„Mädchen, nehmt das Kopftuch ab!“
Muslimische Einwanderer leben noch immer in mittelalterlichen Strukturen. Sie müssen sich endlich öffnen – und der Staat hat ihnen dabei zu helfen. Ein Gespräch mit der deutsch-türkischen Anwältin und Islamkritikerin Seyran Ates.
Wer Seyran Ates, 44, treffen will, muss ein paar Sicherheitsmaßnahmen befolgen. Die Adresse unter der sie etwa vergangene Woche in Wien lebte, sollte geheim bleiben. Nein, sie hat keine Angst, sich öffentlich zu positionieren, aber Vorsicht kann nicht schaden. Immerhin wurde die Tochter türkischer türkischer Einwanderer, schon einmal fast ermordet. 1984, Ates arbeitete in Berlin-Kreuzberg als Beraterin misshandelter türkischer und kurdischer Frauen, ermordete ein Auftragskiller eine ihrer Klientinnen. Auch Ates wurde bei dem Anschlag lebensgefährlich verletzt.
Einschüchtern ließ sich die Juristin jedoch nicht. Die Anwältin half vor allem muslimischen Frauen in Scheidungsverfahren. Dabei erlebte sie bis zuletzt Einblicke in eine türkisch-muslimische Parallelgesellschaft unter der sie selbst leidet. In ihrem autobiografischen Roman „Große Reise ins Feuer. Die Geschichte einer deutschen Türkin“ hat sie die Verhältnisse beschrieben: Isolation in der Wohnung, absoluter Gehorsam gegenüber Vater und Bruder. Schläge und Beschimpfungen bei Ungehorsam.
Heute ist Ates – neben der Deutschen Necla Kelek oder der niederländerin Ayaan Hirsi Ali eine der prominentesten europäischen Islamkritikerinnen muslimischer Herkunft. Sie kämpft für ein Kopftuchverbot an Schulen, sie fordert mehr Emanzipation von muslimischen Frauen und sie nimmt vor allem den Staat in die Pflicht. Mittels Sozialarbeit, Stadtplanung und intelligenter Schulpolitik müsse die Sozialpolitik dafür sorgen, dass Menschenrechte auch in den Communities der Einwanderer eingehalten werden. Besonders scharf kritisiert sie islamische Glaubensverbände, aber auch die „Multikultis“, die ihrer Meinung nach nur allzu gerne wegsehen, wenn muslimische Frauen unterdrückt werden.
Zuletzt sorgte Ates in Deutschland für bundesweites Entsetzen, weil sie auf einem Kreuzberger U-Bahnhof beschimpft und zusammengeschlagen wurde. Sie gab daraufhin ihre Anwaltsberechtigung zurück – aus Todesangst, wie sie sagt. Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler ehrte sie kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz. Vergangene Woche war Ates auf Einladung der Neubauer Grünen zu Gast in Wien.
Frau Ates, Sie überlebten einen Mordanschlag, und vergangenes Jahr schlossen Sie nach fortwährenden Drohungen ihre Berliner Anwaltskanzlei. Ist es in Deutschland unmöglich geworden, sich für muslimische Frauen einzusetzen?
Seyran Ates: Ich beschäftige mich mit den archaischen Gepflogenheiten der türkisch-muslimischen Kultur, in der ich selbst aufgewachsen bin – und das ist mitunter auch in Europa lebensgefährlich. Ich hatte keinen Schutz mehr vor Menschen, die mich hassen und mir den Tod wünschen.
Wer sind Ihre Gegner?
Das sind einerseits Ehemänner meiner Mandantinnen in Scheidungsverfahren, aber auch politische Gegner,
etwa Vertreter von türkischen oder muslimischen Verbänden.
Liest man ihre Bücher und Aufsätze, könnte man den Eindruck gewinnen, die muslimische Gesellschaft in Berlin sei von Zwangsehen, Ehrenmorden und Unterdrückung geprägt. Sie selbst wurden eingesperrt und geschlagen. Sind Sie ein Einzelfall?
Nein, mein Schicksal ist repräsentativ. Die türkisch-muslimische Gesellschaft ist sowohl in der Türkei, als auch in der europäischen Diaspora zum größten Teil archaisch strukturiert.
Was verstehen Sie darunter?
Als Anwältin muslimischer Frauen und Türkin bekomme ich Einblicke in eine strenge, patriarchale, fast mittelalterliche Gesellschaft, die sich hier in Europa etabliert hat. Männer sind Frauen ganz klar übergeordnet. Das Schlagen als Erziehungsmethode ist weit verbreitet und selbstverständlich. Viele glauben, diese Zustände seien Bestandteil der türkischen Kultur und daher schützenswert. Nur wenige schaffen den Sprung in die Moderne.
Vertreter der muslimischen Gemeinde würden nun einwenden, all das habe nichts mit dem Islam zu tun – sondern mit überkommenen kulturellen Sitten.
Zwangsehen oder Ehrenmorde habe sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun – und wenn es auch nur indirekt ist. Der Islam ist nämlich in der muslimischen Welt noch immer so mächtig, wie es der Katholizismus in Europa einst war. Er bestimmt den Alltag und er beeinflusst die Kultur und die Traditionen. Auch in der Diaspora verschließen sich die Muslime deshalb den modernen Entwicklungen. Viele leben in westlichen Städten in Enklaven und hüten ihre Traditionen.
Müssen wir Grund zur Sorge haben – oder übertreiben antiislamische Scharfmacher?
Wir erleben derzeit eine Rückbesinnung auf einen Islam, der sich auf das siebte Jahrhundert bezieht. Das ist keine moderne, sondern eine rückwärtsgewandte Entwicklung. In den letzten Jahren wurde die Abschottung immer schlimmer. Nun wird die dritte Generation in diese eingeschlossene Welt geboren. Sie bekommen von den meisten Religionsverbänden das Signal, dass die Mehrheitsgesellschaft fremdenfeindlich und rassistisch sei und dass man sich gegen sie schützen müsse. Das ist fatal.
Aber es ist auch nicht ganz falsch.
Natürlich müssen wir uns fragen, wie die Politik Gastarbeiter muslimischen Glaubens integriert hat. Und man darf keine einseitigen Schuldzuweisungen machen und sagen: die bösen Ausländer schotten sich ab. Das tun sie eben auch deshalb, weil sie in den Jahrzehnten davor isoliert wurden. Aber es ist eben nicht nur die „böse“ Mehrheitsgesellschaft schuld. In der ersten Generation der Gastarbeiter hatten wir es ja noch mit Menschen zu tun, die nur hierher nach Europa kamen, um zu arbeiten. Meine Eltern kamen, so wie viele andere Gastarbeiter, Ende der Sechzigerjahre nach Deutschland. Sie wollten hier nur ein Jahr arbeiten und dann wieder zurückkehren. Meinen Eltern darf man also nicht verübeln, dass sie nicht Deutsch gelernt und kein soziales Umfeld aufgebaut hatten. Das war nicht Sinn und Zweck ihres Aufenthaltes.
Ihre Eltern blieben dennoch – und holten Sie nach.
Ja, ich blieb zunächst in der Türkei zurück. Dann holten mich meine Eltern sehr widerwillig nach. Meine Mutter hatte darauf bestanden, dass ich nicht fernab ohne sie großgezogen werde. Ab dem ersten Tag in Deutschland wurde mir jedoch versichert, dass wir bald wieder in die Türkei zurückkehren werden. Wir Kinder konnten und sollten uns nicht integrieren.
Was bedeutete das?
Immer wieder wurde uns erklärt, dass wir eine andere Religion und eine andere Kultur haben. Deshalb mussten wir uns von den Deutschen fernhalten, uns abschotten. Ich durfte zwar zur Schule gehen – doch Kontakt zu deutschen Kindern war mir weitestgehend verboten: weil sie Schweinefleisch essen, einen anderen Glauben praktizieren und nicht auf die Ehre ihrer Töchter achten. Die freie Sexualität, das war und ist das Schlimmste für eine türkische Familie.
Woher stammt die Angst vor den „freizügigen“ Westlern?
Sie dürfen nicht vergessen, dass in Europa die sexuelle Revolution tobte, als die ersten Gastarbeiter aus anatolischen Dörfern kamen. Diese neuen Freiheiten waren für sie natürlich schwer zu verkraften. Die Multikulti-Fanatiker blenden heute gerne aus, dass andere Kulturen, etwa die muslimischen Einwanderer, nicht an der sexuellen Revolution partizipiert hatten. Diese befreiende Revolte hat in der muslimischen Welt nicht stattgefunden – und auch nicht bei den Gastarbeitern in Berlin, Wien, Paris oder London. Das zuopoku wissen ist ganz entscheidend, um heutige Konflikte zu verstehen.
Heute kämpft die zweite und dritte Generation der Einwanderer mit gewaltigen Integrationsproblemen. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund sprechen schlecht Deutsch, sie sind öfter inhaftiert, beziehen öfter Sozialhilfe. Woran liegt das?
Die erste Generation hat ihre Verantwortung übersehen, den Kindern beizubringen, dass sie in einem fremden Land bleiben werden. Die zweite und dritte Generation lernt in der Schule jedoch das moderne, westliche Leben kennen. Zu Hause aber bleibt alles traditionell. Nach dem 11. September hat sich dieser Trend verstärkt. Die Gastarbeiter leben mental noch immer in ihren Herkunftsländern. Sie lesen keine österreichischen oder deutschen Zeitungen, sondern schauen nur türkisches Fernsehen. Der Wetterbericht in Istanbul ist ihnen wichtiger als der von Wien oder Berlin. Es interessiert sie nicht, ob eine Straßenbahnstation ums Eck gebaut wird – sondern was in Istanbul los ist.
Das ist doch auch ein wenig verständlich. Man hat Sehnsucht nach seiner Heimat.
Es ist nicht schlecht, sich seiner Herkunft zu besinnen. Als aufgeklärter und gebildeter Mensch nehme ich meine Erinnerungen an die Heimat mit, wenn ich mein Land verlasse – und ich werde sie bewahren. Doch die zweite Generation muss nun endlich kapieren, dass sich ihr Lebensmittelpunkt verlagert hat. Aber selbst die dritte Generation der Zugewanderten ist hier mental nicht angekommen. Das spaltet die Gesellschaft.
Warum?
Wir haben es heute mit Paralellgesellschaften zu tun, in denen die Zuwanderer in ihrer Sprache alles erledigen können – von der Geburt bis zur Bestattung. Das muss noch nichts Schlechtes sein. Doch es herrschen dort eigene Gesetze, klare Regeln, die befolgt werden müssen. Ehe man sich an den Staat wendet, macht man sich Konflikte nach eigenen Regeln aus.
Auch das muss ja nicht schlecht sein.
Doch, wenn patriarchale Strukturen dominieren. Bevor ein muslimisches Ehepaar etwa in Ehestreitigkeiten vor ein österreichisches oder deutsches Gericht tritt, wird der Streit innerhalb der Großfamilie gelöst. Da holt man sich einen Imam oder die Großväter und bespricht, wie man die Ehe „retten“ kann. Die Lösungen sind fast immer frauenverachtend. Meistens heisst es: „Du Frau bist schuld! Wenn Du dich besser verhalten würdest, würde deine Ehe besser funktionieren!“ Selbst wenn der Mann spielt, fremd geht oder zuschlägt. Es gibt in der Paralellgesellschaft kein Gericht, dass die Interessen von Männern und Frauen objektiv abwägt. Der Imam, der Hodscha, der Vater – immer entscheiden Männer und sie gehen aufgrund ihrer Religion davon aus, dass die Frau dem Mann zu gehorchen hat. Viele Frauen haben mir ihre Leidensgeschichten erzählt. Sie saßen da und mussten alle Schmach über sich ergehen lassen. Vergessen Sie nicht: neunzig Prozent meiner Klientinnen fürchtete sich vor einem Ehrenmord oder vor schwerer körperlicher Gewalt. In deutschen Scheidungsverfahren kommen solche Ängste extrem selten vor.
Wie brechen wir diese Strukturen also auf?
Wir müssen zuerst eines erkennen: Wenn ein muslimischer Mann sagt, dass seine Tochter, seine Frau oder seine Schwester keinerlei Kontakt mit anderen Männern haben soll, dann will er ihr in Wahrheit die freie Sexualität verbieten. Davor haben die Muslime ja rasende Angst. Wir lösen dieses Problem daher nur, in dem wir Aufklärungsarbeit leisten. Wir müssen vor allem in den Schulen beginnen, die Paralellgesellschaften aufzulösen.
Das klingt gut, aber wie soll das funktionieren? In manchen Stadtteilen sitzen nur noch Kinder fremder Herkunft in den Schulklassen, weil die „bürgerlichen Kinder“ in Eliteschulen gehen. Wie wirkt man dem entgegen?
Durch Stadtplanung, durch Co-Edukation und durch Schulbus-Systeme. Die Kinder der Türken müssen in die Schulen der wohlhabenden Einheimischen gehen. Die Klassen müssen durchmischt werden. Nur wenn Österreicher und Türken in ihrem Alltag zusammen kommen, bauen sie ihre Vorbehalte ab. Dieser Austausch muss vom Staat hergestellt werden. Dann haben wir eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft. Doch in den Türken-Vierteln, die so gerne als „Multikulti“ erlebt werden, herrscht in Wahrheit Monokultur.
Man soll also die türkischen Schulkinder durch Wien karren?
Ja, die Reichen machen das mit ihren Kindern doch auch. Sie führen die Kinder durch die halbe Stadt – zum Klavierunterricht und zur Eliteschule. Die Migrantenkinder verdienen doch auch eine bessere Zukunft. Wenn die Kinder in andere Schulen gehen, werden sich auch die Ausländerbezirke auflösen.
Sie sind eine entschiedene Gegnerin des Kopftuchs. Ist es eine Gefahr für die integration junger türkischer Schülerinnen?
Ja, denn das Kopftuch ist aus meiner feministischen Sicht ein politisches Instrument. Es ist ein Zeichen einer rückwärtsgewandten Islamisierung. Deshalb muss man den jungen Mädchen zurufen: „Nehmt das Kopftuch ab!“ Meine Mutter hatte, als sie nach Deutschland kam, das Kopftuch abgelegt, weil sie damit signalisieren wollte, dass sie nun in einem modernen Land lebt. Wer es nun wieder aufsetzt oder seine Kinder dazu anspornt, der tut dies als Kampfansage gegen die Mehrheitsgesellschaft. Das führt zur Ausgrenzung der Frau. Denn das Kopftuch trennt die Geschlechter. Schon die kleinen Mädchen sollen es tragen, damit sie ihre Reize vor den Blicken der Männer schützen. Das ist doch eine klare Sexualisierung der Frau!
In Wien gibt es sogar ein islamisches Gymnasmium. Ist das fortschrittlich?
Konfesionelle Schulen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Für islamischen Schulen gilt das ganz besonders. Sie verstärken die Trennung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Ich glaube, die islamischen Gemeinden sind nicht so weit, dass sie Schulen betreiben können. Ich zweifle an ihrer Demokratiefähigkeit. Sie wollen die Geschlechtertrennung zementieren.
Frau Ates, viele antirassistische Vereine und viele Vertreter muslimischer Gemeinden werden ihre Sicht auf die Einwanderer entschieden bestreiten.
Ich habe 1983 erstmals über Zwangsheirat gesprochen – und schon damals wurde mir „Ethnisiserung von Gewalt“ vorgeworfen. Aber es ist nun mal so, diese Gewalt ist alltäglich. Hier herrscht bei der Linken, die auch mich sozialisiert hat, eine große Naivität vor.
Warum?
Das ist nur mit der deutschen Geschichte erklärbar. Die Linke will sich von ihren Eltern abgrenzen, sie will „wieder gut machen“, was die Nazis verbrochen haben. Deshalb wollen sie alles beschützen, was Minderheiten mitbringen. Selbst wenn es Menschenrechtsverletzungen gibt, sehen sie nicht so genau hin. Sie verharmlosen damit das Leid, das muslimiche Frauen tagtäglich erleben. Das muss sich endlich ändern.


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