Schuld und Bühne


BAWAG PROZESS/ DIE ERSTE WOCHE
„Wir haben es nur für die Bank getan.“ Helmut Elsners Mitarbeiter erzählen über ihr Leben – und kämpfen vor Gericht um ihre Freiheit. Mit Argumenten, die man nicht so einfach vom Tisch wischen kann. (für Falter)


Es ist Donnerstag, der vierte Prozesstag. Die Hitze drückt im marmornen Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts. Die Richterbank wirkt wie eine Bühne. Sogar eine Galerie gibt es hier – von ihr Blicken höchste Ankläger und Politiker. Helmut Elsner, der gefallene Bawag-General spricht in ein Funkmikro, das wie ein billiges Radio durch Handys gestört wird. „Wir hören nichts!“ rufen die Reporter. In Elsners Nase wird von den Ärzten später ein Plastikschlauch gesteckt, durch den er Sauerstoff aus einer Metallflasche saugt. Er hat den Kragen geöffnet, weil er zu wenig Luft kriegt, wie er sagt.

Elsner will als freier Mann zu diesem Prozess gehen – so wie die anderen acht Angeklagten.
Sein Anwalt Wolfgang Schubert hat deshalb schon wieder einen Enthaftungsantrag gestellt. Er suggeriert, dass Elner nur aufgrund der Medienhatz und eines gefälschten News-Fotos im Gefängnis sitzt. Schubert erzählt auch, wie die Ärzte den Bankier „wie eine Leiche“ auf dem Krankenbett zudeckten, um ihn an den Paparazzi vorbeizurollen.

Doch Elsner schläft auch diese Nacht im Grauen Haus, denn die Richterin hat Angst, dass er, wenn schon nicht in seine Villa im französischen Mougin, so zumindest in die Krankheit flüchten könnte. Seine Tochter und seine erste Frau winken ihm zu. Es sind die einzigen, die ihn hier unterstützen. Es plagt sie wohl der Gedanke, dass er das Gefängnis vielleicht nie mehr verlassen wird. So streckt Elsner also weiter seine Socken den Fotografen entgegen. Er muss die Beine auf einem Stuhl hochlagern, weil sie nach der Bypass-Operation anschwellen. Jeden Tag dürfen die Reporter den einst mächtigsten Bankboss der Stadt in dieser misslichen Lage ablichten. Über die Fotos schreiben sie dessen eigene Worte: „Nachher ist man klüger!“

Man muss wohl noch einmal von ganz vorne beginnen, um diesen Prozess zu verstehen. Bei der Herkunft jener Manager, die die Bawag in den Abgrund führten und die von totalitären Strukturen umgeben waren. Man muss sich der Einschüchterung von externen Kritikern widmen. Vielleicht wird dann klarer, wieso diese Bankiers nur noch schwer unterscheiden konnten zwischen einem Geschäftsrisiko und dem kriminellen Missbrauch anvertrauten Milliardenvermögens.

Die Welt „von denen da oben“ verstehen lernen - das will wohl auch Richterin Claudia Bandion-Ortner. Deshalb lässt sie die Angeklagten in der ersten Prozesswoche über Herkunft, Vermögen und ihr Leben in der Bank berichten. Nun wissen alle, dass Helmut Elsner und die meisten der Angeklagten aus ärmlichen, kinderreichen Familien stammen, in denen sich „die Mutter alles absparte“, wie Elsner sich erinnert. Man erfuhr, dass viele sich ihr ganzes Leben hochdienten in der autoritären Arbeiterbank, die sie die„Familie“ nannten. „Ich wurde elfmal gekündigt“, sagt der Angeklagte Johann Zwettler, Elsners Nachfolger „sie können sich die Zustände heute gar nicht vorstellen!“ Erwachsene Bankiers mussten sich anschreien lassen, wenn sie kein Sakko trugen oder Verträge nicht mit blauer Tinte Verträge unterfertigten.

Helmut Elsner wurde 1935 geboren. Nach dem Krieg, in dem sein Vater Josef gefallen war,

war seine Mutter Frederike „verarmt“. Schon als junger Mann avancierte Elsner zum Starbanker. Die Bilanzsumme seiner Grazer Filiale trieb er in wenigen Jahren von hundert Millionen Schilling auf drei Milliarden. Er kam nach Wien, schloss Kreditgeschäfte mit den ganz Großen - General Motors, Mobil, Shell. Amerikanische Geschäftsleute saßen bei ihm zu Hause - das war neu für die Arbeiterbank. Zunächst diente Elsner unter dem autoritären Walter Flöttl, dem Vater des Spekulanten Wolfgang. 1995 wurde er er selbst General. Irgendwann ist auch ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen. Staatsanwalt Georg Krakow nennt Elsner „aufbrausend, egozentrisch und unnahbar“.

Selbst als sich draußen das Desaster ankündigte, genoss Elsner den Luxus. In der Anklage findet sich eine bezeichnende Anekdote: im Jahr 2000, als bereits hunderte Millionen Euro verloren waren, ließ sich Elsner vom ebenfalls angeklagten Wolfgang Flöttl mit einem Privatjet auf die Bahamas fliegen. Drei Wochen entspannte er sich auf Flöttls Anwesen, das der Bawag inzwischen als Pfand übertragen worden war. Nebenbei ließ er sich über weitere Verluste informieren. Ein anderes Mal, es war in London, gingen Flöttl und Elsner in ein Lustspiel. Erst nachdem der Vorhang gefallen war, informierte ihn der Spekulant über die nächste große Pleite.

Wolfgang Flöttl brachte der Bank Mitte der Neunziger Jahre mehrere Milliarden Schilling durch riskante Spekulationen. Doch die Medien protestierten ob des Nepotismus. Denn Vater Flöttl vertraute seinem Sohn 23 Milliarden Schilling an. Die Geschäfte wurden eingestellt – und kurz darauf von Elsner, Flöttl seniors Nachfolger, wieder aufgenommen. Die Gewerkschaft wollte schließlich hohe Dividenden von ihrer Hausbank. 1998 setzte Flöttl auf den fallenden Yen, doch der stieg: über 600 Millionen Dollar waren verloren. Weil Elsner den ersten Verlust „zurückverdienen wollte“, warf die Bawag Flöttl immer mehr Geld nach. Zunächst 250 Millionen im Jahr 1998. Dann noch einmal 350 im Jahr darauf, insgesamt etwa 1,4 Milliarden Euro. „Hapenny“, „ „Hetomia“, „Felixton“, das waren die klingenden Namen der Sondergeschäften, die letztlich wertlos waren.

Zur Abdeckung der Schulden musste Flöttl Londoner Anwesen und seine Kunstsammlung rausrücken: Picassos „Le Marin“, Van Goghs „La Moisson en Provence“, ein paar Manets. Ungesichert lagen die Gemälde in einer Züricher Zollfreilagerhalle – hinter Ytong Wänden und Pressspanplatten. Sie wurden, so die Anklage, bewusst überbewertet, um die Bilanzen zu schönen. In Stiftungen mit dem Namen „Bensor“, „Biamo“ und „Treval“ parkte Elsner die Verluste. Bis ein Vorstand zum ÖGB sagte: „Sie haben die Bank verloren“.

War all das kriminell, wie der Staatsanwalt sagt? Oder nur eine „falsche Investitionsentscheidung“, wie Flöttl und Elsner beteuern? Hätten jene, die das Risiko kannten, den Aufsichtsrat, das Kontrollgremium der Bank, informieren müssen? Der Staatsanwalt glaubt, die Vorstände hätten bloß um ihr eigenes Salär gebangt. Verlierer zu sein – das war in ihren Lebensläufen nicht mehr vorgesehen. Ist es wirklich so einfach?

Manche der Vorstände, nicht alle, ahnten, dass getrickst, ja sogar gelogen wurde. Aber hätte Alarm zu schlagen nicht erst recht der Bank geschadet? Ein interne Mitteilung des Vorstands gegenüber dem Aufsichtsrat hätte Presseberichte zur Folge gehabt, das zeigte die Vergangenheit. Die Angeklagten fürchteten einen Ansturm der Bawag-Kunden und eine Sperre von Konten im Ausland. „Das ist so, wie wenn man einem Menschen die Aorta zudrückt“, sagt ein Strafverteidiger, „dann stirbt er“.

Die Gründe für das Schweigen? Bei Helmut Elsner scheint die Antwort einfach: 94 Millionen Schilling Pensionsabfindung. Und dann noch 500.000 Euro „außerordentliches Bilanzgeld“ als Belohnung – trotz der Pleite. Zusätzlich zum Jahressalär von 650.000 Euro. Dann noch 250.000 Euro pro Jahr - für sechs Wochenstunden im Aufsichtsrat der Lotterien. „Vielleicht waren es auch 300.000, fragen sie meinen Anwalt“, sagt Elsner.
Es sitzen aber auch schlichtere Gemüter auf der Anklagebank, bei ihnen greift der Vorwurf der Gier zu kurz. Es sind jene, die sich selbst überschätzten und in höchste Kontrollpositionen ahnungslos auf Kritik verzichteten – etwa der Aufsichtsratsvorsitzende Günter Weninger, 67. Seine Vertrauten sagen, er könnte heute Präsident des ÖGB sein, wenn er damals aufgeräumt hätte. Nun kann sich der gebrochen wirkende Pensionist nicht einmal einen Anwalt leisten. Das Gericht stellte ihm einen Verfahrenshelfer zur Seite.

Warum schwieg auch Weninger? „Ich komme aus ärmsten Verhältnissen“ sagt auch er. „Volkshauptschule“, Lehre zum Elektromonteur, Jugendsekretär, Externistenmatura und ein abgebrochenes Wirtschaftsstudium, das ihn dazu befähigte „Feriendörfer und Hotels“ der Gewerkschaft zu verwalten. Das reichte schon, um vom ÖGB zum Aufsichtsratschef der Bawag ernannt zu werden. Das Bankenrecht, sagt Weninger, „haben wir im Studium ein bisserl durch genommen“. „Intellektuell überfordert“, nennt ihn der Staatsanwalt heute.
Als die Verluste immer gigantischer wurden, rief Elsner in Gegenwart Weningers einen Anwalt an. Elsner stellte das Telefon laut und der Anwalt erklärte, dass er, Weninger, als Aufsichtsratspräsident alles tun müsse, um das „Wohl des Unternehmens zu fördern“. Weninger war unsicher: was bedeutete das für mich konkret? Der Anwalt las das Gesetz weiter vor, es fiel das Wort „Schadenersatz“. Weninger fühlte sich in seiner Existenz bedroht und fürchtete angeblich um Arbeitsplätze. „Ein Fehler“, wie er heute gesteht.

Hier Gier und dort Dummheit – war das der Grund für die Krise? Nicht nur. Neben Weninger sitzt Christian Büttner auf der Anklagebank. Er wollte sich von Elsners autoritärem Gehabe nicht einschüchtern lassen. Er war einer, der vor Flöttls „Sondergeschäften“ warnte, weil er schon ahnte, was der Bank droht. Christian Büttner ist das Gegenteil des starren Gewerkschafters, ein international ausgebildeter Banker. Alles an ihm wirkt handgenäht: Hemd, Anzug, Schuhe. Ein Musterschüler, der hier im Grauen Haus als Rechtspraktikant arbeitete und es dann bei der Londoner Citybank auf 900.000 Euro im Jahr brachte, das Doppelte seines Bawag-Bezuges. Die Bayrische Landesbank (BLB), die 46 Prozent der Bawag hielt, schickte ihn als „Sand im Getriebe“ in den vom ÖGB kontrollierten Vorstand. Doch mit den autoritären Umgangsformen Elsners kam auch er nicht zurecht. „Alle zu mir, außer Büttner“, befahl der General.

Dieser Büttner knattert nun täglich mit seiner knallroten Vespa von seinem Döblinger Domizil ins Graue Haus. Er nimmt den Helm ab, zupft die Manschetten unterm britischen Anzug zurecht und spaziert zum Prozess, den er „glatt“ zu gewinnen glaubt. Schon 1997, so erzählt er, habe er den Vizegeneraldirektor der BLB darum gebeten, Flöttl bei einem Treffen bei den Salzburger Festspielen auf die Spekulationen anzusprechen. Das war glatter Geheimnisverrat. Ein einzelner Vorstand darf nicht mit einem einzelnen Aufsichtsrat sprechen. Büttner wurde verpfiffen, zurechtgewiesen – und aufs Abstellgleis geschoben. Als dann, wie befürchtet, der erste gewaltige Verlust bekannt wird, geht Büttner „zur Entspannung“ auf den Semmering wandern, um den „Riesenschock“ zu erfassen. Er versucht weitere Millionenkredite an Flöttl zu verhindern - vergebens. Der übrige Vorstand überstimmt ihn. Erst zwei Jahre später wird auch Büttner wichtige Unterschriften leisten und die Geschäfte mittragen, „weil da eine Prüfung der Nationalbank bevorstand“. Er fügt sich dem System.

War das kriminell? Büttner hat nun ein rote Aktenmappe dabei, darin pedantisch geordnet die Dokumente, die ihn entlasten sollen. Er will den Schöffen beweisen, dass er unschuldig ist an dem Desaster. Warum, fragt die Richterin, „haben sie eigentlich nicht gekündigt“. Büttner sagt, was alle sagen: „Zum Wohle der Bank“. Ganz falsch ist das nicht.

Kommentare

Soweit ich mich erinnern kann, war Elsner in der Österreichischen Lotteriengesellschaft - zumindestens pro forma - Mitglied des Vorstandes und nicht des Aufsichtsrates.

Eine Vergütung in der genannten Größenordnung wäre wohl für eine Tätigkeit als Aufsichtsrat in Österreich mit seinem dualistischen System (also in der Regel nebenberuflichen, nicht operativ tätigen Aufsichtsräten) eher unüblich.

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