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12. Jul 2007

Hauptsache wir sehen uns

Leon Zelman ist tot. Als am Heldenplatz im Jahr 2000 Hunderttausende gegen die blauschwarze Regierung protestierten, durfte ich ihn – gemeinsam mit meiner Kollegin Nina Weissensteiner – für den Falter begleiten. Er traf auf Andrea Khol, die Tochter von Andreas Khol. Folgende Reportage – gemeinsam verfasst mit Nina Weissensteiner – erschien damals im Falter.

“Hauptsache wir sehen uns”
“Ich bin ein bisserl bös auf deinen Vater”, sagt Leon Zelman. “Ja, ja, ich auch”, antwortet Andrea Khol. Begegnung zweier Demonstranten.
Am Stephansplatz, da ist der Leon. “Das wissen die Juden, die nach Wien kommen”, sagt Leon Zelman. Am Stephansplatz hat der Leiter des Jewish Welcome Service sein Büro. Das Fenster gibt den Blick frei auf den Steffl und auf die Wiener, die unten flanieren. Auf das, was Leon Zelman die “Seele der Stadt” nennt. Am ersten Oktober, sagt er, “hat der Stephansplatz seine Unschuld verloren”. Da war er zum Bersten voll, weil die FPÖ eine Abschlusskundgebung gegeben hatte. Der Wiener FPÖ-Obmann Hilmar Kabas hatte gesprochen. Dann Thomas Prinzhorn und Jörg Haider.
Oben, in seinem Büro, hatte Leon Zelman gerade Besuch. Eine Journalistin aus Schottland hörte das Geschrei und wollte hinuntergehen. “In Sorge um diese Frau” ist Zelman mitgegangen. “Wie einen Magneten” hat es ihn hinuntergezogen. “Ich habe”, sagt Zelman, der als Bub das jüdische Ghetto, die Vernichtungslager Auschwitz und Mauthausen überlebt hatte, “plötzlich wieder das widerliche Gesicht dieser Stadt erlebt.” Wie es sich verzerrte, als der Name Omofuma ausgesprochen wurde, wie sich die Hände zum Applaus hoben, als gleich darauf das Wort Drogendealer fiel, hat Leon Zelman Angst bereitet. “Die jungen Menschen trifft eine Rede von Hilmar Kabas nicht so wie mich”, erklärt Zelman. Kurz nach der Veranstaltung sei eine Frau zu ihm gekommen und hätte ihm dann noch ein “Sie sind doch dieser Jud aus dem Fernsehen!” entgegengebrüllt.
Vergangenen Samstag drängten sich wieder die Menschen auf dem Stephansplatz. Diesmal, um Richtung Heldenplatz zu ziehen. 250.000 werden sich dort einfinden. Zehnmal so viel wie Anfang Oktober. Im Cafe Aida auf dem Stock-im-Eisen-Platz versuchen Dutzende vom Balkon aus einen Blick auf die Transparente zu erhaschen. Es sollte die größte politische Kundgebung gegen die Politik der FPÖ werden. “Heute”, freut sich Leon Zelman und beißt von einer knusprigen Aida-Topfengolatsche ab, “hat der Platz seine Unschuld wieder zurückgewonnen.”
Unten schlagen die Menschen auf Töpfe, pfeifen und rufen “Widerstand”. Ein paar hundert Meter weiter, vor der Oper, winkt eine quirlige Demonstrantin in den Himmel. Rote Pudelmütze, Trillerpfeife, “Widerstand”-Pickerl am Mantel. Der Hubschrauber des Innenministeriums knattert über die Köpfe, die junge Frau reißt die Hand in die Höhe, um die fliegenden Polizisten zu grüßen. “Ich will keine FPÖ in der Regierung haben”, sagt die junge Frau, die ihrem Vater ein wenig ähnlich sieht.
Der Vater der Demonstrantin heißt Andreas Khol und ist Klubobmann der ÖVP. Jener Mann, der sich schon lange vor dem dritten Oktober mit der FPÖ-Koalition angefreundet hat. Eine Koalition, gegen die seine Tochter heute demonstriert. “Der Vater”, sagt Andrea, “hat uns Kindern immer das Denken erlaubt. Er begrüßt, dass ich demonstrieren gehe, und hat gesagt, es sei mein gutes Recht.” Andrea Khol arbeitet bei einer jungen Wiener Internet-Firma, geht samstags am Naschmarkt einkaufen und war an der Uni in einer Basisgruppe engagiert.
Früher waren Leon Zelman und die Familie Khol gut befreundet. Jedes Jahr schickte der Leon der Familie Khol eine Kiste Grapefruits aus Israel. Leon Zelman schätzte die Volkspartei. “SPÖ und ÖVP haben mir das Gefühl gegeben, dass sich was verändert in diesem Land. Wien ist meine Heimat geworden”, sagt Zelman, der aus einer kleinen polnischen Stadt vertrieben wurde und nach dem Weltkrieg in Wien bleiben musste, weil er wegen seiner Lungenkrankheit nicht emigrieren konnte. Früher, als sich Rote und Schwarze im KZ schworen, die Zweite Republik aufzubauen. “Heute begeht die ÖVP so einen Verrat”, sagt Zelman.
Ab und zu war Leon Zelman mit emigrierten Juden bei der Familie Khol zu Gast. “Als Kinder waren wir immer dabei. Da gab es meistens Tafelspitz, das ist etwas Wienerisches, was sich leicht koscher zubereiten lässt”, erinnert sich Andrea. Wenige Tage bevor die ÖVP die Koalition mit der FPÖ besiegelte, lud Andreas Khol Leon Zelman noch zum Essen ein. Heute wartet er auf eine Entschuldigung. “Herr Khol muss erklären, warum er sich so verhalten hat. Er muss Worte finden. Er hat mich eingeladen und eine Woche später war alles fertig.”
“Ich bestehe darauf, die Andrea zu treffen”, verlangt Leon Zelman mit großväterlichem Ernst, als er hört, dass Andrea Khol auch demonstriert. “Dem Leon Zelman kann ich so eine Bitte nicht abschlagen”, willigt Andrea ein. Wenige Minuten später umarmen sie einander im Cafe Griensteidl, in dem sich Dutzende für die Abschlusskundgebung am Heldenplatz wärmen.
“Lass den Vater schön grüßen! Weißt du, ich bin ein bisserl bös auf ihn”, brummt Zelman und lässt Andreas Hand nicht mehr los. “Ja, ja, ich auch”, sagt Andrea, “er glaubt, dass die FPÖ resozialisierbar ist. Ich glaub das nicht.” “Die meisten Juden haben daran geglaubt, dass er resozialisierbar ist”, sagt Zelman, “aber Haider braucht diese Welt, mit der er kokettiert. Ich bin sicher, bei unserem letzten Treffen hat dein Vater das schon gewusst.” “Nein, das glaube ich nicht”, sagt Andrea. “Ich will wieder raus!”, sagt sie. “Wohin”, fragt er. “Auf die Straße!”
Nachdem sich Andrea Khol verabschiedet hat, kommt Kurt Steyrer zufällig an Zelmans Tisch. Jener Mann, der damals gegen Waldheim angetreten und gescheitert ist. “Ich muss dir einen Witz erzählen”, sagt Zelman: “Ein Jude, der in der Früh aufwacht und keine Schmerzen hat, der ist tot.” Kurt Steyrer ist nicht sicher, ob er lachen darf. “Ich bin kein Witzeerzähler”, versichert Zelman später. Der Schmerz der Juden werde in den Witz umgelegt. “Als wir uns im Ghetto versteckt hatten, lautete eine Begrüßungsfloskel: ,Hauptsache, wir sehen uns.’ ,Hallo, meine liebe Frau!’, haben wir gesagt, ,Hauptsache wir sehen uns!’”
Der Regen am Heldenplatz hat aufgehört. Der Himmel färbt sich in dunkles Blau. “Der liebe Gott ist kein Freiheitlicher”, sagt Zelman und schreitet durch das Michaelertor zu den Massen. Welcher Partei gehört er denn an? “Meiner Partei, das ist er mir schuldig.” Am Heldenplatz kann Leon Zelman die Menschenmenge nicht mehr überblicken. “Ist er voll? Schauen Sie!” Ja, er ist voll. “Es ist schön”, sagt Zelman, “man bekommt Lust zu leben.”

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Kategorien: Texte für den FALTER
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