Wo man die Freiheit übt
Im Jugendgefängnis Gerasdorf werden Gewalttäter auf das Leben danach vorbereitet. Die Beamten riskieren viel – sogar ihre Existenz. Wer über „Kuschelvollzug“ spottet, muss auch ihre Welt besuchen.
Ein Hallenbad war sein Kindheitstraum gewesen. Als Gottfried neun Jahre alt war, wurde der Traum wahr. Hier, im niederösterreichischen Dörfchen Gerasdorf, konnte der Bauernbub sogar im Winter plantschen und dabei durch diese modernen, großen Glasscheiben auf die Felsen der Hohen Wand blicken. Es war aber kein gewöhnliches Hallenbad, das wusste Gottfried. Die Gerasdorfer durften nur einmal die Woche hinter der zwei Kilometer langen Betonmauer schwimmen. An den anderen sechs Tagen gehörte das Bad besonderen Jugendlichen.
Das Besondere an ihnen: Sie waren Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Sie lebten jetzt hier, siebzig Kilometer südlich von Wien, auf dem Gelände eines Barockschlosses, in dem zweieinhalb Jahrzehnte zuvor noch die NS-Volkswohlfahrt residiert hatte. Der rote Justizreformer Christian Broda ließ das Anwesen abreißen und wagte ein Experiment: ein Gefängnis, das helfen sollte, statt zu strafen. Das war 1969. Erst ein Jahr zuvor war auf Brodas Drängen hin die Todesstrafe abgeschafft worden.
Plötzlich gab es hier Dinge, von denen die Gerasdorfer nur träumen konnten: einen Tennisplatz. Einen Theatersaal mit Filmprojektor. Einen Park mit Teich. Gerasdorf, so schrieb „Staberl“ in der Krone, „besitzt geschmackvoll eingerichtete Einzelzimmer. Die Möbel sind dezent und fein. Vor den Fenstern schöne Vorhänge (...) und da und dort ein Glasmosaik, das eigens aus Italien hergebracht wurde.“ Das werde all jene Österreicher freuen, „die zu fünft auf Küche und Zimmer vegetieren“!
Staberl ist mittlerweile Pensionist, das Hallenbad gibt es noch heute, auch wenn am Gang dorthin der Verputz bröckelt. Gerade köpfeln zwei Burschen ins Wasser. Es sind zwei von 120 Häftlingen, die hier eingesperrt sind. Die anderen spielen draußen Basketball. Darunter: zwölf Mörder, zwölf Sexualstraftäter, sechzig Räuber. Sie alle sind zwischen 14 und 27 Jahre alt. Auch Gottfried ist wieder da. Gottfried Neuberger, Oberst der Justizwache. Er hat hier viele Jahre gearbeitet und sagt: „Wir Kinder verstanden damals nicht, was hinter den Mauern geschah.“
Es war ein europaweit bestauntes Projekt, das hier seinen Ausgang nahm.
Junge Straftäter wurden nicht mehr in Erziehungslagern gebrochen, wie dies damals üblich war. Auch Gottfried Neuberger kann sich an Wiener Gefängniszellen erinnern, in denen es nach „Fäkalien und Schweiß“ stank, wo Häftlinge für einen falschen Blick „eine in die Goschen bekommen“ haben. Die Gesetze waren die gleichen wie heute. Aber die Einstellung der Beamten hat sich geändert. So haben die Beamten Verantwortung übernommen für Insassen, die sie heute „Schützlinge“ nennen. Das war ein Prozess, der Ende der Sechziger seinen Anfang nahm – und der nun wieder zur Debatte steht.
Begonnen hatte die Debatte mit den Bildern einer Münchner Überwachungskamera, die zwei ausländische Jugendliche zeigen, wie sie auf einen Rentner eintreten. Die CDU forderte daraufhin strenge Erziehungslager. Die ÖVP glaubt, es ihrer deutschen Schwesternpartei nachmachen zu müssen. Denn die Jugendkriminalitätszahlen klettert auch in Österreich nach oben. Die meisten der darin verzeichneten Delikte sind zwar Bagatellen, doch im Visier von Politikern stehen ausländische Straßenräuber. Sie stellen auch in Gerasdorf die Mehrheit. Drei von vier Insassen haben „Migrationshintergrund“. Mitschuld daran, so heißt es, seien „linke Träumer“, die Kriminelle mit „Sitzgruppen“ verwöhnen. ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon kündigte an, „am Thema dranzubleiben“.
So geht es in dieser Debatte erneut um Grundsätzliches: Soll man junge Kriminelle mit Härte bestrafen oder doch lieber nach den Ursachen forschen, die sie brutalisierten? Wer diese Frage nicht ideologisch, sondern pragmatisch beantworten will, muss auch mit den Beamten in Gerasdorf sprechen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus eigener Erfahrung gelangten sie zur Erkenntnis, dass es nicht reicht, an der Strafschraube zu drehen, um Kriminalität zu bekämpfen.
Es sind ungewöhnliche Beamte. Sie tragen keine Uniform. Ihre Autorität müssen sie durch ihre Persönlichkeit und nicht durch Distinktion unter Beweis stellen. Erst seit Ende der 60er-Jahre ist es den Beamten gestattet, überhaupt mit den Häftlingen zu sprechen.
So hat auch Oberst Gottfried Neuberger etwas zu sagen, wenn die Politiker in Wien Bootcamps das Wort reden. 17 Jahre leitete Neuberger die Erziehungsabteilung in Gerasdorf, nun führt er das nahegelegenen Frauengefängnis in der Schwarzau. Er ist heute in den Jugendknast gekommen, weil er der Öffentlichkeit ein wenig über die Geschichte des Jugendstrafvollzugs erzählen will: „Das ist ja hier kein Club Med“, sagt er, „wir sind ja nicht naiv.“ Ob es mehr Härte braucht? „Natürlich kann ich den Buben eine anrauchen, wenn sie ,Arschloch‘ sagen. Doch sie schimpfen dann nur deshalb nicht, weil sie Angst haben.“ Die Angst sei kein Lehrmeister.
Neuberger sitzt in einem Besprechungszimmer und versinkt in braunen Siebzigerjahre-Fauteuils, für die man in Designerläden ein kleines Vermögen zahlen würde. Vor ihm ein runder Couchtisch. Auch diese Möbel sind Relikte aus der Broda-Zeit. Die Beamten sollten in angenehmer, nicht hierarchischer Atmosphäre über die Insassen beraten. Neben Neuberger sitzt die Psychologin Margitta Essenther. Sie ist die Anstaltsleiterin, war einst Chefin der Jugendgerichtshilfe Wien, einer Behörde, die Vorgeschichten krimineller Jugendlicher für die Richter recherchiert. Vor ihr liegt eine „Kurzinformation für die Presse“, die die andere Seite der Jugendkriminalität in Zahlen fasst. Achtzig Prozent der Insassen hier wurden in ihrer Kindheit mit Gürteln gedroschen, vergewaltigt, eingesperrt und nach dem „Faustrecht“ erzogen, wie Essenther es nennt. Nur einer der 120 Häftlinge hier hat keine „Suchterfahrung“. Die Jugendlichen haben aber auch selbst gewütet. Niemand hier will das entschuldigen. Da ist der 16-jährige Türke Ahmed (alle Namen geändert) mit dem Oberlippenflaum. In kurzen Hosen sitzt er in seiner Zelle unter einer türkischen Fahne, die über einem Pin-up hängt. Auf einem Poster steht „Benimm dich!“. Aus „reiner Habgier“, so das Gericht, erschlug er einen Rentner mit der Axt, um an dessen Bankomatkarte zu gelangen. Da ist dieses durchtrainierte Milchgesicht aus Kärnten. Mit einer Machete hackte er seiner Freundin die Finger ab. Da läuft dieser 15-Jährige, der mit Freunden kürzlich ein Mädchen in Graz ermorden wollte, so wie er es in Horrorfilmen gesehen hatte.
Es sind jene Jugendlichen, deren Taten die Medien gerne als „unfassbar“ titulieren und die in wenigen Jahren schon wieder frei sein werden. So wie der Amokläufer aus Zöbern, der seine Lehrerin erschossen hat – und heute als Malermeister in Freiheit lebt.
Kurz ist die Zeit, in der die Jugendlichen hier betreut werden. Knapp auch das Geld. Nicht einmal Supervision bekommen die Beamten. Sie organisieren dafür Skiausflüge in ihrer Freizeit oder spendieren ihren Schützlingen einen Kebab nach einem Theaterbesuch. All das ist riskant – und dennoch wagen es die Betreuer. Horst Membier, ein junger Justizwachebeamter mit Lederjacke und einem indischen Tuch um den Hals, sagt: „Wenn einer abhaut, stehen wir auf dem Titelblatt der Krone.“
Die Beamten haben keine andere Wahl, alle Insassen werden entlassen. Lebenslang gibt es für Jugendliche nicht. Selbst Mörder sind nach etwa sieben Jahren wieder frei. Membier sagt, hier säßen Mörder, die noch nicht einmal rauchen dürfen. Er könne sich nun die Uniform überstreifen, ihren Willen brechen, sie anbrüllen: „Doch dann machen sie einen Bogen um mich.“
Um die Motivation der Beamten hier zu verstehen, muss man ihren Alltag, ihre Erfolge und ihre Ängste kennen. Da ist etwa der Fall Alexander. Es ist eine Geschichte, die Essenther ihren Mitarbeitern „am liebsten aufs Nachtkasterl“ stellen würde. Der Bursche sitzt hier, weil er seinen Lehrer mit einer Glasscherbe aufschlitzen wollte.
Alexanders Zelle stank bestialisch. Er war Bettnässer, schmierte seinen Kot an die Wände, wusch sich nicht, fraß wie ein Tier, wurde immer dicker. Auf kleinste Widrigkeiten reagierte er mit brutaler Gewalt. Warum nur handelt er so? Das Vorleben des Burschen liegt im Dunkeln. Wie man so einen resozialisiert? Michael Heiling, Leiter der Ausbildungsstelle, sagt: „Durch Lob und Anerkennung!“. Heiling ist erst vierzig Jahre alt, aber auch er hat noch einen anderen, einen brutaleren Strafvollzug erlebt. In der Justizanstalt Josefstadt musste er als junger Beamter wegsehen, wenn Häftlinge traktiert wurden.
Die Beamten stellten Alexander unter die Dusche. „Wir lobten ihn, so oft es ging“, sagt Heiling. Die Beamten führten ihn in den Garten, gratulierten ihm, wenn er nicht wieder „kotgeschmiert“ hatte. „Wir versuchten, ihm das Selbstwertgefühl zu geben, das er nie besaß“, sagt Heiling. So stellen sich kleine Erfolge ein. Alexander duschte. Er legte Prüfungen ab. Heute steht er kurz vorm Hauptschulabschluss, er spielt in einer Theatergruppe, holt sich mit den anderen das Essen – Nudelsalat mit Lachs.
Das ist eine Erfolgsgeschichte. Sie motiviert Psychologen wie Eva Maria Dvoulety. Dabei hätte die Mitarbeiterin des psychologischen Dienstes allen Grund, jenen Skeptikern da draußen Recht zu geben, die gegen „Sitzkreise“ wettern. Vor 13 Jahren, Dvoulety arbeitete noch in der Justizanstalt Göllersdorf, berichtete ihre Arbeitskollegin von einem „Klienten“, der kurz vor der Entlassung stand. Er benehme sich auffällig, sagte sie. Kurz darauf schlitzte der Insasse ihrer Kollegin mit einem Messer den Hals auf. Niemand hatte damit gerechnet.
Dieser Mord löste grundsätzliche Diskussionen über die therapeutische Nähe zwischen Häftlingen und Betreuern aus. Wer mit den Gerasdorfer Beamten spricht, der spürt, wie der Fall die Leute hier heute noch prägt. „Wir sind alle ein wenig geneigt, die Angst zu verlernen“, sagt Dvoulety. Kürzlich saß auch ihr ein Häftling gegenüber, der plötzlich ein Stanleymesser zückte. Die Sicherheitskontrolle hatte versagt. Einmal rückte ihr ein Insasse gefährlich nahe und fragte: „Was machst du, wenn ich dich küsse?“ Dvoulety antwortete: „Das ist keine gute Idee!“ Heute sagt sie: „Man kann nie ausschließen, dass sie nicht plötzlich Stimmen im Kopf hören und dann ein Schalter kippt.“ Da ist etwa dieser 16-Jährige, der einen Mann niederschlug, nur weil der einen falschen Blick auf ihn riskierte. „Der Junge trat so lange auf ihn ein, bis die Leiche nur noch Brei war“, sagt Dvoulety. Er sei als Kind „wie ein Hund“ geprügelt worden, sei „wie ein Gummiball durch die Gegend gesprungen“. Nach 17 Monaten wurde der Bursche als resozialisiert entlassen. Kurz darauf saß er wieder hier – wegen einer Bagatelle.
Das ist die Welt jener Betreuer, die von Politikern gerne als Träumer hingestellt werden, weil sie die schwierigsten Menschen auf ein Leben in Freiheit vorbereiten wollen. Dvoulety blieb ihren Grundsätzen treu, sie riskiert ihr Leben und sagt: „Ich fürchte mich nicht.“ Sie sitzt in einem kleinen Büro, die Wände sind orange und grün ausgemalt, am Tisch eine Schüssel mit Milka-Naps für die Jungen. Mit Tests versucht sie herauszufinden, wie gewaltbereit sie tatsächlich sind. Wer hat nur eine Jugendtorheit begangen? Was steckt hinter den Verbrechen? Hat zum Beispiel der junge Mörder Michael M., der in seiner Zelle so fleißig für die Spenglerprüfung lernt, die Leiche seiner Freundin zerstückelt, um seine Tat zu vertuschen? Oder wollte er sich daran befriedigen? Das sind Fragen, deren Beantwortung oft Jahre braucht – und selbst dann kann die Antwort völlig falsch sein. Michael M. wirkt normal, er spielt in der Gefängnisband Eric Clapton nach – in seiner Zelle schlafen Jugendliche, die er in Krisensituationen betreut. Wenn er über sein Leben spricht, würde jeder daran zweifeln, dass er zu einem Mord fähig gewesen war.Dvoulety muss in den Seelen solcher Jugendlichen kramen, sie versammelt sie in Sitzkreisen, versucht, sie dort mit deren Taten zu konfrontieren. Sie weiß aber auch, dass die „Aggressionsfragebögen“, in denen die Jugendlichen ankreuzen, ob sie gerne Igel quälen, nur einen Teil der Wahrheit ans Licht fördern. Sie weiß auch, dass sie hier selbst in Gefahr geraten kann. Sie kann dann den Notruf drücken und hoffen, dass rechtzeitig Hilfe kommt.
Es ist Abend in Gerasdorf. Durch eine Lautsprecheranlage rufen Beamte die Häftlinge zum Tischtennis. Ein paar Jungs stemmen Gewichte, andere spielen Karten. Sie bauen Aggressionen ab und Freundschaften auf. Um acht Uhr werden die Einzelzellen geschlossen. Bis zehn Uhr fernsehen, dann wird der Strom abgeschaltet. Um sieben Uhr morgens Wecken.
Margitta Essenther sitzt noch in ihrem Büro. Die Anstaltsleiterin wirkt geschafft, raucht einen Zigarillo. Viele Journalisten hat sie dieser Tage durchs Haus geführt. Die Welt der Politiker, die nach harten Strafen rufen, ist nicht die ihre. Beim Abschied erzählt sie, dass der Justizreformer Broda manchmal bei ihrer Familie zu Besuch gewesen war. Ihr Vater war auch Reformer. Sie weiß, wie schwierig es immer noch ist, seine Vision dem Volk zu vermitteln. Denn da ist die Angst der Bürger, die sich vor diesen Insassen fürchten. Und da sind die Geschichten der Täter, die selbst Gewalt erlitten haben und kein Verständnis bekommen, weil sie selbst zu Gewalttätern wurden. Das ist ja das Paradoxe am modernen Strafvollzug, sagt sie, dass er Gewalttätern hinter Gittern das ersparen will, was ihr Leben prägte: sinnlose Gewalt.
Im Jugendgefängnis Gerasdorf werden Gewalttäter auf das Leben danach vorbereitet. Die Beamten riskieren viel – sogar ihre Existenz. Wer über „Kuschelvollzug“ spottet, muss auch ihre Welt besuchen.
Ein Hallenbad war sein Kindheitstraum gewesen. Als Gottfried neun Jahre alt war, wurde der Traum wahr. Hier, im niederösterreichischen Dörfchen Gerasdorf, konnte der Bauernbub sogar im Winter plantschen und dabei durch diese modernen, großen Glasscheiben auf die Felsen der Hohen Wand blicken. Es war aber kein gewöhnliches Hallenbad, das wusste Gottfried. Die Gerasdorfer durften nur einmal die Woche hinter der zwei Kilometer langen Betonmauer schwimmen. An den anderen sechs Tagen gehörte das Bad besonderen Jugendlichen.
Das Besondere an ihnen: Sie waren Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Sie lebten jetzt hier, siebzig Kilometer südlich von Wien, auf dem Gelände eines Barockschlosses, in dem zweieinhalb Jahrzehnte zuvor noch die NS-Volkswohlfahrt residiert hatte. Der rote Justizreformer Christian Broda ließ das Anwesen abreißen und wagte ein Experiment: ein Gefängnis, das helfen sollte, statt zu strafen. Das war 1969. Erst ein Jahr zuvor war auf Brodas Drängen hin die Todesstrafe abgeschafft worden.
Plötzlich gab es hier Dinge, von denen die Gerasdorfer nur träumen konnten: einen Tennisplatz. Einen Theatersaal mit Filmprojektor. Einen Park mit Teich. Gerasdorf, so schrieb „Staberl“ in der Krone, „besitzt geschmackvoll eingerichtete Einzelzimmer. Die Möbel sind dezent und fein. Vor den Fenstern schöne Vorhänge (...) und da und dort ein Glasmosaik, das eigens aus Italien hergebracht wurde.“ Das werde all jene Österreicher freuen, „die zu fünft auf Küche und Zimmer vegetieren“!
Staberl ist mittlerweile Pensionist, das Hallenbad gibt es noch heute, auch wenn am Gang dorthin der Verputz bröckelt. Gerade köpfeln zwei Burschen ins Wasser. Es sind zwei von 120 Häftlingen, die hier eingesperrt sind. Die anderen spielen draußen Basketball. Darunter: zwölf Mörder, zwölf Sexualstraftäter, sechzig Räuber. Sie alle sind zwischen 14 und 27 Jahre alt. Auch Gottfried ist wieder da. Gottfried Neuberger, Oberst der Justizwache. Er hat hier viele Jahre gearbeitet und sagt: „Wir Kinder verstanden damals nicht, was hinter den Mauern geschah.“
Es war ein europaweit bestauntes Projekt, das hier seinen Ausgang nahm.
Junge Straftäter wurden nicht mehr in Erziehungslagern gebrochen, wie dies damals üblich war. Auch Gottfried Neuberger kann sich an Wiener Gefängniszellen erinnern, in denen es nach „Fäkalien und Schweiß“ stank, wo Häftlinge für einen falschen Blick „eine in die Goschen bekommen“ haben. Die Gesetze waren die gleichen wie heute. Aber die Einstellung der Beamten hat sich geändert. So haben die Beamten Verantwortung übernommen für Insassen, die sie heute „Schützlinge“ nennen. Das war ein Prozess, der Ende der Sechziger seinen Anfang nahm – und der nun wieder zur Debatte steht.
Begonnen hatte die Debatte mit den Bildern einer Münchner Überwachungskamera, die zwei ausländische Jugendliche zeigen, wie sie auf einen Rentner eintreten. Die CDU forderte daraufhin strenge Erziehungslager. Die ÖVP glaubt, es ihrer deutschen Schwesternpartei nachmachen zu müssen. Denn die Jugendkriminalitätszahlen klettert auch in Österreich nach oben. Die meisten der darin verzeichneten Delikte sind zwar Bagatellen, doch im Visier von Politikern stehen ausländische Straßenräuber. Sie stellen auch in Gerasdorf die Mehrheit. Drei von vier Insassen haben „Migrationshintergrund“. Mitschuld daran, so heißt es, seien „linke Träumer“, die Kriminelle mit „Sitzgruppen“ verwöhnen. ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon kündigte an, „am Thema dranzubleiben“.
So geht es in dieser Debatte erneut um Grundsätzliches: Soll man junge Kriminelle mit Härte bestrafen oder doch lieber nach den Ursachen forschen, die sie brutalisierten? Wer diese Frage nicht ideologisch, sondern pragmatisch beantworten will, muss auch mit den Beamten in Gerasdorf sprechen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus eigener Erfahrung gelangten sie zur Erkenntnis, dass es nicht reicht, an der Strafschraube zu drehen, um Kriminalität zu bekämpfen.
Es sind ungewöhnliche Beamte. Sie tragen keine Uniform. Ihre Autorität müssen sie durch ihre Persönlichkeit und nicht durch Distinktion unter Beweis stellen. Erst seit Ende der 60er-Jahre ist es den Beamten gestattet, überhaupt mit den Häftlingen zu sprechen.
So hat auch Oberst Gottfried Neuberger etwas zu sagen, wenn die Politiker in Wien Bootcamps das Wort reden. 17 Jahre leitete Neuberger die Erziehungsabteilung in Gerasdorf, nun führt er das nahegelegenen Frauengefängnis in der Schwarzau. Er ist heute in den Jugendknast gekommen, weil er der Öffentlichkeit ein wenig über die Geschichte des Jugendstrafvollzugs erzählen will: „Das ist ja hier kein Club Med“, sagt er, „wir sind ja nicht naiv.“ Ob es mehr Härte braucht? „Natürlich kann ich den Buben eine anrauchen, wenn sie ,Arschloch‘ sagen. Doch sie schimpfen dann nur deshalb nicht, weil sie Angst haben.“ Die Angst sei kein Lehrmeister.
Neuberger sitzt in einem Besprechungszimmer und versinkt in braunen Siebzigerjahre-Fauteuils, für die man in Designerläden ein kleines Vermögen zahlen würde. Vor ihm ein runder Couchtisch. Auch diese Möbel sind Relikte aus der Broda-Zeit. Die Beamten sollten in angenehmer, nicht hierarchischer Atmosphäre über die Insassen beraten. Neben Neuberger sitzt die Psychologin Margitta Essenther. Sie ist die Anstaltsleiterin, war einst Chefin der Jugendgerichtshilfe Wien, einer Behörde, die Vorgeschichten krimineller Jugendlicher für die Richter recherchiert. Vor ihr liegt eine „Kurzinformation für die Presse“, die die andere Seite der Jugendkriminalität in Zahlen fasst. Achtzig Prozent der Insassen hier wurden in ihrer Kindheit mit Gürteln gedroschen, vergewaltigt, eingesperrt und nach dem „Faustrecht“ erzogen, wie Essenther es nennt. Nur einer der 120 Häftlinge hier hat keine „Suchterfahrung“. Die Jugendlichen haben aber auch selbst gewütet. Niemand hier will das entschuldigen. Da ist der 16-jährige Türke Ahmed (alle Namen geändert) mit dem Oberlippenflaum. In kurzen Hosen sitzt er in seiner Zelle unter einer türkischen Fahne, die über einem Pin-up hängt. Auf einem Poster steht „Benimm dich!“. Aus „reiner Habgier“, so das Gericht, erschlug er einen Rentner mit der Axt, um an dessen Bankomatkarte zu gelangen. Da ist dieses durchtrainierte Milchgesicht aus Kärnten. Mit einer Machete hackte er seiner Freundin die Finger ab. Da läuft dieser 15-Jährige, der mit Freunden kürzlich ein Mädchen in Graz ermorden wollte, so wie er es in Horrorfilmen gesehen hatte.
Es sind jene Jugendlichen, deren Taten die Medien gerne als „unfassbar“ titulieren und die in wenigen Jahren schon wieder frei sein werden. So wie der Amokläufer aus Zöbern, der seine Lehrerin erschossen hat – und heute als Malermeister in Freiheit lebt.
Kurz ist die Zeit, in der die Jugendlichen hier betreut werden. Knapp auch das Geld. Nicht einmal Supervision bekommen die Beamten. Sie organisieren dafür Skiausflüge in ihrer Freizeit oder spendieren ihren Schützlingen einen Kebab nach einem Theaterbesuch. All das ist riskant – und dennoch wagen es die Betreuer. Horst Membier, ein junger Justizwachebeamter mit Lederjacke und einem indischen Tuch um den Hals, sagt: „Wenn einer abhaut, stehen wir auf dem Titelblatt der Krone.“
Die Beamten haben keine andere Wahl, alle Insassen werden entlassen. Lebenslang gibt es für Jugendliche nicht. Selbst Mörder sind nach etwa sieben Jahren wieder frei. Membier sagt, hier säßen Mörder, die noch nicht einmal rauchen dürfen. Er könne sich nun die Uniform überstreifen, ihren Willen brechen, sie anbrüllen: „Doch dann machen sie einen Bogen um mich.“
Um die Motivation der Beamten hier zu verstehen, muss man ihren Alltag, ihre Erfolge und ihre Ängste kennen. Da ist etwa der Fall Alexander. Es ist eine Geschichte, die Essenther ihren Mitarbeitern „am liebsten aufs Nachtkasterl“ stellen würde. Der Bursche sitzt hier, weil er seinen Lehrer mit einer Glasscherbe aufschlitzen wollte.
Alexanders Zelle stank bestialisch. Er war Bettnässer, schmierte seinen Kot an die Wände, wusch sich nicht, fraß wie ein Tier, wurde immer dicker. Auf kleinste Widrigkeiten reagierte er mit brutaler Gewalt. Warum nur handelt er so? Das Vorleben des Burschen liegt im Dunkeln. Wie man so einen resozialisiert? Michael Heiling, Leiter der Ausbildungsstelle, sagt: „Durch Lob und Anerkennung!“. Heiling ist erst vierzig Jahre alt, aber auch er hat noch einen anderen, einen brutaleren Strafvollzug erlebt. In der Justizanstalt Josefstadt musste er als junger Beamter wegsehen, wenn Häftlinge traktiert wurden.
Die Beamten stellten Alexander unter die Dusche. „Wir lobten ihn, so oft es ging“, sagt Heiling. Die Beamten führten ihn in den Garten, gratulierten ihm, wenn er nicht wieder „kotgeschmiert“ hatte. „Wir versuchten, ihm das Selbstwertgefühl zu geben, das er nie besaß“, sagt Heiling. So stellen sich kleine Erfolge ein. Alexander duschte. Er legte Prüfungen ab. Heute steht er kurz vorm Hauptschulabschluss, er spielt in einer Theatergruppe, holt sich mit den anderen das Essen – Nudelsalat mit Lachs.
Das ist eine Erfolgsgeschichte. Sie motiviert Psychologen wie Eva Maria Dvoulety. Dabei hätte die Mitarbeiterin des psychologischen Dienstes allen Grund, jenen Skeptikern da draußen Recht zu geben, die gegen „Sitzkreise“ wettern. Vor 13 Jahren, Dvoulety arbeitete noch in der Justizanstalt Göllersdorf, berichtete ihre Arbeitskollegin von einem „Klienten“, der kurz vor der Entlassung stand. Er benehme sich auffällig, sagte sie. Kurz darauf schlitzte der Insasse ihrer Kollegin mit einem Messer den Hals auf. Niemand hatte damit gerechnet.
Dieser Mord löste grundsätzliche Diskussionen über die therapeutische Nähe zwischen Häftlingen und Betreuern aus. Wer mit den Gerasdorfer Beamten spricht, der spürt, wie der Fall die Leute hier heute noch prägt. „Wir sind alle ein wenig geneigt, die Angst zu verlernen“, sagt Dvoulety. Kürzlich saß auch ihr ein Häftling gegenüber, der plötzlich ein Stanleymesser zückte. Die Sicherheitskontrolle hatte versagt. Einmal rückte ihr ein Insasse gefährlich nahe und fragte: „Was machst du, wenn ich dich küsse?“ Dvoulety antwortete: „Das ist keine gute Idee!“ Heute sagt sie: „Man kann nie ausschließen, dass sie nicht plötzlich Stimmen im Kopf hören und dann ein Schalter kippt.“ Da ist etwa dieser 16-Jährige, der einen Mann niederschlug, nur weil der einen falschen Blick auf ihn riskierte. „Der Junge trat so lange auf ihn ein, bis die Leiche nur noch Brei war“, sagt Dvoulety. Er sei als Kind „wie ein Hund“ geprügelt worden, sei „wie ein Gummiball durch die Gegend gesprungen“. Nach 17 Monaten wurde der Bursche als resozialisiert entlassen. Kurz darauf saß er wieder hier – wegen einer Bagatelle.
Das ist die Welt jener Betreuer, die von Politikern gerne als Träumer hingestellt werden, weil sie die schwierigsten Menschen auf ein Leben in Freiheit vorbereiten wollen. Dvoulety blieb ihren Grundsätzen treu, sie riskiert ihr Leben und sagt: „Ich fürchte mich nicht.“ Sie sitzt in einem kleinen Büro, die Wände sind orange und grün ausgemalt, am Tisch eine Schüssel mit Milka-Naps für die Jungen. Mit Tests versucht sie herauszufinden, wie gewaltbereit sie tatsächlich sind. Wer hat nur eine Jugendtorheit begangen? Was steckt hinter den Verbrechen? Hat zum Beispiel der junge Mörder Michael M., der in seiner Zelle so fleißig für die Spenglerprüfung lernt, die Leiche seiner Freundin zerstückelt, um seine Tat zu vertuschen? Oder wollte er sich daran befriedigen? Das sind Fragen, deren Beantwortung oft Jahre braucht – und selbst dann kann die Antwort völlig falsch sein. Michael M. wirkt normal, er spielt in der Gefängnisband Eric Clapton nach – in seiner Zelle schlafen Jugendliche, die er in Krisensituationen betreut. Wenn er über sein Leben spricht, würde jeder daran zweifeln, dass er zu einem Mord fähig gewesen war.Dvoulety muss in den Seelen solcher Jugendlichen kramen, sie versammelt sie in Sitzkreisen, versucht, sie dort mit deren Taten zu konfrontieren. Sie weiß aber auch, dass die „Aggressionsfragebögen“, in denen die Jugendlichen ankreuzen, ob sie gerne Igel quälen, nur einen Teil der Wahrheit ans Licht fördern. Sie weiß auch, dass sie hier selbst in Gefahr geraten kann. Sie kann dann den Notruf drücken und hoffen, dass rechtzeitig Hilfe kommt.
Es ist Abend in Gerasdorf. Durch eine Lautsprecheranlage rufen Beamte die Häftlinge zum Tischtennis. Ein paar Jungs stemmen Gewichte, andere spielen Karten. Sie bauen Aggressionen ab und Freundschaften auf. Um acht Uhr werden die Einzelzellen geschlossen. Bis zehn Uhr fernsehen, dann wird der Strom abgeschaltet. Um sieben Uhr morgens Wecken.
Margitta Essenther sitzt noch in ihrem Büro. Die Anstaltsleiterin wirkt geschafft, raucht einen Zigarillo. Viele Journalisten hat sie dieser Tage durchs Haus geführt. Die Welt der Politiker, die nach harten Strafen rufen, ist nicht die ihre. Beim Abschied erzählt sie, dass der Justizreformer Broda manchmal bei ihrer Familie zu Besuch gewesen war. Ihr Vater war auch Reformer. Sie weiß, wie schwierig es immer noch ist, seine Vision dem Volk zu vermitteln. Denn da ist die Angst der Bürger, die sich vor diesen Insassen fürchten. Und da sind die Geschichten der Täter, die selbst Gewalt erlitten haben und kein Verständnis bekommen, weil sie selbst zu Gewalttätern wurden. Das ist ja das Paradoxe am modernen Strafvollzug, sagt sie, dass er Gewalttätern hinter Gittern das ersparen will, was ihr Leben prägte: sinnlose Gewalt.

