Einer für alle

Roland Horngacher erhielt ein hartes Urteil. Jetzt
müssen Justiz und Parlament das System der Korruption aufklären.

Wem ist es zu verdanken, dass die Sitten und Gebräuche bei der
Wiener Polizei nun aufgedeckt werden? Vor allem dem BIA, dem Büro für
interne Angelegenheiten im Innenministerium. BIA-Chef Martin Kreutner
wurde nicht im roten Wiener Polizeisumpf sozialisiert, sondern im
fernen Tirol beim Bundesheer. In sieben Jahren baute er eine
Mannschaft auf, welche die Polizisten das Fürchten lehrt und die
Justiz beschämt. Schon kurz nachdem er sein Amt antrat, zeigte er der
schläfrigen Staatsanwaltschaft, wie man auch ermitteln und
recherchieren kann. Zuerst mischte Kreutner die von Korruption
durchwachsene Einsatzgruppe zur Bekämpfung der organisierten
Kriminalität (EDOK) im Innenministerium auf. Deren Spitzenbeamten
hatten jahrelang einen Mörder und Mafiapaten gedeckt und sogar
finanziell unterstützt. Danach ließ Kreutner einen Spitzenfahnder
festsetzen, der sich von einem Russen für einen Persilschein mit
40.000 Dollar (!) schmieren ließ und Telefone für Detektive anzapfen
konnte. Es folgten die Visaaffäre, die abgewürgte Kärntner
Stadion-Affäre und Ermittlungen in Bereichen, wo Politiker und
Richter gerne ein Auge zudrückten. Die vom Falter aufgedeckten
Misshandlungen, ja Folterungen von Afrikanern in den Fällen Cheibani
Wague und Bakary J. wären nicht so penibel dokumentiert vor Gericht
gelandet, hätte es Kreutners BIA nicht gegeben. Es war die Justiz,
welche die Folterbeamten mit acht Monaten bedingt wieder in den
Dienst schickte.

Nun also die Fälle Ernst Geiger (drei Monate, nicht rechtskräftig,
wegen Geheimnisverrats im Rotlicht) und Roland Horngacher (15 Monate,
nicht rechtskräftig, wegen Amtsmissbrauchs). Vergangene Woche wurden
auch die Ermittlungen gegen Adi Krchov, den Kassier der Freunde der
Wiener Polizei, aufgenommen. Er nennt sich selbst den Diener vierer
Polizeipräsidenten und bezeichnet sich zugleich als "Kammerdiener"
des Milliardärs Martin Schlaff. Sollte Krchov, diese in einem
Luxuspenthouse residierende "graue Eminenz" der Polizei, einmal
auspacken, um seine eigene Haut zu retten, können sich manche warm
anziehen.

Es ist ein Generationenwechsel, der sich da abzeichnet. Das in der
Nachkriegszeit geschaffene und bis heute herrschende Motto "Eine Hand
hält die andere" wird in Österreich auch dank internationalen Drucks
nicht mehr hingenommen. Jahre-, wenn nicht jahrzehntelang war es ja
fast schon Sitte, geheime Akten von der Polizei an Zeitungen zu
spielen - zum Dank dafür kuschten die Boulevardmedien, allen voran
die Krone, vor den Verfehlungen der Polizei oder deckten sie gar. Wo
kritische Medien und die Kontrolle der Justiz versagen, blühen
prädemokratische Zustände. Gefälligkeiten für Bankmanager,
Schenkungen von Luxusreisen für schnellere Amtswege, Geländewägen für
den obersten Kriminalbeamten, ein paar Hilfsdienste für Milliardäre,
ein Akterl über einen Gegner - all das war üblich, möglich und wurde
selten beanstandet. Sogar der Leiter der Staatsanwaltschaft Wien ist
sich nicht zu gut, ein 70-Euro-Strafmandat Roland Horngacher
"persönlich" zuzustecken (siehe Seite 8).

Im Fall Horngacher reagiert die Justiz nun mit einem Urteil, das
fast schon wieder überzogen wirkt - wenn man es etwa mit den acht
Monaten für die prügelnden Beamten im Fall Bakary J. vergleicht.
Roland Horngacher ist über das Urteil auch deshalb so verwundert,
weil er der Meinung ist, dass seine Taten lange Zeit geduldet, ja
sogar von Politikern, Staatsanwälten und Medien honoriert wurden. Nun
soll er der einzige Bösewicht sein? Politiker holten den Hardliner
doch zu Hilfe. "Lieber Roland! Dein Harry", schrieb etwa Wiens
mächtiger Roter Harry Kopietz. Der Innenminister rief ihn, wie
Horngacher erzählte, am Handy an, wenn ihn die Dealer störten. Den
Persilschein für einen Millionendeal der Bawag gab er auch deshalb,
weil er politischen Druck befürchtete, wenn er ihn verweigert und
damit den Deal verhindert hätte. Der rote Bürgermeister heftete ihm
Orden an die Brust. Der schwarze Innenminister stellte ihm den Posten
des Polizeipräsidenten in Aussicht. Und alle vergaßen dabei seine
mangelnden Führungsqualitäten und seine harschen Methoden gegenüber
Kritikern. Er agierte eben nach Hans Dichands Geschmack. Nun bezahlt
er die Rechnung dafür, dass sich die Zeiten geändert haben.

Fast hat es nun den Anschein, die Justiz wollte diese
Vereinnahmung der Polizei durch Politik, Justiz, Wirtschaft und
Medien nun an Horngacher rächen.

Verurteilt wurde er ja wegen
vergleichsweise kleinerer Delikte, die sonst niemanden störten: da
eine ungerechtfertigte Razzia bei Afrikanern, hier ein
Geheimnisverrat für Elsner und das Profil (das ihn in Missachtung des
Redaktionsgeheimnisses verpfiff). Freigesprochen wurde Horngacher
hingegen für die Annahme wortlos "überreichter Kuverts, für die
"geliehenen" Coupés eines Praterunternehmers - und für die vom
Milliardär Martin Schlaff subventionierten Reisen, bei denen auch
Politiker eingeladen waren. Da nachzuhaken wäre spannend geworden.
Doch die Justiz entschied, den Deckel draufzulegen.

Das ist schade, denn man hätte endlich auch jene österreichischen
Sitten anprangern können, die bis in die höchsten Reihen der Justiz
Einzug hielten. Da laden Wirtschaftsvertreter und Polizisten die
leitenden Staatsanwälte zum Essen im Bristol ein - mit den Geldern
eines Wohltätigkeitsvereins. Es störte keinen, dass Adi Krchov, der
Vereinskassier des Freunderlvereins, Behördenwege für Elsner & Co bei
der Polizei schneller erledigen konnte. Das sei "Tradition" gewesen,
sagte sogar ein hoher Beamter aus. Dass Krchov "guten Gewissens" in
einem Penthouse überm Landtmann wohnte, in dessen Schatten sein
Jaguar parkte - das irritiert niemanden. Keiner schrie
"Intervention!", als einmal der Generaldirektor einer der größten
Banken vorstellig wurde, um Hilfe für seinen Filius zu organisieren,
weil der eine Prostituierte mit einem Messer bedroht hat. Es
alarmierte kaum jemanden, dass sich Krchov seine Post im Büro des
Milliardärs Martin Schlaff zustellen ließ, wie Elsners Sekretärinnen
bezeugten. Krchov durfte der Diener zweier Herren sein: des Wiener
Polizeipräsidenten und eines Milliardärs, der umstrittene Geschäfte
mit dubiosen Russen abwickelt.

Der Skandal rund um die Wiener Polizei wirft seine Schatten nun
auch auf den Polizeipräsidenten, der vergangene Woche zum Rapport ins
Innenministerium einbestellt wurde - Peter Stiedl täte gut daran, all
diese "russischen Verhältnisse" (Peter Pilz) wirklich aufzuklären und
sein Umfeld zu durchleuchten. Zwei Erklärungen bieten sich schon
jetzt an. Entweder hat Peter Stiedl von den Umtrieben in seinem
Vorzimmer nichts bemerkt - dann war er kein wachsamer Polizist. Oder
er hat den Missständen tatenlos zugesehen, sie sogar befördert. Dann
hatte er - in der mildesten aller möglichen Variante - kein
Unrechtsbewusstsein. Die Justiz hat geurteilt - nun ist das Parlament
am Zug.

Kommentare

Danke lieber Florian Klenk!

Schade, dass Sie nicht mehr in Österreich beim Falter weiter machen.

Was wäre wennn Sie nicht all die Dinge um die Verfehlungen höher gestellter Persönlichkeiten aufgedeckt hätten?

Und wie machen die Oberen weiter wenn ihnen Sie nicht mehr auf die Finger schauen?

Es besteht natürlich die Gefahr, dass diese Personen genau dort weitermachen wo sie aufgehört habebn, nur viel vorsichtiger als zuvor und wären sie damit viel schwerer zu entdecken in ihrem Treiben.

Tja, so hoffen wir also, dass Sie jemanden gut geschult bei uns zurückgelassen haben oder selbst wieder irgendeinmal zurückkommen.

Alles Gute,- Jonathan Karlberger

wer sagt denn, dass der klenk beim falter aufhört? seine aus-"zeit" in hamburg hatte er doch schon. oder hab ich was verpasst?

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