Das Dorf und der Krieg
Gerade noch herrschten hier Mord und Vertreibung. Nun wird Kroatien Teil der EU. Ist der Hass schon Geschichte? Zu Besuch bei der Schriftstellerin Slawenka Drakulić, die Kriegsverbrecher bei Gericht besuchte.
Für die Reportagen-Serie "Ostwärts" des Falter. Foto: Veronika Hofinger
Friedlich scheint die Welt, die Slavenka Drakulić zu Füßen liegt. Sie steht auf ihrer Terrasse im winzigen Bergstädtchen Sovinjak und blickt hinunter auf Weingärten, Zypressen und Feigenbäume. Sie trägt schwarz, wie viele Frauen hier. Aber mit diesen goldenen Turnschuhen und ihren knallroten Ohrringen passt sie nicht so richtig in dieses verschlafene Dorf. Sie ist ja auch eine Städterin, eine Weltbürgerin. Die Nachbarn grüßen sie mit Respekt.
Drakulićs Blick schweift über kroatische Dörfer, die hier wie in einer Märchenlandschaft auf den Gipfeln der Berge hocken. „Da drüben“, sagt sie und deutet auf einen Hügel, „da liegt Zamask. Einst war eine Kette durch den Ort gespannt. Die markierte die Grenze zwischen Habsburgs Österreich und Venedig.“ Es leben kaum noch Menschen in diesen Dörfern im Hinterland Istriens. Stattdessen schleichen abends Katzenrudel über das Pflaster und nachts bellen Hunde, die hier nach Trüffeln suchen. Manchmal liegen sie am nächsten Morgen tot da – konkurrierende Clans von Trüffelsuchern schneiden ihnen die Kehlen durch. Viele Intellektuelle haben sich hierher zurück gezogen. Die Gegend hier ist liberaler, als der Rest Kroatiens. Der Krieg kam nicht bis hierher.
Bald wird dieses Land Teil der EU sein. Mit Kroatien wird – sieht man von Slowenien ab – erstmals eines jener Balkanländer aufgenommen, die im vergangenen Jahrzehnt Schauplatz waren für das große Morden im Jugoslawienkrieg. Hat die Gesellschaft die Greuel des Krieges aufgearbeitet? Die Vertreibungen der serbischen Nachbarn? Den Nationalismus? Die Bedrohung der Medien? Die zu Helden verklärten Kriegsverbrecher? Ist das schon wieder Geschichte oder noch Gegenwart in diesem Land?
„Weder noch“, sagt Slavenka Drakulić. Sie pflückt eine Feige, teilt sie in zwei Stücke und lässt sie wieder fallen - in ihr windet sich eine Made. Drakulić sagt: „Man muss genau hinschauen“. Drakulić, 58, ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihres Landes und hat in die Abgründe ihrer Heimat geblickt. Ihre Analysen leben von den vielen Reisen – vor allem in den Osten, wohin sie für eine große Reportage bald wieder aufbrechen will. Sie lebt nicht nur hier im Dorf, sondern auch in Zagreb, in Wien-Mariahilf und Stockholm. Sie ist mit dem schwedischen Journalisten Richard Swartz verheiratet. Ab und zu lehrt sie in den USA. Ihre persönlichen Erfahrungen im Kommunismus, aber auch ihr „Nomadenleben“ im westlichen Europa prägen ihr Werk. Wer mit ihr spricht, kann deshalb einiges erfahren über Kroatien, das erweiterte Europa und das abgrundtief Böse im Menschen. Vieles in diesem Land erinnert auch ein wenig an Österreichs Nachkriegsgeschichte: die Verdrängung, die Opferrolle, die Glorifizierung der Kriegsverbrecher zu Helden.
Slavenka Drakulić wohnt
in einer geschmackvollen, orange gehaltenen Villa. In ihrem Schreibzimmer steht ein Bücherschrank, voll gestopft mit internationalen Ausgaben ihres literarischen Werkes. Sogar in Japan liest man sie. Nur die kroatischen Ausgaben, die findet man mit Mühe und das ist kein Zufall. Als Verräterin hatten die staatlich kontrollierten Medien Drakulić in den Neunzigern beschimpft, in Schmähbriefen wünschte man sie an den Galgen und bei öffentlichen Auftritten zischte manch einer zu: „Pass auf Dich auf!“. Sie schreibt zwar für Weltblätter wie New York Times, Nation, New Republic, Observer und die Zeit, in Kroatien aber druckte sie nur die Feral Tribune, Auflage: 10.000 Stück. Eine Zeitung die für ihre kritische Berichterstattung und ihre investigativen Reportagen über die Kriegsverbrechen mit Anzeigenboykott der staatsnahen Unternehmen bestraft wird. Noch immer werden Drakulićs Schriften über vergewaltigte Kriegsopfer („Als gäbe es mich nicht“, Aufbau-Verlag), das „Sterben in Kroatien“ (Rowohlt) oder ihre Studien aus dem Gerichtssaal des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag („Keiner war dabei“, Zsolnay-Verlag) vom kroatischen Feuilleton verrissen. Nur langsam scheint sich die Abneigung der Kroaten gegenüber Drakulićs Werk zu legen. Ihr letztes Buch, ein Roman über das vom Schmerz geprägte Leben der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo (Frieda, Zsolnay), findet sich erstmals in den kroatischen Bestsellerlisten.
Schon als sie sechzehn war, verließ Drakulić ihre Familie – weil sie das Regiment ihres autoritären Vaters, eines jugoslawischen Offiziers, nicht mehr ertrug. Mit 19 wurde sie Mutter, sie studierte Literatur und Soziologie, arbeitete als Lehrerin und Journalistin, schrieb erst mit 37 Jahren ihren ersten Roman. In den Siebzigern gründete sie eine Frauenrechtsbewegung und begann jene ins Visier zu nehmen, die Ideologien über Menschen stellten. Das waren zu ihrer Zeit die Kommunisten, die zwar einen neuen, befreiten Menschen schaffen wollten, aber „nicht einmal weiches Klopapier, geschweige denn Tampons herstellen konnten“, wie sie in ihrer Abrechnung „Wie wir den Kommunismus überlebten – und dennoch lachten“ schreibt.
Als das kommunistische System zusammenbrach, verglich Slavenka Drakulić die Demokratie in Kroatien mit einer alten, traurigen Dame. Vor ihr stand auch kein Vaclav Havel, sagt Drakulić. Sondern der Partisan Franjo Tudjman, ein General mit weißer Phantasieuniform, der plötzlich mit dem Kroatien der faschistischen Ustascha flirtete. Und im benachbarten Serbien schickte Slobodan Milosevič die Volksarmee los. Während in Budapest, Berlin und Prag die Menschen ihre sanfte Revolution feierten, wütete in Kroatien der Balkankrieg: 200.000 Tote, 60.000 Vergewaltigungen. Die kroatischen Nationalisten, die alle Zeitungen als Propagandamaschinen missbrauchten, setzten Drakulić und einige weitere kritische Journalisten vor die Tür des kroatischen Wochenmagazins Danas.
Und heute? Wo steht das Land? Slavenka Drakulić gibt mehrere Antworten. Die gute Nachricht zuerst: Es gibt bereits eine neue Generation, die nicht mehr durch Kommunismus und Krieg geprägt wurde: „Der Hass auf die Serben, der Nationalismus, das ist ihr fremd“. Wer es sich leisten könne, der reise durch Europa und studiere in Wien, Brüssel und London. Anders als die serbischen Nachbarn können sich Kroaten ja das Reisen leisten, sie brauchen auch kein Visum. Diese junge Garde will nicht mehr auf den Krieg blicken und auch nicht mehr die Greuel hinterfragen.
Es gibt sogar wieder Busse, die von Zagreb nach Belgrad fahren, sagt Drakulić. Und Ivo Sanader, der konservative Premier, habe bei den serbischen Minderheiten öffentlich Weihnachten und Ostern gefeiert. „Ein symbolischer Akt, für den ihm Anerkennung gebührt“, sagt Drakulić.
Das ist die moderne Seite Kroatiens. Sie ist, wenn man ins düstere Serbien blickt, keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Erfolgsgeschichte, zu verdanken vor allem dem wirtschaftlichen und politischen Druck der EU, die Geld nach Kroatien pumpt und dafür institutionelle Reformen und Menschenrechte für serbische Rückkehrer einmahnt.
Da ist aber auch noch die dunkle Seite Kroatiens: Sie ist geprägt von Verarmung, Verunsicherung und der Verdrängung der jüngsten Vergangenheit. „Wir haben zwar den Kommunismus überwunden“, sagt Slavenka Drakulić, „aber die Leute, die von ihm geprägt wurden, können sich nicht von einen Tag auf den anderen ändern“. Demokratie sei für viele „nur eine Hülse, nur ein Wort“. Es werde Generationen dauern, ehe sich das ändert. Den Menschen sei die Gewissheit der eigenen sozialen Sicherheit abhanden gekommen, ihre sozialen Netzwerke seien zerfallen, der Graben zwischen den Reichen und ganz Armen reiße immer bedrohlicher auf. „Wir exportieren nichts, nicht einmal kluge Gehirne“, sagt Drakulić. Die einzige Hoffnung: der Tourismus.
Wird der das Land wirklich bessern? Schon wird die Küste bei Rovinj als Grünland zum Spottpreis an österreichische Investoren verkauft – und tags darauf in Bauland umgewidmet. Es profitiert nicht das Volk, sondern einige wenige – etwa die Kärntner Hypo-Bank. Manche Journalisten wittern Korruption. Nur wenige hören hin. Im Hinterland werden bald nicht mehr die Hunde der Bauern nach Trüffeln suchen, sondern die Neureichen Westeuropas nach Golfbällen. Die Korruption fresse das Land auf, sagt Drakulić, und die Medien seien zahnlos, ja machtlos. „Wer 5000 Euro schwarz bezahlt, um an eine Operation zu kommen, der wird verfolgt“. Wer sich aber richtig die Taschen vollstopfe, der bleibe unbehelligt.
Wo sich Menschen bedroht, betrogen und beraubt fühlen, da rücken sie zusammen. Gemeinsam beschwören sie dann falsche Mythen und Helden. Ein Viertel der Kroaten, sagt Drakulić, stehe heute am äußerst rechten Rand. Und da blüht die Verklärung für jene, die sich nun als Helden ausgeben, obwohl sie der schwersten Kriegsverbrechen beschuldigt werden. Da ist zum Beispiel der Fall von Vice Vukojevic. Er wird beschuldigt, in einem kroatischen Kriegsgefangenenlager in Bosnien eine Frau vergewaltigt zu haben. Kein Gericht nimmt sich seines Falles an. Vukojevic ist schließlich selbst Richter, und zwar am kroatischen Verfassungsgericht. Oder Ante Gotovina, jener General, der im Rahmen der „Operation Sturm“ den Befehl gegeben haben soll, die Serben der Krajina zu massakrieren. Für den Tod von 150 Serben steht er nun unter Anklage Den Haags. Plakate mit seinem Antlitz kleben noch immer im Land, darüber das Wort „Heroj!“, Held. Nur auf Druck der EU wurde Gotovina an das Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert. „Aber hinter den Kulissen“, sagt Drakulić, „bezahlt die Regierung seine Anwälte.“ Das Tribunal werde von vielen noch immer als unzulässige Einmischung angesehen. Die heutigen Machthaber seien noch immer nicht daran interessiert, die Zeiten des Krieges aufzuarbeiten. „Sie beobachteten einander ja vielleicht beim Plündern, sie wissen zu viel übereinander“.
Slavenka Drakulić kritisiert aber nicht nur Generäle und hohe Politiker. Es geht ihr auch um die „Kraftfahrer, Kellner, Verkäufer“, die plötzlich zu vergewaltigen begannen, dem Nachbarn in den Hinterkopf schossen „und dabei klassische Musik hörten.“ Wie konnte das passieren? Eine Frage, die sich Nachkriegsgesellschaften stellen müssen, wenn sie zur Normalität finden wollen.
Zunächst hatte Drakulić die Antworten der Opfer aufgeschrieben. Dann fuhr sie nach Den Haag, setzte sich dort fünf Monate in den Zuschauersaal des UN-Kriegsverbrechertribunals, der wie der „Wartesaal eines Krankenhauses“ aussah. Sie schaute dort Beschuldigten Gesicht, die den Richtern versicherten, „keiner Fliege etwas zu leide tun“ zu können. Nackt trieben sie die Frauen durch die Straßen, ehe sie sie vergewaltigten. „Diese Männerunterscheiden sich nicht von einfachen Jungs, die im Kaffeehaus abhängen.“ Und sie rechneten nicht damit, dafür einmal in den fernen Niederlanden von internationalen Richtern zur Verantwortung gezogen zu werden.
Drakulićs Erkenntnis, dass das Böse nicht unmenschlich sondern ganz banal und Teil des Menschen ist, ist nicht neu. Aber die Gewissheit verstört, dass auch heutige europäische Gesellschaften nicht vor bürokratisch geplantem Massenmord gefeit sind. Ein Krieg kommt nicht von einem Tag auf den anderen. Er braucht Vorbereitung. Nachbarn müssen verhetzt, Feindbilder konstruiert werden. Und dann können sich eben auch friedliche Bauerndörfer in Schlachthöfe verwandeln, in denen die Bewohner mit einer Kalaschnikow am Acker stehen und tagelang wehrlose Männer ermorden, wie dies im bosnischen Srebrenica geschah. Die Menschenrechte, das ist die Botschaft Drakulićs, „beginnen in der Nachbarschaft, in den kleinen Orten“. Politische Führer und Kriegsgeneräle wären machtlos, würden gewöhnliche Menschen es ablehnen im Krieg Verbrechen zu begehen. An noch etwas erinnert Drakulić: „Dass diese Kriegsverbrechen auch heute sehr schnell in Vergessenheit geraten“ und es einer gerichtlichen Aufarbeitung bedarf. Gerichtsverfahren dienen auch der historischen und öffentlichen Dokumentation des Unrechts.
Vertreiben, verklären, vergessen. Selbst hier im idyllischen Bergstädtchen Sovinjak wurden einst die Bewohner verjagt. Slavenka Drakulić führt nach dem Gespräch durch ihr Dorf. Hier ein altes, verfallendes Kloster, dort eine Inschrift aus dem siebten Jahrhundert in glagolischen Schriftzeichen. „Es waren reiche Städter, die ursprünglich in Sovinjak lebten, die Kaufleute und Bürokraten Österreichs und Venedigs“, sagt Drakulić.
Drakulić zeigt auf das Dach eines hübschen, italienisch anmutenden Hauses. „Tito“, der Name des langjährigen jugoslawischen Führers, ist dort in verblassenden roten Lettern zu erkennen. Niemand hat es für nötig empfunden, den Namen abzuwaschen. Daneben öffnet sich der Dorfplatz von Sovinjak. „In Wahrheit war das gar kein Dorfplatz“, sagt Drakulić. Früher standen hier Häuser. Sie fielen zusammen, nachdem sie verlassen worden waren. 1947 mussten sich die Italiener nach einem Referendum entweder zu Titos Jugoslawien bekennen – oder „auswandern“, wie es offiziell hieß. Aber Drakulić sagt: „Es standen noch die Teekessel der Leute am Herd und teure Möbel blieben zurück. In Wahrheit gab es auch hier eine ethnische Säuberung.“ Statt der Städter kamen die Bauern.
Bald schon werden Italiener wieder hierher fahren können, ohne ein Dokument an der Grenze vorweisen zu müssen. Die jungen Grenzen, die sich seit dem Zerfall Jugoslawiens durch Istrien ziehen, werden dank der EU wieder fallen. Kroatien wird sich verändern. Wie, das ist noch völlig offen. Am Rande des verwunschenen Sovinjaks entdecken Investoren bereits das Geschäft mit der ländlichen Idylle. Um 600.000 Euro sind hier schicke Ferienvillen zu haben - vor zehn Jahren gab es verlassene Steinvillen noch fast geschenkt.
Das ist ja das Paradoxe, sagt Drakulić zum Abschied: Politiker, die bis gestern noch ihre Soldaten in die Schlacht schickten und erbittert um ethnisch „reine“ Staaten kämpften, drängen nun in die Europäischen Union und geben dort ihre hart erkämpfte Souveränität ab. „Wozu das alles, wozu die Toten?“, fragt Drakulić. In ihrem Buch über die Kriegsverbrecher in Den Haag gibt sie in einem Epilog eine Antwort. Sie beschreibt, wie serbische, kroatische und bosnische Kriegsverbrecher im Untersuchungsgefägnis im holländischen Seebad Scheveningen gemeinsam Branzino grillen, warmes selbstgebackenes Brot essen, dazu dalmatinischen Wein trinken und anschließend Volleyball spielen. „Man möchte glauben, dass sie voneinander isoliert werden müssten, weil sie gegeneinander Krieg geführt haben und Todfeinde seien.“ Aber jene, die jahrelang aufeinander geschossen haben, leben hier in „Brüderlichkeit und Einheit“. Aus welchem Grund also, fragt Drakulić, kam es zum Krieg. Ihre Antwort: „Aus keinem“.
Gerade noch herrschten hier Mord und Vertreibung. Nun wird Kroatien Teil der EU. Ist der Hass schon Geschichte? Zu Besuch bei der Schriftstellerin Slawenka Drakulić, die Kriegsverbrecher bei Gericht besuchte.Für die Reportagen-Serie "Ostwärts" des Falter. Foto: Veronika Hofinger
Friedlich scheint die Welt, die Slavenka Drakulić zu Füßen liegt. Sie steht auf ihrer Terrasse im winzigen Bergstädtchen Sovinjak und blickt hinunter auf Weingärten, Zypressen und Feigenbäume. Sie trägt schwarz, wie viele Frauen hier. Aber mit diesen goldenen Turnschuhen und ihren knallroten Ohrringen passt sie nicht so richtig in dieses verschlafene Dorf. Sie ist ja auch eine Städterin, eine Weltbürgerin. Die Nachbarn grüßen sie mit Respekt.
Drakulićs Blick schweift über kroatische Dörfer, die hier wie in einer Märchenlandschaft auf den Gipfeln der Berge hocken. „Da drüben“, sagt sie und deutet auf einen Hügel, „da liegt Zamask. Einst war eine Kette durch den Ort gespannt. Die markierte die Grenze zwischen Habsburgs Österreich und Venedig.“ Es leben kaum noch Menschen in diesen Dörfern im Hinterland Istriens. Stattdessen schleichen abends Katzenrudel über das Pflaster und nachts bellen Hunde, die hier nach Trüffeln suchen. Manchmal liegen sie am nächsten Morgen tot da – konkurrierende Clans von Trüffelsuchern schneiden ihnen die Kehlen durch. Viele Intellektuelle haben sich hierher zurück gezogen. Die Gegend hier ist liberaler, als der Rest Kroatiens. Der Krieg kam nicht bis hierher.
Bald wird dieses Land Teil der EU sein. Mit Kroatien wird – sieht man von Slowenien ab – erstmals eines jener Balkanländer aufgenommen, die im vergangenen Jahrzehnt Schauplatz waren für das große Morden im Jugoslawienkrieg. Hat die Gesellschaft die Greuel des Krieges aufgearbeitet? Die Vertreibungen der serbischen Nachbarn? Den Nationalismus? Die Bedrohung der Medien? Die zu Helden verklärten Kriegsverbrecher? Ist das schon wieder Geschichte oder noch Gegenwart in diesem Land?
„Weder noch“, sagt Slavenka Drakulić. Sie pflückt eine Feige, teilt sie in zwei Stücke und lässt sie wieder fallen - in ihr windet sich eine Made. Drakulić sagt: „Man muss genau hinschauen“. Drakulić, 58, ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihres Landes und hat in die Abgründe ihrer Heimat geblickt. Ihre Analysen leben von den vielen Reisen – vor allem in den Osten, wohin sie für eine große Reportage bald wieder aufbrechen will. Sie lebt nicht nur hier im Dorf, sondern auch in Zagreb, in Wien-Mariahilf und Stockholm. Sie ist mit dem schwedischen Journalisten Richard Swartz verheiratet. Ab und zu lehrt sie in den USA. Ihre persönlichen Erfahrungen im Kommunismus, aber auch ihr „Nomadenleben“ im westlichen Europa prägen ihr Werk. Wer mit ihr spricht, kann deshalb einiges erfahren über Kroatien, das erweiterte Europa und das abgrundtief Böse im Menschen. Vieles in diesem Land erinnert auch ein wenig an Österreichs Nachkriegsgeschichte: die Verdrängung, die Opferrolle, die Glorifizierung der Kriegsverbrecher zu Helden.
Slavenka Drakulić wohnt
in einer geschmackvollen, orange gehaltenen Villa. In ihrem Schreibzimmer steht ein Bücherschrank, voll gestopft mit internationalen Ausgaben ihres literarischen Werkes. Sogar in Japan liest man sie. Nur die kroatischen Ausgaben, die findet man mit Mühe und das ist kein Zufall. Als Verräterin hatten die staatlich kontrollierten Medien Drakulić in den Neunzigern beschimpft, in Schmähbriefen wünschte man sie an den Galgen und bei öffentlichen Auftritten zischte manch einer zu: „Pass auf Dich auf!“. Sie schreibt zwar für Weltblätter wie New York Times, Nation, New Republic, Observer und die Zeit, in Kroatien aber druckte sie nur die Feral Tribune, Auflage: 10.000 Stück. Eine Zeitung die für ihre kritische Berichterstattung und ihre investigativen Reportagen über die Kriegsverbrechen mit Anzeigenboykott der staatsnahen Unternehmen bestraft wird. Noch immer werden Drakulićs Schriften über vergewaltigte Kriegsopfer („Als gäbe es mich nicht“, Aufbau-Verlag), das „Sterben in Kroatien“ (Rowohlt) oder ihre Studien aus dem Gerichtssaal des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag („Keiner war dabei“, Zsolnay-Verlag) vom kroatischen Feuilleton verrissen. Nur langsam scheint sich die Abneigung der Kroaten gegenüber Drakulićs Werk zu legen. Ihr letztes Buch, ein Roman über das vom Schmerz geprägte Leben der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo (Frieda, Zsolnay), findet sich erstmals in den kroatischen Bestsellerlisten.
Schon als sie sechzehn war, verließ Drakulić ihre Familie – weil sie das Regiment ihres autoritären Vaters, eines jugoslawischen Offiziers, nicht mehr ertrug. Mit 19 wurde sie Mutter, sie studierte Literatur und Soziologie, arbeitete als Lehrerin und Journalistin, schrieb erst mit 37 Jahren ihren ersten Roman. In den Siebzigern gründete sie eine Frauenrechtsbewegung und begann jene ins Visier zu nehmen, die Ideologien über Menschen stellten. Das waren zu ihrer Zeit die Kommunisten, die zwar einen neuen, befreiten Menschen schaffen wollten, aber „nicht einmal weiches Klopapier, geschweige denn Tampons herstellen konnten“, wie sie in ihrer Abrechnung „Wie wir den Kommunismus überlebten – und dennoch lachten“ schreibt.
Als das kommunistische System zusammenbrach, verglich Slavenka Drakulić die Demokratie in Kroatien mit einer alten, traurigen Dame. Vor ihr stand auch kein Vaclav Havel, sagt Drakulić. Sondern der Partisan Franjo Tudjman, ein General mit weißer Phantasieuniform, der plötzlich mit dem Kroatien der faschistischen Ustascha flirtete. Und im benachbarten Serbien schickte Slobodan Milosevič die Volksarmee los. Während in Budapest, Berlin und Prag die Menschen ihre sanfte Revolution feierten, wütete in Kroatien der Balkankrieg: 200.000 Tote, 60.000 Vergewaltigungen. Die kroatischen Nationalisten, die alle Zeitungen als Propagandamaschinen missbrauchten, setzten Drakulić und einige weitere kritische Journalisten vor die Tür des kroatischen Wochenmagazins Danas.
Und heute? Wo steht das Land? Slavenka Drakulić gibt mehrere Antworten. Die gute Nachricht zuerst: Es gibt bereits eine neue Generation, die nicht mehr durch Kommunismus und Krieg geprägt wurde: „Der Hass auf die Serben, der Nationalismus, das ist ihr fremd“. Wer es sich leisten könne, der reise durch Europa und studiere in Wien, Brüssel und London. Anders als die serbischen Nachbarn können sich Kroaten ja das Reisen leisten, sie brauchen auch kein Visum. Diese junge Garde will nicht mehr auf den Krieg blicken und auch nicht mehr die Greuel hinterfragen.
Es gibt sogar wieder Busse, die von Zagreb nach Belgrad fahren, sagt Drakulić. Und Ivo Sanader, der konservative Premier, habe bei den serbischen Minderheiten öffentlich Weihnachten und Ostern gefeiert. „Ein symbolischer Akt, für den ihm Anerkennung gebührt“, sagt Drakulić.
Das ist die moderne Seite Kroatiens. Sie ist, wenn man ins düstere Serbien blickt, keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Erfolgsgeschichte, zu verdanken vor allem dem wirtschaftlichen und politischen Druck der EU, die Geld nach Kroatien pumpt und dafür institutionelle Reformen und Menschenrechte für serbische Rückkehrer einmahnt.
Da ist aber auch noch die dunkle Seite Kroatiens: Sie ist geprägt von Verarmung, Verunsicherung und der Verdrängung der jüngsten Vergangenheit. „Wir haben zwar den Kommunismus überwunden“, sagt Slavenka Drakulić, „aber die Leute, die von ihm geprägt wurden, können sich nicht von einen Tag auf den anderen ändern“. Demokratie sei für viele „nur eine Hülse, nur ein Wort“. Es werde Generationen dauern, ehe sich das ändert. Den Menschen sei die Gewissheit der eigenen sozialen Sicherheit abhanden gekommen, ihre sozialen Netzwerke seien zerfallen, der Graben zwischen den Reichen und ganz Armen reiße immer bedrohlicher auf. „Wir exportieren nichts, nicht einmal kluge Gehirne“, sagt Drakulić. Die einzige Hoffnung: der Tourismus.
Wird der das Land wirklich bessern? Schon wird die Küste bei Rovinj als Grünland zum Spottpreis an österreichische Investoren verkauft – und tags darauf in Bauland umgewidmet. Es profitiert nicht das Volk, sondern einige wenige – etwa die Kärntner Hypo-Bank. Manche Journalisten wittern Korruption. Nur wenige hören hin. Im Hinterland werden bald nicht mehr die Hunde der Bauern nach Trüffeln suchen, sondern die Neureichen Westeuropas nach Golfbällen. Die Korruption fresse das Land auf, sagt Drakulić, und die Medien seien zahnlos, ja machtlos. „Wer 5000 Euro schwarz bezahlt, um an eine Operation zu kommen, der wird verfolgt“. Wer sich aber richtig die Taschen vollstopfe, der bleibe unbehelligt.
Wo sich Menschen bedroht, betrogen und beraubt fühlen, da rücken sie zusammen. Gemeinsam beschwören sie dann falsche Mythen und Helden. Ein Viertel der Kroaten, sagt Drakulić, stehe heute am äußerst rechten Rand. Und da blüht die Verklärung für jene, die sich nun als Helden ausgeben, obwohl sie der schwersten Kriegsverbrechen beschuldigt werden. Da ist zum Beispiel der Fall von Vice Vukojevic. Er wird beschuldigt, in einem kroatischen Kriegsgefangenenlager in Bosnien eine Frau vergewaltigt zu haben. Kein Gericht nimmt sich seines Falles an. Vukojevic ist schließlich selbst Richter, und zwar am kroatischen Verfassungsgericht. Oder Ante Gotovina, jener General, der im Rahmen der „Operation Sturm“ den Befehl gegeben haben soll, die Serben der Krajina zu massakrieren. Für den Tod von 150 Serben steht er nun unter Anklage Den Haags. Plakate mit seinem Antlitz kleben noch immer im Land, darüber das Wort „Heroj!“, Held. Nur auf Druck der EU wurde Gotovina an das Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert. „Aber hinter den Kulissen“, sagt Drakulić, „bezahlt die Regierung seine Anwälte.“ Das Tribunal werde von vielen noch immer als unzulässige Einmischung angesehen. Die heutigen Machthaber seien noch immer nicht daran interessiert, die Zeiten des Krieges aufzuarbeiten. „Sie beobachteten einander ja vielleicht beim Plündern, sie wissen zu viel übereinander“.
Slavenka Drakulić kritisiert aber nicht nur Generäle und hohe Politiker. Es geht ihr auch um die „Kraftfahrer, Kellner, Verkäufer“, die plötzlich zu vergewaltigen begannen, dem Nachbarn in den Hinterkopf schossen „und dabei klassische Musik hörten.“ Wie konnte das passieren? Eine Frage, die sich Nachkriegsgesellschaften stellen müssen, wenn sie zur Normalität finden wollen.
Zunächst hatte Drakulić die Antworten der Opfer aufgeschrieben. Dann fuhr sie nach Den Haag, setzte sich dort fünf Monate in den Zuschauersaal des UN-Kriegsverbrechertribunals, der wie der „Wartesaal eines Krankenhauses“ aussah. Sie schaute dort Beschuldigten Gesicht, die den Richtern versicherten, „keiner Fliege etwas zu leide tun“ zu können. Nackt trieben sie die Frauen durch die Straßen, ehe sie sie vergewaltigten. „Diese Männerunterscheiden sich nicht von einfachen Jungs, die im Kaffeehaus abhängen.“ Und sie rechneten nicht damit, dafür einmal in den fernen Niederlanden von internationalen Richtern zur Verantwortung gezogen zu werden.
Drakulićs Erkenntnis, dass das Böse nicht unmenschlich sondern ganz banal und Teil des Menschen ist, ist nicht neu. Aber die Gewissheit verstört, dass auch heutige europäische Gesellschaften nicht vor bürokratisch geplantem Massenmord gefeit sind. Ein Krieg kommt nicht von einem Tag auf den anderen. Er braucht Vorbereitung. Nachbarn müssen verhetzt, Feindbilder konstruiert werden. Und dann können sich eben auch friedliche Bauerndörfer in Schlachthöfe verwandeln, in denen die Bewohner mit einer Kalaschnikow am Acker stehen und tagelang wehrlose Männer ermorden, wie dies im bosnischen Srebrenica geschah. Die Menschenrechte, das ist die Botschaft Drakulićs, „beginnen in der Nachbarschaft, in den kleinen Orten“. Politische Führer und Kriegsgeneräle wären machtlos, würden gewöhnliche Menschen es ablehnen im Krieg Verbrechen zu begehen. An noch etwas erinnert Drakulić: „Dass diese Kriegsverbrechen auch heute sehr schnell in Vergessenheit geraten“ und es einer gerichtlichen Aufarbeitung bedarf. Gerichtsverfahren dienen auch der historischen und öffentlichen Dokumentation des Unrechts.
Vertreiben, verklären, vergessen. Selbst hier im idyllischen Bergstädtchen Sovinjak wurden einst die Bewohner verjagt. Slavenka Drakulić führt nach dem Gespräch durch ihr Dorf. Hier ein altes, verfallendes Kloster, dort eine Inschrift aus dem siebten Jahrhundert in glagolischen Schriftzeichen. „Es waren reiche Städter, die ursprünglich in Sovinjak lebten, die Kaufleute und Bürokraten Österreichs und Venedigs“, sagt Drakulić.
Drakulić zeigt auf das Dach eines hübschen, italienisch anmutenden Hauses. „Tito“, der Name des langjährigen jugoslawischen Führers, ist dort in verblassenden roten Lettern zu erkennen. Niemand hat es für nötig empfunden, den Namen abzuwaschen. Daneben öffnet sich der Dorfplatz von Sovinjak. „In Wahrheit war das gar kein Dorfplatz“, sagt Drakulić. Früher standen hier Häuser. Sie fielen zusammen, nachdem sie verlassen worden waren. 1947 mussten sich die Italiener nach einem Referendum entweder zu Titos Jugoslawien bekennen – oder „auswandern“, wie es offiziell hieß. Aber Drakulić sagt: „Es standen noch die Teekessel der Leute am Herd und teure Möbel blieben zurück. In Wahrheit gab es auch hier eine ethnische Säuberung.“ Statt der Städter kamen die Bauern.
Bald schon werden Italiener wieder hierher fahren können, ohne ein Dokument an der Grenze vorweisen zu müssen. Die jungen Grenzen, die sich seit dem Zerfall Jugoslawiens durch Istrien ziehen, werden dank der EU wieder fallen. Kroatien wird sich verändern. Wie, das ist noch völlig offen. Am Rande des verwunschenen Sovinjaks entdecken Investoren bereits das Geschäft mit der ländlichen Idylle. Um 600.000 Euro sind hier schicke Ferienvillen zu haben - vor zehn Jahren gab es verlassene Steinvillen noch fast geschenkt.
Das ist ja das Paradoxe, sagt Drakulić zum Abschied: Politiker, die bis gestern noch ihre Soldaten in die Schlacht schickten und erbittert um ethnisch „reine“ Staaten kämpften, drängen nun in die Europäischen Union und geben dort ihre hart erkämpfte Souveränität ab. „Wozu das alles, wozu die Toten?“, fragt Drakulić. In ihrem Buch über die Kriegsverbrecher in Den Haag gibt sie in einem Epilog eine Antwort. Sie beschreibt, wie serbische, kroatische und bosnische Kriegsverbrecher im Untersuchungsgefägnis im holländischen Seebad Scheveningen gemeinsam Branzino grillen, warmes selbstgebackenes Brot essen, dazu dalmatinischen Wein trinken und anschließend Volleyball spielen. „Man möchte glauben, dass sie voneinander isoliert werden müssten, weil sie gegeneinander Krieg geführt haben und Todfeinde seien.“ Aber jene, die jahrelang aufeinander geschossen haben, leben hier in „Brüderlichkeit und Einheit“. Aus welchem Grund also, fragt Drakulić, kam es zum Krieg. Ihre Antwort: „Aus keinem“.
