Dreck statt Kontrolle
Der Fall Philipp Ita: Wie der Boulevard statt öffentlicher Missstände die Betten eines verhassten Politsekretärs aufdeckt. (für Falter)
Es ist Mittwochabend. Philipp Ita geht noch schnell zum Schottentor, um das neue News zu kaufen. "Skandalakte ÖVP" steht auf dem Cover. Ita blättert und stutzt. Ein Bild zeigt ihn lächelnd neben einem Waffenhändler. Der hält sein Gewehr in die Luft. Ita mustert den Pullover, den er auf dem Foto trägt: "Den habe ich doch bei einem Skirennen in Kitzbühel getragen!" Das verfängliche Bild mit dem Waffenhändler ist eine Fälschung, wie auch eine Nachfrage bei News ergibt. Der Leser erfährt es nicht einmal im Kleingedruckten. Ita soll eine Weisung von Innenministerin Prokop, Waffenexporte in den Iran zu unterbinden, verzögert haben, steht da zu lesen. Ita selbst bestreitet das. Hoffentlich ist diese Geschichte nicht so erfunden wie das Foto. Ita bleibt ruhig. Immerhin zeigt die ihn wenigstens nicht mit Prostituierten. "Dieser Tage", sagt er, "wäre auch das möglich."
Philipp Ita, 35 - ÖBB-Manager, Lebensgefährte von ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky -, war von 2002 bis 2007 Kabinettschef im Innenministerium. Heute ist er ein Wrack und das Feindbild der Nation. Im Innenressort soll er einst seine Macht ausgespielt und die höchsten Beamten angebrüllt haben. Ita steht im Zentrum der Enthüllungen rund um den abgesetzten Kripo-Chef Herwig Haidinger. Wegen Ita wankt die Koalition, er gilt in der Öffentlichkeit als Vertreter einer machtgeilen Politikerkaste, die Beamte zu parteipolitischen Zwecken missbraucht hat. Auf Staatskosten soll er sich sogar im Puff vergnügt haben. Ita bestreitet all dies, er spricht von "Intrigen und Halbwahrheiten". Ob er Recht hat, wird die Justiz klären. Manche Vorwürfe entkräftet er mit Akten.
Man muss mit Philipp Ita kein Mitleid haben. Vieles von dem, was Herwig Haidinger
über ihn ausgesagt hat, klingt plausibel. Doch einiges irritiert, wenn man den Fall aus Itas Sicht betrachtet. Nicht nur seine Amtsführung, auch sein Privatleben wird ausgeschlachtet, in den Medien, aber nicht vor Gericht. Denn die Staatsanwaltschaft, die Haidingers Vorwürfe seit 13. Juli 2007 kennt, hat ihn bis heute nicht befragt. Akteneinsicht wird Itas Strafverteidiger Thomas Kralik verwehrt. Ita ist nun auf Journalisten angewiesen, um die neuesten Vorwürfe gegen sich zu erfahren. "Medienjustiz in ihrer Vollendung", sagt er.
Ganz falsch ist das nicht. Deshalb lohnt ein Blick auf die Rolle, die die Medien in der Causa Haidinger spielen. Haidinger füttert sie. Er spielt dabei eine ambivalente Rolle. Vieles, was er behauptet, ist von großem politischem Interesse. Viele "Gerüchte", die er Richtung Parlament streute, stammen aber auch aus dem Rosenkrieg der Itas. Der Grüne Peter Pilz etwa hatte diese privaten Bereiche bewusst nie thematisiert. Anders der Boulevard. Er vermischt Politisches und Privates, unterscheidet nicht mehr zwischen den Eigeninteressen einer verlassenen Frau und ihres Scheidungsanwalts - und der Enthüllung von Missständen, die das Land betreffen. Auch Pilz kritisiert, die Medien "versagen bei der Kontrollfunktion und sind bei der Anpatzerei mit Drecksgeschichten munter dabei".
Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der "höchstpersönliche Lebensbereich" zwar tabu. Doch wehren muss sich das Opfer auf eigenes Risiko. 18 Klagen hat Ita, vertreten durch seinen Medienanwalt Michael Rami, deshalb eingebracht. Viele davon hat er bereits erstinstanzlich gewonnen. Es sind Pyrrhussiege. Je mehr sich ein Medienopfer gegen öffentliche Bloßstellung zur Wehr setzt, desto heftiger wird es attackiert. Schon Natascha Kampusch hat das vergangenes Jahr gespürt, als sie die Paparazzi der U-Bahn-Postille heute zurückscheuchen wollte, die über ihren ersten Kuss berichteten. Nun ist Ita in Österreich an der Reihe.
Ein Blick zurück, um Itas Krieg mit dem Boulevard zu verstehen. Im Sommer des vergangenen Jahres sickerte durch, dass der verheiratete Philipp Ita und die bürgerliche Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ein Verhältnis haben. Ein Passant hatte die beiden an einer Tankstelle und bei einem Heurigen schmusend gesehen - und Österreich davon informiert. Vor ein paar Jahren noch hätte niemand in Österreich diese Story gedruckt. Kdolsky kam dennoch unter medialen Druck, tollpatschig trat sie die Flucht nach vorne an. Sie gewährte Ö3 ein Interview über ihre "Schmetterlinge im Bauch". Itas Namen nannte Kdolksy aber nicht, den wollte sie aus der Debatte raushalten. Sie glaubte, den Boulevard befriedigt zu haben. Der gierte nach mehr.
Österreich outete Kdolskys Lover Philipp Ita und machte ihn so zur öffentlichen Person, obwohl der das im Unterschied zu Grasser & Co nie wollte. Er verweigerte Interviews mit Journalisten, sagte, dass er seine privaten Liebesgeschichten "weder dementiert noch bestätigt". Österreich zitierte nur: "Ich dementiere nicht." Reporter suchten seine Familie auf, belagerten seine Kollegen. Sogar bei seiner Scheidung lauerten Paparazzi vor Gericht.
Hier kommt Itas Exfrau Doris ins Spiel. Sie spielt in der Affäre Haidinger eine undurchsichtige Rolle. Die "bildhübsche Lady" (so Fellners Illustrierte Madonna) mit dem gebrochenen Herzen gab rührende Interviews, posierte für Fotostrecken und berichtete über Kdolskys Hautcremes, die sie im Bad fand ("die waren nicht für junge Haut"). Philipp Ita, der diese Enthüllungen über sein Privatleben nicht wollte, klagte Österreich, News und Madonna - und gewann in erster Instanz.
Nun tritt Kripo-Chef Herwig Haidinger auf. Auch er sprach mit Frau Ita. Ihm gegenüber schwärmte sie nicht vom verlorenen Eheglück. Sie packte Schmutzwäsche aus. Philipp Ita sei betrunken mit dem Auto gefahren, er habe Polizeikontrollen missachtet, interveniert, geprügelt, Kolleginnen begrapscht und in Bordellen auf Staatskosten "wie ein Pascha Hof gehalten". Zu dieser Zeit handelten die Anwälte der Itas einen Scheidungsvergleich aus. Dabei ging es um viel Geld. Nach dem Vergleich verpflichtete sich Frau Ita, über das Leben ihres Mannes zu schweigen.
Haidinger hatte all die "Gerüchte" über seinen Feind Ita vergangenes Jahr notiert und gemeinsam mit den wirklich brisanten Vorwürfen betreffend den Bawag-Aktenverrat an das Büro für Interne Angelegenheiten (BIA) gemeldet. Die Korruptionsfahnder prüften die Blüten des Rosenkrieges, fanden aber nichts Kriminelles. Die angeblich begrapschten Frauen dementierten, belästigt worden zu sein, beim Unfall kam offenbar nur Ita zu Schaden; die Alko-Fahrten waren nicht beweisbar, denn Frau Ita entschlug sich nach dem Scheidungsvergleich der Aussage. Für eine "Hexenjagd", so BIA-Chef Kreutner, wollte man sich nicht hergeben.
Den Job besorgen jetzt die Medien. Sie verfügen nun über Haidingers Anzeigen an das BIA. Österreich titelte etwa: "Watergate der ÖVP weitet sich aus: Sex-Affäre im Innen-Ministerium! Mit Regierungs-Kreditkarte im Bordell bezahlt!" Ein "Top-Insider" wird zitiert, der "exklusiv" enthüllte, ein gewisser "Mag. I" habe "Bordellbesuche auf Staatskosten" genossen. Eine Innenministeriums-Kreditkarte sei im Puff verloren worden. Der gefallene General Roland Horngacher sei dabei gewesen.
Es waren vor allem die Vorwürfe von Doris Ita und zwei anderen Zuträgern Haidingers, die Österreich wie Fakten präsentierte.
Itas Anwalt rief bei Österreich an und dementierte. Wie reagierte das Blatt darauf? "Nachdem die gesamte Polit-Szene Wiens gestern über die Österreich-Enthüllungen sprach, outete sich der umstrittene Ministerberater gestern selbst." Ita, so Österreich, "erkannte sich wieder". So wurde aus Itas Dementi ein Outing. Er war also der Puff-Pascha, der auf Staatskosten hurte. Die Story fand sich (abgeschwächt und ohne Itas Namen) vergangene Woche sogar in der Süddeutschen Zeitung.
Fakten spielen keine Rolle mehr. Itas (private) Kreditkarte, so geht aus seinem Polizeiakt eindeutig hervor, wurde nämlich bei einem Restaurantbesuch gestohlen. Der Täter, ein serbischer Kellner, wurde bei einem Kreditkartenbetrug auf der Mariahilfer Straße erwischt. Er gestand, auch anderen Gästen die Kreditkarte geklaut zu haben. Nach dem Diebstahl haute der Dieb damit auf den Putz, zweimal bezahlte er in Nachtklubs 400 Euro - mit Itas Karte. Ita, der um seinen Ruf bangte, weil die Kartengesellschaft von den peinlichen Zahlungen erfuhr, bat Roland Horngacher, die Diebstahlsakte anzufordern - als Geschädigter hat er das Recht dazu. Horngacher tat, wie gebeten.
Ein Skandal? Nichts deutet darauf hin. Der Akt wurde mehrmals überprüft. Ita wurde dennoch zum Freiwild. "Über meinem Kopf leeren sich Mülldeponien aus", sagt er jetzt.
Das Leben der derart Gehetzten ist ruiniert. Auch der Blick auf Leserpostings, die auf der Homepage von Österreich ungefiltert publiziert werden können, zeigt den vom Boulevard entfesselten Volkszorn. Ein Leser wünscht Ita den Tod, ein anderer verhöhnt "Schweinchen Andrea", die bei Ita im Puff "keinen Euro verdienen und als Sozialfall enden würde". Vulgäre Postings, die offenbar kein Webmaster zu entfernen gedenkt. Ita sagt, er gehe nur noch mit "eingezogenem Kopf" durch die Straßen.
Was bleibt? Ein Kabinettschef, der im schweren Verdacht steht, Bawag-Akten an die ÖVP gespielt zu haben, jetzt aber auch seine angeblichen privaten Verfehlungen enthüllt sieht. Ein Boulevard, der anstatt zu recherchieren, scheinheilig "es gilt die Unschuldsvermutung" an den Schluss der "Drecksgeschichten" (Pilz) schreibt. Massenblätter, die Bilder fälschen und Privates und Öffentliches vermischen. Politiker, die unter Druck geraten und ihre innersten Gefühle ausbreiten - in der trügerischen Hoffnung, damit Ruhe vorm Boulevard und ein menschliches Image zu gewinnen.
Die betroffenen Medien werden dafür vermutlich ein paar zehntausend Euro Schadenersatz zahlen müssen. Es ist leichtverdientes Geld.
Der Fall Philipp Ita: Wie der Boulevard statt öffentlicher Missstände die Betten eines verhassten Politsekretärs aufdeckt. (für Falter)
Es ist Mittwochabend. Philipp Ita geht noch schnell zum Schottentor, um das neue News zu kaufen. "Skandalakte ÖVP" steht auf dem Cover. Ita blättert und stutzt. Ein Bild zeigt ihn lächelnd neben einem Waffenhändler. Der hält sein Gewehr in die Luft. Ita mustert den Pullover, den er auf dem Foto trägt: "Den habe ich doch bei einem Skirennen in Kitzbühel getragen!" Das verfängliche Bild mit dem Waffenhändler ist eine Fälschung, wie auch eine Nachfrage bei News ergibt. Der Leser erfährt es nicht einmal im Kleingedruckten. Ita soll eine Weisung von Innenministerin Prokop, Waffenexporte in den Iran zu unterbinden, verzögert haben, steht da zu lesen. Ita selbst bestreitet das. Hoffentlich ist diese Geschichte nicht so erfunden wie das Foto. Ita bleibt ruhig. Immerhin zeigt die ihn wenigstens nicht mit Prostituierten. "Dieser Tage", sagt er, "wäre auch das möglich."
Philipp Ita, 35 - ÖBB-Manager, Lebensgefährte von ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky -, war von 2002 bis 2007 Kabinettschef im Innenministerium. Heute ist er ein Wrack und das Feindbild der Nation. Im Innenressort soll er einst seine Macht ausgespielt und die höchsten Beamten angebrüllt haben. Ita steht im Zentrum der Enthüllungen rund um den abgesetzten Kripo-Chef Herwig Haidinger. Wegen Ita wankt die Koalition, er gilt in der Öffentlichkeit als Vertreter einer machtgeilen Politikerkaste, die Beamte zu parteipolitischen Zwecken missbraucht hat. Auf Staatskosten soll er sich sogar im Puff vergnügt haben. Ita bestreitet all dies, er spricht von "Intrigen und Halbwahrheiten". Ob er Recht hat, wird die Justiz klären. Manche Vorwürfe entkräftet er mit Akten.
Man muss mit Philipp Ita kein Mitleid haben. Vieles von dem, was Herwig Haidinger
über ihn ausgesagt hat, klingt plausibel. Doch einiges irritiert, wenn man den Fall aus Itas Sicht betrachtet. Nicht nur seine Amtsführung, auch sein Privatleben wird ausgeschlachtet, in den Medien, aber nicht vor Gericht. Denn die Staatsanwaltschaft, die Haidingers Vorwürfe seit 13. Juli 2007 kennt, hat ihn bis heute nicht befragt. Akteneinsicht wird Itas Strafverteidiger Thomas Kralik verwehrt. Ita ist nun auf Journalisten angewiesen, um die neuesten Vorwürfe gegen sich zu erfahren. "Medienjustiz in ihrer Vollendung", sagt er.
Ganz falsch ist das nicht. Deshalb lohnt ein Blick auf die Rolle, die die Medien in der Causa Haidinger spielen. Haidinger füttert sie. Er spielt dabei eine ambivalente Rolle. Vieles, was er behauptet, ist von großem politischem Interesse. Viele "Gerüchte", die er Richtung Parlament streute, stammen aber auch aus dem Rosenkrieg der Itas. Der Grüne Peter Pilz etwa hatte diese privaten Bereiche bewusst nie thematisiert. Anders der Boulevard. Er vermischt Politisches und Privates, unterscheidet nicht mehr zwischen den Eigeninteressen einer verlassenen Frau und ihres Scheidungsanwalts - und der Enthüllung von Missständen, die das Land betreffen. Auch Pilz kritisiert, die Medien "versagen bei der Kontrollfunktion und sind bei der Anpatzerei mit Drecksgeschichten munter dabei".
Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der "höchstpersönliche Lebensbereich" zwar tabu. Doch wehren muss sich das Opfer auf eigenes Risiko. 18 Klagen hat Ita, vertreten durch seinen Medienanwalt Michael Rami, deshalb eingebracht. Viele davon hat er bereits erstinstanzlich gewonnen. Es sind Pyrrhussiege. Je mehr sich ein Medienopfer gegen öffentliche Bloßstellung zur Wehr setzt, desto heftiger wird es attackiert. Schon Natascha Kampusch hat das vergangenes Jahr gespürt, als sie die Paparazzi der U-Bahn-Postille heute zurückscheuchen wollte, die über ihren ersten Kuss berichteten. Nun ist Ita in Österreich an der Reihe.
Ein Blick zurück, um Itas Krieg mit dem Boulevard zu verstehen. Im Sommer des vergangenen Jahres sickerte durch, dass der verheiratete Philipp Ita und die bürgerliche Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ein Verhältnis haben. Ein Passant hatte die beiden an einer Tankstelle und bei einem Heurigen schmusend gesehen - und Österreich davon informiert. Vor ein paar Jahren noch hätte niemand in Österreich diese Story gedruckt. Kdolsky kam dennoch unter medialen Druck, tollpatschig trat sie die Flucht nach vorne an. Sie gewährte Ö3 ein Interview über ihre "Schmetterlinge im Bauch". Itas Namen nannte Kdolksy aber nicht, den wollte sie aus der Debatte raushalten. Sie glaubte, den Boulevard befriedigt zu haben. Der gierte nach mehr.
Österreich outete Kdolskys Lover Philipp Ita und machte ihn so zur öffentlichen Person, obwohl der das im Unterschied zu Grasser & Co nie wollte. Er verweigerte Interviews mit Journalisten, sagte, dass er seine privaten Liebesgeschichten "weder dementiert noch bestätigt". Österreich zitierte nur: "Ich dementiere nicht." Reporter suchten seine Familie auf, belagerten seine Kollegen. Sogar bei seiner Scheidung lauerten Paparazzi vor Gericht.
Hier kommt Itas Exfrau Doris ins Spiel. Sie spielt in der Affäre Haidinger eine undurchsichtige Rolle. Die "bildhübsche Lady" (so Fellners Illustrierte Madonna) mit dem gebrochenen Herzen gab rührende Interviews, posierte für Fotostrecken und berichtete über Kdolskys Hautcremes, die sie im Bad fand ("die waren nicht für junge Haut"). Philipp Ita, der diese Enthüllungen über sein Privatleben nicht wollte, klagte Österreich, News und Madonna - und gewann in erster Instanz.
Nun tritt Kripo-Chef Herwig Haidinger auf. Auch er sprach mit Frau Ita. Ihm gegenüber schwärmte sie nicht vom verlorenen Eheglück. Sie packte Schmutzwäsche aus. Philipp Ita sei betrunken mit dem Auto gefahren, er habe Polizeikontrollen missachtet, interveniert, geprügelt, Kolleginnen begrapscht und in Bordellen auf Staatskosten "wie ein Pascha Hof gehalten". Zu dieser Zeit handelten die Anwälte der Itas einen Scheidungsvergleich aus. Dabei ging es um viel Geld. Nach dem Vergleich verpflichtete sich Frau Ita, über das Leben ihres Mannes zu schweigen.
Haidinger hatte all die "Gerüchte" über seinen Feind Ita vergangenes Jahr notiert und gemeinsam mit den wirklich brisanten Vorwürfen betreffend den Bawag-Aktenverrat an das Büro für Interne Angelegenheiten (BIA) gemeldet. Die Korruptionsfahnder prüften die Blüten des Rosenkrieges, fanden aber nichts Kriminelles. Die angeblich begrapschten Frauen dementierten, belästigt worden zu sein, beim Unfall kam offenbar nur Ita zu Schaden; die Alko-Fahrten waren nicht beweisbar, denn Frau Ita entschlug sich nach dem Scheidungsvergleich der Aussage. Für eine "Hexenjagd", so BIA-Chef Kreutner, wollte man sich nicht hergeben.
Den Job besorgen jetzt die Medien. Sie verfügen nun über Haidingers Anzeigen an das BIA. Österreich titelte etwa: "Watergate der ÖVP weitet sich aus: Sex-Affäre im Innen-Ministerium! Mit Regierungs-Kreditkarte im Bordell bezahlt!" Ein "Top-Insider" wird zitiert, der "exklusiv" enthüllte, ein gewisser "Mag. I" habe "Bordellbesuche auf Staatskosten" genossen. Eine Innenministeriums-Kreditkarte sei im Puff verloren worden. Der gefallene General Roland Horngacher sei dabei gewesen.
Es waren vor allem die Vorwürfe von Doris Ita und zwei anderen Zuträgern Haidingers, die Österreich wie Fakten präsentierte.
Itas Anwalt rief bei Österreich an und dementierte. Wie reagierte das Blatt darauf? "Nachdem die gesamte Polit-Szene Wiens gestern über die Österreich-Enthüllungen sprach, outete sich der umstrittene Ministerberater gestern selbst." Ita, so Österreich, "erkannte sich wieder". So wurde aus Itas Dementi ein Outing. Er war also der Puff-Pascha, der auf Staatskosten hurte. Die Story fand sich (abgeschwächt und ohne Itas Namen) vergangene Woche sogar in der Süddeutschen Zeitung.
Fakten spielen keine Rolle mehr. Itas (private) Kreditkarte, so geht aus seinem Polizeiakt eindeutig hervor, wurde nämlich bei einem Restaurantbesuch gestohlen. Der Täter, ein serbischer Kellner, wurde bei einem Kreditkartenbetrug auf der Mariahilfer Straße erwischt. Er gestand, auch anderen Gästen die Kreditkarte geklaut zu haben. Nach dem Diebstahl haute der Dieb damit auf den Putz, zweimal bezahlte er in Nachtklubs 400 Euro - mit Itas Karte. Ita, der um seinen Ruf bangte, weil die Kartengesellschaft von den peinlichen Zahlungen erfuhr, bat Roland Horngacher, die Diebstahlsakte anzufordern - als Geschädigter hat er das Recht dazu. Horngacher tat, wie gebeten.
Ein Skandal? Nichts deutet darauf hin. Der Akt wurde mehrmals überprüft. Ita wurde dennoch zum Freiwild. "Über meinem Kopf leeren sich Mülldeponien aus", sagt er jetzt.
Das Leben der derart Gehetzten ist ruiniert. Auch der Blick auf Leserpostings, die auf der Homepage von Österreich ungefiltert publiziert werden können, zeigt den vom Boulevard entfesselten Volkszorn. Ein Leser wünscht Ita den Tod, ein anderer verhöhnt "Schweinchen Andrea", die bei Ita im Puff "keinen Euro verdienen und als Sozialfall enden würde". Vulgäre Postings, die offenbar kein Webmaster zu entfernen gedenkt. Ita sagt, er gehe nur noch mit "eingezogenem Kopf" durch die Straßen.
Was bleibt? Ein Kabinettschef, der im schweren Verdacht steht, Bawag-Akten an die ÖVP gespielt zu haben, jetzt aber auch seine angeblichen privaten Verfehlungen enthüllt sieht. Ein Boulevard, der anstatt zu recherchieren, scheinheilig "es gilt die Unschuldsvermutung" an den Schluss der "Drecksgeschichten" (Pilz) schreibt. Massenblätter, die Bilder fälschen und Privates und Öffentliches vermischen. Politiker, die unter Druck geraten und ihre innersten Gefühle ausbreiten - in der trügerischen Hoffnung, damit Ruhe vorm Boulevard und ein menschliches Image zu gewinnen.
Die betroffenen Medien werden dafür vermutlich ein paar zehntausend Euro Schadenersatz zahlen müssen. Es ist leichtverdientes Geld.

Kommentare
Dieser Kommentar hätte sich ein größeres Publikum verdient. Es ist wieder höchste Zeit, diese Boulevard-Methoden sichtbar zu machen und sich dagegen zu wehren. An sich sollten wir schon lange darüber hinweg sein - ich erinnere mich beispielsweise an Heinrich Böll und die Bild-Zeitung - aber leider scheinen diese Methoden regelmäßig wiederzukehren und somit muss sich auch die Kritik daran immer wieder erneuern.
Denes • 14.03.08 15:11