So ist der Boulevard

Paparazzi blitzen Natascha Kampusch, Zeitungen drucken Fotos von erschossenen Kindern, Hubschrauber mit Reportern kreisen über Helmut Elsners Garten. Kennen Österreichs Boulevardjournalisten keine Grenzen mehr? (Reportage für den "Falter")

falter%20cover.pngMartina B. (Name geändert) hatte jede Menge Ungemach erwartet, als sich ihr Freund mit angepinkelter Hose im vergangenen Winter vor einer Bawag-Filiale in Wien-Neubau der Polizei ergab. Er hatte gerade die Bank überfallen, Geiseln genommen und dabei mit einem Österreich-Reporter telefoniert. All das war schon unvorstellbar genug. Aber dass ausgerechnet sie es sein sollte, die tags darauf in der Zeitung für die Tat verantwortlich gemacht wird, das sprengte ihre Vorstellungskraft.
Wolfgang Fellner richtete am Titelblatt seines Österreich nicht nur einen Pfeil auf die Hose des Bankräubers, er setzte auch „Hölli“ in Bewegung. Wolfgang Höllrigl, den Chronikchef von Österreich. Der suchte nun nach Erklärungen für die Tat und fand sie bei Frau B. Höllrigl schrieb: „Ihr Heißhunger trieb die Waage weit in den dreistelligen Bereich, ihr sexueller Appetit brachte Günther B. um den Verstand.“ Von Frau B.s „geheimem Leben“ wusste Österreich nun zu berichten, von ihren Besuchen in Swingerklubs, ihrer Verschwendungssucht, ihrem Magen, den sie sich „abbinden“ ließ und dem großen „Geschlechtsmerkmal“ ihres neuen „Galans“, mit dem sie den eifersüchtigen Günther B. in den erweiterten Selbstmord, eben die Geiselnahme, getrieben haben soll. Dazu gab es Urlaubsfotos von Frau B. – als „Slideshow“. Nur ein schmaler Balken schützte das Gesicht der Frau. „Sogar der Wirt am Eck hat sie erkannt. Sie wurde gesellschaftlich unmöglich gemacht“, sagt ihr Anwalt Michael Rami. 22.000 Euro muss Österreich an Frau B. nun für das Zertrampeln des „höchstpersönlichen Lebensbereiches“ bezahlen. Höllrigl aber sagt: „Ich muss doch erklären, wieso es zu dem Verbrechen kam. So funktioniert eben der Boulevard.“ Dann fragt er: „Bist du vielleicht der Ethikprofessor?“
Vor einem Jahr gründete Wolfgang Fellner

sein Österreich. Als er das Blatt bei einer Gala präsentierte, da applaudierten Volk, Promis und Politiker. Fellner verteilte Autogramme wie ein Fußballstar. Er wolle die „Süddeutsche von Österreich“ gründen, versicherte er, und sein Team motivieren „wie Jürgen Klinsmann die deutsche Elf“. Ein Jahr später sitzt Chefreporter Höllrigl mit dunklen Augenringen in der Kantine von Österreich und sagt: „Zu einem guten Match gehört auch die harte Gangart.“
Höllrigl ist ein rüder Boulevardprofi, er sagt, er sei politisch links sozialisiert, er habe viele gute Geschichten aufgedeckt in seinem Leben. Den Fall des NS-Arztes Heinrich Gross zum Beispiel. Für profil schrieb er ein Porträt des „Roten Heinzi“, eines Gürtelkönigs, „und danach bekam ich Polizeischutz“. Höllrigl würde keine Ausländer durch den Boulevard jagen, wie es die Krone tut. Schon eher Helmut Elsner. Aber vor ihm liegt nun die Druckfahne mit einer Geschichte über eine ehemalige burgenländische Weinkönigin. Sie ist hochschwanger und wird von ihren Eltern gesucht, weil sie psychisch krank herumirrt. Was macht Höllrigls Team daraus? Das Blatt druckt die „Fahndungsfotos“ und schreibt: „Die schwangere Psycho-Patientin könnte im Drogenmilieu untergetaucht sein“. Das tratschten halt die Nachbarn. In Wahrheit war die Frau in eine Geburtsklinik nach Finnland ausgerissen. So schnell wird aus einer Kranken eine Kriminelle. „Der Zeitdruck“, sagt Höllrigl, „ihr habt ja keine Ahnung, wie höllisch der ist.“
Als „menschenverachtend“ hat der Kurier den Journalismus von Österreich bezeichnet. Das Oberlandesgericht stellte vergangene Woche fest, dass dies eine zulässige Wertung sei. Fellners Methoden dürfe man auch ruhig als „Hyänenjournalismus“ bezeichnen, so die Richter. Eine Anspielung auf den „Chor der Hyänen“ in Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“. In Meiers-Lexikon stand zu Kraus’ Lebzeiten über diese „katzenartigen Raubtiere“ zu lesen: „Sie haben eine kreischende, grässlich lachende Stimme, verbreiten üblen Geruch, gehen nachts auf Raub aus, dringen bis in die Ortschaften, um sich der Leichen und der Abfallstoffe zu bemächtigen.“ Unter dem Eintrag „Hyänen des Schlachtfelds“ heißt es: „Bezeichnung für das Gesindel, das sich nach einer Schlacht behufs Beraubung der Gefallenen und Verwundeten einzufinden pflegt.“

Wolfgang Fellner hat durch das 1992 gegründete News den Magazinmarkt nachhaltig verändert. Für ihn posierten Politiker wie Haider und Grasser buchstäblich halbnackt. Und er zog sie noch weiter aus. Bei ihm gestand Klestil seine Affäre, sein Blatt lauerte Viktor Klima mit Paparazzi auf, und News brachte Fotos von Karl-Heinz Grasser, als dieser auf Fionas Terrasse schmuste. Die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion, zwischen öffentlich und privat wurden eingerissen. Und zwar meist zum Gewinn beider Seiten.
Nun geht Fellner daran, mit seinen tonnenweise auf der Straße verschenkten Österreich-Heften auch den Boulevardjournalismus der Tageszeitungen nach anglosächsischem oder zumindest nach dem Vorbild der deutschen „Bild“ zu prägen. Nicht mehr Dichands altbacken wirkende Kampagnen gegen Politiker oder drogendealende Ausländer prägen diesen neuen Gossenjournalismus, sondern der gewerbsmäßige Einbruch in die Kernzone des Privatlebens, das Lächerlichmachen von Menschen, die man besser vor sich selbst schützt, die geheuchelte Anteilnahme, die doch nur Spott und mediale Hinrichtung ist. Das Abpressen von Interviews, die sodann als exklusiv verkauft werden.
Das wird Auswirkungen haben – und zwar auf alle Zeitungen. Das zeigt auch ein Blick in die Kanzleien führender Medienanwälte und in die gemäßigten Redaktionsstuben dieses Landes. „Der Chronikjournalismus verändert sich. Es gab stille Agreements, dass wir gewisse Dinge nicht tun“, sagt etwa Eva Gogala, die Chronikchefin des Kurier. Die heimische Presse hetzte eben nicht gegen jene Menschen, die Opfer einer besonders grausamen Straftat wurden. Man respektierte das Privatleben der einfachen Menschen, wenn die es wollten. Kinder und Opfer wurden schon gar nicht gegen ihren Willen angeblitzt. Tote Normalbürger, Kinder zumal, zeigte man nicht – es sei denn, man will mit ihnen Missstände anprangern. Doch selbst dann galt: Balken vors Gesicht.
Ist das Vergangenheit, so wie der Presserat, der einst über den Ehrenkodex wachte und sich vor fünf Jahren in Luft auflöste? Existiert nun auch in der Tagespresse „diese mörderische Getriebenheit“, wie die ORF-Chronikjournalistin Brigitte Handlos beklagt, eine seriöse Vertreterin ihrer Zunft. Ihre Kollegin Eva Gogala meint: „Es sind Dinge zu sehen, die früher nicht zu sehen waren. Die Ausreißer sind alltäglich geworden.“ Nicht nur bei Österreich, sondern auch in anderen Tageszeitungen.
Das Medienattentat auf das serbische Dorf Jabukovac zeigt den Verfall. Ein psychisch erkrankter Gastarbeiter, der zufällig in Himberg bei Wien lebte, hatte dort neun Menschen, darunter auch Kinder, erschossen. Die Leiche eines Buben lag noch im Dreck, da blitzten Fotografen dem Toten und dessen Mutter in ihrer schlimmsten Not ins Gesicht – als sie verzweifelt den Kopf des Buben streichelte. Es wäre bis vor kurzem wohl undenkbar gewesen, dass österreichische Zeitungen solche Bilder drucken. Und wenn, dann nur verpixelt. Fellner aber druckte die Bilder der Leichen. Und Hans Dichand zeigte vor, dass er es noch größer kann. Er blähte das Bild des toten Kindes auf einer halben Seite auf. Ohne Balken vor den Augen. Fellner legte nach. Er druckte Fotos der Ermordeten, wie sie in offenen Särgen liegen – dahinter heulend die Angehörigen. Chronikchef Höllrigl erklärt: „Du musst die Wucht der Ereignisse bringen, die Erschütterung der Menschen.“

Man muss, um diesen schleichenden moralischen Niedergang der Branche verstehen zu können, vielleicht auch einen Blick in den Newsroom von Österreich werfen, in das Nervenzentrum der Zeitung. Wenn man von einer Galerie durch eine Glasscheibe herabsieht auf diesen Raum, der an einen Börsensaal erinnert, sieht es fast so aus wie bei einer Weltzeitung. Hektische Journalisten, flimmernde Bildschirme, ein Monitor, der in bunten „Ildefonsos“, wie es hier heißt, den Redaktionsschluss für jedes Ressort per Countdown anzeigt. In der Mitte aber steht wie auf einer Bühne kein weltläufiger, ruhiger Herausgeber, sondern Wolfgang Fellner. Ein Chronikredakteur sagt: „Er ist die Spinne im Netz.“ Rundum sitzen „Chefredakteure“ und Ressortleiter, dahinter ein Heer von Journalisten – viele ehemalige Krone-Reporter, aber auch blutjunge Anfänger, die in der Fellner-Journalistenschule ausgebildet wurden und nun oft ohne Kollektivvertrag und Kündigungsschutz für 2000 Euro im Monat arbeiten.
Einer dieser Reporter schildert in der Österreich-Kantine, wie eine Ausgabe der Fellner-Zeitung entsteht: „Der Alte (Fellner, Anm.) wünscht etwas, die Chefredakteure springen auf und erfüllen es. Sie greifen in die Geschichten ein – und niemand traut sich zu widersprechen.“ Es gäbe fast keinen Austausch zwischen recherchierenden Journalisten und jenen, die dann die Titelzeilen fabrizieren. O-Töne von Betroffenen würden „zur Unkenntlichkeit zugespitzt“. Recherchen gegen Banken und Supermärkte würden „nicht gerne gesehen, wegen der Inserate“. Wer, wie es Höllrigl einmal tat, Bedenken einlege, werde tags darauf mit „Scheißrecherchen zugeschüttet“. Ein Redakteur, der von der Krone kam, sei öffentlich als „Trottel“ angeschrien worden. Erwachsene Journalisten würden „wie Kinder abgekanzelt“. Als sich etwa Arpad Hagyo, jener Journalist, der den Geiselnehmer interviewte, öffentlich für diesen Unsinn entschuldigen wollte, habe Fellner dies verboten, gleichzeitig aber dem Journalisten öffentlich nicht den Rücken gestärkt. Dabei, so erzählen es Kollegen Hagyos, wusste der gar nicht, dass die Tonbandaufnahme mit dem Geiselnehmergestammel ins Internet gestellt wird. Es geschah, als Hagyo nicht im Büro war.
Auch als es um die Berichterstattung über Bawag-General Helmut Elsner ging, habe es klare Wünsche gegeben. Als ein Österreich-Journalist vor Ort Indizien fand, dass eine Operation bevorstand, hieß es: „Das will keiner lesen.“ Elsner sei doch ein „Oasch“, so ein Ressortleiter, er habe Milde nicht verdient. Ein anderer Journalist erzählt: „So haben wir dann geschrieben, dass er pumperlgesund ist.“ Das Blatt kaufte für die Storys auch Fotos von Reportern, die sich ins Krankenzimmer Elsners schlichen. Wie eine Leiche verhüllt musste er aus dem Spital geschoben werden. Und es setzte Journalisten ein, die mit dem Hubschrauber über Elsners Garten flogen. Zumindest behauptet das Elsners Anwalt Wolfgang Schubert. Er sagt: „Herr Elsner lag im Bett und hat vor dem Fenster die Rotorblätter gesehen. So etwas gab es bei uns noch nie.“ Wolfgang Fellner war – ebenso wie Arpad Hagyo – trotz mehrfacher Anrufe zu keiner öffentlichen Stellungnahme bereit.

Die Heiligenstädter Straße führt vom Gürtel Richtung Döblinger Cottage. Auf Nummer 52, dort wo die Stadt noch räudig ist, befindet sich die noble Privatklinik. Gegenüber liegt die Redaktion von Heute. Es ist ein einfaches, fast unauffälliges Bürohaus, in dem auch der Zettelverteiler Feibra untergebracht ist. Hier residiert Eva Dichand, die erst 33-jährige Herausgeberin von Heute. Sie hat hier keinen Newsroom und auch keinen Hölli. Sie ist die Schwiegertochter von Krone-Chef Hans. Im kurzen Sommerkleid empfängt sie den Besucher in ihrem Büro. Sie wirkt freundlich, aufgeschlossen. Eine Million Leser erreicht sie mit ihrem Blatt, Heute ist die zweitgrößte Tageszeitung, vollgepackt mit Societykram. Der Erfolg des Gratisblatts besteht nicht zuletzt darin, dass es die Stadtverwaltung in allen Wiener U-Bahnstationen herumliegen lässt. Das Branchenmagazin Der Österreichische Journalist kürte Frau Dichand im Jahr 2005 sogar zur „Medienmanagerin des Jahres“. Sie sei „am meisten unterschätzt“. Dichand hat sich Reporter von Krone und Kurier geholt. Sie sagt: „Wir wollen keine Negativgeschichten, sondern nur positive Storys für unsere jungen Leser bringen. Schöne Menschen in schönen Kleidern!“
Vielleicht will Eva Dichand ja harmlos klingen, wenn sie so spricht. Doch das ist sie nicht. Kürzlich ersteigerte sie „um ein paar Tausend Euro“ ein Foto des „Szene-Fotografen“ Andreas Tischler. Der fotografiert Wiens Partyszene und stellt tags darauf die Fotos zum Kauf ins Netz. Meist lächeln die Adabeis in die Kamera. In der Babenberger-Passage erwischte Tischler aber auch ein Mädchen, das nicht in die Kamera lächelte, sondern ihren Kopf innig an die Brust eines Burschen legte, dem das „Unterhoserl“ rausrutschte, wie Heute schrieb. Es war Natascha Kampusch, die in ein normales Leben zurückfinden will – und dabei, wie sie erklärte, in Ruhe gelassen werden möchte. „Mädchen, wir freuen uns mit dir!“, schrieb Heute.
Frau Dichand sagt nun, sie hätte das Recht, diesen intimen Augenblick des Mädchens einer Million Leser vorzuführen. Schließlich habe Kampusch Interviews an andere Medien „aggressiv vermarktet“ und davon „finanziell profitiert“. Sie sei deshalb „eine Person des öffentlichen Lebens“. Dichand: „Wir haben sie ja nicht beim Nacktbaden fotografiert und auch nicht bei der Therapie.“ Frau Kampusch habe „öffentlich geschmust“.

Drohungen, Übergriffe, Heuchelei. Der Ehrenkodex der Presse ist längst totes Recht, und der Staat ist nicht gewillt, die Privatsphäre seiner Bürger zu schützen. Denn der Einbruch in die intimsten Zonen eines Menschen rechnet sich für die Fellners, Höllis und Dichands. Ein paar Zehntausend Euro wird Heute wohl als Entschädigung an Kampusch bezahlen müssen. Ihr Anwalt Gerald Ganzger hat vergangene Woche die Klage eingebracht. Er sagt: „Das ist ein beispielloser Fall.“ Aber in Geld sei der Rechtsbruch kaum aufzuwiegen. Kampusch werde so schnell nicht wieder unbeschwert in der Disco tanzen. Das ist der Schaden. Und dass sich die Leser daran gewöhnen.
Dann ist da noch die permanente Überschreitung der Grenzen zwischen privat und öffentlich – begangen nicht nur durch die Medien, sondern auch durch die Betroffenen, wie den Grassers, Karlichs und Lugners. Der eine posiert mit nackten Nippeln unterm Smoking, die andere erzählt über die ausgebliebene Periode, der Dritte bespricht seine Scheidung im Do & Co neben den Fotografen. Das gewöhnliche Volk tut es ihnen nach – und wird dabei aber nicht mehr vor sich selbst geschützt. Hans Rauscher vom Standard sagt: „Wir leben ja in einer Gesellschaft, wo normale Menschen in Jogginganzügen in Fernsehstudios über das Intimpiercing der Großmutter reden.“
Das klingt witzig, aber es verweist auf ein eminentes Problem: das Recht der Großmutter, dass ihr „Intimpiercing“ intim bleibt. Denn es gibt solche Fälle in der Realität immer öfter: Menschen, deren Intimleben ungefragt in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wenn etwa der stadtbekannte Wiener Medienanwalt unterm Obstbaum sitzend in Österreich seinen Rosenkrieg schildert und dabei von seinen bettnässenden Kindern erzählt, dann werden plötzlich auch die elementarsten Rechte Dritter berührt: nämlich die seiner Frau und die seiner Kinder.
Eine ähnliche Dynamik ist nun wieder im Fall Kampusch zu sehen. Mutter Brigitte Sirny-Kampusch schrieb ein Buch über ihre Jahre ohne Natascha. Darin erörtert sie aber auch den „höchstpersönlichen Lebensbereich“ von Natascha Kampusch. Auszüge des Buches füllen nun die Titelseiten von Österreich, Krone und Bild. Angehörige des Opfers und des Boulevards bedienen einander gegenseitig – auf Kosten des Opfers.
Dieser instrumentalisierte Chronikjournalismus treibt auch die Medienanwältin Maria Windhager in die Verzweiflung. Sie steht normalerweise auf Seiten der Medien. Aber immer wieder vertritt sie auch Kinder, die an den Medienpranger gestellt werden. Etwa Christian W., ein Bub aus Salzburg, der vor drei Jahren von Gerichtsvollziehern vor laufenden Kameras abgeholt und zu seiner Mutter gebracht wurde. Der damals Achtjährige, der mit schmerzerfülltem Gesicht abgebildet wurde, hat die höchste Entschädigung erkämpft, die je von Medien bezahlt werden musste: 72.000 Euro vom ORF, 130.000 von der Krone. Der Fall zeigt das Dilemma eines Boulevardjournalismus, der sich von vermeintlichen Opfern antreiben lässt. Es war ja Christians Vater gewesen, der die Medien alarmierte, weil er das Kind nicht hergeben wollte. Die Medien dachten, sie würden auf der richtigen Seite stehen.

Braucht es also ein härteres Mediengesetz? Ja, sagt Justizministerin Maria Berger (SPÖ), zumindest wenn Prozessakten mit höchstpersönlichen Inhalten nach außen gespielt werden. Schon droht ja auch der Chefredakteur von Heute, Richard Schmitt, den Kampusch-Anwälten, dass er im Besitz des Kampusch-Polizeiaktes ist – und diesen vielleicht auch veröffentlicht. Die Einschüchterung wirkt.
Berger will nun die Veröffentlichung von Gerichtsakten unter gerichtliche Strafe stellen, wenn dadurch die höchstpersönlichen Rechte von Prozessbeteiligten verletzt werden und kein öffentliches Interesse an der Veröffentlichung der Akten besteht. Nicht mehr das Opfer sollte dann tätig werden, sondern der Staatsanwalt. Doch Strafen alleine werden nicht abschrecken, weil sie aus der Portokassa bezahlt werden können. Schon fordern die Medienanwälte Michael Rami (er vertritt neben Frau B. auch die Familie Grasser sowie die Zeitungen Heute und die Krone) und Alfred Noll (Falter), dass nicht mehr einzusehen sei, dass der medienrechtliche Schadenersatz bei medialen Hinrichtungen mit etwa 20.000 Euro gedeckelt sei. Anwalt Noll meint, man müsse den Medien den Gewinn abjagen, den diese mit Ehrverletzungen einstreifen.
Deutsche Anwälte tun das bereits. So klagte der deutsche TV-Moderator Günther Jauch in einem Musterprozess erstmals den Marktwert eines Fotos ein, das bei seiner Hochzeit von Paparazzi der Bunten heimlich aufgenommen wurde. Streitwert: 300.000 Euro - das schmerzt schon. Und in Irland schickte Justizminister Michael McDowell vergangenes Jahr eines der schärfsten Mediengesetze auf den Weg. Millionenentschädigungen soll es für Eingriffe ins Privatleben geben. Irland folgt damit einem spektakulären Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg. Das Caroline-Urteil besagt, dass auch Promis wie Caroline von Monaco Anspruch auf Privatleben im öffentlichen Raum haben.
Auswege? Medienanwältin Maria Windhager sagt, dass nicht nur die Ausbildung der Journalisten verbessert werden müsste, sondern auch die Selbstkontrolle. Man müsse ethische Grundsätze wieder in der Branche etablieren. Wolfgang Höllrigl, Fellners Chronikchef, würden solche „Ethikprofessoren“ wohl auch auf neue Gedanken bringen. „Ein Headhunter“, erzählt Höllrigl, „hat mich einmal gefragt, was ich tun würde, wenn der Papst vor mir zusammenbricht und ich eine Kamera dabei habe.“ Hölli lacht: „Was glaubst du, hab ich gesagt?“

Kommentare

Gratulation zu dem Text :)

Trüffelschwein beißt Boulevardwildsau

Ich glaube, Herr Höllrigl hätte seine Linse des Grauens gnadenlos auf den kollabierten Papst gerichtet und das euroträchtige Bildmaterial anonym an die HEUTE-Redaktion verkauft. Wildsau ist eben Wildsau. Wenn der über alle politische Unkorrektheit erhabene Falter auf der Titelseite seiner aktuellen Ausgabe, Boulevardjournalisten als Schnitzel in spe darstellt, dann dürfen wir, das gewöhnliche, nachahmungsgefährdete Volk, das auch. Höllrigl, also. Was hätte der Mann mit diesem Namen denn werden sollen, wenn nicht ein Reporter des Satans? Diesen Namen wiederum tragen, rein hypothetisch, auch seine Frau, seine Kinder oder seine Mutti. Doch wer sich freiwillig oder unfreiwillig als Dritte/r in die Gefolgschaft des Teufels begibt, dessen elementarste Rechte darf der seriöse Journalismus berühren. In Zeiten des medialen Mundgeruchs muss sich selbst ein Florian Klenk nicht mehr um „schützende Balken“ oder Persönlichkeitsgrenzen bemühen. Erstens, weil auch er, zumindest aber der FALTER, Leserinnen und Leser, Frau X. und Herrn Y. (Namen geändert), braucht. Zweitens, weil endlich Einer aufstehen muss, um uns, dem ausgelieferten einfachen Volk, die Trennung des Guten vom Bösen unmissverständlich vorzuführen. Nicht auszudenken, wir smalltalkten beim After-Job-Clubbing unwissentlich mit Frau Höllrigl! Wo wir doch einer Uschi Fellner oder Eva Dichand demonstrativ den moralischen Rücken zukehrten!

Für die Entstaubung dieses wichtigen, alten Hutes bedarf es wohl des legendären Sommerlochs und vor allem der Feder eines elitären Trüffelschweins. Das kann man unmöglich den unberechenbaren Quotensäuen von Fellner oder Dichand, die im Hausmüll wehrloser Bürgerinnen und Bürger wühlen, überlassen.

Zuweilen gelingt es auch den in Österreich (gemeint ist hier das Land, wiewohl es auch auf die gleichnamige Tageszeitung zutrifft) spärlich gesäten Qualitäts-Journalisten, sich der eitlen Selbstvermarktungsgeilheit zu überführen. Die unbedingt berechtigte Kritik Florian Klenks an den geschmacklosen Methoden des hiesigen Boulevards, entpuppt sich, wie manche davor, als selbstverliebter Beitrag für eine Diskussion, die hauptsächlich unter Seinesgleichen geschieht. Der FALTER ist Frau X. und Herrn Y. eher als Insekt bekannt, denn als Wochenzeitung. Und um die ZEIT gefragt antworten sie mit „Viertel vor zehn“. Sich unter dem dankbaren Deckmantel von Ethik und Moral auf die Rolle des kritischen Analysten zu beschränken ist dürftig, wenn man gleichzeitig als Schutzherr des gewöhnlichen Volks antreten will. „Der moderne Journalismus […] rechtfertigt seine Existenz nach dem großen Darwinschen Prinzip vom Überleben der Niedrigsten“, mutmaßte schon Oscar Wilde (um nicht ständig den Kraus’schen Chor der Hyänen zu strapazieren, den Florian Klenk seit dem Medienrummel um Frau Kampusch gerne singen lässt). Wen wundert’s, wenn sich die Höheren(?) lieber mit der moralischen Verurteilung der bösen Artverwandten beschäftigen, als mit der Sprache von Frau X. und Herrn Y. Das liegt wohl an der Konditionierung der Trüffelschweine auf edle Substanzen. Den direkten Kontakt mit dem gewöhnlichen Volk, dessen Lobby sie zu sein vorgeben, scheuen sie. Ohne den modus operandi des Boulevard-Hausschweins in irgendeiner Form zu verteidigen oder gar gut zu heißen, steht es gelegentlich zu Unrecht am Pranger. Manchmal bildet es „nur“ voyeuristisch ab, was die Menschen in Zeiten eines immer härter werdenden Existenzkampfes „for a few Euros more“ mitunter freiwillig herzeigen.

letzte woche brachte der kurier (chronik) zu einem unglücksfall das bild der verzweifelten angehörigen. es ging darum, dass ein auto ein abgestelltes wohnmobil grammt hat. die schlafende großmutter starb dabei. das bild des kurier zeigte eine frau und ein kind die weinend auf dem boden kauerten. das kind sah hinter seinen händen zornig in die kamera hervor.
fand ich extrem problematisch.

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