Die El Kaida aus Fünfhaus

Der verhaftete Islamist Mohamed M. trieb sich El Kaida- Groupie in virtuellen Hinterhofmoscheen herum. Die ägyptische Terror-Organisation, zu der er sich bekennt, besteht jedoch aus gewaltbereiten Terroristen. Auch solche residieren in Wien. (für Falter)

Vielleicht hat Mohamed M., 22, davon geträumt „die höchste Stufe des Paradieses“ zu erklimmen, so wie all die „Löwen der Wahrheit“ und „Märtyrer“, die auf der Website namens „Globale Islamische Medienfront“ (GIMF) für ihre Terroranschläge geadelt wurden. Doch dann riss den Burschen mit dem flaumigen Vollart ein Knall aus dem Traum. M. lag mit dem Gesicht am Boden seines Kinderzimmers, die Gewehre der Wiener Polizei auf ihn gerichtet. Das Anti-Terror-Kommando hatte vergangenen Mittwoch Vormittag die Türe seiner Wohnung aufgebrochen und Blendgranaten geworfen. „Amir“, der „Führer“, wie er sich im Internet gerne nannte, wurde samt seiner Frau Mona S. verhaftet. In einer anderen Wohnung wurde sein mutmaßlicher Komplize Umar H. festgenommen. Nun sitzt M. in U-Haft. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Wie ein Insider berichtet, soll er zu einigen Vorwürfen bereits am Freitag Geständnisse abgelegt haben.

Die Polizei wusste, dass M. vormittags gerne im Bett lag. Die „Sondereinsatzgruppe Observation“ (SEO) hatten die elterliche Wohnung des Islamisten nicht nur heimlich verwanzt. Mittels Spionagesoftware hatten sie auch beobachtet, was er bis in die Morgenstunden am Computer trieb: M. chattete mit iranischen und irakischen Scheichs und anderen Glaubensbrüdern. Sie öffneten ihm den Zugang zu den radikalen Hinterhofmoscheen der virtuellen Welt. Wenigstens hier fand M. Anerkennung. In der offiziellen islamischen Glaubensgemeinde nannten sie das Einwandererkind mit österreichische Pass ja bloß einen „radikalen Hansl“.

Im realen Leben organisierte M. Demonstrationen – etwa gegen die Mohammed-Karikaturen. Er rief auch zu Wahlboykotten auf, weil Wählen „antiislamisch“ sei. Die offizielle Islamische Gemeinde war ihm zu moderat. Lieber traf er sich mit linksextremen „Anti-Imperialisten“, die rote Fahnen schwingend durch die Straßen zogen und den „irakischen Widerstand“ gegen „Massenmörder Bush“ gut hießen. Er selbst wurde in der linken „Aktion kritischer Schüler“ sozialisiert. Nachts surfte M. dann wieder zu jenen Websites, auf denen es Hinrichtungen von amerikanischen Geiseln oder von den USA getötete irakische Kinder zu sehen gab.

Mit solchen Bildern heizen sich nicht nur die richtigen Terroristen an, sondern auch

die Kinderzimmer-Dschihadisten in aller Welt. Oder in Wien Fünfhaus. Dieses Gemisch aus Radikalität, Demütigung, Deklassierung und Islam explodiert dann auch mal. „Das ist die Art, wie Al Kaida wirklich funktioniert“, sagt ein Beamter des Innenministeriums. Es gibt keine Zentrale, keine Befehlskette, nur Sympathisanten, die sich einer Idee verpflichtet fühlen und Teil einer weltumspannenden Bewegung sein wollen.

M., unbescholtener Sohn eines ägyptischen Imams, der seit 25 Jahren in Wien lebt, postete gerne auf der „Globalen Islamischen Medienfront“, einer Art „youtube“ der Islamisten. Für diese mittlerweile stillgelegte Website, die technisch nicht mehr als ein Weblog war, zeichnete niemand wirklich verantwortlich. Unkompliziert konnte jeder dort Bilder, Videos, Dokumente oder Musik hochladen. In Internetcafés lassen sich solche Seiten einrichten, selbst für Amateure eine Kleinigkeit. Mehr war auch M. nicht. Der Aktivist hinterließ Datenspuren, etwa seine persönliche IP-Adresse. Die Fahnder konnten ihn via Rufdatenrückerfassung lokalisieren. In einem Interview, das ORF und Spiegel TV ausstrahlten, hatte sich M. als „Sprecher von Al Kaida“, Ortsverband Alpenland, bezeichnet. Viele in der muslimischen Szene ahnten da schon, wer dieser vermummte Angeber mit dem roten Palästinenserschal war. Mohamed M., ein Hansl Osamas.

Ein Spinner? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. „Wir wollten ihn nicht aus den Augen lassen. Er war kein Lausbub, er war auf dem Weg, ein Terrorist zu werden“, erklärt ein Beamter, der anonym bleiben will. Leute wie M., davon zeugt die jüngste Vergangenheit, bekommen ja irgendwann auch den Marschbefehl vom irakischen Scheich am anderen Ende des Glasfaserkabels. Zumindest war das im Ausland in den letzten Monaten so zu beobachten: Die Nagelbomber aus Strassburg, die Kofferbomber aus Kiel, die Discobomber von London dder jene Konvertiten, die bis Anfang September in ihrem Garten Fässer mit Sprengstoff in ihren Garagen lagerten, um den Flughafen in Frankfurt in die Luft zu jagen. „Viele dieser gescheiterten Attentäter waren ja keine unauffälligen Schläfer, sondern amtsbekannte Aktivisten, die irgendwann zum Bomben bereit waren“, sagt ein Ermittler. So wie die Attentäter von London, Madrid, Istanbul und letztlich auch in den USA. Die Exekutive räumt nun mit zwei Mythen auf. Dass Islamisten hochprofessionell agieren würden und der Staat dagegen machtlos sei. Die letzten zwei Wochen zeigten das Gegenteil.

Gegen M. beantragte die Polizei Ende Juli den großen Lauschangriff. Die Fahnder richteten einen regelrechten Überwachungs-Schichtdienst ein. Ein arabischer Dolmetscher übersetzte live, was M. im Internet schrieb. Sogar ein Bett hatten die Polizisten in ihrer Überwachungszentrale aufgestellt. Von alldem merkte M. nichts. Am Mittwoch, wenige Stunden vor Erscheinen von News, ließ Innenminister Günter Platter, ÖVP, die Islamisten schließlich festsetzen. Er sprach vom „El Kaida Hintergrund“ und den „hochmodernen Kommunikationsmitteln“ der „Terroristen“. Im Hausdurchsuchungsbefehl den seine Beamten von der Justiz bewilligt bekamen, ist sogar davon die Rede, dass sich M. einen „Sprengstoffgürtel“ besorgen wollte. Schon klagte der Präsident der Kultusgemeinde, Ariel Muzikant, über zunehmende Radikalisierung. Die FPÖ hetzte, die Islamische Glaubensgemeinde wies alle Gewalt von sich – und schlüpfte schnell in die Opferrolle. Man habe immer schon gewusst, dass M. ein Spinner sei.

Die eilig einberufene Pressekonferenz geriet zur PR-Show, die der folgenden „Wertedebatte“ der ÖVP und der Forderungen nach „Online-Hausdurchsuchungen“ die ideale Vorlage lieferte. Die Medien spitzten weiter zu. Vom „langen Arm bin Ladens“ wusste der Kurier zu berichten, von „Terrorzellen“ der Standard. Die Financial Times Deutschland unterstellte M. sogar einen direkten Draht zu irakischen Geiselnehmern.

Der aktuelle Ermittlungsstand sagt anderes. Tatsächlich hat Mohamed M. keinen Anschlag geplant. Er hatte vermutlich auch keinen „direkten Kontakt“ zu jenen irakischen Terroristen, die im März die deutsche Marianne K. und ihren Sohn entführten – selbst wenn dieser Eindruck durch eine von ihm ins Netz gestellte „Drohbotschaft“ an Österreich und Deutschland entstehen sollte. Zwar wird sie von martialisch aussehenden Vermummten auf arabisch verlesen und auf einer Homepage gepostet, auf der auch die Videos der Irak-Entführer gezeigt werden. Doch die vom Gesetz vorgeschriebene Drohung mit Gewalt fehlte ebenso wie der übliche religiöse Zinnober. Dafür fanden sich Hinweise auf Österreichs Studiengebühren, eine Erörterung der Neutralität und eine „Einladung“, aus Aghanistan abzuziehen. Das „Drohschreiben“ wurde in perfektem Deutsch verfasst. Mohamed M.s Briefe – etwa einer ans profil – strotzen vor grammatikalischen Schnitzern. Ob ihm ein gebürtiger Österreicher, etwa aus der linksextremen „antiimperialistischen“ Szene geholfen hat?

Nach der ersten Fahnder-Euphorie vom Mittwoch wirken die Behörden nun etwas ratlos. Schon am Freitag hatte der U-Richter einen der drei Verdächtigen, den Computertechniker Umer H., wieder freigelassen. Aus Mangel an Beweisen. „Wir wissen nicht was Al Kaida wirklich ist“, sagt nun ein hoher Staatsanwalt. „Es könnte leicht sein, dass strafrechtlich gesehen alles nur heiße Luft war, obwohl ich von der Gefährlichkeit der Leute überzeugt bin.“

Das wären keine neuen Erfahrungen für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Immer wieder warnen die Fahnder in ihren internen Dossiers vor Terroristen, die in Wien frei herumlaufen, die ihre Kinder „Osama“ nennen und die sich in einschlägigen Kebab-Buden (etwa in der Josefstadt) und Moscheen aber auch in Botschaften, etwa der sudanesischen treffen - und nicht abgeschoben werden können, weil ihnen zu Hause in Ägypten die Todesstrafe droht. Dem Falter liegt ein vertrauliches Papier der Staatsschützer aus dem Jahr 2005 vor. Ihn im werden die in Wien lebenden Hintermänner der Organisation „Al Jihad“ beschrieben, der sich auch M. zurechnete. Penibel wird darin aufgelistet, welche Islamisten und Terroristen sich in Österreich aufhalten.

Da ist zum Beispiel Abd El K., ein ägyptischer Staatsbürger. Er genieße den Status eines Asylwerbers, dabei „wurde er in Ägypten wegen Beteiligung an terroristischen Straftaten zweimal zum Tode verurteilt.“ Er sei, so stellte auch der Unabhängige Verwaltungssenat fest, ein hochrangiges Mitglied der ägyptischen Terrorgruppe Al-Jihad und „an einem Sprengstoffattentat gegen den ägyptischen Premier Sidqi beteiligt gewesen“. Er habe auch „engen Kontakt“ zu Ayman Al-Zawahiri unterhalten, dem damaligen Anführer des Al-Jihad. Al-Zawahiri ist der Stellvertreter Osama bin Ladens aufgestiegen.

Unangenehmes wissen die Staatsschützer auch von einem Ägyper namens Bilashi A. zu berichten. Auch er ist Teil jener ägyptischen Islamistenszene, der sich Mohamed M. zurechnete. Vor sechs Jahren hatte die Kriminalabteilung Niederösterreich den Mann festgenommen, da die Ägypter ihn wegen terroristischer Anschläge einsperren wollten. A. kam in die Justizanstalt Krems Stein und wartete dort auf die Auslieferung nach Kairo. Ständig erhielt er im Knast Besuch von Islamisten. Schließlich musste die Justiz ihn laufen lassen, weil Ägypten nicht die verlangte Garantie abgeben wollte, den Terroristen nicht zu foltern. A. fand sogleich neuen Unterschlupf. Aus dem Verfassungsschutzpapier: „A. war in verschiedenen Moscheen in Wien als Imam tätig, wobei er zumindest in einer Moschee wegen seiner radikalen Ansichten und Predigten von dieser Funktion enthoben wurde.“

Natürlich sind solche Berichte mit Vorsicht zu genießen. Denn die Informationen stammen aus heimischen Geheimdienst-Dossiers, in denen Fakten, Gerüchte und nachrichtendienstliches Gemurmel zusammengerührt werden. Dennoch weisen die Lageberichte deutlich darauf hin, dass Muslime auch in Wien nicht immer nur den „offenen Dialog“ suchen.

Nicht nur in den radikalen Kreisen, in denen M. verkehrte, auch bei sanft auftretenden Imamen registriert der Verfassungsschutz immer wieder radikale Sprüche, die von Vertretern der Islamischen Glaubensgemeinschaft bei Bekanntwerden reflexartig als „böswillige Missverständnisse“ und „falsche Übersetzungen“ schön geredet werden. Jüngstes Beispiel ist der von der Glaubensgemeinschaft als „moderat“ vermarktete Wiener Scheich Adnan Ibrahim, ein gebürtiger Palästinenser, der in der Schura Moschee in Wien Leopoldstadt predigt. Der Mann wird immer wieder als „Vorzeigemuslim“ präsentiert, als weiser Schriftgelehrter. Doch auch seine Fatwas, islamische Rechtsgutachten, und seine Homepage waren – glaubt man den Behörden ¬– mit Parolen gespickt, die auch Islamisten wie Mohamed M. durchaus gefallen könnten.

So schrieb Ibrahim in einer dem Falter vorliegenden Übersetzung einer Fatwa über den notwendigen Sturz arabischer Despoten: „Jeder, der in diesem Aufstand gegen den Herrscher getötet wird, wird als großer Märtyrer angesehen.“ Jede Seele, die in diesem Aufstand geopfert werde, komme in den Himmel und erreiche den „besten Rang des Märtyrertums bei Allah“. Es müssten „viele Köpfe von Zivilisten rollen“. Die Fatwa Ibrahims über das Verhältnis von Muslimen und Christen könnte genauso gut auf den Weblogs der Islamisten rund um Mohamed M. stehen. Darin heisst es: „Diese Leute, die vorgeben, Christen zu sein, sind Atheisten. Aus diesem Grund darf es keine Eheschließung mit diesen Frauen geben. Ihre Religion ist das lockere Leben, die Verdorbenheit, keine Moral und Ehre. (...) Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist nicht zu erkennen.“

Als diese Texte bekannt wurden, versicherte Scheich Adnan Ibrahim, falsch zitiert worden zu sein. Auch die Glaubensgemeinde nahm ihn reflexartig in Schutz, anstatt ihn abzuziehen. Die arabische Sprache sei eben „blumig“ und für Missverständnisse anfällig, hieß es.

In einer Predigt von vergangenem Freitag, die der SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi per Email aussandte, distanzierte sich Adnan ganz deutlich vom Islamisten wie Mohamed M.. Oder? Adnan Ibrahim wörtlich: „Was wollen diese Irrwitzigen erreichen? Wollen sie ein Kalifat in Österreich errichten? Wollen sie die Kämpfe der Taliban, der Hamas oder den Irak-Krieg hier weiterführen? Diesen Gedanken muss man eine deutliche Absage erteilen. Österreich ist der falsche Platz, um das Kalifat zu errichten, ebenso der falsche Platz, um alle islamischen Gesetze einzuführen. Sollten diese Irrwitzigen dies einfordern, dann sollen sie das Land verlassen und ihre Ideen in einem islamischen Land weiterverfolgen.“

Die Brüder und Schwestern im Irak, in Afghanistan oder Algerien werden sich über solche Ratschläge gewiss freuen – und Mohamed M. mit offenen Armen empfangen. Er hatte ohnedies ein Flugticket nach Kairo gebucht. Offizieller Grund: eine Hochzeitsreise. Daraus wird vorerst nichts.

Mitarbeit: Stefan Apfl

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