Das Mädchen und die Meute
Wie der Fall Kampusch die Republik verändern könnte – wenn die Politik das will
(für Falter)
Wie es Natascha Kampusch geht? Müssen wir das wissen? Eigentlich nicht. Wir wissen schon genug, und das, was wir nicht wissen wollen, berichtet täglich der Boulevard. Man könnte Natascha Kampusch in Frieden lassen. Doch jetzt hat sie, wie sie selbst sagt, die „Seiten gewechselt“ – am Sonntag startet ihre eigene Talkshow auf Puls 4. Sie hat die Medien vor allem als eine Meute erlebt und wird nun selbst zur Journalistin. Sie wird Niki Lauda und andere prominente Österreicher interviewen. Kampusch will Teil der österreichischen Fernsehfamilie werden.
Warum sie das tut? Die Antwort ist einfach. Natascha Kampusch will arbeiten, sie will Geld verdienen, vielleicht versucht sie auch, ihrer Opferrolle zu entkommen. Jetzt will sie tun, was alle tun: einen Beruf erlernen, ihr Leben neu gestalten.
Doch Natascha Kampusch ist keine normale Bürgerin.
Nicht für die Österreicher, die sie auf Leserbriefseiten zu verhöhnen beginnen. Nicht für den Boulevard, der ihre intimsten Details ausstellt. Und auch nicht für die Justiz, die ihr neuerdings den Schutz des Privatlebens versagt und eine Klage gegen Paparazzi der Zeitung Heute abwies, die ihr beim Schmusen auflauerten.
Hier liegt der politisch-mediale Kern im Fall Kampusch. Ihr Wille, als Opfer ein eigenes Leben zu führen – und zwar eines abseits und eines in der Öffentlichkeit –, stellt das Land und seine Medien auf den Prüfstand. Wenn sie ungestört machen kann, was sie will, erst dann könnte man von einem normalen Land reden. Doch noch ist es nicht so weit.
Ob sie Louis-Vuitton-Taschen beim Bummel am Wiener Graben betrachtet, ob sie in der Disco schmust, ob sie in der Wachau mit den Eltern diniert, oder was sie ihrem Arzt kurz nach ihrer Befreiung erzählt hat – der Boulevard, vor allem in Gestalt der U-Bahnzeitung Heute, weidet Kampusch aus wie eine erlegtes Tier. Die anderen Blätter ziehen nach – meist heuchlerisch im Ton, aber erbarmungslos in der Sache. Kampusch wehrt sich dagegen, sie verklagt die Medien, sie versucht, sie mit Interviews zu besänftigen – doch abschütteln kann sie die Meute nicht.
Also begann sie, sich mit ihr zu arrangieren. Etwa indem sie den ORF-Reporter Christoph Feurstein bei einer inszenierten Urlaubsreise mitnahm, um ihm dort Einblicke in ihr Seelenleben zu bieten. Die Richter betrachten Kampusch genau deshalb nun als eine „Person des öffentlichen Interesses“ und behandeln sie fast schon wie eine Politikerin. Sie müsse ertragen, was ihr der Boulevard antut. Im Namen der Pressefreiheit muss sie sich täglich ausstellen lassen wie eine Jahrmarktsattraktion.
Sie selbst wollte genau das verhindern. „Ich bin kein Hollywoodstar“, sagte sie einmal. Manche Menschen, klagte sie, wollten aus ihr „einen Mausi-Lugner-Paris-Hilton-Verschnitt“ machen. Vielleicht meinte sie damit zum Beispiel die Familie Wolfgang und Uschi Fellner. Zum Opernball hatten die Herausgeber von Österreich und Madonna Kampusch vergangenes Jahr geladen. Ein Designerkleid hatten die Fellners der jungen Frau spendiert, lila Seide, am Bauch eine Schleife. Erst ihr Medienberater machte Kampusch darauf aufmerksam, dass sie tags darauf damit wohl am Titelblatt von Österreich zu sehen gewesen wäre. Im schlimmsten Fall neben Mausi Lugner und Paris Hilton.
Kampusch hatte mit den Fotografen offenbar nicht gerechnet. Vielleicht war sie naiv. Vielleicht vertraute sie immer noch den Medienleuten. Kampusch jedenfalls meldete sich krank – und die Fellners versteigerten auf eBay ihr Kleid für Kinder in Not. Wer sich noch fragt, wer hier nicht normal ist, die Kampusch oder ihr Publikum, der möge sich vor Augen halten, dass das Kleid einen dankbaren Abnehmer gefunden hat. Der Käufer betreibt eine Wolfgang-Priklopil-Gedenkseite im Netz.
Kampuschs intelligente und nachhaltige Versuche, Widerstand gegen ihre Verfolger zu leisten, werden nicht registriert. Sie schlägt nicht mit einem Säbel um sich, sie wehrt sich mit dem Florett: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sensibler sind!“
Nicht einmal die Justiz reagiert auf Kampuschs Willen. Sie habe sich, so das vergangene Woche zugestellte Urteil der Richter, „freiwillig ins Schlaglicht der Medien begeben“. Sogar der Anwalt von Heute, Michael Rami, war von der Begründung überrascht. Promis, die „aus finanziellen Gründen“ und „zur Befriedigung der Eitelkeit“ in die Öffentlichkeit drängen, müssten nun einmal Paparazzi erdulden, befand das Gericht.
So einfach, so grausam ist das.
Kampusch muss das alles geahnt haben, als sie vor zwei Jahren über die Hecke ihres Peinigers Wolfgang Priklopil in die Freiheit sprang. Kurz nach der Flucht schrieb sie einen offenen Brief, den ihr Psychiater auf einer Pressekonferenz verlas: „Sehr geehrte Journalisten, sehr geehrte Weltöffentlichkeit! Ich bin mir bewusst, dass Sie mir eine gewisse Neugier entgegenbringen und natürlich nähere Details über meine Umstände wissen wollen, in denen ich lebte. Ich möchte Ihnen im Voraus jedoch versichern, dass ich keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten will und werde. Ich werde persönliche Grenzüberschreitungen ahnden. Wer das versucht, kann sich auf etwas gefasst machen.“
Wenn man Kampuschs Schreiben heute liest, wirkt es anrührend naiv – vor allem aber in der Sache richtig. Kampusch ahnte etwas von der unersättlichen Gier des Boulevards. Als sie begriff, dass sie nicht in Ruhe gelassen würde, suchte sie auf Anraten ihrer Berater die Flucht nach vorne. Ein großes Interview, wo alles, was zu sagen war, gesagt werden sollte. Danach Schweigen und Ruhe, die es braucht, um die Traumatisierung zu bearbeiten und ein normales Leben zu beginnen.
Keine zwei Wochen nach ihrer Befreiung gab sie dem ORF, News und der Kronen Zeitung dieses Interview. Sie fieberte noch, weil ihr Immunsystem versagte, der ORF brachte ihre verkrampften Finger im Großformat. Die Herausgeber der Boulevardzeitungen lockten sie dennoch nach Kräften. Ihrem Berater, Dietmar Ecker, sagten sie: „Dietmar, was braucht das Mädel? Was können wir tun? Braucht sie einen Job, eine Ausbildung?“ Ecker erinnert sich: „News und Krone haben schließlich eine schönes Packerl gemacht, ihr finanzielle Grundversorgung, Job und eine Wohnung angeboten!“
Kampuschs Interview war nicht nur zur Abwehr der Paparazzi gedacht, die sogar ihren Vater vor dem Spital verprügelten. Es war als Schlussstein hinter ein acht Jahre langes Martyrium geplant. Kampusch sagte, dass sie der Öffentlichkeit, die sie so lange suchte, „Bericht erstatten wollte“ – aber eben nur so weit, wie sie selbst das wollte.
In Wahrheit war das Interview der Beginn einer neuen Geiselhaft. Ecker hatte erwartet, dass die Medien, wie er sagt, die „Schutzhand über sie haben“. Diese Hoffnung trog. Ecker will heute den Fall Kampusch „nicht mehr kommentieren“. Die Schutzhand ist zur Faust geworden, die aus Kampusch auch noch das letzte Geheimnis herauspressen will. Nicht einmal ihre Eltern schützten sie davor. Im Gegenteil. Der Vater bestellte Fotografen zu Familienfeiern, ohne dass die Tochter das wollte. Die Mutter verriet in einem Buch Geheimnisse, die ihr ihre Tochter anvertraut hatte – ganz so, als wäre die Geschichte Nataschas eine verkäufliche Ware. Alle ließen sich anstecken von der Gier und dem schnellen Geld. Fast hätte man ja vergessen, dass Kampusch keine Heilige war, sondern ein entführtes, traumatisiertes Mädchen aus der Rennbahnwegsiedlung, aufgewachsen in einer zerrütteten Familie.
War sie also naiv? Das lässt sich mit dem Hinweis auf andere Länder entkräften. Der Zeit-Journalist Joachim Riedl grub einen Fall aus, der sich vor acht Jahren in Japan ereignet hatte. Fast zehn Jahre war eine Schülerin in einem Keller eingesperrt gewesen. Auch sie hatte sich als 19-Jährige selbst befreit. Internationale Medien standen vor dem Haus des Entführers. Doch nie bedrängten sie das Opfer oder dessen Familie. Nie wühlten sie in seinem Intimleben. Die Medien trafen eine Vereinbarung und hielten Abstand – aus Respekt. Das Opfer konnte in Ruhe eine Therapie absolvieren. Die Frau lebt heute in Frieden bei ihren Eltern.
Österreich ist anders. Der Fall Amstetten zeigt das erneut. Wieder werden Opfer einer spektakulären Straftat unter Druck gesetzt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wieder werden jene Grundsätze fahrengelassen, die im Ehrenkodex der Presse und im Medienrecht niedergelegt sind. Vorvergangene Woche druckte News zum Beispiel das „Geständnis“ des Amstettner Vergewaltigers Josef F. Ausführlich durfte der noch einmal seine Opfer demütigen und en detail schildern, wie er seine Tochter vergewaltigte. Die Woche zuvor druckte das Blatt auch noch die Bilder der Kinder – ohne Balken vor dem Gesicht. News-Chef Josef Votzi rechtfertigt das so: „Wir haben zur Veranschaulichung der Täter-Opfer-Ebene bewusst mehrere Jahre alte Kinderbilder genommen, damit die Betroffenen für Außenstehende nicht wiedererkennbar sind.“ Dies sei eine übliche Praxis in der Chronikberichterstattung, die leider der „Wucht der Ereignisse von Amstetten offenbar nicht standgehalten hat“.
Paparazzi aus ganz Europa lauern nun vor der Klinik, um auch aktuelle Bilder zu bekommen – und das mit gutem Grund. Das Recht, das ihr Tun sanktioniert, mag streng sein, doch hat es nur nationale Reichweite. Die Früchte ihres Tuns hingegen können die Paparazzi auf der ganzen Welt verkaufen – geahndet wird das kaum. So umschleichen sie das Klinikum, in dem die Familie F. lebt. Sie klettern auf Zäune, vergraben sich im Boden, prügeln sich mit den Sicherheitsbeamten, belagern die Anwaltskanzleien der Opfer – alles, um ein Foto der Familie F. zu bekommen, weil es, wie sie hoffen, hunderttausende Euro Wert wäre.
„Diese Medienleute erinnern mit ihren Methoden an Gewalttäter“, sagt ein Mitglied des Amstettner Betreuerteams. „Sie umschwärmen ihre Opfer, sie kreisen sie ein. Irgendwann bemächtigen sie sich ihrer – und dann gibt es kein Entkommen“. Soll man sich als Opfer nun mit der Meute irgendwie arrangieren, wie Kampuschs Betreuer ihr das rieten? Es ist wie beim Stalking – wer einmal darauf eingeht, ist verloren. Ein kleiner Happen Information – und das Medienrudel stünde wieder vor ihrer Tür. Die Amstettner Betreuer haben deshalb eine andere Strategie: Die Familie soll zusammenhalten. Sie tut es bisher. Keines der Geschwister von Elisabeth F. ist zum Beispiel an die Medien herangetreten – obwohl es für ein Gespräch wohl ausreichend Geld gegeben hätte. Die Einzigen, die die Medien wirklich ausführlich gefüttert haben, waren die Behörden. Wie im Fall Kampusch drängten auch hier Polizisten in Pressekonferenzen vor die Kameras, um über Sexualstraftaten zu berichten. Als gäbe es kein Amtsgeheimnis.
Christoph Herbst, der Anwalt der geschundenen Familie aus Amstetten, durchschaut die Strategie der Paparazzi. „Die Zeitungen“, sagt er, „erwecken den Eindruck, ein Dammbruch stünde bevor!“ Wie das geht, hat vergangene Woche Österreich vorgeführt. Die Zeitung druckte Liebesbriefe, die F. vor 24 Jahren einem Schulfreund geschrieben hatte. Dann behauptete das Blatt fälschlich, F. habe dem ORF bereits ein Interview versprochen. Illustriert sind solche Berichte wie schon im Fall Kampusch mit freierfundenen Phantomzeichnungen. Wenn die Opfer nicht vor die Kameras treten, dann verpassen ihnen die Medien eben kurzerhand ein neues Gesicht. Das alles dient, wie Herbst weiß, einem Zweck: „Wir sollen die Flucht nach vorne antreten.“ Er ist sich bewusst, dass das seinen Mandanten nichts nützen würde. Im Gegenteil. Es würde die Meute nur anlocken. Schon jetzt stehen Reporter im Adrenalinrausch vor den Amstettner Betreuern, hechelnd wie Jagdhunde, die Blut gerochen haben. Das Bild mag drastisch sein, es trifft aber zu.
Der Fall Kampusch hat gezeigt, was der Familie F. aus Amstetten droht, nämlich auf die freie Fläche gelockt zu werden, um dort als Freiwild unter dem Applaus und zur Freude des Publikums vorgeführt zu werden. Die Rolle ist festgeschrieben. Ein Journalist, der mit Natascha Kampusch arbeitete, sagt: „Opfer müssen in der Öffentlichkeit knurren und gurren wie die Kinder von Amstetten. Wehe, wenn sie ein eigenes Leben wagen, dann werden sie nicht akzeptiert“. Es gibt kein Entkommen.
Oder doch? Das Schicksal der Talkmasterin Natascha Kampusch und der Amstettner Familie wird zeigen, ob es Auswege gibt, ob Österreich sich noch retten kann vor einer vollkommenen Boulevardisierung seiner Gesellschaft. Der Boulevard jedenfalls glaubt an die Unersättlichkeit seiner Leser und profitiert davon. Die Zeitschrift News druckte zum Beispiel ein Interview mit einer Prostituierten, bei der sich der mutmaßliche Axtmörder aus Hietzing vergnügte. Ausführlich erzählte die Frau, für welche sexuellen Vorlieben der psychisch kranke Mann bezahlte. Wie er dabei keuchte und schwitzte. Krone, Österreich, Heute und Kurier veröffentlichten ein Klassenbild, auf dem eines der später getöteten Kinder zu sehen war – leider eine Verwechslung, wie die Zeitungen bedauerten. Neben der Axt wurde das falsche Kind abgebildet.
Angesichts dieser Praktiken macht sich langsam auch so etwas wie Empörung breit. Und das hat, wenn es gut geht, Folgen. Anfang Juli bittet der Nationalrat auf Drängen des ÖVP-Klubobmanns Wolfgang Schüssel zu einer Enquete. Ende Mai lädt auch das Kabinett von Justizministerin Maria Berger zu internen Besprechungen mit Fachleuten. Berger, so versichert ihr Sprecher, will zwar das Medienrecht nicht ändern – aber ihre Experten strecken die Fühler aus. Sie ertasten, zu welchen Einschränkungen die Medien im Rahmen des Opferschutzes bereit wären, ohne „Pressefreiheit!“ zu schreien. Müssen die Entschädigungszahlungen erhöht werden? Braucht es ein Anti-Stalking-Gesetz für Medien? Müssen Opfer besser gewappnet werden, um in Prozessen gegen den Boulevard zu bestehen. „Wir bewegen uns Richtung England“, sagt die Publizistin und Leiterin der Fachhochschule für Journalismus in Wien, Anneliese Rohrer, „nur die Sanktionen sind noch wohlfeil“. Mit England meint Rohrer eine völlige Enthemmung am Boulevard. Gerade in diesem Land ziehen Richter aber dieser Tage die Notbremse. Sie beginnen, die Paparazziindustrie hart zu bestrafen. Die Entschädigungen für Opfer sind im österreichischen Mediengesetz hingegen mit 20.000 Euro gedeckelt. Der Gesetzgeber sorgt sich um die Existenz der Medien, doch viel weniger um die ihrer Opfer.
Nicht nur die Politiker spüren, dass da etwas falsch läuft. Sogar Wiens Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, im Nebenberuf Krone- und Heute-Sonntagsprediger, meldete sich zu Wort. Die Zeitungen, so sagte er, sollten sich etwas in Zurückhaltung üben. Er fuhr dabei heiliges Geschütz auf. Der Papst, sagte Schönborn, habe, von den „Medien am Scheideweg zwischen Selbstdarstellung und Dienst mehr Verantwortung“ eingefordert. Schönborn könnte den ersten Schritt tun – und nicht nur predigen, sondern auch sein Amt bei Heute und Krone, dem Imperium der Familie Dichand zurücklegen. Das wäre ein gottgefälliges, verantwortliches Signal.
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