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23. Aug 2007

Seine liebe Republik

Zur Premiere des Dokumentarfilms: “Meine liebe Republik”, von Elisabeth Scharang bei dem ich Friedrich Zawrel und die Zeitzeugen des Falles Heinrich Gross interviewen konnte:


Der bewundernswerten Kampf des Friedrich Zawrel gegen seinen Peiniger, den NS-Arzt Heinrich Gross.

(für ray)
Es war vor etwa sieben Jahren. Da nahm der Gerichtspsychiater Heinrich Gross in einem Kaffeehaus Platz und gewährte dem ORF sein einziges Interview. Gross mampfte ein Kipferl, das er in seinen Kaffee tunkte. Soeben wurde sein Mordprozess auf unbestimmte Zeit vertagt. Heinrich Gross war dement, zumindest tat er so. Er konnte und wollte sich nicht mehr an seine Zeit als NS-Arzt am Wiener Spiegelgrund erinnern.
Zu jener Zeit traf ich in einer kleinen abgedunkelten Wohnung einen Mann, der sich als Friedrich Zawrel vorstellte und fürchterlich beklagte. Zawrel wurde von Gross am Spiegelgrund gequält. In der Zeitung hatten Journalisten seine Schilderungen wiedergegeben und nun wollte Gross dafür wegen „Verletzung der Unschuldsvermutung“ Geld.
Das war Zawrel zuviel. Es sollte nicht erlaubt sein, öffentlich über die Torturen zu sprechen, die er in der Euthanasieklinik am Spiegelgrund selbst erlitten hatte? Die „Wickelkuren“, bei denen die Kinder in nasse Tücher gesteckt wurden, die „Speibspritzen“, die Schläge mit der verkehrten Faust, die Isolationshaft, die Tauchkuren, bei denen die Kinder unter kaltes Wasser gedrückt wurden, bis sie zu ersticken glaubten? All das sollte fortan tabu sein?
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Das wollte Friedrich Zawrel nicht hinnehmen, er wollte wieder einmal dass die Zeitungen berichten. Und so lernte ich diesen Mann und seinen jahrzehntelangen Kampf gegen die österreichische Justiz kennen. Er war es nämlich, der den Gerichtsgutachter Heinrich Gross als NS-Arzt entlarvte. Zawrel beschämte mit seiner akribischen, humorvollen und höflichen Art letztlich die gesamte Sozialdemokratie und die Hofräte des Justizministeriums, die jahrzehntelang Gross deckten und Zawrel als kleinen Ganoven abkanzelten.
Zawrel, Sohn einer verarmten Wiener Arbeiterin, kam als Kleinkind in städtische Erziehungsheime. Er war ein aufgewecktes Kind, sozialisiert in Wiens Vorstadt. Er landete bei Pflegeeltern, dann am Steinhof, wo die Nazis „lebensunwertes Leben“ vernichteten. Zawrel galt plötzlich als „erbbiologisch minderwertig“. Er wurde dort fortan von Heinrich Gross „behandelt“. Jahrelang saß er in einer kleinen Zelle, das Licht drang nur durch eine Milchglasscheibe herein. Doch Zawrel wusste, dass hier behinderte Kinder spurlos verschwanden, plötzlich an Lungenentzündungen verendeten. Ihre toten Körper wurden auf Leiterwagen abtransportiert.
Friedrich Zawrel konnte dank einer beherzten Krankenschwester vom Spiegelgrund flüchten – doch er geriet nach dem Krieg auf die schiefe Bahn. Zunächst war es eine Bagatelle, die ihn ins Gefängnis brachte – ein gestohlener Laib Brot. Aufgrund dieser Vorstrafe und „rassenbiologischer Gutachten“ wurden ihm später Jobs verwehrt. Er verfiel der Kleinkriminalität, er klaute Fliesen bei Baustellen oder brach in Autos ein. Immer wieder und wieder saß er dafür im Gefängnis. Bis er vor einem Gerichtspsychiater landete, der ihn für hochgradig gefährlich erklären sollte. Der Psychiater fragte: „Ihr Name?“. Und Zawrel antwortete: „Für einen Akademiker haben sie aber ein schlechtes Gedächtnis, Herr Doktor Gross“. Gross wurde bleich wie die Wand, seine Vergangenheit konnte nicht mehr verschwiegen werden und so erklärte er Zawrel für hoch gefährlich, wollte ihn auf unbestimmte Zeit weggesperrt sehen.
Zawrel aber ging an die Öffentlichkeit. Prominente kritische Ärzte wie Werner Vogt, aber auch beherzte Journalisten wie Marianne Enigl vom profil nahmen sich seines Falles an. Gross verlor bereits Anfang der achtziger Jahre einen Prozess, in dem er sich gegen den Vorwurf wehrte, Kinder getötet zu haben. Es dauerte aber weitere zwanzig Jahre, ehe Gross zu seinem Mordprozess geführt wurde. Vorvergangenes Jahr verstarb er, ohne verurteilt worden zu sein, als unbescholtener Mann.
Friedrich Zawrels Leben ist nun – dank der Regisseurin Elisabeth Scharang – erstmals auf Film dokumentiert. Es ist das Leben eines Anti-Herr-Karls, der geistreichen, messerscharfen Spott über hat für jene, die damals ja nichts gewusst haben wollen und sich doch arrangierten. In einer Szene blickt er auch auf das ORF-Interview, in dem Gross sein Kipferl in den Kaffee tunkt. Zawrel sagt: „Wenigstens schmeckt es ihm noch“. Dann lacht Zawrel. Er hat den Kampf gegen dieses Unrecht gewonnen.
Florian Klenk ist stellvertretender Chefredakteur des Falter. In Elisabeth Scharangs im September anlaufenden Film „Meine liebe Republik“ führte er die Interviews mit Friedrich Zawrel und den Zeitzeugen im Fall Gross.

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