Geklagt von Glock
Wie kommt eine Pistole aus Deutsch-Wagram ins Auto eines sudanesischen Rebellen? Amnesty hat recherchiert – und lernt nun die Welt eines Kärntner Waffenhändlers kennen.
Als ihn sein Geschäftspartner vor vier Jahren ermorden wollte, schlug Gaston Glock, damals 74, so fest zurück, dass der Attentäter Zähne spuckte und “mit ausgebreiteten Armen wie Jesus” (ein Staatsanwalt) auf Glock niedersackte. “You don’t mess with Gaston Glock”, schrieb das renommierte Wirtschaftsmagazin Forbes über ihn. Er ist der Mann, nach dem jene Pistole benannt ist, die er 1981 in einsamen Nächten im Keller seines Hauses erfand – und mit der er Polizisten und Armeen in aller Welt ausstattet.
Mit Gaston Glock legt man sich nicht an. Auch Amnesty International spürt dieser Tage, was das bedeutet. Dabei will die Menschenrechtsorganisation nur ergründen, wie eine Glock-Pistole von Deutsch-Wagram in den Jeep eines sudanesischen Rebellen gelangen konnte. Denn Glock darf seine Pistolen nur an seriöse Händler verkaufen. Doch bereits lästige Fragen empfindet Glock offenbar als üble Nachrede. Er klagte Amnesty – und die Organisation dankt es ihm. Denn die Prozesse, die derzeit in Wien stattfinden, bieten seltene Einblicke in die klandestine Welt des internationalen Waffenhandels. Die Verfahren zeigen auch das Desinteresse heimischer Behörden an Aufklärung und die Einschüchterungsgesten eines verschwiegenen österreichischen Milliardärs mit besten Kontakten in die Politik.
Über Gaston Glock ist wenig bekannt. Er ist medienscheu, seine Pressestelle gibt keine Auskünfte. Er soll ein Patriarch sein, schreiben die Zeitungen. Wenn er in heimischen Blättern vorkommt, dann meist in Jetsetjournalen, die über seine Villa am Wörthersee berichten – hier stählt Gaston Glock angeblich durch Schwimmen seine Muskeln. Kritik scheint dieser Mann mit Firmensitzen in Deutsch-Wagram, Dubai, Hongkong, Uruguay und den USA nicht zu schätzen: Er klagte Rapmusiker, die über seine Waffe sangen, amerikanische Politiker, die Waffengesetze verschärfen wollten, oder Medien, die über angebliche Parteispenden an die FPÖ oder seine Flugreisen mit Jörg Haider nach Moskau berichteten. Wenn, wie kürzlich geschehen, die Steuerbehörden gegen ihn ermitteln, setzt sich Haider für Glock öffentlich ein. Glock, im Nebenberuf Aufsichtsratsvorsitzender der Austro-Control, gilt in Kärnten als Ehrenmann – er verkauft seine Waffen an die Polizeibehörden Österreichs, der USA, des Irak und in den Vatikan.
Wer so einen Mann, wenn auch nur verbal, herausfordert, wird gerne mit einer anderen Waffe zum Schweigen gebracht: Geld. So klagte Glock kürzlich etwa den Grünen Peter Pilz, der auf seiner Homepage über Waffengeschäfte in den Irak berichtete. Streitwert: 900.000 Euro. Nicht die Klage ist hier das Problem, sondern der Streitwert. Er soll die Anwaltskosten in die Höhe treiben. Allein der Prozess, egal, wie er ausgeht, soll Gegner einschüchtern. Nun steht ein weiterer lästiger Fragesteller vor dem Richter – Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty. Grund: eine Anfrage von Amnesty an den Waffenproduzenten.
Im Frühjahr 2006 brach ein amerikanischer Journalist in den Sudan auf, weil er über Kleinwaffenhandel recherchieren wollte. Dschandschawid-Rebellen nahmen den Reporter im Jeep mit. Auf der Ablage des Wagens sei ihm eine Waffe aufgefallen, gab der Journalist zu Protokoll. Sie trug nicht nur die Aufschriften “Glock” und “Made in Austria” – sie war vor allem nagelneu und blankgeputzt, eine Seltenheit in Darfur. Die Waffe sei wohl erst kürzlich hierher gelangt, dachte der Journalist – und merkte sich die Seriennummer: HAP 850. Er informierte Amnesty. Seit 1994 herrscht ein Waffenembargo gegen den Sudan. Die Dschandschawid terrorisieren dort ganze Landstriche, brennen Dörfer nieder.
Wie also kam die Waffe ausgerechnet dorthin? Amnesty verlangte Aufklärung von Glock – und schrieb ihm einen Brief, Durchschrift an das für Waffenexporte zuständige Wirtschaftsministerium. “Diese Waffe”, so konstatierte Patzelt, stünde vielleicht “stellvertretend für viele andere Waffen, die von Embargobrechern in die Konfliktregion geschleust wurden”. Gaston Glock hätte sich nun bedanken können für die Information. Doch er klagte. Die Waffe HAP 850 gebe es zwar tatsächlich. Doch sie befinde sich nicht im Sudan, sondern in Händen eines hochseriösen kuwaitischen Geschäftspartners. Ein Foto zeigt einen Mann mit Turban, der besagte Waffe in die Kamera hält. In einer Urkunde ans Wirtschaftsministerium versicherte der Mann, die Waffen nur an “absolut vertrauenswürdige Personen” zu verkaufen. Niemals würde er in Kriegsgebiete exportieren. So eine Bestätigung ist notwendig, damit Glock die Waffen ins Ausland verkaufen darf.
Wirtschafts- und Innenministerium folgten Glocks Story – ohne, wie in solchen Fällen möglich, die Botschaft in Kuwait um weitere Nachforschungen zu ersuchen. “Es ist davon auszugehen”, so Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, dass die Behauptungen Amnestys “unrichtig” sind.
Heinz Patzelt hingegen schickte einen Kollegen nach Kuwait – zu jenem Glock-Geschäftspartner, der mit der HAP 850 posiert hatte. Der Lockvogel stöberte in dessen Waffenladen und fand einen Prospekt, in dem für “Safaris” geworben wird – ausgerechnet in den Sudan. Gewehre und Pistolen können für die Reise geliehen werden. Amnesty lernte: Westliche Kleinwaffen können trotz UN-Waffenembargo über den Umweg einer “Safari” in den Sudan gebracht werden.
Amnesty gewann gegen Glock in erster Instanz vor Gericht. Glock aber legte Berufung ein, strengt weitere Prozesse an. Die Organisation soll 65.000 Euro überweisen. Patzelt sagt: “Wir werfen Herrn Glock doch gar nichts vor. Warum wird er so nervös?”


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