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23. Apr 2007

“Ohne Mutter wär ich tot”

Er fährt mit dem Sportwagen durch Bremen, und die Leute ­zeigen auf ihn: Murat Kurnaz ist eine öffentliche Person geworden. Wie hat er die Folter bewältigt? Wie lebt er jetzt? Ein Besuch beim ehemaligen Guantánamo-Häftling in seiner Heimatstadt.
(für DIE ZEIT/ Foto: Michael Jungbluth)
(hier auch als Audio-File zum anhören)
Kurnaz%20in%20Bremen.pngEin tiefergelegter Sportwagen rollt um die Ecke des Bremer Bahnhofs, darin sitzt Murat Kurnaz. Er hat das Fenster heruntergekurbelt. Er steigt nicht aus. »Keine Fotos vom Wagen. Schreiben Sie auch nicht, wie er aussieht. Ich wohne neben einer Disco. Die Betrunkenen machen mir sonst das Auto kaputt.«
Es ist Frühling in Bremen. Kurnaz’ erster Frühling nach fünf Jahren Guantánamo. Die Mädchen tragen kurze Röcke, die Kirschen blühen, in den Straßencafés schlürfen schicke Leute Mac­chia­tos. Murat Kurnaz hätte früher wohl auch hier gesessen. Da trug er noch Hugo Boss und Dreitagebart. Heute sagt er: »Wenn ich hier draußen sitze, ist das Stress.« Dann würden sie mit dem Finger auf ihn zeigen, ihn um ein Autogramm bitten. Selbst in die Moschee geht er nicht mehr: »Die Leute wollen doch in Frieden beten.«
Murat Kurnaz trägt heute eine mausgraue Hose, türkischer Schnitt. Das weiße Hemd spannt über seinen Muskeln. Seine Haare sind so lang, dass er sie verknoten kann. Seine trainierten Unterarme passen nicht zu seinen feinen Fingern, an denen er dicke Ringe trägt. Er ist Boxer, Schwergewicht, er stemmt Gewichte. Als er 15 war, schaffte er 150 Kilo. Er hat auch in Guantánamo trainiert, obwohl die Kalorien dafür nicht reichten und es streng verboten war. »Haben Sie den Kampf gestern gesehen? Der kleine Chagaev hat den Riesen Nikolai Valuev besiegt! Boxen ist ein schöner Sport. Es geht nicht um Brutalität. Es geht um Regeln, um Körperbeherrschung. Du musst konzentriert sein.« Er knackt mit den Fingern.
Sein Sportwagen beschleunigt, dass es einen in den Sitz drückt. »Ein Wankelmotor, Hinterradantrieb«, sagt Kurnaz, »ich habe Spaß damit.«


Noch lieber fährt er Motorrad. Dann trägt er einen Helm. Niemand kann ihn erkennen, aber er spürt den Wind. Erst wenn er absteigt, ist er wieder der »Bremer Taliban«, der »Junge mit dem schlichten Gemüt«, wie die Zeitungen ihn nannten. Als er, kurz nach seiner Freilassung aus dem Folterlager Guantánamo, einmal mit dem Motorrad nach Hause kam, brannte es in der benachbarten Autowerkstatt. Er ließ die Sturmhaube auf, »wegen des Rauchs«. Er fragte einen Polizisten, ob alles unter Kontrolle sei. Der bat ihn, die Mütze abzunehmen, und sagte: »Jetzt wissen wir, wer Sie sind!« Auf dem Kommissariat musste sich Kurnaz ausziehen. Er schämte sich, hielt die Jacke vor seine Scham – sie hielten ihn für den Brandstifter. Er fragt: »Warum mich?«
Wie sich die Welt verändert hat in den letzten fünf Jahren!
Das Auto piept. »Die Autos sehen heute ganz anders aus – und ständig piept es, wenn man sich nicht anschnallt«, sagt Kurnaz. Wie sich die Welt verändert hat in fünf Jahren? »Das Geld ist neu. Man trägt jetzt wieder diese breiten Hosenbeine. Die Leute machen mit den Handys Fotos. Früher brauchte man dafür noch Fotoapparate.«
Das Satellitennavigationssystem weist den Weg nach Hemelingen, dort will er spazieren gehen, dort ist er zu Hause. Er will zeigen, dass es nicht stimmt, was manche Politiker vor dem BND-Ausschuss über ihn behauptet hatten: dass seine Heimat die Türkei sei und dass man sein Visum einfach aus dem Pass herausreißen könne. Er legt den Blinker ein. »Hier ist das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde.«
Murat Kurnaz parkt den Wagen vor dem Reihenhaus seiner Eltern. Backsteinbauten, Kopfsteinpflaster, gepflegte Beete, die Glockenschule, die Disco Aladin, die Clubs, wo er Türsteher war. Auf den Bürgersteig vor seinem Haus haben Kinder ein Himmel-und-Hölle-Spiel gemalt. Und gleich dahinter: der Weserkanal, wo es nach Kaffee und Öl riecht – je nachdem, ob der Wind von der nahe gelegenen Rösterei oder den Werften herüberweht. Deutschtürkischer Wohlstand am Rande des Hafens und der Schotterberge. Kein Ghetto, keine Parallelgesellschaft, sondern das große Glück jener Gastarbeiter, die bei Mercedes geschuftet haben. Murat Kurnaz steht auf der Straße, die Kinder bewunderten ihn, sagt er – aber ganz geheuer ist er ihnen auch nicht. Er betrachtet das Treiben mit einer Mischung aus Stolz und Unsicherheit.
Er sucht eine Frau,
das sagt er oft
Manchmal verflucht er die vielen Journalisten. Aber er weiß, dass er ihnen auch manches zu verdanken hat. Jetzt hat er – mit dem Autor Helmut Kuhn – ein Buch geschrieben, und der Rummel wird noch größer werden. Denn Kurnaz schildert darin minutiös, wie ihn die Amerikaner in Afghanistan und Guantánamo jahrelang gefoltert haben. Erstmals nennt er manche seiner Wärter beim Namen.
Kurnaz’ Eltern sind fleißige Leute, die sich erst in Bremen kennenlernten und verliebten. Sie sind nicht sehr religiös. Der Vater ist Fließbandarbeiter bei Mercedes. Die Mutter trägt die Haare blond gefärbt. Nachdem ihr Sohn heimlich losgezogen war nach Pakistan, klagte sie: »Er wurde aufgehetzt.« Sie verfluchte den arabischen Prediger, mit dem Kurnaz Kontakt hatte und über den er heute nicht sprechen will. Es sei alles gesagt, seine Unschuld erwiesen. Murat Kurnaz sagt nur: »Ohne meine Mutter hätte ich nicht überlebt.« Vor Hunderten Journalisten sprach sie, kämpfte für seine Freilassung in London, New York und Washington. »Und das als türkische Frau! Stellen Sie sich das vor!«
1982 kam er in Bremen zur Welt. Er besuchte keinen Kindergarten, er spielte auf der Straße, versteckte sich zwischen Kränen und Schotterbergen. »Deutsche Kinder mussten meist im Garten bleiben, abends durften sie nicht raus zum Fluss.« Deutsch lernte Murat erst in der Schule. Er fragt noch heute: »Heißt es der oder das Weser?«
Vergangenen Sommer, als Murat Kurnaz das erste Mal wieder in seinem Kinderzimmer schlafen konnte, musste sein Vater das Telefon abstellen: Viele Freunde hatten Angst um ihn, sie wussten nicht, ob er im Lager verrückt geworden war. »Ich war so glücklich, endlich wieder schlafen zu können, dass ich kein Auge zumachen wollte.« Kein Wärter mehr, der gegen die Türen trat. Kein Neonlicht. Keine nächtliche Nationalhymne. Keine lärmenden Dieselgeneratoren. Kein Hunger. Keine nächtlichen Zellenkontrollen. Kein maximum discomfort, wie es in den Anweisungen des ehemaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld für Guantánamo hieß. Nur der vertraute Duft frisch gewaschenen Bettzeuges und ein Fernseher mit völlig neuen Nachrichten. Und der mittlerweile 18-jährige Bruder, der auf der Playstation spielte. Murat Kurnaz hatte ihn beim ersten Wiedersehen fast nicht mehr erkannt. Albträume? Murat Kurnaz sagt: »Ich schlafe gut. Ich konnte ja fünf Jahre kaum schlafen.« Nur laute Musik verträgt er nicht mehr. Er sagt: »Ich brauche keine Psychologen. Entweder du stirbst. Oder du stehst auf.«
Er sucht eine Frau, das sagt er oft. Er weiß, dass das schwer wird, vor allem mit diesem Bart. Seine frühere Ehefrau, eine streng gläubige Muslimin, hatten seine Eltern für ihn ausgesucht – sie wartete drei Jahre lang auf ihn, erst dann ließ sie sich scheiden. Er zwirbelt den Schnurrbart zu kleinen Zöpfchen. Er sagt: »Als Muslim darf ich auch eine Christin oder eine Jüdin heiraten. Oder eine Russin. Sie muss mich nur verstehen.«
Aber wie kann man einen wie ihn verstehen? »Ich bin ein junger Mann aus Deutschland, der nur versucht, nach seinem Glauben zu leben, nichts anderes.« Nein, sagt Kurnaz, die Deutschen hätten kein Problem mit seinem Aussehen, eher die Türken. Er lacht. Aber er lässt sich nicht beim Lachen fotografieren. Er sagt: »Meine Geschichte ist nicht lustig.«
Kurnaz spaziert jetzt zum Schulhof der Glockenschule. In Guantánamo dachte er oft an sie. »Hier haben wir Sackhüpfen gespielt und Eierlaufen mit dem Löffel im Mund. Und Apfelessen!« Ein Apfel schwamm in einem Eimer. Die Kinder mussten den Kopf ins Wasser tauchen und versuchen, davon abzubeißen. »Die Amerikaner haben mit mir auch Apfelessen gespielt – aber ohne Apfel,« sagt Kurnaz. An den Armen hätten sie ihn dann aufgehängt. Mit Stromstößen traktiert. Sein Herz habe geschlagen wie wild. Neben ihm habe einer gehangen, »der rührte sich nicht mehr«. Ein anderer hätte die Beine verloren, die Stümpfe hätten geeitert, das Wachpersonal habe ihm keinen Verband gegeben. Todesfälle nach solchen Torturen sind mittlerweile offiziell dokumentiert. Kurnaz sagt: »Zweimal hatte auch ich Angst zu sterben.«
An der Weser liegen alte Kähne, davor zwei Fischer, Sand weht von den Kiesbergen he­rüber. Es duftet diesmal nach Kaffee. »Am Abend ist hier alles voll mit Kaninchen«, sagt Kurnaz, »das ist richtig schön.« An diesen Ort ging er sofort, als er wieder zu Hause war. Er blickte ins Wasser und begann zu begreifen, was er verloren hatte: seine Jugend. »Hier finde ich wieder meinen inneren Frieden.«
Das war ein Leben gewesen hier! Grillen, zelten, Steine ins Wasser werfen, Maiskolben klauen, mit dem Mercedes der Eltern herumkurven, schwimmen. Mit Mädchen? »Natürlich. Ich habe viel Wert auf Mädchen gelegt. « Und heute? »Ich gehe nur mit Kumpels schwimmen, nicht mehr mit Frauen.« Sich vor ihnen zu entblößen verbiete der Glaube. »Aber wenn ich eine Ehefrau finde, hätte sie Spaß mit mir.« Warum der Rückzug in den Islam? »Weil mir der Prophet Halt gibt«, sagt Kurnaz. Mehr sagt er dazu nicht.
Hier an der Weser hatte Murat Kurnaz das erste Mal Kontakt mit der Obrigkeit. Am Ende eines Kanals, dort, wo es kaum jemanden stören kann, hatte er als 14-Jähriger geangelt. »Ein Polizist nahm mir die Angel weg.« Er bekam immer wieder Probleme mit der Polizei: Raufereien mit Kieferbruch, solche Sachen. Galten beim Prügeln Regeln? »Ja, keine Messer, keine Schusswaffen, nicht so wie die Jugendlichen heute.«
In Guantánamo gab es eine Spezialtruppe. »Sie fanden immer Gründe, uns zu schlagen. Die Wärter waren feige. Obwohl wir in den Käfigen gefesselt und halb verhungert waren, hatten sie keine Schusswaffen dabei. Sie hatten Angst, dass wir ihnen die Pistolen wegnehmen. Sie verwendeten Frauengas!« Pfefferspray.
Stahlseile klackern gegen die Masten. Kurnaz klackert mit einer Gebetskette. »Sehen Sie, die Schiffsleute schlafen auf den Booten. Sie haben Satellitenschüsseln drauf und Blümchen. Sie sind immer unterwegs – so wie wir Türken.« Im Sommer fuhr Familie Kurnaz oft in die frühere Heimat. Sie fuhren im Konvoi, »das war lustiger und sicherer, wir mussten ja durch Ju­gos­la­wien«. Wenn er in der Türkei war, begann er, Deutschland zu vergessen. »Es ist schön dort. Das Meer, das Essen, die Großeltern.«
»In Deutschland will ich leben,
hier geht es mir gut«
Der Wind dreht, es riecht nach Öl. Die Schiffe hier sind nicht besonders elegant, sagt Kurnaz. »Solider Stahlbau. Sie legen keinen Wert auf Design.« Er hat Schiffbau gelernt, kein Traumberuf. »Ich kann schweißen, nieten – und genau Maß nehmen mit der Hand.« Seine Zelle in »Camp Delta« hatte er selbst ausgemessen. Sie sei nicht 2,07 mal 2,5 Meter groß gewesen, wie die Of­fi­ziel­len behaupteten, sagt er, sondern 2,07 mal 2,20 Meter.
Zwei Radfahrer rollen vorbei. Sie sagen: »Ist er das?« Kurnaz sagt: »Ich würde ja auch gucken und einen wie mich ansprechen.« Und was würde er dann sagen? »Ich würde sagen, hey, tut mir echt leid, was dir passiert ist. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, ruf mich an.« Die Regierung hatte nicht einmal seine Eltern davon informiert, dass deutsche Beamte ihn im Internierungslager besucht hatten. Dabei habe er ihnen doch von der Folter erzählt. In Bremen nennt ihn die CDU im Wahlkampf noch heute »diesen Typen«. Wie lange, fragt Kurnaz, »muss ich noch meine Unschuld beweisen?« Er knackt wieder mit den Fingern. Warum machen Sie das? »Ich mache das sogar im Schlaf. Als ich ein Kind war, hat ein Onkel so geknackt. Es gefiel mir, es war eine männliche Geste. Anfangs konnte ich es gar nicht. Wenn ich jetzt nicht knacke, dann fühle ich mich unwohl. Irgendwann fängt man zu zittern an.«
Ein anatolisches Restaurant. Kurnaz will drinnen sitzen, obwohl draußen die Sonne lacht. Nur ein Tisch ist besetzt. Türkische Musik. »Ich habe früher auch Keyboard gespielt.« Er bestellt einen Berg Fleisch. Eine junge Türkin, der einzige Gast im Lokal, tritt zu ihm, fasst sich ein Herz: »Darf ich mich mit Ihnen fotografieren lassen?« Kurnaz sagt: »Ein Foto von mir allein ist okay. Aber nicht zusammen.« Zum Nachtisch gibt es eine Süßspeise, von der Honig tropft. »Ich habe so oft davon geträumt, eine Baklava zu essen. Diese Freude hört nicht auf.« Herr Kurnaz, wo in der Welt können Muslime wie Sie am besten leben? »In Deutschland. Hier geht es mir gut.«

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  1. ronny
    15. Dezember 2007, 05:05 | #1

    Armer Kerl, der hat nur viel Pech gehabt. Der Steinmaier ist die Sau.

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