30. Jan 2008
Im Jugendgefängnis Gerasdorf werden Gewalttäter auf das Leben danach vorbereitet. Die Beamten riskieren viel – sogar ihre Existenz. Wer über „Kuschelvollzug“ spottet, muss auch ihre Welt besuchen.

Ein Hallenbad war sein Kindheitstraum gewesen. Als Gottfried neun Jahre alt war, wurde der Traum wahr. Hier, im niederösterreichischen Dörfchen Gerasdorf, konnte der Bauernbub sogar im Winter plantschen und dabei durch diese modernen, großen Glasscheiben auf die Felsen der Hohen Wand blicken. Es war aber kein gewöhnliches Hallenbad, das wusste Gottfried. Die Gerasdorfer durften nur einmal die Woche hinter der zwei Kilometer langen Betonmauer schwimmen. An den anderen sechs Tagen gehörte das Bad besonderen Jugendlichen.
Das Besondere an ihnen: Sie waren Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Sie lebten jetzt hier, siebzig Kilometer südlich von Wien, auf dem Gelände eines Barockschlosses, in dem zweieinhalb Jahrzehnte zuvor noch die NS-Volkswohlfahrt residiert hatte. Der rote Justizreformer Christian Broda ließ das Anwesen abreißen und wagte ein Experiment: ein Gefängnis, das helfen sollte, statt zu strafen. Das war 1969. Erst ein Jahr zuvor war auf Brodas Drängen hin die Todesstrafe abgeschafft worden.
Plötzlich gab es hier Dinge, von denen die Gerasdorfer nur träumen konnten: einen Tennisplatz. Einen Theatersaal mit Filmprojektor. Einen Park mit Teich. Gerasdorf, so schrieb „Staberl“ in der Krone, „besitzt geschmackvoll eingerichtete Einzelzimmer. Die Möbel sind dezent und fein. Vor den Fenstern schöne Vorhänge (…) und da und dort ein Glasmosaik, das eigens aus Italien hergebracht wurde.“ Das werde all jene Österreicher freuen, „die zu fünft auf Küche und Zimmer vegetieren“!
Staberl ist mittlerweile Pensionist, das Hallenbad gibt es noch heute, auch wenn am Gang dorthin der Verputz bröckelt. Gerade köpfeln zwei Burschen ins Wasser. Es sind zwei von 120 Häftlingen, die hier eingesperrt sind. Die anderen spielen draußen Basketball. Darunter: zwölf Mörder, zwölf Sexualstraftäter, sechzig Räuber. Sie alle sind zwischen 14 und 27 Jahre alt. Auch Gottfried ist wieder da. Gottfried Neuberger, Oberst der Justizwache. Er hat hier viele Jahre gearbeitet und sagt: „Wir Kinder verstanden damals nicht, was hinter den Mauern geschah.“
Es war ein europaweit bestauntes Projekt, das hier seinen Ausgang nahm.
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16. Jan 2008
Die ÖBB plant eine “BahnhofCity” beim heutigen Südbahnhof – und
schon tobt ein exemplarischer Streit, der Brüssel erreichen könnte.
Denn anders als vom Bundesvergabegesetz vorgesehen, hat die
ÖBB-Immobilienmanagement GmbH das Projekt nicht europaweit
ausgeschrieben, sondern nur acht Architekten zu einem Wettbewerb
eingeladen. Die ÖBB handelte so, als ob sie ein privater Bauherr sei,
der sein Geld nach Belieben ausgeben dürfe.
Doch die Bahn, so moniert nun eine Gruppe von fünfzig
internationalen und österreichischen Architekten, steht mit all ihren
Tochterfirmen im öffentlichen Eigentum. Daher muss sie ihre Projekte
auch an einem öffentlichen Markt ausarbeiten lassen. Öffentlich – das
bedeutet in der EU europaweit. Der Sinn dieser Regelung:
Gleichbehandlung aller EU-Bürger, fernab von Provinzialismus und
Freunderlwirtschaft.
Die Architekten brachten, wie der Standard berichtete, eine
Beschwerde beim Wiener Bundesvergabeamt ein. Schon die Namen der
Büros versprechen einen harten Kampf. So klagte etwa die norwegische
Snohetta AS, die derzeit das 9-11-Memorial in New York bauen, sowie
die Architekten Krischanitz, Czech und Rieder.
Werden sie Erfolg haben? Vergabeexperten sind uneinig. Aus Kreisen
spezialisierter Anwälte (die nicht genannt werden wollen) ist zu
hören, dass die Anträge der Architekten aus formalrechtlichen Gründen
scheitern könnten. Die Klage sei ehrenhaft, aber “viel Lärm um
nichts”. Die Architekten seien zwar im Recht, doch das Gesetz sehe
keine Möglichkeit vor, dieses auch einklagen zu können. Würde sich
diese Ansicht durchsetzen, wäre das Vergabegesetz de facto totes
Recht. Brüssel könnte zuhilfe eilen.
Aus dem Bundesvergabeamt sind andere Töne zu hören. Es stimme
zwar, dass die Klage “formalrechtlich” problematisch sei. Doch der
Fall sei “juristisches Neuland” und “alles offen”. Ein Senat werde
“völlig neue Wege” beschreiten müssen, da das Gesetz noch sehr jung
sei.
Mit einer Entscheidung ist noch in diesem Halbjahr zu rechnen.
Fällt sie für die Architekten positiv aus, müsste das Projekt doch
noch ausgeschrieben werden.
16. Jan 2008
Der Adoptionsverein “Family for You” stellt nach
einem “Falter”-Bericht seine Tätigkeit ein. Eltern sind verunsichert,
die Behörden machtlos.
Eine Familie aus Niederösterreich adoptiert zwei äthiopische
Kinder. Angeblich Waisen, angeblich Geschwister. Als das Mädchen
Deutsch lernt, erzählt es seine wahre Geschichte. Mit falschen
Dokumenten war es nach Österreich verschachert worden. Das Mädchen
sitzt inzwischen traumatisiert in einem Jugendheim, will zurück zur
Mutter. Die Justiz ermittelt wegen Kinderhandels. Im Visier steht ein
Anwalt, der in Äthiopien als Repräsentant des Wiener Adoptionsvereins
“Family for You” agierte. Die leibliche Mutter des Kindes gab zu
Protokoll, sie habe ihm ihre Tochter unter falschen Versprechungen
übergeben.
Als der Falter vergangene Woche über diese Geschäfte des Vereins
Family for You berichtete, konterte Vereinsobfrau Petra Fembek: Alles
sei “gegenstandslos” und “unwahr”. Kurz darauf setzte sie allerdings
eine neue Meldung auf die Website. Aufgrund staatsanwaltlicher
Erhebungen werde der Adoptionsverein seine Tätigkeit einstellen. Erst
nach Rücksprache mit dem Wiener Jugendamt werde man wieder aktiv.
Nun sind viele Wiener Adoptiveltern verunsichert – auch sie
fürchten, ein gestohlenes Kind aufgenommen zu haben und haben Angst,
die Berichterstattung über den Fall Family for You könne ihren
Kindern schaden. In Internet-Adoptionsforen stößt man auf eine
Mischung aus Angst, Wut, Sorge. “Jetzt heißt es also warm anziehen
und wenn es wirklich eng wird, sollten wir alle – egal, woher unsere
Kinder sind und wie sie zu uns kamen – zusammenhalten und uns
gemeinsam wehren!”, schrieb eine Family-for-You-Kundin. Eine andere
gestand: “Auch wir haben nun ein großes Problem.” Ihre Töchter, “die
wir von Herzen lieben”, seien von Family for You und ihrem ins Visier
der Justiz geratenen Anwalt vermittelt worden. Man habe keine
originalen Dokumente, sogenannte Kebele-Letters, erhalten. Man kenne
auch eine Familie, die ebenfalls ohne Dokumente adoptiert habe.
Wie kommen Eltern, die ihre Adoptivkinder lieben (und von ihnen
geliebt werden) dazu, sich solche Sorgen machen zu müssen?
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14. Jan 2008
Amerika schaut Österreich. Da blättert man morgens durch die NYT. Und findet diese schöne Rezension über “Meine liebe Republik“.

10. Jan 2008
Erste Konsequenzen im unten beschriebenen Fall Family for You gibt es bereits, wie die Presse berichtet.
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