkt emotional angeschlagen.“

Für Mayers Geschmack wurde ohnedies schon zu viel gesprochen in diesem Fall. Vor allem vom Beschuldigten und von der Polizei – die Pressekonferenzen mit Gerichtsverhandlungen verwechselt und dort täglich ein neues Urteil spricht. Dabei, sagt Mayer, seien es doch gerade Fälle wie jener von Josef F., in denen sich der Rechtsstaat bewähren müsse, „weil ein zivilisiertes Land seine Täter eben nicht in Stückerln reißen darf“.
Wer Rudi Mayer nur aus dem Fernsehen kennt, würde nicht glauben, dass er mit Eloquenz, Witz und präzisen Verhören die Geschworenen auf seine Seite zu bringen versteht. Im Fernsehen merkt man nichts davon, unbeholfen wie ein Regionalfußballer ringt er da manchmal nach den Worten. Im Gerichtssaal aber hat er sein Heimspiel. „Er legt den Geschworenen die Hand auf die Schulter und sagt: „Helfts eam!“, charakterisierte ihn einmal der Standard-Journalist Daniel Glattauer. Er ist, sagt Richard Soyer, der Chef der Strafverteidigervereinigung, „auf sehr wienerische Art mit dem Rechtsstaat verbunden“. Das war nicht immer so: als „Geständnismayer“ verspotteten ihn seine Kollegen früher gerne, weil er der Konfrontation im Gerichtssaal lieber aus dem Weg ging und Mandanten zu Geständnissen überredete. Einem Richter widerpricht man nicht – schon gar nicht im Gerichtssaal, das war das ungeschriebene Gesetz. Nur langsam ändert es sich. Auch Mayer wurde selbstbewusster. Den Konflikt mit der Obrigkeit scheut er nicht. So vertritt er auch jene „falschen Polizisten“, die von der Polizei angeschossen wurden und deren dritter Komplize getötet wurde, „weil man die Leut doch nicht einfach so erschießen kann“.
Rudi Mayer ist ein Kommunikator, einer, der die Sprache des Volkes spricht und es auch zu beeinflussen versteht. Dazu passt etwa die Geschichte dieses Hausmeisters, der seinen Hund auf die Leute hetzte. Es ist ein kleiner Fall, vielleicht ist er auch nur gut erfunden, aber er erzählt doch einiges über Mayers Stil. Statt „Fass!“, sagt Mayer, habe der Angeklagte ja nur „Lass!“ gesagt – der Hund und das Opfer hatten es im Zweifel falsch verstanden.

Rudolf Mayer, Sohn einer Künstlerin und eines Opernsängers, wächst bei den Großeltern auf, wird im Internat der Schulbrüder erzogen und muss dort auf Holzscheiten knien, während die Lehrer den Rohrstock schwingen. Es war „das volle katholische Programm“. Er lernte, dass Autoritäten grausam sein können und dass das Böse „in jedem Menschen schlummert“. Ein Verteidiger, sagt Mayer, sei oft der erste Mensch, der einem Straftäter zuhöre, sich für ihn einsetze. Es sei ein Beruf mit Verantwortung, ein Stück Aufklärung vielleicht. Es sind ja totalitäre Staaten, die Anwälte verachten, weil sie ein System auch herausfordern können.
Mayer wird Balletteleve, nach der Matura versucht er sich in der Schauspielerei „beim Gratzer Hans“, dem späteren Direktor des Schauspielhauses. „Mit dem Lang Helmut“ kellnert er in den Siebzigern im Motto, einem Wiener Szenelokal. Während Helmut Lang als Modeschöpfer in New York weltberühmt wird, kann sich Mayer mittags „ned amoi a Schnitzel leisten“. Er hat dieses Leben mit 29 Jahren satt. Er wagt den Aufstieg, er studiert Jus in Mindestzeit, er heuert bei einem alten Strafverteidiger an – „weil dort das Leben spielt“, das auch Mayer selbst geprägt hat.
Es ist das offizielle Österreich der Achtzigerjahre, in das sich Mayer nun begibt. Er, der noch heute vom „Woodstock-Film im Kosmoskino“ schwärmt, steht plötzlich vor autoritären Strafrichtern. Es sind Herrschaften, die im Gerichtssaal keinen Widerspruch dulden, aber sich nach der Verhandlung gerne mit Anklägern und Anwälten auf ein Bier setzen oder auch drei.
Lange Plädoyers, freche zumal, gelten noch heute als Strafverschärfungsgründe. Diese mangelnde Konfliktfreude, sie prägen Wiens Strafverteidiger bis heute. Doch das ändert sich. Seit kurzem gibt es eine streitbare Strafverteidigervereinigung, die sich als Avantgarde versteht. Rudi Mayer ist dabei.
Auch privat kämpft er volkstümlich. Während seine Kollegen in schicken Fitnesscentern schwitzen, trainiert Mayer nach seinem 12-Stunden-Tag in der Boxunion Favoriten. Die Leute dort würden über seine Muckis staunen, sagt er. Das Boxen sei überhaupt ein gutes Training für einen Strafverteidiger. Es schärfe den Verstand, fordere Konzentration, Strategie und Geschick. Und es gebe einen Richter, der in der Öffentlichkeit darauf achte, dass es zwischen den Gegnern keine Tiefschläge gibt. Wie im Gerichtssaal müsse man stets wissen, wo der andere hinschlägt. Um zurückzuschlagen – oder eben auch schnell abzuducken.
Im Fall F. spricht Mayer noch immer vom „Bauchgefühl“, das ein Verteidiger in Wien brauche, um Laienrichter zu überzeugen. Ist ein Angeklagter ein Unmensch oder doch nur ein Gefallener? Kann man Mitleid für ihn erwecken, oder wirkt es zynisch? „Gegen die Presse“, sagt Mayer, „gewinnst du ja kaum noch einen Schwurgerichtsprozess.“ Der Geschworene, ein juristischer Laie aus dem Volk, lese „am Abend in der Krone, was in der Verhandlung passiert ist, und glaubt es auch noch“.
Wer Mayer so sprechen hört, der könnte meinen, es sei selbstverständlich, dass Strafen in Wien nicht aufgrund von Beweisen und der persönlichen Schuld des Angeklagten zugemessen werden, sondern dass die Stimmung im Gerichtssaal und der Auftritt eines Angeklagten mitentscheidend sei. Lässt der Beschuldigte die Schultern hängen? Oder gibt er sich selbstbewusst? Verstehen die Schöffen überhaupt, was da im Saal gesprochen wird.
Gibt es im Fall des Josef F. also noch etwas anderes zu holen als mediale Berühmtheit und lebenslang? War es Mord, als F. das Baby in den Brennofen warf? Oder kam es tot auf die Welt? War F. überhaupt zurechnungsfähig? Mayer sagt: Nein. Das sind Fragen, die zwischen Knastmartyrium oder Therapie in einer progressiven Sonderanstalt entscheiden. Kommt Josef F. in die Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher nach Göllersdorf, dann wird er dort von Psychologen in weißen Kitteln empfangen, die ihn mit „Patient“ ansprechen. Kommt er nach Stein, dann wird er am Gang zur Gefängnisdusche wohl immer wieder stolpern.
Rudi Mayer hat die Gräten seiner Scholle fein säuberlich auf den Teller gelegt. Er fährt jetzt gleich mit dem Coupé zum Interview. Er hasst Live-Interviews. Im Fernsehen wird ihn der Journalist fragen, wie er das Engagement für so einen brutalen Kerl vor seinen Enkerln rechtfertigen könne. Mayer sagt: „Mit Stolz.“

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